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haben Ihre Sache sehr gut gemacht, Baumann", nickte sie dem Diener gnädig zu, „doch ich uiuß intervenieren." Damit wandte sich Ellinor gegen die Herren. „Es ist nämlich nur eine offizielle Migräne, die ich aussetze, wenn cs einen Regimentstee gibt. Nach ihm würde ich sie doch bekommen. Natürlich, Diskretion, — Otternberg ist eingeweiht." Und mit dem bekannten Neigen ihres hohen Kopfes, der schwarzen Augen Taubenblicke gegen Harro gerichtet: „Aber auch Herr v. Ur au ist gilt Freund. — Charmant, daß Sie sich mal sehen lassen." Lachend reichte Frau v. Greditz den beiden Offizieren die Hand. „Baumann, melden Sie dem Herrn, es wäre Besuch gekommen, ich lasse herüber bitten." Ohne eine Miene zu verziehen, ein gut geschulter Diener, der seine Herrschaft kennt, trat Baumann leise bei dem Rittmeister ein. Der Rittmeister hatte sich gerade aufs Ohr gelegt. Er war noch nicht lange von der Jagd zurück und wünschte die Besucher zu allen Teufeln. „Ich werd' schon machen, gnädiger Herr."
Wieder zog sich Baumann diskret zurück. Ein tadelloser Diener, der seine Herrschaft kennt und weiß, was sein Platz in so reichem Hause wert ist, meldete er drüben, abermals ohne eine Miene zu verziehen: „Der Herr Rittmeister bedauern unendlich. Er habe zu tun mit dem Herrn Wachtmeister, lasse aber die Herren bitten, zu bleiben. Er werde leider vor Tisch kaum herüberkommen können." Otternberg kannte den Schwindel. Er blätterte in einem auf dem Tisch liegenden Heft Klinger. So ließ sich am besten das Lächeln über seinen glaubensfrohen Vordermann verkneifen. Harro bedauerte aufrichtig. Ebenso gestand er ehrlich ein, er sei nur gekommen, um die Pferde zu sehen. „Galant sind Sie gerade nicht, mein lieber Herr v. Uran", meinte Ellinor schlagfertig und gewandt. „Die Pferde kann ich Ihnen aber auch zeigen. Wollen Sie, bitte, lieber Otternberg, mal sehen, ob Jonas und Tommy im Stall sind und wir herein können?" „Zu Befehl." Ein wenig ärgerlich über den Befehl, doch versöhnt durch ein ganz besonders schmeichelndes, alles versüßendes Neigen des Kopfes, des bekannten schmeichelnden Blickes, der die Bitte begleitet, stürzte Otternberg hinunter, um nach wenig Sekunden wieder zu erscheinen mit der Meldung, daß die Herrschaften erwartet würden.
Währenddem hatte sich Ellinor von der Jungfer einen Schal bringen lassen, den sie um der: Kopf binden wollte, nicht weil sie sich zu erkälten fürchtete, denn Ellinor von Greditz war wetterfest, sondern weil sie wußte, daß die weißseidenen, goldgestickten Spitzen zu ihrem dunklen Haar, den schwarzen Augen und der mattgelben Farbe ihrer Züge gut standen. „Ich werde also feurige Kohlen auf Ihr Haupt sammeln. Mein lieber Herr v. Uran." Damit zog sie den letzten Spitzenknoten unter dem schmalen, etwas langen Kinn zusammen, verneigte sich lächelnd gegen Harro und nahm seinen Arm. „En avant." Harro verstand nicht recht, was die Worte bedeuten sollten, aber er stihlte sich doch eigentümlich erregt, beinahe wie elektrisiert, als er seines Rittmeisters Frau die Treppe hinunter geleitete, über den Hof zu den Ställen.
Diese selbst lagen etwas zurück. Sie waren für den Rittmeister nachgebaut worden und musterhaft in ihrer Art. In dem ersten, dem kleineren, standen die Dienshpferde und das Reitpferd der Frau vom Haus, in dem zweiten, dem größeren, die Pferde, die er znm Vergnügen und zum Rennen hielt: eben sechs an der Zahl mit den neuen. Die elektrischen Lampen brannten. Blitzblank erschienen die fein gepflasterten Gänge. Rein unb frisch duftete die in den gerämnigen box-es peinlich sauber gehaltene Streu. Die metallenen Raufen, die marmornen Krippen schimmern in der tageshellen Beleuchtung. Und wie von der Sonne erhellt, prangte über jeder ein Schild mit dem Namen des glücklichen Inhabers, dazu, tont comm-e chez nous, die Namen der Eltern, wenn er ein „geborener" war. Still hielten cm der einen Langseite die Leute, denen solch kostbares Gut zu warten oblag; still war es ringsum. Man hörte nur das Küistern eines Halmes, das ein feiner Huf trat, ein weiches Schnaufen aus weicheu Nüstern, wenn sich ein stolzer Kopf hob, das leise Klirren einer Kette, wenn sich ein stolzer Nacken bewegte.
