Ausgabe 
10.11.1904
 
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Lunt Stahl. Lange, lange faß er so. Er hatte ganz ver­gessen, daß da noch ein Brief seiner harrte. Endlich, als er wieder aufmerkte, fielen feine Blicke darauf. Mechanisch griff er nach dem Schreiben. Es war von Dörrenbach.

Dörrenbach war gerade kein Briefschreiber, diesmal aber hatte er sich doch daran gehalten, und' die Liebe hatte ihn sogar zum Diplomaten gemacht. Er hatte alles ver­mieden, was nur einen Schein von Vermitteln zu erregen imstande war oder der leisesten Indiskretion ähnlich sehen konnte. Er sprach zuerst seine Freude aus, den Kameraden in Aktion zu wissen. Er würde selbst gern mitgegaugeii fein aber das Klima sei nicht für ihn. Wäre er doch im Sommer bei uns schon mehr tot als lebendig und fröre dafür im Winter wie ein Eiszapfen fest. Dafür hoffte er mal 'auf einen anderen fröhlichen Krieg, damit er doch wüßte, warum er den bunten Rock zum täglichen Gewand erkoren und den Drill zum täglichen Spiel. Dann Begann er zu erzählen von seinem Besuch bei Jutta. Er habe Frau v. Uran die ganze Zeit nicht gesehen, doch auf die Nachricht von der kleinen Erbprinzessin habe er doch nicht wider­stehen können, der jungen Mutter seine Glückwünsche dar- znbringen, wie nun auch ihm siehe dieses Schreiben. Die kleine Puppe", so fuhr er dann fort,ist übrigens reizend! Ich Habe gar nicht gewußt, wie reizend solch Meines, zappliges Ding ist.« ; 1 ; (

f: -tij b. : i (Schluß folgt.) . ,-J i.', .

Monats-Engel!"

r Kapitel der modernen Künstler-Ehe stellt Ernst

von Wolzogen imLiterarischen Echo" (Berlin, Egon Fleischet u. Co.) recht temperamentvolle Betrachtungen an. Im .Anschluß an den jüngst erschienenen Briefwechsel Richard Wagners mit seiner Jugendliebe Mathilde Wesendonck nimmt er den damals noch in schweren Lebenskämpfen ringenden Meister gegen den Vorwurf in Schutz, daß er gegen seine erste Gattin Minna Planer undankbar und herzlos gehandelt habe, als er sich von ihr trennte. .Frau Minna war nicht die Frau, ein Genie auf me Tauer zu fesseln, sie war keine Persönlichkeit, sondern nur .emLebewesen weiblichen Geschlechts" ohne höhere Bestimmung.

