Ausgabe 
11.1.1904
 
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Ich ritt zur Villa Tuscülana hinauf und insZauber­gärtlein", wie ich jene schöne Blumenwildnis getauft hatte. Ich ritt die köstlichen Wege, die nach allen Richtungen den tusculanischen Höhenzug durchschneiden. Ich drang auf meinem klugen Tier durch die Dickichte der Kastanienwald­ungen und suchte die Spuren des alten Tusculum auf. Bald wurde mein Blick so geübt, daß ich die verschütteten Ruinen und halb versunken en Terrassen an einer Welle des Geländes erkannte, einer Furche die antike Straße anmerkte und überall Grotten, Nischen und Mauerreste aufspürte: von den ältesten sagenhaften Zeiten bis ins späte Mittel- alter hinein.

Auf der Höhe von Tusculum ließ ich gewöhnlich mein Pferd weiden, ruhte in den Ruinen der Tiberius Villa, oder im griechischen Theater aus den Sitzreihen, wo neben mir die Eidechsen sich sonnten, oder unter den Cypressen der Gräberstraße. Ich kletterte burtf); die Trümmer zur ehe­maligen Burg empor, die wie ein gewaltiger Königsthron aufsteigt, und wo unmittelbar unter dem Kreuz ein Ab­grund sich auftut, sodaß das Zeichen der Christenheit triumphierend über Tod und Verderben schwebt.

Häufig ritt ich durch das öde Mvlaratal, dieses Schlachtfeld der römischen Republik, nach den: Banditen­neste Rocca Priora, und von dort die schönste Bergstraße Italiens über Monte Eompatri und Porzio Catone nach Frascati zurück.

Rings um die Seen von Albano und Nenn, auf dem Monte Cavo und dem Hannibalsseld kannte ich bald jeden Pfad.

Oder ich durchstreifte in der Tiefe die Campagna nach dem Meere hin bis zum Heiligtumder göttlichen Liebe", bis zur Hadriansvilla am Fuße des Sabinergebirges.

Um mich den Menschen nicht vollkommen zu entfremden, verkehrte ich mit Hirten und Kohlenbrennern, mit Jägern und Landleuten, bei denen ich bald ein bekannter Gast wurde, welchen sie an ihren Feuern, in ihren Capannen und ihren häufig in antiken Grabhöhlen und Grotten ein­genisteten Wohnungen willkommen hießen, mit einem Glase ihres stark gewässerten essigsauern Wieines, einem Stück ihres harten, schwärzlichen Brotes bewirteten, und dem sie zutraulich von ihrem leidensreichen Leben in der Wildnis erzählten.

Auch besuchte ich die benachbarten Kapuziner, die Väter von Camaldoli uno S. Silvestro und die Einsiedler von Pallazola hoch am Kraterrande des Albanersees auf der Stätte Illbalongas.

Tiefes Kloster wurde bald mein Lieblingsaufenthalt. Etwas Geheimnisvolleres, Phantastischeres und Unwelt- licheres läßt sich nicht vorstellen. Tie Mönche bewirteten mich! mit ihrem Wein, erzählten mir ihre Klostergeschichten, zeigten mir die antiken Fmtbamente, daraus ihr Heiligtum gegründet ist, berichteten mir über Land und Leute, führten mich in ein wahres Mysterium der Volksseele ein.

Kehrte ich abends spät ermüdet zurück, ritt ich mit einem wonnigen Heimatsgefühl durch! Vignolas herrliches Tor, durch das der gewaltige Eichbaum seine trotzigen Zweige schiebt und darüber der steinerne Falke treue Wach? hält. Wie ein Hauch von seligem Frieden wehte es mir aus dem Oelwald entgegen, wie die Schatten eines heiligen Haines empfing mich die Dunkelheit unter den Wipfeln der Steineichen, wie ein Asyl grüßte mich das geöffnete licht- strahlende Haus!

* (Fortsetzung folgt.)

Aus einer kleinen W-stdenz.

Man schreibt denL. N. N." aus Koburg:

Unsere idyllische Residenz ist um eineSensation" reicher. Ter bisherige Generalkonsul der gereinigten Staaten von Nordamerika, Mr. Oliver I'. D. Hughes, ist von seiner Regierung seines Amtes enthoben worden nicht plötzlich, wenn auch wohl sür manchen die Entscheid­ung überraschend kam. Seit langem schon lagen gegen diesen Vertreter der Union gewichtige Beschwerden vor, aber die asmerikanische Regierung wird einen Eklat haben vermeiden wollen und war vielleicht auch von Freunden des Generalkonsuls absichtliche oder unabsichtlich! tat Un­klaren über tue wahre Lage gelassen worden.

