736
Schlag Vermögen gewonnen und verloren werden können. Und da ist er nicht mehr die müde, nervöse, reizbare Person, als die ihn seine Minister so gut kennen. Er ist dann kühn, schneidig, sein ganzes Wesen atmet eine gewaltige Energie. Der geborene Spieler ist er, kaltblütig, schnell, verwegen, nie um einen Ausweg verlegen, ein Meister der Strategie und ein gefährlicher Gegner, wenn es sich um eine verzweifelte Partie handelt. Noch eine andere grosse Leidenichaft hat der Zar: das Rauchen. Kaiser Wilhelm und König Eduard sind ja als starke Raucher bekannt, aber er schlägt beide ans diesem Gebiete. Tie Havannas, die er raucht, müssen schwarz sein, und den Tag über kommt ihm die Zigarre nicht aus dem Munde. Ter Leibarzt, der gegen dieses Laster ivohl ein Dutzendmal und mit Recht protestierte, denn Kaiser Nikolaus ist alles, nur kein starker Mann, musste schließlich nackgeben, als ihm der Zar sagte: „Wollen Sie mich meines einzigen Vergnügens berauben?" Selbst die Kaiserin, die sonst einen großen Einfluß auf ihren Gemahl ausübt, ist dreier Leidenschaft gegenüber wehrlos. Anderseits ist Zar Nikolaus auch ein Freund jeder Art von Sport. Nur bringt er es ans keinem Sportgebiet zu großen Ehren. Ganz im Gegensatz zu seinem Doppelgänger, dem Prinzen von Wales, ist er ein schlechter Angler und ein unglücklicher Schütze. Höchstens als Radfahrer mag er passieren. Er liebt es, nach Bester, zu Rad größere und kleinere Ausflüge zu unternehmen, meistens ganz allein, ohne jede Begleitung. Auf einer dieser Radlerparpen soll er einmal ein gelungenes Abenteuer erlebt haben. Er war ziemlich weit von seinem Schlosse entfernt, als ihm mitten aus der Straße ein Reisen platzte. So was kann auch einem Kaiser passieren. Nikolaus stieg also ab und begann nun seine kaiserlichen Kenntnisse darauf zu verwenden, wie der Schaden am besten zu reparieren wäre. In diese Aufgabe war er so perltest, daß er gar nicht das Nahen eines Reiters wahrnahm, der, als er bei ihm anlangte, ihn anbrüllte: „Herr! Was soll das heißen? Wissen Sie nicht, daß Sie Ihren Vorgesetzten zu grüßen haben?" Erstaunt drehte sich der Zar, der zufällig die simple Uniform eines Infanterie- Obersten trug, um und sah über sich einen gewichtigen, augen- rollendcn General hoch zu Roß. „Ich bitte um Entschuldigung", ertridertc er sanst, „aber ich habe auf dem Throne viel zu wenig Zeit, um alle meine Generale persönlich zu kennen." Schade, daß kein Photograph dabei war. Das Gesicht des Herrn Generals muß geistvoll gewesen jein bei dieser Entschuldigung.
