Montag den 11. Januar.
1904
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W
(Nachdruck verboten.)
Missa Iai'cgnieri.
Von Ri ch ard Bo ß.
Erster Band.
(Fortsetzung.)
In einer Ecke, zwischen zwei Balkontüren, erhielt der Schreibtisch seinen Platz. Darüber kam ein Abguß von Michelangelos „sterbendem Sklaven", den ich so sehr liebe. Tenn es ist das glückseligste und zugleich schönste Erlöst- jverbeu vom Leben, welches mir in der bildenden Kunst vller Zeiten bekannt ist. Ein Zufall fügte, daß zwei der kleinen geflügelten Liebesgötter, die den Hain der großen Göttin durchgaukeln, gerade über dem Tisch und dem Sterbenden ein buntes Gewinde halten.
Saß ich! an diesem Tisch,, daran ich ein volles Fahr itidjit arbeiten wollte, so sah ich durch die eine der beiden Balkontüren, über die Gärten der Billa Taverna und die von Pinien umrauschte Terrasse der Billa Mondragone hinweg, auf die gliinzenden Gipfel des Sabinergebirges. Ter Mick aus dem nildern Fenster umfaßte die Campagna und Rom, den Berg Soracte mit der etrurischen Ebene und dem Meeresstrand.
Es war eine ganze Welt!
Meine Bibliothek ließ ich, in dem luftigen Gemache unterbringen, darin das altertümliche Billard steht. Die Familie der Falconieri, die hier in Lebensgröße die Wände belebt, ist in ihrem alltäglichen Tun und Treiben mit solcher derben Wirklichkeit dargestellt, daß ich mich anfangs wie in einer Gesellschaft von Fremden fühlte, die mich höchlichst! genierten. Sie vertrauten fid) in meinem Beisein ihre Geheimnisse an, hielten ihren Klatsch und Tratsch mit- ein ander, kamen und gingen, lachten und schäkerten; und ich bin sicher, daß der Brief, den jene eine, etwas ältliche, sehr geputzte Madame Falconieri in meiner Gegenwart liest, Sin Billetdoux ist. Allerdings befindet sich ihr eigener, nicht gerade angenehm aussehender Gatte auch dabei.
Tie beiden Räume im Mittelbau mit der hübschen Kassettendecke und dem seltsamen Figurenfriese wurden mein Schlaf- und Toilettenzimmer; und meine einsamen Mahlzeiten nahm ich unter lauter verstorbenen Falconieri in dem großen Saale ein. Auf der einen Seite leistete mir dabei die schreckliche Ottavia Sacchetti, auf der anderen die arme reizende Teresa Gesellschaft. Sehr schön ist in diesem Raume das Deckengemälde. Es stellt den Triumph der Benus dar, die schaumgeboren dem Meer entsteigt. Eine Gruppe junger Tritonen könnte von Domenichino gemalt sein.
In einer Woche Ivar ich so vollständig eingerichtet, chls wäre ich seit Jahren ein Bewohner der Billa. Ich hatte vorzüglich^ Dienstboten, die noch heute, nach vollen
zwanzig Jahren, dieselben sind, und mit denen ich, ein Leben führe, dessen patriarchalische Sitten zu meinen reinsten Freuderi gehören.
Bon bett Pächiersleuten hielt ich mich nach Mögliche feit fern.
Da sich ihre Wohnung in einem ganz anbent Teil des weitläufigen Hauses befand, kam ich in der Billa selbst niemals mit ihnen in Berührung. Doch machte ich Herrn Mariano in aller Form meinen Besuch der nach zwei Tagen in aller Form erwidert wurde.
Eine Reihe Fenster meiner Wohnung führte auf jenen tief gelegenen Hof hinaus, wo ich! Frau Mariano zum erstenmale erblickt hatte. Die Blüten der weißen Bansia- rosen strömten mir gerade gegenüber von der Mauer zu dem antiken Torso hinach der einem Nymphäum Luculls angehört hatte.
Aber Frau Mariano saß nie wieder auf dem Rande des alten Brunnenbeckens zwischen den wilden Kallablumen. ...
Auf meinen Spaziergängen im Park vernahm ich bisweilen den leisen melancholischen Gesang, mit dem sie ihr Kind einschläferte. Er klang gewöhnlich vom Chpressen- teich herab.
Um sie nicht zu belästigen, mied ich den schönen Ort. Sah ich sie zufällig von toeitem, so hatte sie stets ihr Kind in den Armen, und stets trug sie ein dunkles, schlechtes Kleid.
Ich grüßte sie jedesmal sehr ehrerbietig, und jedesmal erhielt ich kaum einen Gegengruß.
Herrn Mariano fast täglich zu sehen und zu sprechen, ließ sich unmöglich! vermeiden.
Me in meinem Leben hatten mich einem Menschen gegenüber so widersprechende Empfindungen beseelt. Ich fühlte mich hingezogen uttd noch stärker abgestoßen. Seine hellenische Schönheit flößte mir Bewunderung und sein Charakter beinahe Abscheu ein.
Jeden Tag genoß ich das Schauspiel, wie er mit der kraftvollen Anmut eines antiken Rossebändigers unter den Steineichen vor dem Hause sein wildes Roß himmelte; und jeden Tag fesselte mich von neuem feine Unterhaltung, die weder Salongeschwätzl noch Dilettantenweisheit war. Er war der eigentümlichste Mensch!? In seinem bei einem ersten Schneider gearbeiteten ländlichen Kostüm verkehrte er kameradschaftlich mit seinen vielen Knechten, die er sich unter den stattlichsten Burschen ausgesucht hatte. Am Feiertage spielte er mit ihnen Boccia und Morra. Mitunter besuchte ihn ein Pater aus dem Kapuzinerkloster unterhalb! der Tuskulana, oder einer der Camaldolenser aus denk benachbarten Kloster kam angetrabt, ganz in schneeweiße Stoffe gehüllt, um irgend ein Wein- oder Oelgeschäft mit ihm zu „kombinieren".
Jeden Tag hörte ich ihtr auf dem Hofe mit wütender Sttmme nach seiner Frau schreien, und jeden Tag vernahm ich sein Rasen im Hause-


