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vermischter.
»' Zur Zeit ist es noch vielfach Sitte, junge Mädchen nach ganz kurzer Lehrzeit von einigen Monaten als fertige Verkäuferinnen einzuflellcn. Diese mangelhaft ausgebildeten Gehilfinnen werden natürlich auch angemessen, d. h. schlecht bezahlt. Dieselben betrachten sich aber als Angehörige des Kaufmannsstandes und werden auch als solche behandelt. Dass ein solches Verhältnis nicht dazu angetan ist, das Ansehen des Kaufmannsstandes zu heben, bedarf keines Beweises. Diese unleidlichen Zustände in bessere Wege zu leiten, dieses Verdienst hat sich die Kaufmannschaft der Stadt Sorau (Lausitz) erworben. Die Herren haben sich nämlich bei Zahlung einer ansehnlichen Konventionalstrafe verpflichtet, den jungen Mädchen, die sie in Stellung nehmen, eine zweijährige Lehrzeit aufzuerlegen und sic zum regelmäßigen Besuche der obligatorischen Fortbildungsschule zu verpflichten. Die städtischen Behörden haben diese durchaus richtigen Bestrebungen unterstützt, indem sie eine eigene Schule für Mädchen gründeten, die in kaufmännischen Geschäften tätig sind, und indem sie alle jungen Angehörigen des Handels weiblichen Geschlechtes zum Besuche dieser Anstalt verpflichteten. Seit langen Jahren betrachteten die männlichen Handlungsgehilfen ihre Kolleginnen mit scheelen Augen, was dadurch verursacht wurde, daß durch die schlechte Bezahlung der Mädchen das Einkommen der Gehilfenschaft überhaupt herab- gcdrückt.wurde, und daß infolge der mangelhaften Ausbildung der im Handel arbeitenden Mädchen das Ansehen der jungen Kaufmannschaft zu leiden hatte. Der in Sorau betretene Weg ist wohl geeignet, nach beiden Seiten hin eine Besserung der bestehenden Zustände yerbeizuführen und viel beklagte Mißstände zu beseitigen. Wir begrüßen denselben mit lebhafter Freude und hoffen, daß das gegebene Beispiel <mch in anderen Orten Nachahmung finden wird.
— Ein Burenführer über die deutschen Trinksitten. Ter Mut, die zähe Ausdauer, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit der Buren in ihrem Heldenkampf steht noch in aller Erinnerung. Bekanntlich waren in ihren Reihen geistige Getränke verpönt. Sie wußten zu gut, welche Gefahren berauschende Getränke, besonders in Kriegszeiten, mit sich bringen. Einer der Führer, der Burenkommandant I. P. I o o st e aus Prätoria hat kürzlich in einem Buche die Eindrücke geschildert, welche er auf den Reisen durch Deutschland bekam. Dabei hält er — in bestgemeintester Absicht — uns einen Spiegel vor, in welchen hineinzuschauen lohnt. Er schreibt: „Hierbei drängt mich dock mein Gewissen und meine Neberzeugung, mein Volk vor dem größten Uebel und der größten Gefahr zu warnen, welche die europäische Zivilisation in sich "schließt: vor dem Alkoholteufel. Es ist ganz unglaublich, was auf diesem Gebiete gesündigt, wieviel Zeit und kostbares Leben in Gastwirtschaften verlottert wird, und in welchem Maße schwere Krankheiten, Selbstmorde, Zusammenbruch der Familien, ganz abgesehen von der Geldverschwendung, aus diesem Laster entstehen. Man muß sich nur einmal vorstellen, daß in Deutschland allein jährlich drei Milliarden des Volksvermögens auf den Konsum von Alkohol verivandt werden . . . und dabei werden die verständigsten Leute in Deutschland empfindlich ünd fast persönlich beleidigt, wenn man. auf die Gefahren dieses Alkoholverbrauchs hinweist. Einmal zeigten mir deutsche Freunde eine Stadt, und als es mir auffiel, daß Kirche und Schulgebäude gegen eine ihnen gegenüberliegende Brauerei und Gastwirtschaft an Umfang und Prunk sehr abfielen, und ich die Meinung äußerte, daß so prachtvolle Gebäude doch wohl besser als Schulen oder Hospitäler verwendet würden, da starrte mich mein Führer ganz entsetzt an, und sagte: ,Um Gotteswillen, Herr Jooste, was denken Sie! Wenn Ihr Buren siegt, dann 'haben wir im Gegenteil im deutschen Vaterlande noch garnicht genug Brauereien, um Euern Sieg feiern zu können!' Tas merkwürdige ist, daß bei den meisten Menschen der Alkoholgenuß nicht Trinkbedürfnis ist, sondern sich aus den gesellschaftlichen Sitten und Gewohnheiten ergibt. Es wird einem im Verkehr sehr schwer gemacht, sich als Gegner des Alkohols zu bekennen. Wer kann das besser beurteilen als ich! Drei Jahre lang habe ich in Deutschland im öffentlichen Leben gestanden und war geradezu überströmt von Freundschaftsbezeugungen aller Art, nnd doch kann ich sagen, wenn ich mich nicht gegen das Trinken gewehrt hätte, so würde ich heute sicher aufs tiefste gesunken sein, und hätte dies nur den Freunden und Freundschaftsbezeugungen zu verdanken gehabt!" Besonders aber schreibt er den deutschen Studenten, welech er lieb gewonnen hat, als guten Rat ins Stammbuch: „Es lief alles sehr gemütlich ab und ich fühlte mich riesig Wohl. Nur zwei Gedanken quälten mich: Wenn die Herren Stu
denten immer so früh anfbrechen, dann ist cs zu spät. Und: wenn gewöhnlich so viel Bier getrunken wird, dann könnte es ruhig etwas weniger sein."
