Samsiag den 11. Suni.
1904
S-nn
B
(Nachdruck verboten.)
Irühtingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Die Kniee zitterten ihm noch. Er vermochte nicht sogleich zu sprechen. Als sie ihm die Gefahr vorstellten, in der er geschwebt, schüttelte er aber doch den Kopf. Daß er einen Moment lang dem Tode ins Antlitz geschaut, wollte er auch nicht einmal vor sich selber wahr haben.
„Laßt hrich> Kinder!" sagte er unwirsch, „macht doch kein Aufhebens von einem kalten Pad! Ich bin herübergekommen, trotz allem, und damit holla!"
Das Geschrei der am Ufer Mitlaufenden war in ganz Gill gehört worden und hatte viele Leute veranlaßt, das Abendbrot zu unterbrechen und an den Strand zu eilen. Aengstlich fragte man durcheinander, was denn los sei. Zuprtzas Name war bald aus aller Lippen.
Aber er selbst war ihnen bereits entwischt.
Hastig entledigte er sich, in seiner Wohnung angelangt, der durch und durch geweichten Kleider und schlüpfte in trockenes Zeug.
Eine wohltuende Wärme fühlte er in sich^ Seine Stimmung war freudig gehoben. Es war ihm, als müßte ihm die nächste Stunde die langersehnte Erfüllung eines berauschenden Glückes bringen. Rasch machte er sich dann auf den Weg nach. Sakuthen — zu Fränze.
Glücklicherweise hatte es zu regnen ausgehört, aber die Straße war in bösem Zustand. Der Marsch durch den weichen, zerfließenden Schnee erhitzte sein Blut von neuem.
Ob sie sich, freuen würde? Was sie wohl sagen würde, daß er doch noch kam? Denn jetzt hatte sie ihn doch kaum mehr erwarten ~ können!
An Dieter, an Pratje, an den kleinen Patienten dachte er nicht. Die Wklt war ihm einzig und allein Fränze. Wie ein Rausch war es über ihn gekommen.
Jetzt nur noch ein paar Minuten, und er hatte das Gehöft erreicht.
Wenn er ins Haus trat, würde sie gewiß zu allererst sein Kommen hören. Dann eilte sie ihm entgegen — und er würde sie an sich reißen, sie an sich pressen, sie wild stuf Mund und Hals und Augen küssen und ihren lieben Kopf zwischen seinen Händen halten, ihre Wärme fühlen, ihr Atmen fühlen, trunken vor Wonne, trunken vor Seligkeit.....
Für eine Sekunde zitterte da plötzlich- ein fahles, blasses Bild in der Dunkelheit vor ihm — er glaubte bas blerche Antlitz Dieters zu sehen — er hörte dabei den bitteren, zerguälten, ohnmächtig verhärmten Ton, in dem er neulich zu ihm gesprochen.
Mer rasch, zerrann es wieder.
Nein, nein, er wollte daran nicht denken. Nichts hatte ein Recht, sich seiner Liebe in den Wea zu stellen. Sie
waren füreinander ja bestimmt, es gab keine Bedenken, keine Hindernisse mehr.. Und er verging vor Sehnsucht. Er fühlte mehr und mehr ein Zittern in seinen Gliedern r-i er verlor fast den Atem.
Da hatte er endlich, das Werk erreicht — fast, laufend, stürzend kam er zur Haustür.
Drinnen war alles festlich erleuchtet, es duftete nach Blumen, eine b-ehagliche Wärme durchströmte das Haus — ganz so, wie Fränze es liebte. Die Tür gjitnt Speisezimmer stand offen. Am gedeckten, blumengeschmückten Tisch saßen Lotz und Pratje. Sie hoben in freudiger Ueberraschung den Kopf, als sie ihn kommen hörten.
„Na, endliche Doktor!" rief der Kranke. „Tirsell, leg raAch das vierte Gedeck wieder auf! — Wo steckten Sie bl!oß, Doktor? Wir hatten Sie schon ganz aufgegeben."
„Ist Fränze trn? >— Sind sie gut angekommen?" fragte Zupitza verwirrt. Suchend blickte er um sich.
Pratje ivar ihm munter entgegengegangen, dämpfte, auf der Diele aber die Stimme. „So leidlich, leidlich. Das arme Frauchen hat sich, was Redliches mit Sascha plagen müssen."
„Was ist's mit dem Kleinen?"
„Vielleicht bloß die Aufregung von der Reise und Ueber-. müdung. ®r will partout nicht schlafen, der Bengel. Sie ist Men bei ihm. Wollen Sie sich den Jungen mal ansehen ?"
„Gern — ja." Er sagte es ganz mechanisch. Dann lief er stracks auf die Treppe zu. „BleMn Sie — bleiben Sie ruhig hier", rief er mit etwas unsicherer Stimme auf dem Wege, „ich finde schon!"
„Licht ist doch oben?" hörte er Lotz noch fragen.
Er war bereits auf dem oberen Treppenabsatz, immer zwei Stufen mit einemmale nehmend.
Pratje hatte die Tür zur Diele wieder geschlossen, weil es auf den Kranken zog, wäbrend Tirsell nach der im Souterrain gelegenen Küche eilte, um Die Auskunft des Doktors hier zu melden.
Der Lichtschein der Diele reichte nicht bis ins obere Stockwerk; Zupitza sah jedoch einen hellen Türspalt vor sich, auf den er zuhalten konnte.
Atemlos öffnete er die Tür. Das Zimmer war leer. Aber nebenan hörte er leise singen.
Fränzes Stimme.
In einer Art lähmenden, betäubenden Schrecks blieb er plötzlich stehen.
Er sah sich, ganz unerwartet an der Schwelle von Fränzes Schlafzimmer. Die Tür zur Nebenkammer, in der Alex und Theo in den Ferien zu wohnen pflegten, war geöffnet.
Nebenan war's dunkel; hier tauchte das Licht der mattgetönten Ampel alles in einen sanften, warmen Schimmer.
Es war ein reizendes, kleines Boudoir mit hellen Lackmöbeln in englischem Geschmack, mit zartblumigen Musselinvorhängen und hellen Tapeten. Das schon zur Nacht her-