* Was für drastische Vordere Hungen in Amerika für einen Mordprozeß getroffen werden, erhellt aus einem Vorbericht über den Sensationsprozeß gegen „Nan" Patterson, der vor einigen Tagen in Newport unter ungeheurem Andrang des Publikums begonnen hat. „Nan" Patterson, eine elegante junge L e b c d a m e , wird beschuldigt, ihren Geliebten, den Buchmacher Joung, bei Gelegenheit einer Fahrt in einem Cab er- s ch o s s e n zu haben. Um zu beweisen, daß Joung sich nicht selbst getötet haben kann, sondern von einer anderen Person den verhängnisvollen Schuß erhalten haben muß, hat die Staatsanwaltschaft zu einem merkwürdigen Mittel gegriffen, und das Merkwürdigste ist, daß die Verteidigung mit genau demselben Mittel den Beweis erbringen will, daß Joung Selbstmord begingen habe. Tie Anklage behauptet, daß nach den Raumverhält- niistn im Cab fein anderer Schuß möglich gewesen sei, als ein vou'.Her Person, die neben Joung im Cab.saß, abgefeuerter; um dies den 'Geschworenen zu Genüt zu führen, hat der Staatsanwalt sich ein m e n s ch l i ch e s G e r i p p e verschafft, an dem er anatomisch demonstrieren ivill, welchen Weg die Kugel genommen hat. Wer auch der Verteidiger ist nicht müßig gewesen; er erschien gleichfalls mit einem Gerippe vor Gericht, um seinerseits zn beweisen, daß unter besagten Raumverhältnissen nur Joung selbst die Kugel abgefeuert haben könne. Mit Spannung sieht man den hochinteressanten Demonstrationen, die der Mediziner „Ueb- ungen am Phantom" nennt, entgegen; „Nan" Patterson hat inzwischen Vorbereitungen anderer Art getroffen, um die Jury für sich zu gewinnen: sie hat sich für ihren Prozeß drei neue Toiletten machen lassen, da sie der Ansicht ist, daß Männer- Herzen durch gutsitzende Kleider einer lebendigen Schönheit weit wirksamer beeinflußt werden können, als 'durch noch so gelehrte Demonstrationen am Skelett. Es scheint sich in diesem Punkte int Laufe der Zeiten eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen zu haben: Phryne suchte vor Gericht „durch sich selbst" zu wirken, d. h. durch die kühne Enthüllung ihrer plastischen Reize vor den Richtern; die moderne Schöne aber glaubt, ihr Selbst erst durch die Künste der Schneiderin ins rechte Licht setzen zu können!
Literarisches.
— In Berücksichtigung des großen Interesses, das der See und allem mit ihr Zusammenhängende» jetzt ans allen Schichten unseres Volkes entgegengebracht wird, erscheint im Verlage von Stefan Gejbel in Mtenburg eine neue Büchersammlung für die Jugend und das Volk ohne Unterschied der Konfession, des Alters nnd Standes, unter dem Gesamttitel: Deutsche Seebüch erei, Erzählungen aus dem Leben des deutschen Volkes
zur See für die Jugend und das Volk, herausg. von Prof. Tr. I. W. Otto Richter (Otto von Golmen). Die Einzelbändchen der „Deutschen Seebücherei" bieten Erzählungen aus dem Leben des deutschen Volkes zur See vom Anbeginn desselben bis zur Gegenwart. Jeder Band enthält ein farbiges Vollbild. Ter einfache Band kostet kartoniert 1 Mk. Von der Sammlung liegen uns vor: Bd. 1. Dänenherrschaft und ihr Ausgang (1201—1227) und Bd. 3. Tie Hansa und König Waldemar Atterdag (1361 bis 1370).
— Gerstäckers „Regulat oren in Arkansas"! iegen in handlicher Form als Separatbändchen der „Universal- Bibliothek für die Jugend" vor. Gleichfalls Unionsverlag. Tas hübsche kleine Buch besitzt schriftstellerischen Wert. In diesem Bilde ist Licht und Schatten, da ist Psychologie, da ist der Anschein des Erlebten. Eine fremdartige, gleißende Welt zwar, aber doch eine Welt, in die man sich versetzen kann, ohne vorher selbst zuin Indianer geworden zu fein.
