Ausgabe 
11.3.1904
 
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Mein armes Kind! Wie hart sind Sie von allen Eeiten bedrängt worden!"

Nebenbei erfuhr ich, daß Tante Lucy ein vortrefflicher Kaufpreis für das Schloß angeboten worden fei und sie im Begriff stehe, eine Heine Wohnung mit drei Schlaf- und ein Wohnzimmer zu mieten, wo also nur Raum für die Familie selbst war. Meine Tante fand demnach daß ich Watty heiraten müsse und ließ mich nur zu deutlich fühlen, daß ich ihr eine Last war . .

Die Abscheuliche!" rief Mrs. Evans ganz empört.

Mir wars, als wollten sie mich alle in einen Ab­grund hinabstoßen, an dessen Rand ich mich mit beiden Händen wie rasend anklammerte."

Ja, ja, das ist der richtige Vergleich"

Trotz all dem aber, ich muß es gestehen, fühlte ich mich einerseits eben doch auch geschmeichelt. Der Gedanke, einen eigenen Herd, eine Heimat zu haben, tat meinem Herzen wohl, zudem war es schon lange mein Wunsch, Indien kennen zu lernen. Wohl wußte ich, daß Watty nur ein bescheidener Angestellter aus einer Teepflanzung war, und daß unsere Verhältnisse alles, nur nicht glänzend sein würden; allein ich war ja nicht an Bälle, Gesellschaften und Luxus gewöhnt, und Arbeit habe ich nie gescheut. Jung und gesund bin ich auch. Und Watty war ein guter Sohn: ein guter Sohn aber, sagt man, wird auch ein girier Gatte, und zudem kannte ich ihn ja von Kindheit an."

Und andereseits?" fragte Mrs. Evans sanft.

Nun, andererseits war niemals von Liebe zwischen uns beiden die Rede gewesen, nicht einmal eine Andeutung, nicht im entferntesten! Und sechs Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Es war gewiß ein tollkühnes, gewagtes Unter­nehmen, ans andere Ende der Welt zu reisen, um die Frau eines Mannes zu werden, für den ich nahezu eine Fremde bin, und die er bei einem zufälligen Zusammentreffen auf der Straße wahrscheinlich gar nicht erkennen würde. Des­halb schauderte mir noch am Rande des Abgrundes. An einem Tage war ich halb geneigt, Ja zu sagen, denn seine Briefe waren bezaubernd, am anderen wieder fest ent­schlossen, ihm mit Nein zu antworten. Da erhielt ich schließ­lich Wattys Photographie, und ich fürchte. Sie werden mich geringschützen, wenn ich Ihnen sage, daß sie den Ausschlag gab. Sein Gesicht hatte es mir angetan, und ich sagte Ja."

Ach liebes Kind, welcher Sprung ins Dunkle! Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, so möchte ich diese be­deutungsvolle Photographie sehen, denn ich gehöre zu den Leuten, die glauben, daß man aus den Zügen des Menschen aus seinen Charakter schließen kann."

Sie ist in meiner Kabine. Mit Vergnügen werde ich sie Ihnen morgen zeigen. Jetzt ist es ja schvn zu dunkel hier."

Bis Sie sie gefunden, geküßt und hierhergebracht haben, wird hier schon Licht sein. Gehen Sie, tun Sie es mir zuliebe, denn mir ist, als könnte ich heute Nacht nicht schlafen, wenn ich nicht vorher dieses Mannes Bild gesehen habe."

Ich stand sofort auf das elektrische Licht war in­zwischen angezändet worden und ging in meine Kam­mer, wo ich die in einem blauen Lederrahmen prangende Photographie aus ihrem Versteck hervorholte. Dann kehrte ich zrr Mrs. Evans zurück, die sich dicht vor eine Lampe an einen Tisch gesetzt hatte. Ihre Augen funkelten förmlich vor gespannter Erwartung, als sie mir die Hand entgegen­streckte, um das Bild in Empfang zu nehmen.

Feierlich, ohne ein Wort zu sagen, legte ich den feinen Lederrahmen in ihre Hand. Dann setzte ich mich, ihr Urteil erwartend, mit einem Gefühl stolzen Triumphes. Es war ja ein schönes, tatkräftiges, vornehmes Gesicht, das mein Herz im Sturm erobert und all meine Zweifel be­siegt hatte.

Lange betrachtete meine Beschützerin das Bild, dann schaute sie mit einem tiefernsten Ausdruck in den dunklen Augen zu mir herüber.

Soll ich Ihnen sagen, was ich darüber denket

Ungeduldig nickte ich mit dem Kopfe, wartete ich doch schon über fünf Minuten voll Spannung auf eine Aeußer- ung von ihr.

Meiner Ansicht nach haben Sie in der Lotterie des Lebens ein großes Los gezogen. Sie sind ein Liebling der Vorsehung."

Eifrig beugte ich mich vor, um diesen herrlichen Worten zu lauschen.