Da stand zuerst Little Man, ein kleiner, brauner Hengst, mit häßlichem, dickem Kopf und schopftgem Schweis, der ästhetische Schrecken aller sportsunkundigen Leute, das Entzücken aber jeden Reiters, wenn es Hürden zu nehmen gab, die Little Man einfach als Lebensluft zu betrachten
schien. Dann Greif, ein mächtig hoher Fuchs, tter seinen einzigen Schönheitsfehler, einen weißen Vorder- und Hinter-, fuß, durch das Federn seiner Beine wett machte, wenn er auf deni Turf erschien. Neben dem Greif behauptete sich Queen Mab, eine Stute von King aus der Lady Queen, die im letzten Rennen den großen Preis unter einem enlisierten Berliner Jockey davongetragcn hatte und infolgedessen von dem Rittmeister angekaust worden war. Und weiter Odin, ein nußbrauner Wallach, mager wie ein Skelett, aber gut gebaut unb ein Renner, der sich mit dem Laufen nicht tot machen ließ. Dann kamen die neuen. Hier war es vor allem der Kommandeur, von Sperber aus der Wellgunde, der seinen Eltern und seinem Käufer Ehre machte: ein prächtiges Geschöpf, hoch, lang gestreckt, mit festen, soliden Beinen, feinen Fesseln, einer guten Brust, einem langen Hals, vollem, ungestutzteu Schweif, schönem Kopf mit klugen Augen. Dazu war die Haut fein, man sah die Adern darunter lausen. Das Haar war weich, glänzendglatt, das ganze Tier stand wie in schwarzen Atlas gehüllt und trug als einziges Abzeichen einen schmalen weißen Streif auf der Stirn.
Der Rappe befand sich am Ende des Stalles in einem abgeschlossenen Raum. Ellinor trat an den Kommandeur heran. Harro folgte ihr, während Otternberg, wohlgezogen von seiner Rittmeisterin, stets beobachtend, wo es sich für ihn zurückziehen hieß, mit dem Trainer ein Gespräch über den andern neuen, den Ocker, begann. „Nicht zu nahe —" warnte eben der Reitknecht seine gnädige Frau. „Das Beest scheint etwas kitzlicht." Ellinor jedoch lächelte dazu. „Solch! Tier ist viel zu vornehm an Temperament, um sich aus der Fassung bringen zu lassen." Damit klopfte sie den langgestreckten Pferderücken, woraus der Rappe ihren Worten recht zu geben schien, indem er seinen stolzen, klugen Kopfs hob und wieder fallen ließ, als wollte er sagen: was seid ihr denn gegen mich. „Haben Sie nie geritten, Herr v. Uran?" fragte Ellinor dann. Harro verstand, was das Reiten hier bedeutete. „Doch einige Male früher, als junger Offizier". „Und jetzt?"
Harro blickte auf den Rappen. All die Poesie in der Empfindung, frei und ungebunden auf dem Rücken seines Pferdes dahin zu fliegen durch die Welt, über den grünen Grund; eins zu sein mit einem so herrlichen Geschöpf, das sein Alles daran setzt, sein Letztes gibt für seinen Meister unb Herrn, überkam mit nie gefühlter Macht ben jungen Reitersmann. Unwillkürlich drang ein Seufzer über seine Lippen. „Und jetzt?" wiederholte Ellinor. „Papa macht« es nicht", erklärte Harro ausweichend — und „ich bin verheiratet", endete er. „Die kleine Fran ist bang?" Ellinor lächelte ähnlich einer wilden Taube, ein wenig spötftsch und girrend zugleich. „O nein." Und nun klingt es ent-' schlossen wie ein Bekenntnis: „Ich bin nicht reich, und wenn man verheiratet ist —" „Das Reiten ist je nachdem ein sehr gutes Geschäft", wirft Ellinor kühl, eben nur die Tochter ihres Vaters, ein. Indem streifen die langen Enden ihres Schals die Flanken des Pferdes. Ob der Rappe in der Tat doch kitzlig ist, daß er das Streifen der goldgestickten Fäden als unerträglich empfindet, ob das vornehme Temperament des Tieres gegen etwas reagiert, etwa die Berührung eines Menschen, der ihm antipathisch ist — Tiere haben bekanntlich ein feines Witterungsvermögen hinsichtlich ihrer Sympathien —: der Kommandeur schlägt aus.
Schnell genug hat Harro feines Rittmeisters Frau zurückgezogen, der glänzend glatte Huf trifft in das Leere. Doch wie verwirrt von dem Schreck, bleibt Ellinor lehnen in des Leutnants Arm, den Kopf gegen seine Schulter geneigt. Unwillkürlich faßt er die schlanke Gestalt fester — sie würde ja sonst hingcfallen sein. Deutlich fühlt er durch das Kleid die feinen Stäbe eines Korsetts, das ein paar' Hundert Mark kostet unb jeder Fran eine gute Figur schürt. Spöttisch fliegt es ihn an über solche Toilettenkünste, und doch gerade sie wirken mit einem eigentümlichen Reiz, dem Reize der Perversität, auf den jungen Mann. Schimmernd und feucht, ein lockendes Rätsel, glänzen die nachtschwarzen Singen dicht vor seinen Blicken; gleich einem Märchenzauber weben die Weißen goldgestickten Spitzen um das nacht- schwarze Haar, das schmale, gelblich bleiche Gesicht, umweht ihn das schmeichelnd bestrickende Strom, das schmeichelnd entnervende Etwas, das einmal zu Ellinor v. Greditz gehört. Emen Moment steht der junge Mann wie betäubt. Ob sie es merkt? — Leicht, wie über den unnützen Schrecken lachend, entwindet sie sich keinem Arm und bebt


