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: (letz- Jnjurienklage an den Kopf geworfen zu bekommen. Sie rgno-
-ehcn), rlerte vornehm die giftige Bosheit, die m der Frage gelegen
>i der 1 und erklärte forsch: „Mein Mann muß ins Hotel wahrend der
Plaudereien aus der Kaiserstadl.
(Nachdruck verboten.) Lnstiges vom Fraucnkongreß. — Liliencron in Berlin. — Das Resterthrater.
erläuternden Ueberschriften, die den einzelnen Abschnitten beigegeben sind. Da heißt, es: Borverkündung, von Werdelust und tausend Zielen, durchs Feuer, durch die Schmiede, ein Sonnentag des Glücks, die große Frühmesse im Walde, ein Mondfest im Teich, die stillste Stunde, um das Höchste, der neue Morgen II Seitdem Richard Strauß mit seinem „Zarathrufla" zum erstenmal die Philosophie gestreift hat, haben sich die Epigonen auch dieses musikalisch sterilen Gebietes mit Eifer bemächtigt. Die Gloriasinfonie ist ebenfalls ein Niederschlag solch musikprogrammatischer philosophischer Jdeem Ein gut Stück Za- rathrusta steckt auch in der Nicodsschen Partitur. Der Unterschied zwischen Strauß und Nicodö ist nur der, daß ersterer sich einzig durch die reichen poetischen Bilder der Nietzschen Dichtung ganz allgemein anregen ließ, während letzterer sich ein vollständiges Programm über Menschheit- und Welterlösung zurechtmachte, das er bis in die kleinsten Einzelheiten musikalisch zu illustrieren suchte. Das Nicodssche Werk stellt an den Hörer rein physische Anforderungen, die bisher voimkeinem Tonsetzer auch nur annähernd gewagt worden sind. Die mehr als zweistündige im-' unterbrochene Dauer der Sinfonie "ist eine Zumutung, die die allerschärfste Zurückweisung verdient.
Gleich schlimme künstlerische oder vielmehr unkünstlerische Exzesse wurden von keinem der anderen Sezessionsjünger verübt, obschon die Werke Volkmar Andreäs, Bruno Walters und Charpentiers ebenfalls manches abstruse enthalten. Auch Friedrich Klose's „Leben ein Traum" birgt unmotivierte Willkürlichkeiten zur Genüge, doch dieses Opus hat auch Momente, die die Hand des echten Talents deutlich erkennen lassen., ,
Wenn wir ernsthaft fragen, welches sind diejenigen Werke des Frankfurter Tonkünstlerfestes, die einen Gewinn für die Zukunft bedeuten, so sind im Ganzen nur vier Schöpfungen zu nennen. Und darunter ist wieder nur eine einzige, die einen bleibenden Wert behalten wird. Die drei ersteren sind Wilhelm Bergers „T o t e n t a n z", Georg Schumanns „T o t e n k l a g e" und Paul Scheinpslugs „Worpsweder Stimmungsbil- d e r". Das bleibende Werk ist Meister Richard Strauß' „S i n- fonia domestica", die einen geradezu beispiellosen und völlig neidlosen Erfolg bei allen Parteien errang. Mit diesem Opus hat sich Strauß einen tüchtigen Schritt von der. uferlosen Programmusik entfernt. Der Rückzug zur absoluten Musik (letz, tere ist natürlich nicht in klassisch-formalem Sinne zu verstehen), den er bereits im „Heldenleben" angetreten hat, wird bet
ihren äußersten Konsequenzen zeigte, ist in eine Sackgasse geraten, und da heißt es, rnöglrchst schleunigst kehrt machem So gewaltig wie die beiden Führer der nwdernen Musik, Strauß und Schillings in die Zukunft hineinragen, so schlimm ist es mit Epigonemtum bestellt, das den beiden Großen zwar das äußerlrche „Wie" abgesehen hat, dem es aber mit wenigen Ausnahmen an dem eigenen „Was" fehlt. Diese hypermodernen Geister vergessen über ihren himmelstürmenden, tiefgeistigen Ideen gänzlich, daß es in erster Linie auf die musikalische Potenz und nicht auf die kompositorische Technik, mit der allein sie alles