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Zu diesen Widerwärtigkeiten, die ihm obendrein schon das ganze Erbe verleideten, kam auch noch Ernas einfältige Liebelei hinzu, mit der ihm seine Frau ununterbrochen in den Ohren lag.
Seine Laune war infolge aller dieser Scherereien die denkbar schlechteste, und Erich wartete daher vergebens auf einen günstigen Augenblick zu einer ruhigen, sachlichen Aussprache. Zwar hatte er schon einige Mal versucht, das heikle Thema anzuschneiden, war aber damit nie weit gekommen, da der Vater bei des Grafen oder des Pfarrers Erwähnung sofort in gelinde Raserei verfiel und sich jedes weitere Wort verbat.
Das war für Erich natürlich sehr betrübend und dies umsomehr, als er während dieser Zeit ruhig zusehen mußte, wie Szabo keine Gelegenheit vorübergehen ließ, gegen die beiden dem Vater mißliebigen Persönlichkeiten zu intrigieren.
Herrn von Höchstfelds ehrlicher Sinn sträubte sich zwar dagegen, aber das »neingestandene Bewußtsein, nicht ganz recht gehandelt zu haben, ließ ihn doch nur allzu willig nach dem falschen Ratgeber horchen, der, seiner Eitelkeit schmeichelnd, sein Gewissen einzulullen verstand.
Es gab aber auch keine einzige Unannehmlichkeit, die Szabo nicht verstanden hätte, in irgend einer Weise mit dem Grafen oder mit dem Pfarrer in Zusammenhang zu bringen. Für die heillosen Wege machte er dett ersteren verantwortlich, der absichtlich nicht beim Komitat deren Instandhaltung beantragt hatte, um nicht zu den Kosten beitragen zu müssen. — Die Faulheit der Leute und alle daraus entspringenden Mißhelligkeiten schob er wieder dem Pfarrer in die Schuhe, den er geradezu als Aufwiegler hinstellte. Durch diesen Uebereiser weckte er aber doch nach nnd nach des Majors Mißtrauen, und wenn es dieser auch nur durch ein gelegentliches Schütteln des Kvpfes zu erkennen gab, so fühlte Szabo doch> daß er fortan wieder vorsichtiger werde sein müssen, wenn er sich nicht in die Karten schauen lassen wollte.
Erichs und der Mutter Ueberzengung von des' Pfarrers' Unschuld Machte naturgemäß mit der Zeit doch auf Herrn von Höchstseld auch Eindruck, und obgleich er noch weit davon entfernt war, ihnen recht zu geben, so stellten sich bei ihm jetzt doch schon Augenblicke ein, iw denen er nachzrigrübeln begann, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, ferne Halsstarrigkeit beiseite zu lassen und den Ratschlägen der Nachbarn zu folgen.
Des Vetters Warnung trat nun, ohne daß er es Merkte, immer Mehr iu den Hintergrund, und nur, lvenn seine Frau auf die Reibereien zu sprechen kam, welche ihnen unnötigerweise das Leben verbitterten, rückte er damit wieder ins Vordertreffen — weniger aus Ueberzeugung, als in der Absicht, damit sein schroffes Verhalten zu rechtfertigen.
. "r' der noch nie im Leben bewußterweise jemandem eru Unrecht zugefügt hatte, sah sich nun plötzlich in die Verteidigungslinie gedrängt, und dies verdroß ibn mm gewaltig. Mit quälender Beharrlichkeit verbohrte er sich deshalb m die Erinnerung der ihm gespielten Ränke, so seinem Zorn immer neuen Stoff zuführend, und trotz aller gegenteiligen Versicherungen blieb er auch dabei, daß er durch seine schmachvolle Gefangennahme vor dem ganzen Lande blamiert sei.
Das, waren böse Zeiten auf Dolina, und wer es nur irgendwie ermöglichen konnte, ging ihm daher am liebsten hundert Schritt aus dem Wege - Erna,, die nie ein ganz reines Gewissen hatte, sogar zweihundert U 6
_ Und speziell heute, wo Vladoj um ihre Hand anhalten wollte, hatte sie sich vorsorglichertoeise gleich nach dem Frühstück aus dem Staube gemacht.
(Fortsetzung folgt.)
Aeisepkaudereien.
(Nachdruck verboten.)
Am Rheinfall von Schaffhausen. — Alte Klosterstätten: Hirsau, Maulbronn, Frauenalb, Herrenalb.
