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Neber der ganzen unruhigen Menschenmenge wogt ein ununterbrochenes, dumpfes, vorläufig noch etwas ver- haltenes Stimmengewirr. Nur als beim Erscheinen des örtlichen Priesters, eines hoch gewachsenen, aber schon ziemlich gebückt gehenden, eisgrauen Mannes der Untersuch- rmgsrichter diesem entgegentritt, mit einer gewissen Osten- tation den Segen erbittet und die segnende Rechte des Alten ehrfurchtsvoll küßt, wird es auf einige Augenblicke ringsum ganz still.
Der Sarg wird aus der Gruft hervorgeholt, der Deckel entfernt und die Leiche vom Priester und mehreren der nächsten Angehörigen, die unter lautem Wehklagen näher herangetreten sind, rekognosziert. Nachdem das kurze Protokoll über die Lage des Grabes, Tiefe der Gruft, Beschaffenheit des Kirchhofgrundes und Sarges und über die Identität der Leiche von den dazu berufenen Anwesenden unterschrieben ist, zieht sich der Priester zurück, vorschützend, daß seine schwachen Nerven ihm nicht erlauben, bei der Leichenöffnung zugegen zu sein.
Mittlerweile ist die Leiche schon entkleidet und auf der Sektionsbank plaziert worden. Zur nicht geringen Verwunderung der Umstehenden verbreitet sie durchaus nicht den starken Fäulnisgeruch, den man erwartet hatte. Wer sich anfanngs die Nase mit der Hand oder mit dem Taschentuch zu schützen versuchte, unterläßt dies Manöver bald genug. Denn nur ein eigentümlich muffiger Geruch macht sich bemerkbar, ein Geruch — wie der Arzt sich äußert — spezifisch unterirdisch und nicht von dieser Welt. Dank dem Umstande, daß der Verstorbene sofort in der kühlen Klete ausgebahrt und überhaupt schnell beerdigt worden war, hat die Leiche sich verhältnismäßig gut erhalten. Die Gesichtszüge sind gut erkennbar, die Haut des ganzen Körpers noch ziemlich hellfarbig. Nach Abscherung des dichten Haupthaares wird die Kopfhaut, Gesicht, Hals, Brust, Rücken, kurz der ganze Körper aufs sorgfältgste betrachtet. Hautabschürfungen, Kratzspuren, blutunterlaufene Flecke, die von Mißhandlungen herrühren könnten, finden sich nirgends, die Rippen sind durchweg unbeschädigt. Freilich Präsentieren sich auf dem Rücken und Nacken und aus der hinteren Seite der Arme und Oberschenkel große, teilweise ineinander übergehende, dunkelviolette oder bläulichrote Flecke. An ihnen ist aber beim Anschneiden mit dein Sektionsskalpell nicht die geringste Blutunterlaufung zu entdecken. Den bisherigen Befund dem Untersuchungsrichter in die Feder diktierend, fügt der Arzt ausdrücklich hinzu, daß diese Flecken, von denen ja auch an dem Verstorbenen am Morgen nach dem Tode gar nichts zu sehen gewesen, nicht durch Schläge oder sonstige Mißhandlungen hervorgerufen sein können, sondern daß sie als ganz gewöhnliche Totenflecke, tote sie sich an der Hinterseite dejs Körpers bei den meisten auf dem Rücken liegenden Verstorbenen zu bilden Pflegen, anzusehen sind.
Bei dieser Aeußerung des Arztes verstärkt sich zn- sehends die Aufregung unter den am nächsten stehenden Zuschauern. Einige unter ihnen murren und zetern ganz ungeniert darüber, daß der Arzt diese Spuren, die doch vollständig den ihnen allen so wohlbekannten blauen Flecken nach tüchtigen Mißhandlungen glichen, plötzlich als natürliche Totenflecke zu bezeichnen wage. Warnende Zurufe des Stanotoot, der Landgendarmen ertönen: „Haltet Ruhe, — stört nicht dis Herren in ihrer'Arbeit! Ruhe da hinten, Rüge! Aber einige der frechsten jungen Kerle aus den vordersten Reihen, offenbar die Hauptanstifter des drohenden Krawalls, antworten höhnend: „Haltet nur selbst das Maul, ihr verdammten Polizeifratzen!" Andere Stimmen sekundieren ihnen: „Schweigen sollen wir? Oho! Klagen werden wir, beim Gouverneur, beim Minister'^
Der Untersuchungsrichter hält einen Augenblick im Sck>reiben inne. Scharf fixiert er die gegenüberstehenden Schrewr. Das scheint auf die Leute etwas ernüchternd zu wirken. Um ein weniges vermindert sich das wüste Lärmen. Zudem nähert sich das längst schon drohende Gewitter ziemlich rasch. Der Himmel hat sich dunkel bewölkt, das Grollen des Donners ist lauter geworden — auch eine Mahnung zur Ruhe!
Arzt und Feldscher haben ihre Arbeit wieder auf- genommen,
(Fortsetzung folgt.)
Ire Kreischmann-Rrisfe.
