Ausgabe 
10.12.1904
 
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es sich um Ihre persönlichen Wahrnehmungen. Haben Sie noch eine Aussage zu machen?"

O ja", entgenete Brown gedehnt mit einem schnellen Blick auf La Grange.Sehen Sie, wie ich nun nach der Begegnung mit dein Manne ans Haus komme, um daran herum nach dem Stalle zu gehen, stutze ich auf einmal, weil ich einen schwachen Lichtschein gewahre, der aus einem Fenster auf den Hof fällt. Ich denke: mußt doch mal sehen, wer da noch auf ist, und schleiche mich nach der Seite hinüber. Tas Licht kam, wie ich nun sah, aus dem Zimmer vou Herrn Mainwarings Sekretär, und da die Fenstervorhänge nicht zugezogen waren, konnte ich deutlich erkennen wie Herr Stott im Zimmer auf und ab schritt. Ich dachte: ,dem muß wohl was fehlen', denn sein Gesicht erschien mir ganz anders wie sonst, es war mir, als ob es blaß und verstört aussehe. Ich beobachtete ihu eine ganze Weile und betrat dann beit Kiesweg, der nach dem Stalle führt. Da muß er wohl aber irgend was gehört haben, denn Plötzlich blieb er Ivie erschrocken und lauschend stehen und gleich darauf löschte er das Licht aus. Diesen Augenblick benutzte ich, mich schnell davon zu machen. Los wurde ich die Sache aber nicht gleich, denn ich dachte, 's wär' doch mächtig sonderbar"

War Herr Skvtt völlig bekleidet?" unterbrach der Coroner.

Ja", stieß Brown kurz und mürrisch hervor.

Begaben Sie sich gleich in Ihre Wohnung?" ,,^a.

Wieviel Uhr war es, als Sie diese betraten?" Bald drei!"

Hörten oder sahen Sie sonst noch etwas während der Nacht?"

Nein."

Und am Morgen erfuhren Sie von dem Mord erst, als der Gärtner zu Ihnen kam?"

N . ja, nein", stotterte Brown, wieder mit einem Blick auf Frau La Grange, die ihn unverwandt scharf cmsah.

,Lhre Antwort ist ganz unsicher. Drücken Sie sich klar Und bestimmt aus!"

Sehr wohl", antwortete Brown barsch und verdrossen, ßd) sage, daß ich von nichts gewußt habe, bisOnkel Moses" kam."

Gut, dann sind Sie jetzt entlassen."

Brown schritt langsam mit finsterem Gesicht auf seinen Matz; der Coroner blickte ihm verwundert nach.

(Fortsetzung folgt.)

Maudereisn aus der Kaiserjiadt-

(Nachdruck verboten.)

Die Toteninsel im steinerne» Meer. Berlins ehemaliges Ge­heimratsviertel. Quantz nnb der alte Fritz. Onanist Denkmal.

Vor wenigen Wochen endlich ist durch eine Entscheidung der Krone die Beseitigung eines kleinen, wohl des kleinsten Berliner Friedhofs, ermöglicht, der mitten im brandenden Getriebe der Weltstadt liegt, von den Millionen Menschen, die daran vor­über hasten, nicht bemerkt, weil ihn ziemlich hohe Mauern ab­schließen, und doch ein Hindernis des Verkehrs, wie es an dieser Stelle, deren Frequenz sich im Laufe eines halben Jahr­hunderts verhundertfacht hat, schon längst nicht mehr hätte ge­duldet werden dürfen, trotz aller Pietät, die man den Ruhestätten Jeimgegangener Geschlechter von Herzen gönnt. Die Dreifältig- eitsgemeinde, deren Kirche neben dem Friedhof an der südlichen Mündung der Mauer- und Kanonierstraße liegt, war die Be­sitzerin dieses alten Friedhofsrestes, und sie verteidigte ihn, wohl aus finanziellen Gründen, mit einer nicht gerade christlichen Hartnäckigkeit, bis nun das Enteignungsverfahren dieser Toten­insel im steinernen Meere der Weltstadt das wohlverdiente Ende bereitet. Wo dieser merkwürdige Kirchhof liegt? Wenn Tu vom Potsdamer Bahnhof kommst, lieber Leser, und biegst nach rechts in die Königgrätzerstraße ein, so hast Dn ihn von zwei Seiten umgangen. Es ist das eine Stelle, die mit zu den größten Brenn­punkten des Berliner Lebens gerechnet werden darf, seit auch die Mündungen der Hochbahn hier angelegt worden sind. Vor noch nicht gar zn langer Zeit herrschte in diesem Berliner Bezirk, der oberen Friedrichsvorstadt, noch 'die vornehme Ruhe desGe­heimratsviertels". Das war um die Mitte des vorigen Jahr­hunderts, als die Eisenbahn von Berlin nach Potsdam und Magde- burg noch fast lokale Bedeutung hatte. Da waren Köthener-, Bernburger-, Königgrätzer- und Anhalter Straße die Hochburg des höheren Beamtentums. Aber mit dem Anwachsen der Ver- kehrswogen sind sie nach und nach zu lebhaften Geschäftsstraßen