Poesie auf den Gleiberg.
Bei der Festsitzung des Gleiberger Geselligkeitsvereins aus Anlaß der 25 jährigen Wiederkehr der Besitzübertragung der alten Berg-Feste seitens des preußischen Staates an den Verein, schrieb der unter den Festteilnehmern weilende Kreisamtmann Tr. Kranzbühler folgende Mahnung in das auf der Burg offen- liegende Fremdenbuch: Gleiberg-Verein (1879—1904.)
In diesen Tagen hat vollendet
Sich just ein Vicrtclsükulum,
Seit sich der Burg Geschick gewendet
Seit Gleiberg unser Eigentum.
Nicht bauen wollen wir ihn wieder
In alter Pracht zu falschem Schein:
Wie ihn der Zeiten Lauf warf nieder
So soll er uns erhalten sein.
Wenn sich daS weiße Mondlicht breitet Ob Burg und Torf und Felder weit, Tann durch die grauen Mauern schreitet Tie heilige Vergangenheit.
Versuchet nicht, sie aufzuhalten.
Zu bannen sie in neuem Stein! —
Laßt treu uns halten an dem Alte n
Laßt heilig uns die Trümmer sein.
Der Volksschullehrer Wilh. Loch an-Gleiberg erfreute bett Verein indem er ihm das folgende Gedicht darbrachte:
Es liegt eine Veste in deutschen Gau'n, Erhaben und hehr ist sie zu schau'n.
Ihr Bergfried, schon tausend Jahre alt. Steht fest noch gegründet auf blauem Basalt. Ter Ausblick von ihut, in die Lande hinein. Kann schöner und herrlicher nirgendwo sein!
Tie Gleiburg bei Gießen, auf felsigem Grund,
Tie Zierde des Lahntals bis zur Stund,
Bewohnte einst lange ein edles Geschlecht, Tas tapfer gestritten für Freiheit und Recht;
Tie Grasen von Gleiberg, an Tugenden gleich, Sie standen in Treue zu Kaiser und Reich.
Doch alles vergeht und wird einst zu Staub;
Tie Edelen wurden des Todes Raub, Und mit ihnen all der Diener Troß. — In Trümmer sank das mächtige Schloß;
Tie Fackel des Krieges setzt' es in Brand, Tie dreißig Jahr lodert' im deutschen Land.
Doch blieben noch Bergfried und Nassauerbau;
Sie trotzten dem Zahn der Zeit, der rauh
Und stetig nagte an ihrem Gestein
Turch Regen und Sturm und Sonnenschein.
Auch sie wären längst schon im Verfall, Wenn sie nicht beschützte ein treuer Vasall.
Ter Gleibergvcrein, so hilfreich und gut, Nahm Schloß und Ruine in treue Hut. Er suchte zu halteu, was haltbar uoch war. Fürsorglich schon fünfundzwanzig Jahr.
Mög' ferner dem cd'len Werke sich weih'n Und wachsen und blühen der Gleibergvcrein!
Litevcrs'ssches.
— Götz Krafft, Tie Geschichte einer Jugend von Edward Stilgebauer. In vier Romanbänden. 2. B a n d: I m S t r o m der Welt. Verlag von Rich. Bong. Preis 4 Mk. — Ter jetzt zur Ausgabe gelangte zweite Teil zeigt uns den Helden in der trüben Brandung der Großstadt Berlin und die Gefahren, die den unreifen, vom „Strom der Welt" erfaßten Studenten in der schwülen Atmosphäre der Millionenstadt umlauern. Mit russischen und italienischen Anarchisten wird Götz durch sein Schicksal zusammengesührt, von neuem lernt er die Nachtseiten europäischer Kultur kennen, ohne jedoch durch den politischen Radikalismus aus seiner Bahn gerissen zu werden. Wie in der Politik, so brodelt und gährt es aber auch in der Literatur. Alle Tinge werden dem Götz Krafft zum Erzieher, es zeigt sich auch an ihm, daß die Stadt des Vergnügens noch mehr die Stadt der fleißigen Arbeit ist.
Charade.
Nachdruck verboten.
Halb bin ich flammend und glühend, halb starr ich in bitterster Kälte; Suche in Böhmen mich auf, wo mich die Elbe bespült. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.:
Niger — Dttilie — Rakete— Diadem — Pallas — Oriant — Levante;
Nordpol, Eismeer.
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»


