Ausgabe 
10.11.1904
 
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lvußt zu Werben, Vas' er für imitier verloren was ihm einst bas Liebste gewesen.--Und nun brausen bie

Wellen, sie türmten sich hoch, jubelnb mit schäumenbem Gischt. Die Sonne scheint, Millionen nnb Millionen von Flinken tanzen über ber schimmernden Flut. Der Winb weht mit frischem Hauch von bem blauen Himmel herunter über bie weite See, unb unter bem blauen Himmel weithin einen leuchtenden Streif nach sich ziehend, mit mächtiger Bewegung meistert derBismarck" das Element. Die Leute fingen; gedämpft, doch deutlich klingen die heimischen Weisen herüber bis zum Vorderdeck. Die Kameraden sind fidel, scheu oder plaudern zusammen. Zuweilen auch geben sie jenen Weisen ein weithin schallendes Echo zurück. Harro allem fühlt sich, einmal wie das andere Mal, einsam und bedrückt. Nur der Dienst findet ihn auch hier immer frisch auf Posten.Wollte, wir wären erst am Land und in Aktion", das wünschte er um ein! aut Teil sehnsüchtiger und ungeduldiger als sie alle.

Endlich war dann die Fahrt mit ihrem! fröhlichen Trei­ben und ihren ebenso unausbleiblichen Entbehrungen und Mühen überstanden. Neue Eindrücke, neue Pflichten machten sich geltend. Und als ihm die Äugeln des Feindes um! den Kopf geflogen, als es kämpfen hieß mit chinesischer Schlauheit, chinesischer Tücke, Fatalitäten auf jedem Ge­biet, da Begann allmählich der Druck von Harros Seele um ein wenig zu weichen, fühlte er, daß wieder etwas in ihm lebendig werden wollte von ber alten Tatenlust. Er war ber erste überall, unb wenn es zum Gefecht kam, sicher an ber gefährlichsten Stelle zu treffen. Eine Weile lang hatte chn sein gutes Geschick in allen Fährlichkeiten behütet. Endlich aebr zeigte es sich, daß auch Leutnant von Uran Nicht unverwundbar war. Bei einem der mannigfachen Ge­fechte auf dem Marsche in das Innere des Landes schlug eine feindliche Kugel durch'seine rechte Hand; eine andere traf in den Unterleib. Die Schmerzen waren fürchterlich, das Blut strömte nur so. Und doch, über diesen neuen Schmerzen schienen die alten vergessen, kam es über Harros ^peele plötzlich wie tiefe Ruhe.

Mit dem Tahinströmen seines Blutes schien ihm leichter zu werden, leicht wie lauge nicht. Diesen ganz besonderen Saft", ber, nach dem konventionellen eode, dem Manne verfallen war, den er, um feiner Frau willen, beleidigt, er hatte ihn nun doch vergießen dürfen im ehrenvollen Mut und ehrenvoller Sühne für alles, was seinen ehren­haft gebliebenen Sinn bedrückt im Kampf für das Vater­land. Beinahe wie ein Lächeln flog es über des Verwundeten Zuge. Dann behauptete die Natur ihr Recht, eine Ohn­macht nahm ihn umfangen.

Leutnant v. Uran kam nicht eher wieder zu sich, als bis rhu d:e wahnsinnigsten Schmerzen in das Bewußtsein zu- ruckbrachten, und er merkte, daß er auf einem grauenhaften Gefährt weiter befördert wurde und nun Wohl erst die eigentliche Leidenszeit begann, aber das sollte alles nichts sein gegen das, was dahinter lag. Und die Aerzte er- staunten über feinen Mut, feine Geduld, je nachdem auch über die Laune, bie er in allen Schmerzen, allen Fatali­täten seiner Verwundung und der Verhältnisse behauptete Wenn es nur nicht so lange währt und ich noch einmal M das Feuer komme, schien die einzige Sorge dieses Patienten zu fein. Leider nur, daß diesem Wunsch feilte Erfüllung werden wollte. Ein böses Fieber trat in Be­gleitung ber Wimbeu auf. Harro wurde recht krank und der Frieden mittlerweile so gut wie sicher .....

Zum erstenmal seit Wochen hatte der Arzt seinem all- mahlich genesenden Patienten erlaubt, Blätter und Briefe selbst zu lesen. Ms Harro danach griff, fiel ihm unter semer Post eine alte Zeitung in die Hand. Sie mochte durch einen Zufall hierher gekommen sein, vielleicht hatte der Arzt oder der Wärter darin gelesen, als er die sonstigen Briefe und Schriftstücke für den Leutnant v. Uran hier zusammengelegt. Es ,ivar das Blatt, welches die Atizeige von dem Tod feines Rittmeisters enthielt. Lange im tiefen Ernst starrte ber junge Offizier auf diese Zeilen. Dann durchzuckte es ihn wie mit einem elektrischen Funken und wie der Funken die Kette durchläuft, tauchte eine Kette von Erinnerungen auf ,in feinem Hirn. Er schüttelte den Kopf, er wollte nicht daran denken. Er griff aufs neue, aufs Geradewohl nach .einem anderen unter den Briefen unb öffnete ihn schnell. Lieber Liebster so staub es hier.