geworden unb haben ihre Rolle an das inzwischen entstandene Potsdamer Viertel abtreten müssen, das als Geheimratsviertel indes auch heute schon nicht mehr gelten kann. Jetzt sind die Geheimräte" schon wieder weiter nach Westen gezogen und bevor­zugen die Gegend Hinterm Nollendorfplatz, nach Charlottenburg zu oder die südliche Tiergartengrenzc. Noch hundert Jahre weiter zurück, und wir finden das Potsdamer Tor noch wirklich als Tor vorhanden. Eine Stadtmauer schließt Berlin vorsichtig ab, und das Terrain des Potsdamer Bahnhofs sowie der heutigen Königgrätzer Straße liegen außerhalb dieser Stadtmauer. An dem Wege, der an dieser Maner entlangführt, haben vermögende Bürger sich hier und da Landhäuser mit schönen Gärten angelegt. Ein gewisser Petitjean hat auch einen großen Hopfengarten hier. Dem Kamnterherrn de Vigneule gehört derblaue Himmel", das letzte der Gartenhäuser vor dem Tore; und dort wo heute allabendlich die Köthener Straße den Menschenstrom zu Berlins vornehmstem Konzectlokal, derPhilharmonie", zu- und ableitetz hatte der musikalische Berater desAlten Fritz", Herr Johann Joachim Quantz aus Oberscheden in Hannover, ursprünglich für den Schmiedehammer bestimmt, nachher aber der Flöte den Vorzug gebend, sein Heim ausgeschlagen. In diesen Tngeit, wo der wohlbeleibte Leoncavallo als Günstling des Kaisers in Berlin weilt und seinenRoland" einstitdieren Hilst, ist es nicht un­interessant, Nachschau zu halten, wie Friedrich zu Quantz stand, der ja schon zu Lebzeiten des gestrengen Soldatenkönigs heimlich als Lehrer des musikliebenden Kronprinzen fungierte. Quantz war damals noch in Dresden mtb kam nur von Zeit zu Zeit nach Berlin herüber. Erst 1741 siedelte er als Komponist und Lehrer in des jungen Königs Diensten, nach Berlin über. Seine Bezüge waren für die damalige Zeit nicht gering bemessen. Außer einem jährlichen Gehalt von 2000 Talern empfing er sirr jedes neu von ihm komponierte Konzert 100, für jedes Solo 25, für jede dem Könige gelieferte Flöte 100 Dukaten. Ta er allein 300 Konzerte komponierte, kann man ungefähr ermessen, daß Quantz cs in Berlin sehr bald zu einem behaglichen Wohl­stand brachte. Mit den Flöten, deren Technik er wesentlich ver­besserte, hatte er mitunter seine Not. Der große König be­hauptete einmal von einer, die Quantz mit besonderer Sorg­falt hatte Herstellen lassen, sie sei nicht ganz rein, was den eigensinnigen Musiker sehr verdroß und ihn schließlich zu der Bemerkung hinriß:Wenn ein großer Herr es ertragen könnte, die Wahrheit zu hören, so würden Ew. Majestät gleich wissen, daß es nicht an der Flöte, sondern woran es liegt!" Ein keckes Wort, das den König zn der erregten Antwort veranlaßte:Wie, ich sollte die Wahrheit nicht vertragen können? Sage er, was wahr ist!" Worauf Quantz ziemlich verdrießlich darauf aufmerksam gemacht haben soll, daß der hohe Flötenspieler sein Instrument nach dem Spiel in der Hand behalte oder unter dem Arm trage, was eine ungleiche Erwärmung zur Folge habe und die Verstimmung Hervorrufe. Der König quittierte diese Erklärung mit einem kurzen:Es ist nicht wahr!" Als aber Quantz acht Tage lang während der Konzerte des Königs kein einziges der sonst gewohntenBravos" spendete, gab der alte Fritz klein bei und erklärte, daß Quantz Recht, gehabt habe. Diese Bravos scheinen dem Könige merklich wertvoll geivesen zu sein; denn er wiederholte fehlerhafte Stellen auf der Flöte so lauge, bis statt des sonst erfolgenden Räusperns der Meister endlich damit herausrückte; ja, er änderte auch in seinen Kompositionen, wenn das Räuspern sich nicht legte, unb drollig ist es, den Sieger von Beuthen die fehlerhaften Quinten endlich korrigieren zu sehen, damitQuantz sich keinen Katarrh zuziehe!" Ist das nicht ein Verhältnis, das auf die ichlichte Größe des Philosophen von Sanssouci die seinsten Lichter wirft? Die letzte der Qunntz- schen Kompositionen, bei der ihm der Tod die Rotenfeder aus der Hand nahm, vollendete der König durch ein Schluß-Allegro, und ließ die drei Teile, die sehr einfache, aber zu Herzen gehende Melodien aufweisen sollen, zur Aufführung bringen.Man sieht, Quantz ist mit sehr guten Gedanken, ans der Welt ge­gangen!" äußerte er dabei tief ergriffen. Er selber hatte den rüstigen 76er, der in Potsdam plötzlich erkrankt war, wie einen Freund überwacht unb für seine Pflege geborgt. Das Denkmal, das er ihm setzen ließ, zeigte in Lebensgröße jene der neun Musen, die dem Flötenspiel besonders gewogen war: Euterpe, mit einem Knaben, der sich an ihre Kniee lehnt unb die um­gekehrte Fackel hält. Er stand bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Platze des eheinaligen Gottesackers vor dem Nanenschen Tor, der zuletzt als Baumschule diente, bis auch er, der Bebauung anheimfiel. Dann wurden Denkmal und Ge­beine nach einem Kirch-Hof in der Teltower Vorstadt übertragen, wo ich ersteres auf meinen Berliner Kirchhofswandernngen jedoch bis heute noch nicht habe auffinden können. A. R.

vevmr?chtes.

* Der Zar als Spieler und Sportsman. Zar Nikolaus müßte kein echter Russe sein, wenn er nicht für ein Spielchen" eine Schwäche hätte. In einem Artikel desRoyal Magazine" erzählt R. W. Bester darüber: Spät am Wend, so um 10 Uhr, wenn sich die Zarm zurückgezogen hat, setzt sich 'der Kaiser mit feinen Gästen zu einem Rubber oder zu dem natio­nalen Hasardspiel, demWint", nieder, bei dem mit einem