Auf den kürzlichen Aufsatz über die Enthüllungen eines französischen Offiziers, wonach preußische Truppen, darunter das 6. Magdeburg. Tragonerregiment die Stadt Sens arg mitgenommen hätten, verweist uns ein ehemaliger Angehöriger dieses Tragonerregiments auf die 1885 erschienene offizielle Regimentsgeschichte, worin folgendes berichtet wird:
Wenn bislang der Marsch (von Metz aus) einem Friedensmarsch geglichen hatte, so änderte sich die Physiognomie des. Landes respektive der Charakter der Bevölkerung von Troyes ab wesentlich Am ersten Marschtag, welcher durch Kälte und Schnee beschwerlich fiel, bezog die 4. Eskadron Quartier in .Chennezy; hier war an demselben Tage morgens ein guartiermachender Offizier der Artillerie von den Einwohnern ermordet worden; auch die Eskadron mußte sich das Torf, welches Franktireurs besetzt hielten, erst erkämpfen. Am nächsten Morgen wurde auf Befehl des General-Kommandos ein Teil des Dorfes eingeäschert. Regimentsstab und 3. Eskadron lagen in Mesnil St. Loup, wo ein kleines Kloster vorhanden war, dessen Mönche nachts den Paroleschreiber (Dragoner Schmechten) der 3. Eskadron, als er den Befehl überbringen wollte, anfielcn; glücklicherweise hatte dieser den Säbel unter dem Mantel und konnte sich daher des Angriffs erwehren. Auch die Stadt Sens stand in dem Rufe, eine böswillige Bevölkerung zu haben. Deshalb wurde am 13. November Major v. Tresckow mit der 2. und 5. Eskadron des Regiments, 1 Kompagnie 9. Jäger, .1 Eskadron 12. Ulanen und der Batterie Heidtweiler abkommandiert, über Sens zu marschieren, um dort eine Requisition und ev. B e st r a f u n g auszuführcn, und gleichzeitig der 18. Division die linke Flanke zu decken. Tie renitente Stadt wurde mit Zahlung von 8000 Franks bestraft, und einige Ortschaften, in welchen sich Franktireurs zeigten, .wurden kanoniert. Am 14. November schlossen sich Me Eskadrons, nach einem sehr anstrengenden Marsche, dem Regiment wieder an. In diesen Gegenden fand nian überall die Chausseen durchstochen und Verhaue vorbereitet; in den Ortschaften klebten Proklamationen aufreizenden Inhalts, kurz Vorsicht war überall geboten.
Danach ist die Besetzung der Stadt Sens durch diese Truppen, die auch der französische Offizier genau bezeichnet, mehr als eine Bestrafungsexpedition anzusehen. ,Taß bei den Gefahren, deren die Truppen bei den zahlreichen Franktireurs stets sich versehen mußten, die deutschen Soldaten manchmal gereizt und zu Vor- sichtsniaßregeln gezwungen waren, kann wohl niemand Wunder nehmen.
Auf Seite 74 der Regimentsgeschichte heißt es weiter: Am 15. Nov. hatte die 3. Eskadron nebst einem Bataillon 11. Jnf.- Regts. und der Batterie Heidtweiler an einer Expedition teilzunehmen, bei welcher unter Befehl des Majors Schaumann vom 11. Regiment die zu Nemours gehörige Vorstadt Sanct Pierre niedergebrannt werden mußte, weil in derselben kurze Zeit zuvor eine halbe Eskadron 4. Ulanen - Regiments überfallen und teilweise niedergemacht worden war. Es war ein mit ergreifenden Szenen verbundenes Kommando, da hier die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden mußten. Einige von den getöteten Ulanen wurden aufgesunden, .ausgegraben, die Leichen mitgeführt und im nächsten Quartier feierlich begraben. Es war ein angenehmer Augenblick, als der fatale Auftrag ausgeführt war und nach "den nächsten Marschquartieren aufgebrochen werden konnte.
Kikder vom Kongreß der „Keiisarnree".
London steht in diesen Tagen ganz unter den Eindrücken von dem großen Kongreß der „Heilsarmee", und die Blätter sind voll von Schilderungen des merkwürdigen bunten Treibens, das sich jda entfaltet. .Jeden Tag sammelt sich eine große Menge außerhalb der strahlenden Burg im Strand, Hunderte, die nur gekommen sind, um zu lächeln, bleiben und wundern sich über die Begeisterung, die von den Gesichtern der Männer und Frauen leuchtet, die aus der ganzen Welt herbeigeströmt sind, um zusammen zu singen und zu beten.
„Rette Deine Seele", steht draußen am Saal angeschrieben. Am Dienstag .begann der Kongreß seine seelenrettende Tätigkeit. Er war der erste der ,,beiden Tage mit Gott". Immer von neuem wirkte ,in den drei.Versammlungen die Inbrunst, die allen Kriegern, den schwarzen, Weißen und gelben, die unter dem „Blut- und Feuer"-Banner marschieren, gemein ist. Man sah die höchste religiöse Ekstase, und die riesige Zuhörerschaft wurde von den gewaltigen Wogen der Begeisterung mit fortgerissen. .In jeder Versammlung kamen 60 bis 70 Männer und Frauen aus dem Publikum und knieten aus der „Büßer- bank", wobei ihnen Ne Tränen über Ne Wangen strömten. Tie Besucher waren Männer und Frauen aller Arten und Klassen, reiche Damen grnd elegant gekleidete Männer, Arbeiter und Arbeiterinnen und arme Leute, die ihre letzten Pfennige ausgegeben zu haben schienen, um sich eine Eintrittskarte zu erstehen, Ter Saal hallte wieder von Ausrufen und Bruchstücken von Gebeten. Aus dem babylonischen Sprachenwirrwarr hörte man.die Stimme des „Seelenretters", .der die Bußfertigen auf-