Ja", sie zeigte mit dem Finger auf das Bild

dieser Mann ist, nach seinen Zügen zu schließen, gewissen- haf, arbeittsam und rechtschaffen. Er ist zuverlässig und beständig, und, wenn auch nicht weich und schmiegsam, so ist er doch ein Mann, auf dessen Liebe eine Frau sich fest verlassen kann."

Ich stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Sre aber sprach, abwechselnd mich und Wattys Bild be­trachtend, lebhaft weiter:

Er ist eine kritisch angelegte und verschlossene Natur, aber offen und freimütig gegen solche, die er liebt. Dabei ehrgeizig, tatkräftig und klug: alles in allem eine höchst interessantes Gesicht. "Sie lehnte das Bild an ihren Är- beltslorv und fügte dann lachend hinzu:Ueberdies, was ja nicht zu vergessen ist, ein bildhübscher Mensch!"

Ich fühlte, wie ich bei all diesen Lobsprüchen vor Freude errötete: die stolze Befriedigung der Braut ließ mein Herz höher schlagen.

Seine Mutter muß ihm begeisterte Beschreibungen von Ihnen gemacht haben",, fuhr Mrs. Evans fort,denn dieser hier ist nicht der Mann, einen Sprung ins Dunkle zu tun."

Nein, Watty war von Natur immer vorsichtig, aber- kritisch angelegt war er früher durchaus nicht."

Wohl möglich daun hat. er sich eben in den sechs Jahren verändert; er ist inzwischen zum Manne heran­gereift. Eigentlich sieht er älter aus, als er ist."

Ja, das finde ich auch", stimmte ich bei.Er ist be­deutend älter geworden. Ich aber ebenfalls; hoffentlich wird er nicht enttäuscht von mir sein."

Nein, das glaube ich nicht, mein Kind." Sie be­trachtete mich nachdenklich. Sie scheinen mir sogar recht gut zusammenzupassen. Soll ich Ihnen jetzi auch etwas über Ihren Charakter sagen?"

O ja, bitte, das Gute sowohl wie das Schlechte."

.. »Trotz Ihres anscheinend kühlen Wesens sind Sie doch eine weiche, zärtliche, ja romantisch angelegte Natur. Sie können sehr unvorsichtig, aber auch sehr zurückhaltend sein. Sie sind leicht verletzt und hassen Zwang und Abhängig­keit, aber Sie haben ein gutes Herz, und alte Leute und Tiere hängen mit besonderer Liebe an Ihnen."

Ist das alles? Ich glaube wirklich, Sie habe» in meinen Zügen zu lesen verstanden. .

Nein, ich war noch nicht ganz zu Ende. Für ein Mädchen Ihres Alters haben Sie viel Selbstbeherrschung. Jchs bemerkte es neulich in unserer Kabine, als sich die junge Amerikanerin sich auf Ihren Hut setzte und Sie Ihre Finger in die Türangel klemmten."

In der Fremde und als arme, geduldete Verwandte lernt sich das."

Nun, jedenfalls ist es eine wertvolle Errungenschaft, und auch der den Ferrars eigene Stolz fehlt Ihnen nicht. Nein, nein, ich glaube nicht, daß Mr. Thorold enttäuscht sein wird."

Ihre Worte sind sehr freundlich, allein wenn ich seine Briefe lese, so fühle ich mich seiner so wenig wert. Meine Fähigkeiten stehen den seinigen bei weitem nach. Ich besitze nur eine gewisse Fingerfertigkeit."

Mit seinem Verstand und Ihren Fingern werden Sie schon miteinander durchs Leben kommen. Was für Künste treiben Sie denn mit Ihren Fingern?"

Ich nähe, sticke und spiele Klavier und Guitarre; auch kochen kann ich zur Not."

Mein Kind, dann sind Sie ja ein wahrer häuslicher Schatz. Kein Mann ist unempfindlich für eine gute Mahlzeit, wenn auch Ihr Bräutigam gerade kein Feinschmecker zu sein scheint."

Wattys einstige Vorliebe für Pflaumenmus und Ro­sin enkuchen fiel mir ein, und wie er meinen Anteil an gerösteten Kastanien mehr als einmal mitverzehrt hatte.

Mährend unseres Gespräches waren allmählich ziemlich viele Passagiere in den Salon gekommen, und verschiedene gingen an unserer behaglichen Plauderecke vorüber.

Aber wer ist denn das? "rief plötzlich eine Stimme hinter mir, uicd eine kleine, blasse Amerikanerin deutete auf Wattys Bild.Erlauben Sie, daß ich es mir näher ansehe?" Dabei entriß sie es mir, ohne eine Antwort ab­zuwarten.

Miß Hatty P. Schulher von Newyork, City, die das oberste Bett in unserer Kabine inne hatte, war eine lebhafte, eigenartige, bei jedermann beliebte Persönlichkeit; sie reiste nach Japan.