Bon den vielen Tatsachen^. die besprocknn nnd .erzählt

werden, soll hier nur kurz das wicdergegeben werden, was erwiesen und jederzeit unter Beweis gestellt to er bett kann. Hughes hatte es stets verstanden, seine Person überall in' den Vordergrund zu schieben; in den besten Gesellschaftskreisen war er bekannt, gab jährlich einige lukullische Herrendiners, bei denen es an Fürsten- und Präsidententoasten nicht fehlte, und wenn er auch bei Hofe niemals persona gratissima war: bei Hoffesten und allen offiziellen Veranstaltungen, in feiner Loge int Hof­theater, in Bäzaren, bei Konzerten, besseren Gesell­schaften, nirgends fehlte Mr. Hughes, überall war er zu Hause, überall war er eine unentbehrliche Person; ja, nur selten erfolgte die Ankunft oder Abfahrt einer Fürst­lichkeit auf dem hiesigen Bahnhofe, ohne daß Mr. Hughes alsdiplomatisches Kvrps" seine Aufwartung machte. Und wem verdankte er das alles? Wär er doch ein Mann von höchsten Verdiensten; zahlreiche Orden sechzehn an der Zahl schmückten seine breite Brust. Nur schade, daß alleOrden erkauft waren bis auf einen das Ritter­kreuz des Sächsischen Ernestinischen Hausordens, das er sich hier in Koburg zu ergattern verstanden hatte. Neben exotischen Orden aus Siam, der Türkei, hing das Kreuz der französischen Ehrenlegion. Auch das Eiserne Kreuz, die Zierde des deutschen Kriegers, hatte sich Mr. Hughes selbst verliehen; darüber war eine Reihe der vom Kaiser eingeführten Schlachtenspangen (St. Privat Paris Sei)an Straßburg Orleans) befestigt. Es war darum eigentlich jammerschade, daß Mr. Hughes gar nicht im Felde gestanden hat. Tie Spangen waren so wenig ge­schicktausgesucht", daß es für einen normalen Krieger nämlick) ein Ting der Unmöglichkeit gewesen wäre, Mr. Hughes Kriegserfolge mitzumachen oder er hätte eben von einem Armeekorps zum anderen fliegen müssen. Wie der wackere Kämpe das Eiserne Kreuz erhielt, darüber wird erzählt, daß er es in Broocklyn in Amerika einem deut­schen Feldzugteilnehmerabbvrgte", der heute noch auf die Rückgabe wartet, trotzdem er es an Mahnungen nicht hat fehlen lassen. Und mit diesenAuszeichnungen" wagte sich der Herr Generalkonsul regelmäßig in die Festlichkeiten der hiesigen Kriegervereine. Ob er zum Tragen berechtigt war, danach fragten die meisten nicht, beziehungsweise wer hätte bei dem HerrnGeneralkonsul" einen solchen Verdacht gehegt? Und dann war Hughes auch ein Herr Tr. Phil, et med." Im Juni oder Juli 18/0 hat er das Staatsexamett in Heidelberg, gemacht, so erzählte er gern und oft in der Gesellschaft, und niemand zweifelte daran oder doch dieser oder jener? Tenn es hat sich heraus- gestellk, daß in Heidelberg damals ein Oliver Hughes nicht studiert hat, geschweige promoviert worden ist.

Wenn hierdurch und durch manches andere die Ge­sellschaft, in welcher er verkehrte, mehr oder minder ge- täu cht worden ist, so berührt dies mehr das private Gebiet. Aber auch die Geschäftsleute, mit denen er amtlicy zu tun hatte, wissen von feinen Geschäftsmaximen ein Lted- cken zu singen. Ein Fall, der typisch ist sür viele: Hughes pflegte sich von wertvolleren Waren, über welcye er Fak­turen zu legalisieren hatte, Mnsterexemplarefür das Konsulatszimmer" geradezu zu erpressen, wertvolle Por­zellangemälde zum Beispiel', welche er dann natürlich für seinen Privatgebrauch verwendete. Er ging, wie viele Ge­schäftsleute wissen man braucht sich nur an manche Sonneberger Farmen zu wenden dabei mit verblüffender Rücksichtslosigkeit vor, der sich die Geschäftsleute um so eher beugten, als sie wußten, daß Hughes es verstand, die amerikanischen Einkäufer vor ihm nicht genehmen Air« men entsprechend zu warnen. Taß Hughes Ordensschacher trieb, war stadtbekannt, denn er pflegte sich ungeniert bannt zu rühmen und jeweilig zahlungsfähigen Personen Offert? zu machen. Ter Ordensschacher isst schon (in itttb für sich ein wenig sauberes Geschäft, für den offiziellen Vertreter der amerikanischen Nation aber scheint er erst recht un­würdig und unpassend. Dabei toareit seine Verhältnisse trotz seines sehr hohen Einkommens, das auf annähernd 25 000 Mark jährlich! zu fchätzen war, durchaits keine stets geordneten. Aber der Gerichtsvollzieher hatte bet ihm, einer unter exterritorialer Gerichtsbarkeit stehendeu Person, nichts zu suchen und hat sich sogar ftüher einmal, da er es doch versucht hatte, einen scharfen Verweis seiner vorgesetzten Behörde zugezogen. Und so erschien denn auch eines Tages tatKoburger Tageblatt" eine Annonce, tu welcher das Publikum gewarnt wurde, mit Lettten Ge-