Es ist wunderlich", sagt Wolzogen, -daß solche weßilichen Mchtse verhältnismäßig häufig von Künstlern, zumal von Dich­tern in der kurzen Traumblüte ihrer lilienhaften Jugend ent­deckt, _ verhimmelt und geheiratet werden. Mvnatsengel möchte ich diese unheimlichen Wesen nennen, denn sie sind einmal vier Wochen lang hübsch,, vielleicht sogar schön gewesen als junge Mädchen, und in dieser Zeit hat ihnen der Zufall so einen Phantasten in den Weg geftihrt, der ihnen Flügel andichtete und sie zum Engel ernannte. Ihr weiblicher Instinkt gibt ihnen meist das richtige Verhalten gegen ihre Anbeter ein; sie sind kühl und stumm wie die Fischlein im See und beschränken sich darauf, im Wasser ihre Unbedeutendheit nur sacht zu plätschern und ihre bunten Schuppen in der Sonne glitzern zu lassen. Ta Künstler, uild Dichter in Sonderheit, bekanntlich erheblich dümmer find als alle übrigen Männer, sobald die vernünftigen Forder­ungen . des praktischen Lebens in Frage kommen, und da ferner mit dieser Art von Dummheit auch die treuherzige Ehrlichkeit in gleichem Verhältnis sich steigert, bis zum sittlichen Fanatismus zuweilen, so werden diese Monatsengel von ihnen geheiratet oft sogar, nachdem ihr Monat schon längst vorbei ist! Es gibt Mädchen genug, die das Zeug zu echten Künstlergattnmen irr sich haben, beweglichen, entwicklungsfähigen Geistes, voll Tempera­ment und köstlichen Leichtsiniis, phantasiebegabt und dabei doch in praktischen Dingen rasch zngreifend und instinktiv das Richtige treffend. Solche Weiber find Persönlichkeiten, d. h. sie bedeuten für sich selbst etwas; dem Manne, den sie verstehen und den sie ließen, sind sie wertvolle Mitkämpferinnen; sie können auch treu ausharren und dulden, aber nicht jammernd mit den Händen im Schoß, sondern indem sie den Gatten ihrer Wahl durch ihren Leichtsinn aufheitern, durch ihre gesunde Zuversicht seine Wider­standskraft stärken, indem sie ihm den Ausweg aus der Bedräng­nis suchen helfen, öder womöglich gar sich mit eigener Kraft eine Bresche ins Freie schlagen. Aber seltsamerweise werden diese einzig möglichen Mädchen gerade von denen, für die sie vorbestimmt erscheinen, nicht geheiratet. Ter Idealismus dieser Mädchen treibt sie, sich dem Manne, den sie lieben, ohne langes Bedenken hinzugeben, und darum hat man nur ein Verhältnis mit ißnen!

Ich kenne, zahlreiche solcher Künstlerehen, in denen ein Monatsengel einem hochstrebenden Manne für sein ganzes Leben zum Verhängnis geworden ist. Alle diese Ehen sehen sich zum Verwechseln ähnlich: der geist- und temperamentlose Engel ver­blüht weit rascher als jede andere hübsche Jugend, und eine Auf­wärtsentwicklung ist bei dieser Sorte Frauen ausgeschlossen im Gegenteil, je älter sie werden, desto aufdringlicher machen sich die. besonderen Anschauungen, die Manieren und die Rede-

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weise der Kreise, denen sie entstammen, bemerkbar. Tie einzige geistige Cmtwicklung, die sie durchmachen, pflegt im Nachschwätzen einiger gebildeter Redensarten zu bestehen, die sie in ewiger Wiederholung zur Verzweiflung des Gatten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorbringen; denken und nrteilen lernen sie natürlich niemals, und die geistigen und sittlichen Qua­litäten ihrer Gatten vermögen sie nicht anders abzuschätzen, als nach den: Verdienst, den sie Heimbringen, und nach den äußeren Ehren, den ihnen die Welt zu teil werden läßt. Gegen die Not wissen sie sich nur durch Jammern und Wehllagen zu wehren, in Glanz und Wohlleben aber versagen sie noch lläglicher, denn sie haben kein Stilgefühl und Anpassungsvermögen; sie machen sich durch Geschmacklosigkeiten lächerlich und hindern dadurch den Mann, sich frei und fröhlich in der Gesellschaft zu bewegen, die ihm gebührt. Sie haben dem Manne absolut nichts zu geben, verlangen aber als selbstverständliche Gegenleistung seine stille Duldung all ihrer Schwächen und Torheiten, seine unverbrüch­liche Treue und schließlich gar volle Teilnahme an seiner gesell­schaftlichen Ehrenstellung. Zufrieden ist diese Art Frauen nie, weil sie nicht den Humor besitzt, die lleinen Widerwärtigkeiten und großen Unvollkommenheiten des Daseins lächelnd hinzu­nehmen und eifersüchtig ist sie immer, diese Art! Ganz natürlich, denn sie weiß wohl, daß das, was sie ihrer ehelichen Pflicht genügen nennt, mit den Entzückungen, denen die Quellen aller höchsten Kunst entspringen, nicht identisch sein kann. Darum haßt sie, jedes intelligente und einigermaßen ansehnliche Weib, das in ihres Gatten Nähe kommt, und verfolgt diesen mit un­ablässigem Verdacht, mit Spionage und unbegründeten Tränen oder Wutausbrüchen."

