Ausgabe 
11.6.1904
 
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gerichtete schmale Bett stmrd an der etwas schrägen Wand. Der ganze Eindruck des Raumes besaß etwas Mädchen­haftes, Zartes, Keusches. Ein leiser Duft erfüllte das Zimmer, derselbe zarte Hauch- der ihm aus ihrem Haar entgegenzuwehen pflegte.

Fränzes Stimme war mehr und mehr herabgesunken es war das verträumte Verklingen eines sinnigen Kinder- liÄ)chens. Die Melodie war ihm bekannt, aber des Textes entsann er sich nicht. Sie sprach auch die Worte nicht aus, sondern summte die Weise nur, immer langsamer, immer langsamer, leiser, immer zögernder die Töne ein­ander folgen lassend, als ob sie dazwischen den Atemzügen des Kindes lauschte.

Noch als er die Treppe heraufgestürmt war, hatte ihn ein wildes, sinnliches Begehren getrieben. Der Anblick ihres Stübchens, das Reine, Weihevolle, Heilige, das im Aus­druck ihrer Stimme lag, die seltsame, füßverträumte Me­lodie, die Nähe des entschlummernden Kindes das alles brachte ihm mit einemmale das verbrecherische seiner Wünsche zum Bewußtsein. Er erwachte aus einem wüsten schwülen Taumel. Als er jetzt das Rauschen ihres Kleides vernahm, als er ihre leisen, leichjten Schritte sich nähern hörte, rann ein fröstlicher Schauer über ihn, und er preßte atemlos die Hand gegen die Schläfe. Es war ihm, als ob eine Stimme in chm spräche, eine warnende, angstvoll warnende Stimme, die plötzlich sein Herz stillstehen machte.

Fränze!" sagte er leise und weich, bittend, fast erschüttert.

Sie hatte wohl jemand kommen hören, aber nur das Mädchen oder Pratje vermutet. Als sie nun Zupitzas Stimme erkannte, tat sie ein paar raschere Schritte. In freudiger Bewegung erschien sie in der Kammertür. Ihre Augen strahlten. Sie winkte ihm aber lächelnd und sanft abwehrend zu, sich ganz still zu Verhalten.

Er schläft!" flüsterte sie leise.

Vorsichtig zog sie, immer wieder lauschend, die Tür an, bis sie lautlos ins Schloß sank.

Dann streckte sie ihm beide Hände entgegen, stumm, aber sichtbar freudig ergriffen.

Eine Sekunde lang hielt er ihre Hände in den seinen, bezaubert von dem gütigen, besorgten, mütterlichen Zug, der ihr Antlitz adelte, tief bewegt von der Glückseligkeit, die sich in ihrem impulsiven Gruß ausprägte, dann umschlang er sie plötzlich, nannte zärtlich ihren Namen und preßte seine Lippen auf die ihren in einem langen Küß.

Es war aber nicht mehr die wahnwitzige, sinnver­wirrende Gier, die ihn vorhin beherrscht hatte. Unsagbar süß und heimisch überkam es ihn. >Er hatte auch nicht das Gefühl, daß er sie verletzte, eher das Bewußtsein, daß er sie schützte, indem er sie in seinen Armen hielt.

Liebe, liebe Fränze", flüsterte er noch einmal, fast ohne die Lippen von ihrem Mund zu heben.

Sie machte sich von ihm frei. Wer für einen Augen­blick, das war ihm nicht entgangen, hatte sie sich seiner Liebkosung willig hingegeben. Nun fuhr sie sich verwirrt übers Haar, das er ihr leicht in Unordnung gebracht hatte, und sagte kopfschüttelnd, unter einem bittenden, vorwurfs­vollen, fast traurigen Lächeln:So sollte es aber doch nicht sein unser Wiedersehen I"

Er hielt ihre Hände fest.Sprich nicht", bat er leise, schilt mich nicht und laß mir Deine Hand. Bitte, bitte. So nur einen Augenblick noch. Und sieh mir ins Auge."

Wie seltsam Du bist. . . Wie siehst Du mich wie sehen Sie mich an?"

Ich hab" Dich lieb, Fränze. Ich war nur ein halber Mensch! ohne Dich, Aber jetzt bin ich glücklich. Unermeßlich. Siehst Du, ich weiß nun, daß wir Hand in Hand durchs Leben gehen müssen."

Sie schluckte, atmete erregter, suchte seinem Blick aus­zuweichen.So sollst Du doch nicht sprechen!" Sie weinte plötzlich

Zart umfaßten seine Hände ihren Kvpf. Er lehnte sie an sich, beugte ihr Gesicht zurück und küßte ihr die tränen­den Augen.

Nicht weinen, Fränze. Es ist doch so selig. Franke, Du kannst es doch auch nrcht mehr verbergen. Hast Du Dich wicht gebangt wie ich,?"

Sw hatte die Augen geschlossen. Furchtsam kam es Von ihren Lippen:Es ist Sünde wahrhaftigen Gatt, es ist eine schwere .Sünde!" Ein erschütterndes Schluchzen,

erfaßte sie wieder.Du weißt ja nicht was Du in mir weckst!"

