Ausgabe 
10.10.1904
 
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bett Kops von seiner Schulter. Doch die goldgestickten Spitzen haben sich um eine silberne Tresse hier geschlungen, sie müssen zerrissen werden Harro bedauert, Frau v. Greditz meint lächelnd:Darum, der Moor hat seine Schuldig­keit getan" knüllt die zerrissenen Enden zusammen uuö schleudert sie fort. Zufällig streifen sie dabei noch einmal die atlasglänzende Haut des Rappen. Er hebt kaum merk­lich den Kops; sein Huf tritt jedoch die zauberhaften Fäden in die Streu.

Dann begibt man sich wieder hinauf. Jetzt erscheint auch der Rittmeister. Die Herren müssen zu Tisch bleiben bet Greditzens wird um sieben Uhr zu Mittag gespeist., Frau von Uran kommt vor 10 Uhr nicht von dem offiziellen Tee zurück", lächelt Ellinor.Da find Sie hier' ganz gut aufgehoben", sekundiert liebenswürdig seiner Gemahlin Harros Schwadronschef, worauf Leutnant v. Urau, da ihm doch nur das Kasino oder ein Restaurant bleibt und er eigentlich gar nichtrefüsieren" kann, nicht läner zöert, vielmehr der Frau vom Hause seinen Arm für das Eß­zimmer bietet. Während dann die Gänge um die Themata der Unterhaltung wechseln, begimtt Frau Ellinor an einer Lluadrille zu planen, die von Kürassieren im Kostüm der Zeit Friedrichs des Großen zu Kaisers Geburtstag geritten werden soll. Sie haben das noch nicht gehabt im Regiment.

Otternberg ist Feuer und Flamme. Auch Harro fühlt sich wie elektrisiert; er erinnert sich mit Bedauern, daß sie diesen Winter inRetraite" zu leben gezwungen sind. Mr; beide sind die Längsten im Regiment", erklärt da Ellinor, die mit Otternberg einen schnellen Ueberschlag gemacht hat, daß sie acht Paar mindestens haben müssen, wer eventuell mitreiten soll und zusammenpaßt.Herr von Urau, Sie müssen mit mir zufrieden sein."

(Fortsetzung folgt.)

Wurst.

Plauderei von Ernst Eckstein.

Tie Wurst teilt mit der Schwiegermutter, dem Schneider und anderen schützbaren Tingen eine rein theoretische, durch die Praxis hundertfach widerlegteVerrufenheit milderen Grades", eine levis macula, deren Vorhandensein hier lediglich konsta­tiert, deren Ursprung aber weiter nicht untersucht werden soll.

Es wohnt ihr, im Gegensatz zu vielen anderen weit nnschmack- hafteren und geringwertigeren Nahrungsmitteln eine ähn­liche Nuance von Komik inne, wie dem Schneider im Gegensatz zu den Tischlern, Zimmerleuten, Schmieden rc.: und doch erfreut sie sich tatsächlich der Beachtung selbst der vornehmsten Kreise.

Jedermann gibt sich den Anschein, skeptisch, mißtrauisch, feindselig auf sie herab zu lächeln; ganz wie es1 znm guten Ton gehört, sich vor der Schnnegermutter zu bekreuzigen. In Wahr­heit aber stehen die meisten Personen auf leidlichem, wenn nicht vertrautem Fuße mit ihr, freuen sich insgeheim ihrer trefflichen Eigenschaften, ihrer ausgedehnten Verwertbarkeit bei allen erdenk­lichen Anlässen und glauben selbst nicht daran, wenn sie ge­legentlich ihreUnechtheit" undFalschheit" als Tvgma ver­kündigen.

Wie der Schneider nach und nach zum Symbol der Feigheit und Jämmerlichkeit geworden ist, und die Schwiegermutter zum Typus alles Entsetzlichen, so hat die nicht zu berechnende Laune des Schicksals die Wurst zum Symbol des Bedeutungslosen, In­differenten herabgedrückt dergestalt, daß heutzutage in allen Kreisen die vielgebrauchte Wendung:Es ist mir Wurst" ebensoviel bedeutet, wie:Tas Ting ist mir gleichgiltig."