Frau von Hervay.

Tie Mutter des infolge seiner Ehe mit einer Betrügerin! durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Mürzzuschlager Bezirkshauptmannes von Hervay hat beim Gericht in Leoben eine Klage auf Ungiltigkeitserklärung der Ehe ihres Sohnes mit Leontine von Hervay geb. Bellachini eingereicht. Tie Zauberer- tochter ist, wie wir kürzlich meldeten wegen Bigamie zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. In derN. Fr. Br.« gibt jetzt Frhr. Alfred v. Berger Beiträge zur Psychologie dieser seltsamen Frau. Er sagt darin:Von verschiedenen Leuten, mit denen ich über den Fall Hervay sprach, vernahm ich die Aeußerung:Ich kenne einige Damen, die so sind wie Frau v. Hervay. Wenn man die sämtlich einsperren wollte. . . .!« Mir selbst geht's auch nicht anders. Ich wüßte mehr als eine; Dame zu nennen, die ziemlich genau dem Bilde entspricht, das ich mir vom Wesen und Charakter der Frau v. Hervay gestaltet habe. Ich will damit den Damen, an die Frau von Hervay mich lebhaft erinnert, keine schlecht verblümte Sottise sagen. Im Gegenteil. Einige unter ihnen waren und sind mir im hohen Grade sympathisch, ja, von mancher geht ein Zauber aus, den jeder ästhetisch feinnervige Mensch, wenn er ihm schon nicht erliegt, empfinden muß. Einen solchen Zauber muß ja auch Fran v. Hervay üben. Frau v. Hervay zwang mich, mehr noch als an persönliche Bekannte, au Gestalten der Literatur zu denken, in denen ich die entscheidenden Züge ihres Wesens, mannigfach variiert wiederfaud. Alphonse Daudet, glaube ich, hat eine NovelleLa menteufe" (Tie Lügnerin") ge­schrieben, die einen solchen Charakter aufs lebendigste schildert und uns mit poetischem Tiefblick ahnen läßt, daß der faszinierende, verrücktmacheude Reiz seiner Heldin gerade aus den Eigenschaften stammt, die der Leobener Staatsanwalt ihre Verlogenheit nennen würde. Auch Ibsens Rebekka West fiel mir ein, die sich des adeligen Johannes Rosmer durch ein Netzwerk raffinierter Lügen bemächtigt. Darüber aufgeklärt, daß sie das nicht ist, !vas er in ihr sah, geht Rosmer zu Grunde. Jeder Kenner der Grill- parzerschen Lyrik weiß, daß Weiber jenes gefährlichen Schla­ges, in denen die Lüge die Gestalt der Grazie und Anmut an­genommen hat, seinem leidenschaftlichen Herzen schwer zu schaffen machten. So grausam scharf seine Augen sehen, konnte et sich doch von dem Zauber solcher Frauen, in denen sich die Erundkrast seiner Tichterseele zu verkörpern schien, nicht be­freien. Wer etwas von den Mysterien des Erotischen versteht, weiß ja, daß eilte nach Herkunft, Verhältnissen und Charakter mysteriöse und problematische liebenswürdige Frau, von der man eigentlich gar nichts gewiß weiß, als daß sie da ist, für Manuesphantasie stärkeren Zauber hat, als eine der gesell­schaftlichen Ordnung mit trivialer Klarheit eingegliederte.

Maximilian Harden, den auch der psychologische Fall interessierte, schreibt in seinerZ u fünf t" überBellachims Tochter":Gibts am Ende doch solche Tierchen, wie Herr Frank Wedekind sie in seinem Zirkus zeigt? Da war ein Schlänglein zu sehen, das bald Lulu, bald Eva hieß, auf deutsche und welsche Namen hörte, manchmal sogar eine Wappenkrone trug und dem der Besitzer nachrühmte:

Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften. Zu locken, zu verführen, zu vergiften. Zu morden, ohne daß es Einer spürt.«