Ausgabe 
11.7.1904
 
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1904.

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inUnny. BW- AM

(Nachdruck verboten.)

Die Jerichoposaune.

Mus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes.

Von E. v. Trojanowsky.

(Fortsetzung.)

Nach kurzer Begrüßung veranlaßt der Untersuchungs­richter den Stanowoi, zum Kirchhof vorzueilen, sich vom Priester und den Wohl schon eingetroffenen Verwandten das Grab genau bezeichnen, den Grabhügel und die den Sarg bedeckende Erde Wegschaufeln und alles zur Sektion nötige beschaffen zu lassen, und ihm dann Nachricht zu senden, daß alles bereit sei. Daß der Stanowoi, ein schon ältlicher Herr, so eigentümlich besorgt aussieht, und offen­bar dem Untersuchungsrichter noch etwas Besonderes Mit­teilen möchte, scheint der letztere gar nicht zu bemerken. Der Stanowoi entfernt sich. Mit ihm geht auf Anordnung des Arztes auch der Feldscher, dessen Jnstrumentenkasten ein Ssotzki zu tragen übernimmt. Nach ihnen verlassen das Zimmer auch die Gemeindegerichtsglieder und die Schreiber. Den Arzt, der einen fragenden Blick auf den Untersuchungsrichter geworfen und dessen leichtes Kopf­nicken verstanden hat, wandelt plötzlich, auch die Lust an, nach der langen Fahrt und der heute ihm obliegenden, unangenehmen Arbeit draußen noch ein wenig zu prome­nieren.

Die Schwüle draußen ist fast noch ärger als' während der Fahrt hierher. Ein leichter Wind hat sich erhoben, in der Ferne hört man schwaches Donnern, am Wald­rand sind eigentümliche gefärbte Wolken aufgestiegen. Mit der Mütze sich Kühle zusächelnd hat der Arzt den Schatten der alten Obstbäume tat Garten der Gemeindeverwaltung aufgesucht, und ergeht sich barhaupt aus den grasüber­wucherten Wegen. Die höher heraufztehenden Wolken lassen ihn hoffen, baß das Gewitter sich! bald nähern und ein wohltuender Regen die Luft erfrischen wird. Die abendliche Rückfahrt zur Stadt verspricht dadurch weniger unangenehm zu werden, als die eben überstandene Herfahrt.

In der Gemeindeverwaltung ist der Untersuchungs­richter mit dem Gemeindeältesten zurückgeblieben. In der Mitte der fünfzig stehend, mit gesunder, sonnengebräunter Gesichtsfarbe und graumeliertem Haar und Bart, macht der Gemeindeälteste in seinem ganzen Wesen einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Der Untersuchungsrichter fordert ihn auf, sich zu setzen, spricht mit ihm über dies und jenes, Ernteaussichteu, Steuerrückstände, Pferdedieb­stahl. Dann erkundigt er sich bei ihm, was es mit der auffallend großen, zur heutigen Leich en aus grabung zu­sammengestromten Menschenmenge für ein Bewandnis habe, und »vorauf die unverkennbare Aufregung der Leute zu beziehen sei. Der Gemeindeälteste berichtet in knappen, vor­

sichtig gewählten Worten, worum es sich handelt und was heute zu befürchten sei, wenn das Sektionsergebnis den Vater des Toten und die übrigen, äußerst zahlreichen Ver­wandten und Freunde desselben nicht befriedigen sollte. Vielleicht wird es sich doch empfehlen", schließt er zögernd, durch einen sofort abzusendenden Boten den Jsprawnik*) zu ersuchen, sich telegraphische mit der Bitte um unver­zügliche Herübexsendung von Militär an den Gouverneur zu wenden. Die Soldaten könnten schon morgen abend hier fein. Die Ausgrabung der Leiche ließe sich vielleicht bis übermorgen auffchieben." Der Untersuchungsrichter dankt dem Gemeindealtesten für seine Mitteilungen, die so ziemlich dem entsprächen, was er hier zu finden er­wartet habe. Waren ihm doch sogar - das erste Mal in seiner Dienstzeit! in dieser Sache mehrere anonyme Warnungs- und Drohbriefe zugegangen.Ich hoffe trotz­dem", beruhigt er den Gemeindeältesten,unter Mitwirk­ung der Gemeindeverwaltung, der vernünftig gebliebenen älteren Bauern und der örtlichen Polizei, mit den ange­trunkenen Randaliften auch ohne militärische Hilfe auf meine eigene Manier fertig zu werden." Die Unterredung hiermit beendend, bittet er, daß ihm im Nebenzimmer ein Sofa angewiesen werde, auf dem er sich etwas ausstrecken könne.

Nicht lange darauf verkünden ruhige, feiert schnarchende Atemzüge, daß der Untersuchungsrichter in jenem Zimmer fest Hingeschlafen.

5. Kapitel.

Nach einer guten Stunde erst kommt vorn Kirchhof die Meldung, daß alles bereit sei. Der Arzt weckt den Schlafenden. Im schnellen Trabe ihres guten Drei­gespanns sind die Herren bald zur Stelle.

Der Pogost und namentlich der freie Platz vor dem Kirchhof bilden das Bild eines stark besuchten, ungewöhn­lich lebhaften Dorfjahrmarktes. Nur mit großer Mühe bahnen die Landgendarmen und Ssotzkis den Herren einen Zugang zum Kirchhof und, quer durch beit ebenso menschen­erfüllten Kirchhof, zum Grabe mit dem in seiner Tiefe schon bloßgelegten Sarge. In nächster Nähe des Grabes ist ein nur kleiner Raum freigeblieben, eingenommen von einem Tisch und kleinen Holzbänkchen für die beiden Herren, von einer breiten Bank zur Sektion der Leiche, von einigen Spännen kalten und heißen Wassers und einer zum Reinigen der Hände improvisierten Waschtoilette. Um diesen an sich schon sehr engen Raum drängen sich die dtengierigen in dichten Massen, ohne jegliche Rücksicht auf Gräber und Grabgitter und Grabkreuze. Manche Bäum? ßtb sogar bis über die Hälfte mit hinaufgekletterten Kin- rn besetzt. Aus dem niedrigen Kirchhofszaun, und vor! und hinter demselben, haben sich die bescheideneren Zu­schauer postiert, darunter vornehmlich Weiber und Mädchen,

*)Polizeichef des ganzen Kreises.