zu erreichen glauben, ankommt. All diesen geistvollen Tonsymbolikern, die die größten psychischen Probleme in Form von sinfonischen Dichtungen zu lösen suchen, denen selbst abstraktes philosophisches Denken ein willkommenes Ohjekt für ihre kompositorischen Experimente ist, all diesen „gebildeten", Komponisten fehlt der mühelos sprudelnde Quell der Erfindung, aus dem sie in naiver Frische ständig schöpfen können. An großen, neuen musikalischen Gedanken mangelt es ihnen, und an angeborenem Gestaltungsvermögen, das von innen her die fruchtbare Materie zu volleitdeten künstlerischen Gebilden fügt. An stelle der urwüchsigen, natürlichen Schöpfungskraft, die unsere großen Meister auszeichnet, setzen sie einen von außen her künstlich befruchteten schwächlichen Eklektizismus, ließet den dürren Gehalt und die Physiognomielosigkeit der eigenen Erfindung soll das Rasfinement der technischen Mache hinwegtänschen. Immer größer werden die aufgewendeten orchestralen Mittel. Was verlangt beispielsweise Mcods in seiner zweistündigen Gloriasinfonie für eine Besetzung? Das gewöhnliche große Orchester genügt ihm nicht, er braucht zwölf Hörner, o Trompeten, vier Pauken, 5 kleine Trommeln, 2 große Trommelst, 3 Paare Becken, Triangel, Glockenspiel, Holzharmonika, 2 Tambourins, 6 Doppel- paare Kastagnetten, Tamtam, große Glocken, 12 Trillerpfeifen, Orgel usw. Und wo bleibt die erstrebte künstlerische Wirkung! Sie steht zu den aufgewendeten kolossalen Mitteln in gar keinem Verhältnis. Wie armselig muß es mit dem positiven Fonds solch eines komplizierten Komponisten beschaffen sein. Ein aus dem Vollen schöpfender Geist denkt an derartigen äußerlichen Firlefanz nicht. Selbst Richard Strauß, der in einigen seiner realistischen Tondichtungen gewiß alles mögliche an, instrumentalem Raffinement geleistet hat, blieb stets innerhalb künstlerisch zu rechtfertigender Grenzen.
Das Nicodssche Werk dürste auch den radikalsten Anhängern der unumschränkten Programmmusik einige Beschwerden bereitet haben. Nicodä ist sonst ein ernster Musiker. Daß er hier in solch schlimme Extravaganzen verfallen ist, beweist aufs llarste, wie verworren die Pfade sind, die von dem Wege, den Richard Strauß mit sicherem Schritt betreten hat, seitwärts ins Gestrüpp abführen. Auch bezüglich des programmatischen Inhalts ist das Werk Nicodss ein wahres Monstrum. Man höre nur einmal die
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Just den deutschen Rosenmond mit seinen süßen poesieumslimmerten Mär- chendüsten haben sich unsere lieben modernen Frauen ausgesucht, um in Berlin von ihren verkümmerten Rechten zu reden und natürlich dabei ein bischen gegen die ruchlose Männerwelt mobil zu machen, soweü sie noch wagt, sich gegen die stürmisch hereinflutende Gleichberechtigung der beiden Geschlechter zu mucksen. Spaß bei Seite: ich habe gegen den Wackern Kampf, den der gemäßigte Flügel der Frauenheils-Armee gegen veraltete Vorurteile und verknöcherte Staatseinrichtungen führt, nicht das geringste einzuwenden. Mer ich kann auch das Lachen nicht lassen, wenn ich sehe, wie der linke Flügel seine Attacken macht, dabei weit übers Ziel hinausschießt und die glänzendsten Leistungen auf dem Gebiete unfreiwilliger Koinck liefert. „Frauenweltbund" „Internationaler Frauenkongreß", „Internationale Frauenstimmrechtskonferenz" ... es schwirrt einem ordentlich vor den Ohren vor lauter Jnternationalitat. Und da passiert gleich bei der ersten dieser Versammlungen das lustige Malheur, daß eine waschechte Fortschrittlerin, Frau Dr. Metta