Ausgabe 
11.1.1904
 
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Darin erbebte icEjr Denn dan;. mußte ich der Worte der treuen Rosa gedenken:Jetzt schlägt er sie! Er schlägt sie noch einmal tot!" Tann sah ich ihren seinen Hals mit blutroten Flecken gezeichnet.

Rosa schlich häufig an mir vorüber, so häufig, daß es mir schließlich auffiel: als ob sie mir etwas sagen wollte. Sie schien beständig das Fieber zu haben. Aus ihren düster glühenden Augen starrte sie mich unverwandt an; sprach wji zu ihr, so murmelte sie irgend etwas Unverständliches und schlich vorüber.

Einmal kam mein Koch und beklagte sich: der Wein, den er auf meiuen Befehl ausschließlich von Herrn Ma­riano beziehe, fei gewässert; gewässert sei die Milch von Herrn Marianos Kühen, und er müßte alle Früchte und Gemüse bei Herrn Marianos Gärtner viermal so teuer be­zahlen als in Frascati. Mein Koch beschuldigte Herrn Mariano des wissentlichen schäbigsten Betruges und er­klärte, die Sache nicht länger mit ansehen zu können.

Ich hörte nicht auf die Beschwerden des Mannes. Ich dachte an den laKinischen Virgil, darin Herr Mariano jeden Abend las, dachte an Herrn Marianos Erinnerungen an Flaubert und Millet und war über meinen verleumde­rischen Kochi einigermaßen empört. Ein brutaler, jähzorniger Mann konnte seine Frau schlagen; aber einem Hausgenossen die Milch wässern lassen und an einem Kohlkops vier Svldi Profit nehmen solch kleiner miserabler Geist war der schöne Herr Mariano gewiß nicht.

*

Jetzt begann ich mein vergangenes Leben wie von einem hohen Berge aus zu überblicken. Ich begann in mich selbst hineinzuschauen, und in dem Wirrwarr, den ich vorfand, allmählich Ordnung zu schaffen, um alsdann etwaige auf­brausende ©türme ruhigen Geistes beschwichtigen zu können. Ich gelobte, rückhaltlos und rücksichtsli s wahr gegen mich selbst zu sein, mir in keiner meiner allzu impulsiven Empfindungen sogleich nachzugeben, jedes Vibrieren meiner Seele voller Mißtrauen zu prüfen.

Mißtrauen schon wieder das unglückselige Wort!

Bei meiner psychologischen Untersuchung, die ich mit der Gewissenhaftigkeit eines Anatomen anstellte, ließ ich außer acht, oaß ein mißtrauischer Geist kein klarer Geist jein kann.

Ich grübelte viel zu viel!

Die Feder rührte ich nicht an. Ich hätte auch gar nid)t schreiben können, da ich gar keine Gedanken hatte. Mir frei nichts ein! Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es gewesen war, als mir so viel einfiel: so unheimlich viel, daß ich, nur um durch die Unmenge nicht erdrückt zu werden. Tag und Nacht schrieb und schrieb durch Jahre und Jahre.

Es war ein qualvoller Zustand, die Leere seines eigenen Hirns zu fühlen, alle Phantasie erstorben und tief, tief in der Seele begraben.

Aber das würde wieder anders werden!

In einem Jahr schon würde gewiß alles anders ge­worden sein! Tas eine Jahr wollte ich geduldig aüsharren nicht länger. Keinesfalls länger! Dieses eine Jahr durfte ich mich aber auch ruhigen Gewissens vollständig abschließen.

Danach richtete ich mein Leben ein.

Anfangs schrieb ich noch einige Briefe nur die aller- notwendigsten. Dann ließ ich die meisten Briefe einfach unbeantwortet, und die Post durfte mir nur gebracht werden, wenn ich es ausdrücklich wünschte. Das war wonnig. Es war so wonnig, daß ich selten und seltener nach Postsachen verlangte. Anfangs las ich noch Zeitungen. Aber ich fühlte, daß mich diese Lektüre zerstreute, erregte, meinen Zauber­kreis störte. Also las ich immer seltener.

Auch das fand ich herrlich.

Ich fand es fo herrlich daß ich bald auch keine Zeitung mehr las.

Anfangs kümmerte ich mich noch! um diese oder jene Aufführung eines meiner Dramen. Doch das brachte jedes­mal einen Sturm in meine himmlische Ruhe. Schließlich überließ ich alles, was mit dem Theater zusammenhing, meinem Ägenten; und alles, was mit Geschäften und sonstigen irdischen Angelegenheiten zu tun hatte, meinem Sekretär.

Jetzt begann ich wirklich Ruhe zu empfinden.

Anfangs sah ich diesen und jenen guten Bekannten, vder sogenannten Freund.