Er hielt noch immer ihren Kopf an seiner Brust fest. Ach, liebe, liebe kleine Fränze! Dagegen können wir beide nicht an. Ich nicht und Du auch nicht. Es ist unsere Bestimmung."

Endlich kam sie von ihm frei. Schwankend ging sie ein paar Schritt weit durchs Zimmer. Auf dem Stuhl dicht neben ihrem Bett sank sie nieder und preßte das Antlitz in ihre Hände.

So hilflos und doch so heilig erschien, sie, ihm in ihrer zerknirschten Bestürzung. Bittend, beschwichtigend als ob er ein Kind tröstete sprach 'er ihr zu. Er ließ sich bei ihr auf ein Knie nieder, nahm ihre Hände wieder in die seinen utnd liebkoste, küßte sie. Sie ließ es nun ruhig geschehen, verträumt, versunken lauschte sie seinen Worten.

Siehst Du, Fränze, Du bist wie ein großer Feiertag in mein Leben getreten. So strahlend schön und feierlich. Und festlich soll's nun immer zwischen uns bleiben. Sieh mich doch gut und vertrauend an. Ich will ja nichts weiter als Dir sagen dürfen, wie lieb ich Dich habe. Und wie un­endlich glücklich Du mich gemacht hast. Liebe, kleine Fränze!"

Allmählich sammelte sie sich wieder. Es gelang seinen kittenden Wvrten sogar, auf ihr Antlitz ein Lächeln zu locken, das ihr einen rührenden, fast kindlichen Ausdruck gab. Wer dann schloß sie die Lider wieder, alles Licht erlosch in ihren Zügen, und in tiefem Kümmer kam's von ihren Lippen:Wie soll ich nun Dieter wieder ins Auge sehen? Ach warum hast Du mich in solche Qual gebracht! Es ist Sünde es ist doch Sünde."

Nein, Fränze, keine Sünde. Du nimmst ihm ja nichts. Du gibst ihm nur. Ja, wirst ihm jetzt mehr geben, als bisher. Denn siehst Du wenn Tu selber glücklich bist, Fränze, dann wird wieder Sonne im Haus sein. Du wirst es mit Sonne erfüllen. Und das wird auch sein Leben heller, erträglicher machen ihn über den trüben Rest forttäuschen. Glaubst Du mir nicht?"

Ich weiß nicht. Es ist mir so neu so unbegreif­lich." Ein tiefer, tiefer Atemzug hob ihre Brust. Stockend flüsterte sie, in Furcht vor sich selbst:Ach Liebster!"

Er hatte sich erhoben, stürmisch zog er sie mit sich empor. Innig sie umschlingend hielt er sie in seinen Armen fest. Er küßte sie nicht mehr, sah ihr nur glücktrunken ins Antlitz.

So standen sie lange schweigend und lauschten der Stille um sie her.

, (Fortsetzung folgt.)

Zas künstlerische Aazit des Irankfurter Toukünülerfestes.

Die anstrengenden Frankfurter Festtage sind nun schon eine Weile vorüber. Nun, da sich die Wogen der momentanen gegen­seitigen Begeisterung, gelegt haben, wo nicht mehr das freudige Festtagsmilieu den nüchternen kritischen Sinn beeinflußt, wird es sich zeigen, was ein jeder Teilnehmer an positivem Gewinn mit nach Haus genommen hat. Darüber war man sich allenthalben im karen: Weniger wäre mehr gewesen! Eine enorme Quantität von kompositorischen Erzeugnissen der letzten zwei Jahre hatte der allgemeine Deutsche Musikverein diesmal auf­gestapelt. Und das alles war nur ein verschwindender Bruchteil von alle dem, was der begutachtenden Prüfungskommission zur Ausführung eingereicht wurde. Der Chorus der Zurückgewiesenen wird, nachdem es offenbar geworden, daß viel Minderwertiges zur Aufführung gelangt ist, mit verhaltender Schadenfreude die absprechenden Urteile lesen. Den Kommissionsmitgliedern, für die als verantwortlicher Leiter Max Schillings zeichnet, kann aus diesen mannigfachen Mißgriffen kein Strick gedreht werden. Sie haben sich eben über den Wert und die Wirkung der ausgewähl­ten Stücke beim Durchlesen der Partituren getäuscht, wie hundert andere zuverlässige Fachleute vielleicht ebenfalls getan hätten. Bei dem Einstudieren der Werke mag es manchem zum Bewußt­sein gekommen sein: das ist ein Fehlgriff. Doch da war es zu spät. Es mag sein, daß die maßgebenden Kommissionsmit­glieder der ü ltrafezessionistischen Richtung ein zu großes Feld eingeräumt haben. Doch vielleicht liegt gerade darin, daß man die schrankenlosen Programmatiker sich einmal weidlich auStoben ließ, die Gewähr für eine sich klärende Zukunft. Denn das eine hat der jungdeutsche Radikalismus bei dieser Gelegenheit be­wiesen: auf diese Weise geht es fernerhin nicht weiter!

Tje musikalische Sezession, wie sie sich in Frankfurt in