Ausgabe 
11.6.1904
 
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neun Tage. Wir Frauen stehen nun jetzt einmal mitten im Leben. Tas muß der Mann sich gefallen lassen. Und wenn er der Frauenbewegung kein Opfer zu bringen hat, glaubt er nicht an ihre Bedeutung und Wichtigkeit!" Ein paar ehrliche Bravos mischten sich mit meinem ironischen, das ich, eben aus der Türe schreitend, nicht unterdrücken konnte. Hätte ich nicht aus­steigen müssen, würde ich mich vielleicht gehütet haben, da ich bedenklich in der Minorität war, und ich von der Ueberlegenheit des anderen Geschlechts im Redekampse bedingungslos überzeugt bin. So aber konnte ich's getrost wagen. Die neun Tage gehen schließlich auch vorüber, der arme Gatte, der den Rostocker Damen hat Platz machen müssen, wird wieder in sein Heim ein­ziehen, stolz darauf, einer großen Sache ein kleines Opfer gebracht zu haben und vielleicht um ein paar fidele Aben­teuer reicher als vordem. Also:Marsch mit Humor ms Fest- getriebe!" wie Detlev von Liliencron in einem Stoßseufzer ruft, dessenschneidige Muse" sogar unser Reichskanzler, wie man sieht, etwas kasernenhofmüßig anerkennt. Der Jubeltag dieses lebendigsten aller gegenwärtigen Poeten ruft die Er­innerung an seine Berliner Ueberbrettlzeit wach, zu der ihn Bausenwein, der ehemalige Direktor desBunten Brettl's" am Alexanderplatz engagiert hatte, um ihn gegen Wolzogen's eben erstandenesBuntes Theater" in der Köpenickerstrasse auszuspielen. Aber dieser hohle Bretterboden war nichts für unseren Detlev, und so tapfer er sich geschlagen hatte in Böhmen und Frankreich : auf dem Tummelplatz der Schminke waren keine Lorbeeren für ihn gewachsen. Seine Deklamationen waren farblos, überstürzt und gequält. Man hörte es aus jeder Zeile heraus, wie unglück­lich er sich in dieser neuen Rolle seines bunten Lebens ftihlte. Und wenn der Vorhang sich senkte, stürzte er förmlich davon und war nur selten zu bewegen, sich dem applaudierenden, ihm sicher furchtbar gleichgiltigen Publikum noch einmal zu zeigen. Nun, die Periode der Uebcrbrettelei hat ja nicht lange gedauert; aber ich glaube zu wissen, daß Detlev die Flinte schon lange vorher ins Korn geworfen hat, ehe die bunte Jagd aus war. Und er hat wohl daran getan.

Von unseren Bühnen bildet sich dasBerliner Theater" zu einer Art von Rcstergeschäft aus. Nicht nur, daß es einen Teil der bei Neumann-Hofer unter den Tisch gefallenen neuen Stücke übernomnien hat, wie Zobeltitz'sEiserne Krone" und Wilden- bruch'sUnsterblichen Felix"; nein, es wird auch den endlosen Zapfenstreich" Beyerlein's noch ausnützen und sogar den vom Königl. Schauspielhaus wohl auserstklassigen" Gründen ab- gesetzten Schwank des Freiherrn von SchlicheIm bunten Rock" im Theater des Westens mit einem Sommer-Ensemble wieder zur Aufführung bringen. Auch analten Sachen" kann mit­unter offenbar noch ein schönes Stück Geld verdient werden! . . .

_____ A. R.

Vermischter.

* Korpsgeist in der Tierwelt. Welcher Korpsgeist denProletarier der Vogelwelt", unseren Haussperling, belebt, darüber konnte ich so schreibt ein Leser derStraßb. Ztg." . kürzlich hübsche Beobachtungen machen. Ich hatte bei einem Morgcnspaziergange in aller Frühe zwei junge gelbschncibelige Spatzen gefangen, die sich zur Feier des Tages vom Nest frei gemacht hatten, ohne in ihrem jugendlichen Gemüt eine Ahnung davon zu machen, wie schwer das Leben heutzutage auch für einen jungen Sperling ist, besonders wenn er nicht die ge­ringsten Kenntnisse in der Kunst des Fliegens besitzt. D a die Tierchen zweifellos zu Grunde gegangen oder Gassenbuben und Katzen zum Opfer gefallen wären, nahm ich sie mit und hing sie in einem alten Käfig vor das Fenster. Schon wenige Minuten später erschienen die Alten, obwohl meine Wohnung durch etwa anderthalb Kilometer Straßenzüge von der Fundstätte entfernt ist, und begannen zu locken. Gleichzeitig sammelte sich das Spatzengeschlecht der ganzen Umgegend auf einem gegenüber­liegenden Baume und hielt ein großes Protestmeeting ab, wo ich, wie mir schien, hei den einzelnen Rednern des Tages nicht sehr gut wegkam. Indessen sah die Versammlung bald ein, daß mit derartigen Verwahrungen den jungen Gemeindegenossen im Käsig nicht geholfen sei, und es entwickelte sich ein fesselndes Bild. Der Herr Vater der zwei eingesponnenen Sprösslinge nahm einen vorgeschobenen Beobachtungsposten ein, von wo er den Jungen unausgesetzt zurief:Kopf hoch! Wir kriegen euch schon wieder frei!" und von wo er die übrige Gesellschaft von meiner jeweiligen Annäherung benachrichtigte. Die betrübte Mama tonnte mehr. Sie trug den Nimmersatten Schreihälsen mit rührendem Mut und ohne eine Viertelstunde zu ermüden, den ganzen Tag Futter zu. Dieses Futter schaffte aber die gesamte übrige Sperlingsgemeinde herbei: alle Augenblicke erschien eines der grauköpfigen Weibchen oder eines der dicken Männchen mit der schwarzen Krawatte und brachte einen Schnabel voll nahrhafter Dinge. Unweit des Käfigs, an einem Mauervorsprung, wo sie vor mir völlig sicher waren, setzten sie sich nieder, und dort nahm ihnen die Sperlingsmutter den Proviant ab, um ihn rasch einem der hungrigen Burschen in den aus dem Käfig her­ausgesperrten Schnabel zu stopfen. Die Mutter konnte sich, dank ihrer genossenschaftlichen Hilfe, damit begnügen, den ganzen