Ferner: genau so zahlreich wie die Schwiegermutter- und Schn, eider-Anekdoten sind die Tendenzgeschichten zur Verächtlich­machung der Wurst.

Ein spöttischer Philosoph bemerkt mit komischem Ernste: die Wurst sei eine Speise für Götter, denn diese allein wüßten, was sich darin befinde.

Ein Fleischer, den die Hand eines todesmutigen Schwinimers den Wellen entreißt, gibt diesem als Tank für die Rettung den Ratschlag mit auf den Weg:Essen Sie niemals Wurst!"

Ganzen Wurstsorten tvird nachgesagt, ihr Hauptbestandteil sei Eselsfleisch, obwohl der Bestand an Eseln in Tentschland ums Hundertfache erhöht werden müßte, um nur die Zipfel der also geschmähten Würste zu stopfen.

Mit einem Wort: Tie Wurst gehört zu den bestverleum­deten Speisen; aber die ihr gezollte Mißachtung ist wesentlich konventionell: man bespöttelt sie, aber man schätzt sie. Und da eine solche Vereinigung von übermütigem Spott und wirklicher Hochachtung überall da sich geltend macht, wo ein respektables Objekt uns in humoristischer Beleuchtung entgegentritt, so läßt sich behaupten: die Wurst sei die Humoreske unter den Nahr­ungsmitteln.

Mit Rücksicht auf diese eigentümliche Anschauung kommt uns die Wurst denn auch ganz besonders modern vor. Unser Instinkt

leugnet die Möglichkeit ihres Zurückragens in die graue Vorzeit des Altertums. Perikles, eine Knackwurst verzehrend, oder Scipio Africanus, ein Stück Saumagenspitz genießend: das bedünkt uns so derb-drollig, daß tote die Sache von vorirherein als einen schlechten Scherz, als eine Entweihung jener Klassizitätsgefühle betrachten, die uns zwar nicyt mit der Muttermilch, aber doch mit der ersten Geschichtsstnnde in den Räumen unserer Gymnasien kunstgerecht eingeflößt wurden.

Wie so oft in großen Kulturfragen des klassischen Altertums täuscht sich unser Instinkt mich hier.

Die Wurst ist nicht nur ein achtbares, weitverbreitetes und allbeliebtes Gericht, sondern ihr Stammbaum reicht auch so weit hinauf, wie die altklassische Kultur überhaupt.

Tie erste Wurst, von der uns ein altklassisches Literatur­denkmal Kunde gibt, ist eine Art Blutmagenwnrst.

Tie betreffende Stelle findet sich in Homers Odyssee im 18. Gesang, Vers 43 ff.

Odysseus, der als Bettler verkleidet nach Ithaka heimgekehrt ist, fordert den wirklichen Bettler Jros, dessen Uebermut ihn geschmäht hat, zum Faustkanipfe heraus. Tie Freier Penelopes, die sich's inzwischen ittt Palaste des Jthaker-Königs bequem ge­macht haben, freuen sich dieser Herausforderung, die ein ergötz­liches Schauspiel verheißt. Einer von ihnen, Antinoos, der Sohn des Enpeithes, spricht zn den übrigen:

Höret, was ich Euch sage, ihr edelmütigen Freier!

Hier sind Ziegenmagen, mit Fett und Blute gefüllet, Tie wir zuin Abendschmaus auf glühende Kohlen geleget. Wer nun am tapfersten kämpft und seinen Gegner besieget, Tiefer wähle si chfelbst die beste der bratenden Würste."

Also Antinoos.

Wir sehen hieraus zweierlei.