Ich besaß nämlich nur sogenannte Freunde.,,

Mle diese Menschen wirkten unendlich beunruhigend^ verwirrend, quälend aus mich. Mehr und mehr empfand ich daß ich sie nicht zu ertragen vermochte: weder die sogenannten Freunde, noch die Menschen überhaupt alle Menschen!

Ich ließ sie also abweisen.

Zuerst nur dann und wann, und nur diesen und jenen. Aber die Einsamkeit war so köstlich daß ich schließlich nie­mand aus der Welt weit, weit da draußen mehr sah.

Jetzt hatte ich endlich Ruhe!

Jetzt war ich glücklich!

Jetzt würde ich auch wieder gesund werden!

*

Wie verbrachte ich also jetzt meine Tage?

Laßt mich nachdenken

Mein Leben in der Villa Falconieri war im1 Grunde genommen höchst eigentümlich; denn: ich erlebte mich selbst. Unausgesetzt grübelte ich über mich selbst und unaus­gesetzt erlebte ich mich selbst. Im übrigen hatte ich Zer­streuung, Anregung und Beschäftigung genug und über­genug.

Wenn ich in meinem Freskenzimmer lag ich hatte beständig das Bedürfnis, zu liegen und auszuruhen so konnte ich stundenlang das festliche Gewimmel der ge­flügelten Liebesgötter ringsum an den Wänden betrachten, beim Beschauen nichts anderes empfindend, als daß dies Lebensfreude, Schönheit, Anmut fei.

Cie tat so wohl, so wohl!

Oder ich vertiefte mich ganz in den Anblick von Michel­angelos blassem Jünglingshaupt, das so ruhevoll mit ge­schlossenen Augen und einem letzten wonnigen Seufzer auf den leise geöffneten Lippen in die Schatten des Todes sank.

Ich, wandelte hoch über der Campagna dahin, die immer die gleiche, weite, große, unsäglich herrliche Landschaft war; und doch niemals dieselbe. Tenn jeder darüber hingleitende Wolkenschatten, jeder aus dunklem Gewölk hervorbrechende Sonnenstrahl veränderte sie. Es war ein beständiger Wechsel von Helle und Dunkel, von Eindrücken und Stimmungen. Jeden Augenblick tauchte ein neues Bild auf, um gleich darauf wieder zu versinken: Täler mit finsteren Waldungen; kahle Höhen mit einem antiken Grabe, einem mittelalter­lichen Kastell; Triften mit weidenden Herden, Blumen­felder . . . Oder weit, weit da hinten in Etrnrien einen Gipfel, den ich nie vorher gesehen; hoch, hoch droben in der Sabina ein Dorf, das ich zum erstenmal erblickte.

Diese goldigen, glanzvollen Gluten!

Es war wie das Farbenspiel dcs Chamäleon... IN welchen Lichtftrömen sah ich während eines Monats allein den Soracte und die Waldberge von Cimini, die Meeres­küste und die römischen Hügel.

Jeder Sonnenstrahl gab neue Beleuchtungseffekte, tote von einer himmlischen Maschinerie hervorgebracht. Vom dunkelsten Purpur bis zum grellsten Rot und Orange; vom tiefsten Ultramarin bis zum zartesten Smaragdgrün fehlte keine Nuance. ,

Tuzu hüllte sich die feierliche Campagna zu verschie­denen Zeiten in verschiedenfarbige Blumengewünder.

Jekt waren es weiße, jetzt gelbe Margueriten; diese Woche bedeckte sie roter Mohn, in der nächsten blaue Wicken.

Nachmittags wäre ich am liebsten von meinem Ruhebett gar nicht aufgestanden. Aber mein Diener Domenico Uetz nicht ab, bis ich das Pferd bestiegen hatte. Saß ich erst einmal im Sattel, so war mir's sehr recht; und ritt ich erst eine Stunde, fo wurde mein Kopf freier und meine Seele weiter. ' ,

Ich sah und beobachtete alles. Ich lauschte der Natur ihre Geheimnisse ab. Sie belebte sich für mich bevölkerte sich mir mit Gestalten und Gebilden. Untergegangene Zeiten stiegen auf und verwandelten mir das große römische Trümmerfeld in Gartengefilde, bedeckt mit Prachtbauten. Jede Ruine ward zum Palast, jede Wüstenei zum Rosen­garten.

Untergegangene Völker erschienen, zogen in Scharen an mir vorüber: in weißen Gewändern, blurnenbekränzt, Oelzweige in den Händen, zogen sie nach dem Hain der Ferentina, an Albalonga vorbei, die heilige Straße zum schimmernden Gipfel empor, der den Tempel von Latiums höchster Gottheit trug.

Tie Welt um mich ward zur Weltgeschichte.