Jacobs-Holland, einen ernsthaft gemeinten Antrag embrmgt, die Presse auszuschließen. Glücklicherweise fand sich für diese Maßregel keine Majorität, und so war es den Männern denn vergönnt, die zum Teil sehr guten und sachlichen Reden auch gedruckt zu genießem Aber ich wollte ja von den Schatten reden, die dem Kongreß voranspazierten.. Die zeigten sich m so mancher Berliner Familie. Wo nur erwachsene Töchter m Anspruch genommen wurden von den Vorbereitungen, die die Berliner Frauenvereinigungen zu treffen hatten, ließ sich die Sache nicht allzu hart an. Aber dort, wo „Mama" selbst auch in die Bresche sprang, hat doch manch armes Männerherz arg leiden müssen. Folgendes wortgetreue Gespräch notierte meine schwarze Seele eines Tages in einem von Konntee-Damm gefüllten Straßenbahnwagen:
„Ach, sagen Sie doch, Frau Doktor, wer kocht denn nun m diesen bewegten Tagen bei Ihnen? Sie haben doch augmbllck- lich kein Mädchen! — fragte eine scharfe Hakennase ein klemes molliges Stubsuäschen. ,
„Ganz einfach, Liebste. Mein Mann geht ms Speisehaus. Wie soll ich denn kochen, wenn ich von neun bis ems Nicht zu Hause bin?" ____ . ,,,
„Ich habe es einfacher und billiger eingerichtet", mischt sich eine lange an einen Schnepfenschiiabcl erinnernde Damen- liase ein. Ich wette hundert gegen eins, daß sie einer ehemaligen Lehrerin gehört, die beim Dozieren immer den rechten Zeigefinger dagegen gelegt hat, weil ihre Spitze ein wring nach links neigt. „Meine Kinder habe ich mit dem Mädchen zu meuter Schwiegermutter geschickt. Dort müssen sie auch schlafen. Vereinsangelegenheiten und Wirtschaftsführmig fordern nun mal getrennte Wege. Mein Mann geht mittags zum Esten gleichfalls dort hin — na, und ich? Speise, wo ich gerade bm. ^ch habe meine Familie nun schon drei Tage nicht gesehen! — »et diesem Bekenntnis nahm ich mnerlich rede schnöde Bemerkung zurück, die ich je gegen eine Schwiegermutter^der Welt geschrieben. Schon aber flog eine neue Frage durch den Raum, deren Beantwortung mich nicht minder interessierte:
„Wo bringen Sie denn die beiden Rostocker Datnen unter, beste Freundin? Ihre Wohnung ist doch kaum,fur Sie selbst ausreichend?" erkundigte sich süßlich lächelnd eme etwas sehr magere Vertreterin des schönen Geschlechts mit jenem unangenehmen Funkeln in den Äugen, das alles Wohlwollen tn der Stimme Lügen straft. Aber die Gefragte war eme Herrennatur, wenn man das noch von einer Frau sagen darf, ohne , eine
„Sinfonia domestica" ganz offenbar. Strauß gibt hier so gut wie kein Komentar. Er überläßt es ganz dem Hörer sich in der Musik zurechtzufinden. Die Musik der „Sinfonia domestica" ist aus sich selbst beweiskräftig genug, um auch ohne gelehrte programmatische Einschachtelung unmittelbar auf den Hörer wirken zu können. Die sensationellen amerikanischen Berichte über das Werk, die dasselbe auf alle mögliche Weffe lächerlich zu machen suchten, haben sich als völlig haltlos erwiesen. Die „Sinfonia domestica" ist die reifste, ja vielleicht die bedeutendste Schöpfung, die Strauß bisher der Welt geschenkt hat. Der Erfolg dieser Sinfonie wird einen heilvollen Einfluß auf das ziellos daraufloskomponierende Gründeutschland ausüben. Der Drang zum Aeußer- lichen, Extravaganten wird nachlassen, nachdem man eingesehen hat, daß nicht das Raffinement der Mache und das Aufgebot der äußeret: Mittel, sondern eine echte poetische Musiknatur das Ausschlaggebende beim fruchtbringenden Schaffen ist. Hoffentlich zeitigt bereits das nächste Tonkunstlerfest in Graz bte Früchte der neugewonnenen Erkenntnis.