Von den Indianern zum Krieg! Die Erzählung „ImGra - natfener am Palu" von A. Oskar Klaußmanu, die in Loewes Verlag (Ferdinand Carl) in Stuttgart erschien, fft eine Geschichte der kriegerischen Unternehmungen bis zur Erstürmung der russischen Stellung Bei Kiautschou durch die Japaner, diejenige Aktion, durch die die Wschließung Port Arthurs von der Außenwelt vollendet wurde. Was aus einem solchen Stoff in dem Rahmen einer Jugenderzählung zu machen war, hat Klaußmann daraus gemacht. Tie gräßliche Menschenfchlächterei da drüben hat freilich kaum lichte Punkte. Eines der fursttbarsten Dramen der Weltgeschichte und doch nicht dramatisch im dichterischen Sinne! Allerdings wenn man an die Beziehnitgen denkt, die sich zwischen den Todeskandidaten im Feld und den Lieben in der Heimat ergeben — da könnte man wohl mit dem weicheren Weh der Erinnerung und der Sehnsucht, mit den Folgen der Trennung draußen und daheim ein Quell tieferer Poesie erschließen. Entschieden lobenswert ist an dem Band die Ausstattung; vier prächtige Farbdruckbilder und eine künstlerische Einbanddecke zeichnen ihit besonders aus.
— „Töchter-Albu m". Begründet von Thekla von Gmn- pert. Neue Folge 7. Band. Herausgegeben von Berta Wegner- Zell. Mit 29 Farbendruckbildern, 8 Beilagen und zahlreichen Abbildungen im Text. Zum 60. Male erscheint diesmal das „Töchter - Album" auf dem Weihnachtsmarkt. Kaiserin Ä n g n st e V i k t o r i a hat diesem Jubelbande zwei s e l b st a u f- geno mmene Photogramme als Ehrengabe gespendet. Vom übrigen Inhalt des Bandes, der 37 Vogen Großformat umfaßt, seien hier nur einige Glanznummern erwähnt. So z. B. ein „Blütenstrauß", der goldenen Jubilarin gewidmet, zn dem mehrere bekannte Dichter und Dichterinnen Beiträge gespendet haben, die handschriftlich wiedergegeben wurden. Sils ein Kunstwerk für sich darf das Märchen von der Lerche, von Therese Dahn, bezeichnet werden, das Illustrationen von Wittschas aufiveist. Interessant ist die Entstehttngs- geschichte des „Töchter-Albums", welche die jetzige Herausgeberin als Einleitung voranstellt und in der voll Anerkennung der Begründerin des Werks, Thekla von Gumperts, gedacht wiro. Im Anschluß hieran plaudert Paul Lindenberg vom Reichskanz er- palais in Berlin, in dem sozusagen die erste Anregung für dies Jahrbuch gegeben wurde. Ein Bild der Prinzeß Elisa Radziw-l., der Jugendliebe des ersten deutschen Kaisers, ebenso eine interessante Originalzeichnung der Prinzessin, die sie selber und Herrn von Wildenbruch den Vater des Dichters, auf der Garirn- terraffe des historischen Palais zeigt, sind dem Beitrag gefügt. Rühmend hervorzuheben sind auch eine Sllbrecht Türer- Stndje von Tr. Georg Malkowsky mit Wiedergabe der berühmtesten Bilder des Meisters, ferner ein Lebensbild der Mutter Bismarcks mit einem Porträt derselben.
Geographisches Rätsel.
(Nachdruck verboten.)
Je eine der nachfolgenden geographischen Bezeichnungen enthält in ihrem Namen eine der Zahlen 1 bis 10. Wie lauten dis Namen?
Berg in Tirol — Teil von Ungarn — Stadt in Bayern — Vorort von Wien. — Stadt in der Rheinprovinz — Ort in Mecklenburg-Schwerin — Stadt in Ungarn. — Stadt in der Schweiz — Binnensee aus der Insel Usedom — Stadt in der Nheinprovinz.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Rösselsprungs in vor. Nr.:
Ein Wort der Lehre — nimm es hin Ins Leben: halt die Zunge fest, Denn ungewog'ne Rede fliegt Unflügger Vogel ans dem Nest. Doch noch ein zweites beßres Wort; Halt deine Seele fromm und rein. So wird was deinem Mund entfliegt, Nie ein unflügger Vogel sein. (Arndt.)
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchenUniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


