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der nicht weit von .ihnen in matt erleuchteter Kammer ungeliebt, unbetrauert und vergessen aus der Bahre lag, nachdem er noch gestern abend bei glänzendem Mahle der Mittelpunkt vieler Aufmerksamkeiten und schmeichelhafter Kundgebungen seiner Gäste gewesen war.
Das N e tz wird gesponne n.
Die Aufsehen erregenden Nachrichten der Morgenzeitungen lockten wieder eine Menge Neugieriger zu dem Hause der Mordtat. Schon lange vor der zur Fortsetzung der Vernehmungen festgesetzten Stunde herrschte in Schöneiche eine lebhafte Bewegung.
Ter Verhandlungssaal bot inbezug auf die Anwesenden und deren Gruppierung fast ganz dasselbe Bild wie tags zuvor, nur Harry Skott hatte seinen Platz mehr in der Nähe des Coroners genommen. Er bemerkte Wohl die vielen mit Argwohn und Mißtrauen auf ihn gerichteten Blicke und war auch darauf vorbereitet, daß er wahrscheinlich noch mehr belastet werden würde; trotz alledem zeigte er aber eine Sorglosigkeit und Sicherheit, die jeden in Erstaunen setzte. Niemand konnte in ihm noch einen Angestellten des Hauses erkennen. Seine Miene und Haltung war die eines in stolzer Unabhängigkeit sich fühlenden Mannes. Sogar Herr Whitney wußte nicht, was er von ihm denken sollte.
Dicht neben Skott, aber in der Stuhlreihe hinter ihm, saß Herr Sutherland. Den beiden Herren gegenüber, ziemlich alle Anwesenden vor Augen habend, lehnte scheinbar teilnahmlos und uninteressiert, Herr Merrick an einem Pfeiler.
Als erster Zeuge wurde der Portier Johnson aufgerufen. Er sagte zunächst über sein Zusammentreffen mit dem Kammerdiener Hardy aus, wobei neues nicht zutage kam, und der Coroner fuhr fort:
„Auf deu Wunsch Herrn Whitneys hielten Sie sich nun vor der Bibliothekstür auf, um niemand außer der Verwandtschaft Herrn Mainivarings einzulassen; Sie sahen also, wie nach und nach infolge der Schreckensnachricht das ganze Haus herbeieilte. Können Sie angeben, wie lange ungefähr es gedauert haben mag, bis sich alle zusammengefunden hatten?
„Hardy schlug kurz nach sieben Uhr Lärm. Die Dienerschaft kam gleich und bald darauf folgten auch die Herren. Bis die Damen erschienen, mögen aber so an die zwanzig bis dreißig Minuten vergangen sein. Nur Frau La Grange kam erst eine ganze Weile nach, acht."
„Mit Ihrem Sohne?"
„Nein. Den Herrn Walter habe ich überhaupt den ganzen Vormittag nicht gesehen."
„War er denn nicht int Hause?"
„Das weiß ich nicht;, es muß aber wohl so gewesen sein, denn vor dein zweiten Frühstück habe ich ihn nicht zu Gesicht bekotnmeu."
„Wann sahen Sie Herrn Mainwaring zürn letztenmal?" „Vorgestern abend, kurz nach elf Uhr. Da war ich gerade in der großen Halle, als er voit draußen hereinkam und Herr Skott eben hinausgehen wollte; ich hörte, wie er dann fugte, Herr Skott solle später noch einmal in die Bibliothek kommen."
„Bemerkten Sie dabei in dein Tone Herrn Maiuwa- rings oder in dem Verhalten Herren Skötts irgend eine Mißstimmung?"
„Nicht die Spur. Sie waren beide ganz wie sonst."
„Haben Sie vorgestern noch, einen anderen Fremden ins Haus gelassen, außer den beiden, die gestern hier erwähnt wurden?"
„Nein."
„Sie warteten beim Frühstück mit auf und werden da gehört haben, wie das Gespräch auf Herrn Hobson kam. Mel Ihnen hierbei an Ihrem Herrn etwas auf?"
„Hm — na — die Sache war ihm Wohl nicht ganz recht; Vach Aufhebung der Tafel trat er an mich heran und fragte Wich leise, ob Herr Hobson nach ihm gefragt hätte."
„Ließen Sie den ManU auch ein, als er abends Wiederkam?"
„Am Portal nicht; ich wies ihn iiac£) dem Seiten- eingange an der Südseite."
„Wohl auf Geheiß voit Frau La Grange?"
i. ,/Jä, die hatte es so angeordnet."
i ,/Gab sie einen besonderetr Grund dafür an ?"