Erstens, daß diese Magenwrirst nicht gekocht, sondern^ ge­braten wurde, wie man denn im heroischen Zeitalter durchweg das Fleisch zn braten gewöhnt war; dann aber, daß die Magen wurst für eine große Tclikatesfe galt.

Tie Freier nämlich waren durchaus nicht Leute, die so schlecht­hin fürlieb nahmen; im Gegenteil: ihr Grundsatz war, das Beste sei für sie gerade gut; und ausdrücklich wird uns berichtet, daß sie z. B. das Ferkelfleisch, das zu Zeiten Homers für minder­wertig und weichlich galt, während es späterhin sehr geschätzt wurde, der Dienerschaft überließen, selbst aber nur das aus­erlesenste Mastvieh genossen.

Auch eine andere Stelle des gleichen Gedichtes beweist, daß man die Schnellbratung solcher Würste am offenen Feuer mit großem Eifer betrieb und für eine wichtige, den Ernst und die Aufmerksamkeit eines Mannes mit vollem Recht in Anspruch nehmende Obliegenheit hielt.

Im 20. Gesänge wird Odysseus, der schlaflos darüber nach­sinnt, wie er die übermütigen Freier bewältigen solle, mit einem also in Anspruch genommenen Wurstbrater verglichen.

Es heißt dort wörtlich:

Also wendet der Pflüger am großen, brennenden Feuer

Sitten Ziegenmagen mit Fett und Blute gefüllet

Hin und her, und erwartet es kaum, ihn gebraten zn sehen; Inst so wendet' der Held sich hin und wieder, bekümmert, Wie er den schrecklichen Kampf mit den schamlosen Freiern begönne,

Er allein mit so vielen."

Tas wäre es, was wir über die Wurst des heroischen Zeit­alters zu bemerken, hätten.

Tie historische Wurst der Hellenen war nicht ausschließ­lich Magenwurst, wie die des Homer. Man nahm jetzt die Türme, füllte sie mit Blut, Speck, zerhacktem Fleisch und die Erbst- wnrst vorahnend mit Mehl oder Grütze. Tie Würste, die im heroischen Zeitalter kurz unb gedrungen waren, änderten nun ihr Aeußeres; sie gingen stark in die Länge. Aristophancs, der ungezogene Liebling der Grazien, sagt in seiner KomödieTie Ritter":Länglich ist der Trache, lang ist auch bte_ Wurst: Blut verschluckt der Trache, Blut säuft auch die Wurst."

In Sparta gab es bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten, deren HauptgericlK die bekannte spartanische Vlnt- suppe bildete (beiläufig: eine sehr kräftige Schweinebouillonl mit zerschnittenem Schweinefleisch), als Extra-Tclikatesse bei Festlichkeiten, zumal bei den Opferschmäusen, ein Stückchen Brat- wtirst; wuch ein Beweis für die angesehene Stellung dieses Gerichts, wenigstens bei den genügsamen Lacedämonierit, bereu Küche allerdings bei den übrigen Gnechen stark in Verruf stand.

Doch wird auch anderwärts bei recht essenswerten Tiners von Würsten berichtet. So kommt z. B. in denAcharnern" eine Mahlzeit vor, die mit Hasenragout eröffnet wird, hiernach Salzfisch und allerlei Gebratenes, und, zuletzt vor dem Dessert, eine präch­tige Magentourst auftischt.

Tie Wursthändker hatten auf den hellenischen Marktplätzen ihre besonderen, stark umlagerten Stände. Hier war man sicher, etwas Gediegenes zu kaufen. Außerdem gab es noch eine Art von Landfleisthern, die an den Stadttoren ihre Ware feilboten. Sie waren billiger als die Stadtfleischer, und deshalb bei den vor­nehmen Bürgern, die bekanntlich ihre Einkäufe selber besorgten, weniger angesehen. Wenn Aristophanes, der ja selbst den erlauchten Gemahl der Lcmtippe mit seinen Spottpfcilen heimsucht, den Landfleischern nachsagt, sie stopften die Würste mit Hnndcfleisch,