durchzuckte es [ein noch fieberndes Hirn mit rnachtigeM Schlag. So konnte nur eine schreiben. Unib

Almch einer Fata Morganti stieg die einst so beglückende, betörende Leidenschaft vor seinem Geiste auf. Wieder schüt­telte er den Kopf. Er wollte nichts mehr wissen von dem allem, doch sein Kopf war fiebermüde und sein Herz war ftebermatt. Der Brief zitterte in feiner Hand. Die Buch­staben tanzten vor seinen Blicken, tanzten sich in feine; Augen hinein. '

Lieber Liebster!" las' er nun.Es war nicht gerade feyr nett von Dir, daß Du so ohne Abschied gingest." Einfach souverän, wie immer, hafte sich Frau Ellinor auch hier über alles hinweggefetzt, was beengen konnte.Doch das Schicksal war gegen uns, es ging wohl nicht 'anders. Zuerst war ich außer mir und wütend auch auf Dich. Später habe ich mir ein Rezept gemacht, wie Deine kleine Pute zu meutern Brief gekommen sein kann. Well, fair war das gerade nicht und ladylike noch weniger."

Harro ballte die Hand. Daß dem fo war, das" war ja gerade das, was er Jutta nicht vergeben konnte nicht vergeben durste. Und er las weiter :Sie hat uns einen! schlechten Streich gespielt. Hans Joachim aber hat sich glanzend Benommen. Er war affer all, doch ein Gentle- ntan, und sensible too. Und darum ruhe er in Frieden'. $u wirst ja wohl die Nachricht bekommen haben, daß er gestorben ist. Ich stehe an seinem Grabe ohne Groll unb Gram." Daß Harro gerade die Nachricht eben noch gelef-m' milderte um vieles die krasse Plötzlichkeit und wahrhaft lahmt) aje Kürze dieser Mitteilung hier Dennoch ^abermals tödlich erschrocken, starrte der junge Offizier auf den Briest Der stark betäubende Dust, der allem, was zu Ellinor ge­hörte, eigen, war über See verloren gegangen, aber etwas Papier Ei ^strickenden Arom entströmte immer noch dem

Wieder senkten sich Harros' Blicke darauf.Nun, Webster, las er weiter, bin ich frei, ohne daß mir die Welt den Makel der geschiedenen Frau anhaften kann, und' ich liebe Dich immer noch! Mache auch Du Dich frei! Euch Männinm schadet dergleichen nicht. Es macht euch erst recht

Sollten Deine Leute aber widerhaarig werden, zieh ihn aus, den bunten Rock. High life gibt es überall für einen alten Namen und immer neues Geld. Wir gehen auf Netsen. Wenn. die Aristokratie da etwas bunter ist, all tye beiter. Zuletzt fand ich es doch grausam öde bei Euch, Die Rennen aber in Baden, in Paris; eine Jacht auf bem Meere, eine season in London, die Jagden in Schott­land, zur Abwechselung einen stag in Monaco, ein trip to Kano oder sonst einem intsressanten Platz; ich denke, das wiegt den ewigen Drill, das Scharwenzeln und Schusterin die ganze Philisterei Eurer Verhältnisse auf. Darum mache Dich frei von Deiner kleinen Pute eise Dich los aus Ostasien. Wenn die silbernen Schnüre öraufgehen, ich iGmucke Dich mit goldenen Ketten. Für heute genug. Schreiben ist meine Stärke nicht, dafür verstehe ich zu leben, Mst.wie Du. Und darum hast Du es auch mir angetan mit Deinen blitzenden Augen, Deiner prächtiges Schönheit, Deiner heißen Jugend und feurigen Lebenslust und ich weiß auch, daß Du mir gehörst und gehorchst Deiner Ellinor."

. Za, das war Ellinor! Noch einmal mit feinem be­strickenden Zauber stand ihr Bild auf vor seinem Geist< empfand er die ganze Macht, die ihrer Persönlichkeit eigen, aft bte Mittel, bie ihre Hand hielt, um sich das Leben' mit souveräner Lust und Laune zu gestalten.' Doch 'zu viel lag dazwischen. Er war ein anderer geworden, und damit begann sich tilutf} eine ganz andere Empfindung in seiner. Seele zu regen, erst leise, ganz leise, dann mächtiger, immer mächtiger--x ~ '

Und die Hand, die den grauenhaften Brief hielt, sank an ihm nieder. Seine Finger lockerten sich; wie vom Wind geweht, flog das Papier über den Boden hin. Harro merkte es nicht. Er blickte starr geradeaus, wie auf eine Stelle in weiter Ferne, die nur feine Augen sahen. Schmerzliches Brüten kam über die einst so prächtig stolzen Züge, zuletzt tropfte eure Träne langsam die schmalgewordene Wange herab:Jutta, arme Jutta", murmelte er leise darum darum"

Der Moment reifte ihn um Jahre. Wie Feuer Brannte diese Traue an seinen Wangen und in seinem Herzen; >as Feuer aber löste feine Seele los von jedem Irrtum!, ;ebent Trotz, allem Unrecht und allem Fehl, fchmiedete sie. fest Mr .das Leben und feinen Kampf, gleiM dem! Eisen