Ausgabe 
10.10.1904
 
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1904,

im E

Aus Lisös.

Roman von M. v. Eschstruth.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Harro hatte eine große Neigung für Schönheit, eine besondere Vorliebe für schöne Hände. Er betrachtete also mit Andacht die Hand seiner Frau.Armes, kleines, süßes Ding", sagte er nun und küßte die duftenden Fingerchen einen nach 'dem andern, den mit dem gerissenen Nagel zweimal.Wenn Du nur gut Bift", meinte sie und sah schelmisch zu ihm auf.

Jutta!" Er sah auf sie nieder. Und die blauen und die grünblauen Augen blreben ^aufeinander haften, sahen sich immer tiefer eins in des anderen Blick hinein, hier zu lesen, was jedem das Liebste war: Jugend- Jugend, un­gebrochene, harmlose Jugend und Jugendlust; siegessicheres Vertrauen auf das Leben und die Freude, unverwüstliches Verlangen nach Schönheit und .Glück. »Vielleicht sahen sie eben auch noch etwas mehr: eine kleine Abbitte, daß einer dem anderen noch etwas schuldig geblieben sei.Jutta", sagte er,so lang ich Dich habe." Und er zog sein junges Weib an sich, küßte sie auf die weichen, blonden Wellen, die dunklen Sammetaugen und den kleinen roten Mund. Als dann beide wieder aufblickten, war Hildegard fort. Harro nannte es altjüngferliche Prüderie oder Eifersucht, Jutta war bekümmert. Die Cousine tat ihr leid. Doch das währte nur einen Augenblick.

Harro mußte in die Kaserne. JUtta war bei der Kom- mandeuse zum five o'clock tea gebeten. Und für den Abend damit fielen ihnen die etwas trüben Verhältnisse der Wirlschast wieder ein.Nun weißt Du", entschied jetzt die junge Frau,ich komme doch nicht zum Wendbrot nach Haus. Du kannst also ganz gut einmal im Kasino essen. Das stete zu Haus sein taugt gar nichts. Ein Mann gehört unter Männer", fügte sie mit aufgeschnappter Frauenweis­heit, die ihr allerliebst stand, hinzu. Wieder konnte Harro nur lächeln. Da mittlerweile der Bursche, die beste, zu­verlässigste Stütze des militärischen Haushalts, wieder heimgekommen war, so wurde er instruiert, Fräulein Juliens Auszug beizuwohnen, das Haus zu bewachen und außerdem noch die Annoncen wegen einer neuen Köchin auf die Redaktion des Tageblattes und Anzeigers zu bringen. Dann schnallte Harro den Säbel um, hüllte sich in den Paletot und Hing nach der Kaserne.Mach' Dich nur hübsch'', rief er im Scheiden seiner jungen Frau zu. Sie nickte, derlei Rat bedurfte es bei ihr nicht.

6. Kapitel.

Nichts kann ich mir langweiliger denken Mr einen jungen, tatkräftigen oder lebenslustigen Offizier, als die Vorbereitung Mr eine Inspektion. J<cher Knopf muß nach­gesehen werden, ob er sitzt und blinkt, die StrütNpfe müssen

gezählt werden, keine Hose darf fehlen, oder zerrissen sein; kurz, jede Garnitur wird komplett verlangt. Kommt Mr den Kavalleristen neben der Sorge Mr die Mannschaft auch' noch die für die Pferde hinzu. Decken, Trensen, Zäume, Gurten, Sättel, kurz alles, was hierhin gehört, muß in Ordnung erscheinen, wenn es nicht mindestens eine Nase oder zum Schluß gar eine schlechteConduite" für den Leutnant setzen soll. Endlich «aber war des grausamen: Spiels Mr heute genug. Harro stand mit einigen Kame­raden im Kasernenhofe. Es war mittlerweile dunkel ge­worden, die Lampen brannten. Die Offiziere steckten sich, eine Zigarre an, sprachen etwas Tagesklatsch und berieten, was man anfing.Haben Sie schon des Mttmeisters neue Pferde gesehen?" fragte der mittlerweile zum Leutnant avancierte Otternberg seinen Vorgesetzten in der Schwadron^ Harro v. Urau. Harro verneinte, aber er hatte davon gehört.Hören" schnarrte Otternberg, über den mit dem Leutnant auch das damatische Rrrr gekommen war, So was muß man sehen. Der Kommandeur, das ist der! Rappe noch nicht da gewesen in unserem Regiment wenigstens", setzte er nach besserem Besinnen hinzu. Ottern­berg hatte noch nicht allzuviel gesehen. Er meinte vielleicht gerade darum, daß etwas kritische Blasiertheit mehr Ein­druck mache, denn allzu lebhafte Begeisterung.

Der junge Leutnant hatte es mittlerweile doch durch­gesetzt, cavaliere fervante, d. h. Fächer- und Capeträger- Billettbesorger, maitre de plaisir für die großen und kleinen! Gesellschaften im Hause, kurz Herr für alles bei Frau von Greditz zu werden. Er lieferte Mr jeden Ball einen Strauß in den Toilettenfarben, und wenn die elegante Frau mal einen Wend nicht ausging, so leistete er ihr Gesellschaft. Er begab sich also auch heure zu Rittmeisters, wie er eben erklärte. Harro überlegte einen Augenblick da er doch auswärts essen mußte, war es nicht der Mühe wert, erst nach Hause zu gehen und mit Arbeiten anzufangen. Und da ihn ferner die Pferde interessierten, schloß er sich Otternberg an, um seinem Rittmeister einen Besuch zu machen. Rittmeister v. Greditz und Frau wohnten etwas, draußen, in einer Villa, galant von dem Rittmeister nach seiner Frau Ellinor benannt. Der Schnee lag fest, die Lust war frisch und feucht, der Weg tat gut nach der staubigen, stickigen Atmosphäre in der Kaserne und dem Kleidermoder dort. Fröhlich srchitten die Offiziere dahin, bis endlich, gleich einem Märchenschloß, die Villa, alle Fenster leuchtend mit gedämpftem, Wer warm rotem Schein, aus den verschneiten Gärten nrmitten der braunen, breiten Kronen der Bäume und deren dunklen Stämme .heraussah.

Otternberg zog die Schelle. Man hörte sie durch das. ganze Haus anschlagen in der tiefen Stille ringsum. Der! "Diener kam und öffnete. Er blickte von Otternberg auf Leutnant v. Urau, etwas unschlüssig, was er tun sollte, und behauptete, die gnädige Frau habe Migräne. Die gnädige Frau aber erschien sofort im Hintergründe: ,Me.