„ Auf dem Bahnhof in Schaffhausen empfingen uns die Zoll- Wächter Die „freie" Schweiz ist immerhin keine „steuerfreie". Aber die braven Winkelriedenkel machten es gnädig und begnügten sich mit unserer Versicherung, daß in unseren Täschchen und Köfferchen nichts enthalten sei, was das Vaterland Wilhelm Tell's finanziell ruinieren könnte, .und so wanderten wir zum Bahn
Hof von „Schafshuse" hinaus mit dem freudigen Bewußtsein, aus unser ehrliches Gesicht hin einer ebenso langweiligen wie entwürdigenden Visitation entronnen zu sein. Schaffhausen selbst hat keine, großen Reize. Ein paar alte Erker und Giebel, em Park-Bolisre mit allerhand eingesperrten Sängern, die von der Freiheit in der Schweiz aucy nicht die rosigsten Vorstellungen haben mögen, moderne Gasthofe auf den Durchgangsverkehr berechnet, d. h.. mit trister Verpflegung bei guten Turchschnitts- preisen und just nicht den süßesten Weinen: vorwärts, dort steht die Straßenbahn, die uns nach Neuhausen, der eigentlichen Rheinfallstation bringt. Wir haben uns nämlich nicht begnügen mögen, aus den Kupeefenstern der Eisenbahn heraus, die Meister-- schöpfung unseres Herrgotts zu genießen, obgleich nns ein badischer Arzt erklärt hatte, daß es Zeitverschwendung sei, um die dumme Wasserspritzerei in' Schaffhausen auszusteigen. Er kannte interessantere Fälle als den Rheinfall, z. B.: Nierenverschrumpfungen, Leberverkrüppelungen und andere schöne Tinge, di« leit uns bei ihm daheim in Spiritus präpariert ansehen sollten: aber wir waren altmodisch genug gewesen, trotz seines Zuredens auf unsereni Willen zu beharren. Und so stieg ich denn rechte, Hand zu dem Restaurant hinab, das als „Schlößchen Worth" dem gigantischen Fall gegenüber liegt, .und als Ausgangspunkt für eine Ueberfahrt vor den tosenden, schäumenden, die Lust mit Wasserstaub füllenden Wassermassen am geeignetsten erscheint. Mit einem Nachen erreicht man von hier auch eines der vier Felsgebilde, die aus dem Fall wie machtlose Wächter herausragen, und kann von seiner Höhe aus in die brausenden, wie riesige, weiße Wasserrosse heranspringenden Wogen und Wellenkämme schauen. Hesser, vor allen Dingen trocknet, genießt man den Anblick vom jenseitigen „Känzli" aus, wo uns die Schiffer absetzten. .Es ist das ein geschützter Felsvorsprung, der uns mitten in das packende Schauspiel hinein zu schieben scheint. Vorsorglich hängt mir der fiter als Kassierer fungierende Gchwei- zerbua für den erhobenen Frank einen wasserdichten Oelmantel um und überläßt mich meinem Entzücken. Es ist ein seltsames Gefühl, das mich beschleicht. Tie Winzigkeit menschlichen Daseins überschauert mich vor der gewaltigen Schönheit dieser entfesselt scheinenden Naturkräste. .Sundflutphantasien gehn mir durchs Gehirn. Plötzlich ist es mir, als führe der Fels unter mir mitten hinein in die donnernden, weißgischtigen, .sich überstürzenden Strombögen, als wäre das Känzli zur Arche Noah geworden. Wie trunken segle ich hinein in diese Weltunter- gangssluten einem fernen, rettenden Arrarat entgegen — da holt eine der sich am Fels brechenden Wogen tückisch aus und Rt mir eine wohlgezielte Ladung frischen Rheinwassers über bpf, das mich prompt in die Wirklichkeit zurückruft . . .
Schweren Herzens nur vermag ich mich zu trennen von dem wundervollen Anblick, der sich 'mir weiter oben nach „Schloß Laufen" zu noch ein paar Mal bietet. Mer endlich geht's doch nach. Schaffhausen zurück, das ich nun von seiner Rheinbrücke aus sehe und von dort viel interessanter finde, als es mir in seinen schlecht gepflasterten, langweiligen Straßen erschien. Biele Rheinsallbesucher können es sich nicht versagen, in Schaffhausen oder Neuhausen zu übernachten, um einer elektrischen Beleuchtung der Wasserstürze beizuwohnen. Große Scheinwerfer übergießen die schäumenden Wogenkämme bald mit weißem, rotem, gelbem, grünem und blauem Licht, und die großen Keinen Kinder finden das je nach der Tiefe ihres Sprachschatzes wunderschön, .reizend oder großartig. Ich für meinen Teil habe mir diese Verballhornung der Natur geschenkt und bin nach einem Besuch der lieblichen chnsel Reichenau hinauf gen Hirsau gefahren, Mil ich für alle Klosterstätten jederzeit ein lebhaftes Interesse empfunden habe. .Hirsau, früher Hirschau genannt, birgt eine der sehenswertesten Klosterruinen Süddeutschlands und zeigt sich landschaftlich als ein Waldidvll von hoher Anmut. Tie Klosterkirche war romanisch; ein spätgotischer Kreuzgang zeigt wundervolles Fenstermaßwerk. Mn stelle der alten Abt« hatte sich ein ioürttembergifcher Herzog am Ausgang des 16. Jahrhunderts ein Jagdschloß errichten lassen. Auch dieses liegt in Trümntern. . Melae hat auch hier wie in Heidelberg glatte Arbeit geliefert. ..Jene Ulme die aus den alten Mauern zum filmten Himmel ragt, ist dieselbe, von der Ludwig Uhland singt:
Zu Hirsau in den Trümmern, Da wiegt eht Ulmenbaum Frischgrüneud seine Krone Hoch überm Giebelsaum. . . und die ihm wie ein Sinnbild Martin Luthers erscheint, der aus dem Kloster in Wittenberg auch „mit Riesenästen zum Klausendach hinaus" brach. Ein paar Meilen weiter nördlich grüßt uns Maulbronn, wohl die interessanteste Klosterstätte wür- tembergischen Landes mit Bauwerken, die zum guten Teil aus dem Neber gang vom Romanischen zur 'Gothik stammen. Im „Paradies", ..der Kirchenvorhalle mit feinen spätromanischen Arkadenfenstern und herrlichen Kreuzgewölben, sieht ein gutes Auge auch noch hie Reste der „Maulbronner Fuge", die der feucht- sröhliche Scheffel mit Doktor Faust so einleuchtend in Beziehung gesetzt hat. „A. V. K. L. W. H., nach TMas Wagner, 1640; All Voll, Keiner Seer, Wein Her! Wenn man den Eilfinger einmal gekostet Hat, . vergibt man den frommen Seelen diesen etwas aus der Art geschlagenen Fugentext und lebt der Hoss-


