1904.
Ar. 38.
I
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(Nachdruck verboten.)
An der Flajah.
Roman von B. M. C r o k e r.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.
(Fortsetzung.)
„ r7t sehr gut von Ihnen, so viel Anteil an mir zu nehmen", stammelte ich.
„Ach, mein Kind, Sie wissen doch, daß wir Frauen uns alle für Liebesgeschichten interessieren?"
„Ich fürchte, die meinige ist leider keine Liebesgeschichte. Jedenfalls sollen Sie aber selbst urteilen. Ich kenne also Watty seit meiner frühesten Kindheit. Er, Tom und ich waren ein unzertrennliches Kleeblatt. Ta ich eben viel jünger war als meine Cousinen und auch als Wattys Schwestern, so gesellte ich mich stets zu den Jungens."
„Ja, ja, ich verstehe, und als Watty mit einundzwanzig Jahren nach Indien ging, war Ihr junges Herzchen tief unglücklich"
„O nein, durchaus nicht. Wenn mir's auch recht leid tat, so ging mir der Tod meines Foxterriers damals doch Veit näher. Watty aber schenkte mir zum Abschied sein weißes Kaninchen und ich gab ihm einen kleinen blauen Perlenring."
„Und einen Kuß natürlich?" warf Mrs. Evans lächelnd ein.
„O nein, so standen wir nicht miteinander. Er war nur mein Spielgefährte, nichts weiter, geradeso wie auch Tom. "
„Wirklich?" fragte sie mit zweifelhafter Miene. Ich ging aber nicht daraus ein.
„Kaum war ich bann als erwachsenes Mädchen v"n Teutschland zurückgekommen, so widmete mir Mrs. Thor . .., Wattys Mutter, ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Ich erinnere mich, wie sie mich, am ersten Sonntag in der Kirche so scharf musterte, daß mir ganz unbehaglich wurde. Später sagte sie mir, daß sie mich gleich auf den ersten Blick in ihr Herz geschlossen habe."
„Und war das gegenseitig?"
„Ich weiß nicht. . . das heißt eigentlich nein", gestand ich. „Meine Verwandten hatten früher immer über sie gescholten, und sie eine abscheuliche, heimtückische und selbstsüchtige Frau genannt, die ihre Töchter an die ersten besten Männer verheiratet und ihre Söhne in die weite Welt hinausgetrieben habe. Allein ich glaube, daß sie durch ihr Unglück verbittert worden waren und ihr Urteil doch, etwas zu scharf war."
„Wohl möglich."
„Und dann war jetzt der Glücksstern der Familie Tho- rold im Steifen, der der Beverly im Sinken, da änderten sich! die Ansichten meiner Verwandten, und sie konnten
jetzt nicht genug Gutes über Mrs. Thorold erzählen. Tiefe bat mich häufig, einen Tag bei ihr zuzubringen, da ihre Töchter alle verheiratet waren. Ich tat das beim auch unb verrichtete bann allerlei kleine Dienstleistungen für sie im Hause ober Garten. Sie sprach dabei fortwährend von ihren Kindern, besonders von Walter, ihrem Lieb- lingssohn. Manchmal las sie mir ans seinen Briefen vor und bestellte Grüße von ihm. An meinem! Geburtstag schrieb er mir bann einige Zeilen, woburch der Ansang eines Briefwechsels gemacht war, ber bald lawinenartig anschwoll."
„Ja, ja, so pflegt es mit ben Liebesbriefen zu gehen!" rief meine Gefährtin laut.
„Ich- schrieb ihm aber nicht anders, als tote ich auch an Tom geschrieben hätte, der in Südafrika stand, und niemals werde ich es vergessen, wie überrascht ich war, als mir Mrs. Thorold eines Wends im Garten mitteilte, daß Watty mein Gesicht auf einem Gruppenbild gesehen unb sich sterblich in mich verliebt habe. Ich war zuerst wie erstarrt vor Verwunderung, bann aber brach ich unwillkürlich in ein schcilleubes Gelächter aus. Ich versicherte seiner Mutter, baß bies doch mir ein Scherz von Watty fein könne. Sie dagegen nahm die Sache sehr ernst und wurde ganz ärgerlich über meine Vermutung. Schon S früh am nächsten Morgen kam sie bann zu Tante
,, mit ber sie wohl eine Stunde lang allein blieb, unb bei Tisch fiel es mir auf, daß Tante mich, häufig eigentümlich cmsah."
„Tie beiden alten Damen hatten die Angelegenheit also wohl miteinander besprochen und waren einig geworden? Mas geschah bann weiter?"
„Vorläufig nichts. Cs wurde nur zuerst leise, dann immer häufiger unb bestimmter um mich her geflüstert, daß zwischen Watty Thorold und mir von jeher ein Einvernehmen, eine Art Kinberfreundschaft, bestauben habe, und so sehr ich auch einer solchen Annahme entgegentrat, es hals alles nichts. Im Gegenteil, die Freundschaft zwischen Mrs. Thorold unb meinen Verwabten wuchs von Tag zu Tag. Tann erhielt ick. einen Brief von Walter . . . ach einen so schönen Brief, worin er mich fragte, ob ich feine Frau werden wolle."
„Unb was sagten Sie dazu, mein liebes Kind?"
„Eigentlich gar nichts. Umsomehr aber sagten andere Leute. Sie schienen mich für ein vom Glück ganz besonders begünstigtes Wesen zu halten. All die vielen Mädchen und alten Jungfern in der Nachbarschaft wurden ausgezählt, und wenn auch Tante Lucy selbst mich nicht zu überreden, versuchte, so tat es Linda umso eifriger. Eines Tages kam bann Mrs. Thorold herüber und sprach, meine Hand in ber ihrigen haltend, wohl eine Stunde lang auf mich ein. Ihre Augen wichen dabei nicht von meinem Gesichte, und ich glaube, sie hat mich mit ihrem durchdringenden Blick und ihrem leisen, aber bestimmten Ton förmlich hypnotisiert."