Tag nur den drei Meter langen Weg zwischen dem Mauer­vorsprung und dem Käfig zu machen, nur zuweilen von ihres Ehemanns Gnaden abgelöst, der offenbar sein Leben als Staats­bürger und Familienvater teurer einschätzte. Ich möchte übrigens hervorheben, dass das zugctragene Futter ausschließlich in In­sekten, besonders den schwarzen Köcherfliegen, bestand. Auch am nächsten Tage wurden die verteilten Rollen im Dienste der Näch­stenliebe von meiner Spatzengemeinde in aller Frühe mit gleicher Hingebung ausgefüllt und das Verproviantierungsgeschäft trotz des strömenden Regens den ganzen Tag unermüdlich fortgesetzt. Da mich ein nachmittags vorgenommener Versuch im Zimmer überzeugte, daß die jungen Bürschchen jetzt etwas besser schwirren konnten, machte ich dem Idyll ein Ende und trug meine Ge­fangenen in den gegenüberliegenden Garten, wo ich ihnen freien Abzug mit klingendem Spiel gewährte, d. h. das letztere besorgte die auf alleu umliegenden Bäumen eingefallene Gesellschaft der Alten, die mit jubelndem Gezwitscher die Befreiten in ihre Mitte nahm.

* Radlerinnen im fernen Osten. Das Zweirad hat manche Umwälzungen verursacht, am überraschendsten aber wirkt die Revolution, die es in der traditionellen Abgeschlossen­heit der Frauen im fernen Osten verursacht hat. Die Königin von Siam ist eine eifrige. Radlerin und hat ein Gefolge von radelnden siamesischen Damen, wenn sie eine Radtour unter­nimmt. Dadurch hat sie auf ganz natürliche Art die neue Mode auch bei ihren Untertanen eingcführt. Das Radeln hat sich auch nun in dem benachbarten Birma eingebürgert. In AkyaÜ kann man eine ganze Schar junger Birmaninnen zu Rade spa­zierenfahren sehen. Die Birmaninnen sind die intelligentesten und forsschrittlichsten Frauen im Osten. In mancher Hinsicht haben sie sogar mehr Freiheit als ihre europäischen Schwestern, so dass es auch nicht weiter auffallend ist, wenn sie im Rad­fahren an der Spitze marschieren. Die Frauen im Osten tragen bekanntlich weiße Beinkleider. Das Radeln brauchte also nicht, wie bei uns, erst auf die Mode einzuwirken, der geteilte Rock war vielmehr früher da, als das Radeln.

Kauswirtschaft.

Verhütung von Blutvergiftung durch Insek­te n st i ch e. Die heißere Jahreszeit erhöht bekanntlich durch die Massenvermehrung der Insekten die Gefahren für Leben und Gesundheit des Menschen und nur allzuhäustg kommen Fälle von Blutvergiftung vor. Faulende Tier- und Pflanzenreste im Walde besonders die sogenannte stinkende Morchel locken die Fliegen herbei und liefern ihnen die giftigen Bestand­teile, die nun auf Menschen und Tiere übertragen werden. Man sollte nun aus diesem Grunde stets ein Gläschen mit Sal­miakgeist zur Verfügung haben und auf Touren stets bei sich führen, um bei eingetretenem Insektenstich die betroffene Stelle damit zu betupfen. Hat man in solchem Falle dergleichen nicht zur Hand, so tut auch ein Streichholz, falls z. B. die Hände getroffen sind, indem man dasselbe anzündet und die betroffene Stelle der Flamme nahebringt, vortreffliche Dienste. Die Hitze zieht das Gift aus. Ein sehr wesentliches Mittel, namentlich, wenn bereits Geschwulst eingetreten ist, bietet die Milch, ins­besondere Buttermilch und dicke Milch, womit man die Stellen kühlt. Ist die Hand getroffen, so hält man dieselbe so lange als möglich in dicke Milch. Man hat fchon beobachtet, daß bei einer Person, welcher bereits der Arm stark angeschwollen war, das Baden in geronnener Milch außerordeniliche Dienste leistete. ________________

Preisrätsel.*)

(Nachdruck verboten.)

In vorstehende Figur, mit Ausnahme der vier schwarzen Felder sind die Buchstaben AA, B, C, EEE, fall, J, KK, L, N, ERBE, K derart einzutragen, daß die vier Außenseiten sowie die beiden Diagonalen Wörter von folgender Bedeutung bilden: 1. Fahrzeug. 2. Frucht. 8. Pflanze. 4. Stadt in Spanien. 5. Portugiesische Provinz. 6. Weiblicher Vorname.

*) Lösungen sind mit AufschriftPreisrätsel Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der ».Gießener Familienblätter" cinzusendcn.

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nrr Jugendgespielen.

Redaktion- August Götz. Rotationsdruck und L'erlag der Trühl'ickcn Universitäts-Buch- und Ctcindruckerei. R. Lange, Eießen.