. ,,Nun, sie sagte nur: ,Johnson, wenn der Herr Hobson
heute abend wiederkommt, lassen Sie ihn durch die Seiten^ Pforte ein, ich möchte nicht, daß er noch einmal bemerkt wird, weil sein Besuch heute morgen zu so viel Gerede Anlaß gegeben hat.'"
„Er soll am Abend in Begleitung eines anderen Mannes gekommen sein. Wie sah der aus?"
„Viel habe ich nicht von ihm gesehen, weil er im Schatten stand; ich glaube aber, er war ebenso groß wie Herr Hobson, nur viel stärker."
„Habeu Sie später beide wieder Weggehen sehen?" „Nein."
Ter Portier wurde entlassen, und der Kutscher Brown' ausgerufen.
„Nun,- Brown, erzählen Sie einmal, wann und wie Sie Kenntnis von dem Tode Herrn Mainwarings erhielten."
„Tas war gestern früh, so gegen halb acht. Ich striegelte gerade die Pferde, da kam „Onkel Moses" — mit Verlaub, wir nennen nämlich den Gärtner so — und schreit: „Jesus, Jesus, der Herr ist gemordet, er liegt im Turmzimmer und alle —" — —"
„Schon gut", unterbrach der Coroner den als sehr redselig bekannten Mann. „Wie lange waren Sie schpn im Stalle, als Sie die Nachricht erhielten?"
„Na, 'ne gute Stunde kann's Wohl gewesen sein." „Waren Sie vorher schon im Hause gewesen?" „Nein, aber nun lief W gleich rn die Küche, nm noch mehr zu erfahren. Alles redete da durcheinander, daß man gar nicht zu Worte kommen konnte, ich wußte aber etwas, was kein anderer wußte, denn ich hatte in der Nacht etwas gesehen, und als jch endlich Ruhe geschaffen hatte und gerade im Begriff bin, den Leuten das zu erzählen, kommt der Portier und sagt, ich sollte gleich zu Herrn Ralph kommen."
„Wo waren Sie in der Nacht?" fragte der Coroner plötzlich.
Broivn stutzte einen Augenblick, antwortete dann aber bereitwillig: „Na, wenn's sein muß — ich war mit ein paar Freunden zur Stadt gefahren und kam von dort erst ziemlich spät zurück. Sehen Sie, gerade das aber war ein sehr glücklicher Umstand."
„Wieso?"
Ter Zeuge räusperte sich. Er sah die Gelegenheit zu einem längeren Vortrag vor sich und gedachte diese voll auszunützen. Langsam und selbstbewußt, im Gefühle seiner Wichtigkeit, begann er:
„Also, das kam so: Wie ich schon sagte, hatten wir uns etwas verspätet, und als wir hier aus dem Bahnhofe wieder ankamen, eilte ich, nach Hanse zu kommen. Ich schlug den kürzesten Weg nach dem Fußpfade ein, der um den See herum in den Park führt. Als ich da eilig am User entlang schreite und um eine Ecke biege, sehe ich auf einmal in kurzer Entfernung vor mir einen Mann stehen, der mir den Rücken zukehrt. Er mar groß und schien rabenschwarzes Haar zu haben; sein Ueberzieher reichte ihm beinahe bis auf die Füße. Ich war neugierig, was der um die Zeit da machte, und schlüpfte schnell hinter ein paar dicke Bäume. Kaum ftanb. ich da, als er sich bückte und etwas vom Boden aufhob. Dann ging er weiter und kam gerade auf mich zu. Der Mond schien hell, und ich bemühte mich, sein Gesicht zu sehen, das gelang mir aber nicht, da er den Mond hinter sich hatte. Nachdem er an mir vorüber war, paßte ich auf, welchen Weg er nehmen würde, und da sah ich, daß er schnell auf dem Fußweg davonschritt, den ich eben gegangen war, er also wohl nach der Stadt wollte.
„Haben Sie nicht sehen können, ivas er von der Erde aufhob?"
„Mir kanr das Papier vor wie ein in Papier eingeschlagener kleiner Kasten."
„Faßten Sie keinen Verdacht? Stieg in Ihnen nicht der Gedanke auf, deu Mann anzusprechen, um ihn näher in Augenschein zu rrehmen, wo er doch zu so ungewöhu- licher Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach vom Hanse hergekommen ff ein mußte?"
„Na ja, das wäre wohl am Ende richtig gewesen, aber ich wollte mich nicht gern sehen lassen, und legte der Sache auch kein großes Gewicht bei, bis „Onkel Moses" mir gestern früh erzählte, er hätte in der Nacht gesehen —"
„Ach, kümmern Sie sich doch nicht um das, was der sah, das werden wir von ihm selber hören. Hier handelt


