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„Du hast recht, Stimme", pflichtete ihm der Graf bei, „ich will es so halten. Aus dem Poststempel kann er ja immerhin auf den Absender schließen, er wird Wohl auch meine Krähensüße erkennen — aber er m u ß es nicht, und das ist die Hauptsache. Ich erkundige mich gleich morgen nach seiner Adresse, denn nichts ist mir schrecklicher, als der Gedanke, jemanden nicht nach Gebühr entschädigt oder ihn gar ungerechterweise verkürzt zu haben."
„Ich bitte Dich, laß nur ihn von dieser Gesinnung nichts hören", warnte ihn der Pfarrer, „sonst nützt der Kerl Deine Gutmütigkeit bis zum —"
„Stimme, Stimme, ich verstehe Dich nicht", unterbrach ihn der Graf kopfschüttelnd, „seit wann bist Du denn so mißgünstig?".
„Ich bin nicht mißgünstig", verwahrte sich der so An- gegrisfene ganz echauffiert, „aber zum Donner, man muß doch auch zwischen Verdienst und jBerdienst unterscheiden und —"
,^Jch verstehe Dich. Du meinst, ich darf nicht einseitig sein und nur ihn beloben, während die Jungen, die das schwere Zeug mit heißem Bemühen einpaukten, leer ausgehen !"
Der Pfarrer starrte ihn ganz verblüfft an. •
„Nun, so war es gerade nicht gemeint", protestierte er etwas zögernd, „ich wollte nur —"
„Du wolltest mich nur auf den rechten Weg gewiesen haben", fiel ihm der Graf freundlich ins Wort und gab dem herbeigeschellten Kammerdiener den Befehl, die beiden jungen Herren sofort herüber zu holen.
Zitternd und bebend traten diese an und blieben, trotz des Vaters Aufforderung zum Nähertreten, krampfhaft bei der Tür stehen.
Das böse Gewissen schaute ihnen förmlich bei den Augen heraus, und des Vaters milde, beinahe sanfte Einleitung dünkte ihnen nur als wohlberechnetes Gegenstück zu dem nachfolgenden, ganz uuausbleiblrchen Furioso.
Als er aber die Gediegenheit ihres lateinischen Aufsatzes immer lobender herausstrich, sich dabei sogar auf die rück- haltlose Anerkennung des Pfarrers berief, da schwoll ihnen doch der Kamm und mit einer Keckheit, als ob sie wirklich nur redlich verdientes Lob ernteten, schauten sie chm zum Schluß ganz dreist ins Gesicht.
„Durch Euren wahnsinnigen Streich habt Ihr mich leider gezwungen. Euch exemplarisch zu bestrafen", endete der Vater, „und Ihr wißt, tote weh es mir tut, meinen Kindern mit Strenge begegnen zu müssen. Umsomehr freut es mich, wenn sich mir endlich, einmal auch Gelegenheit bietet, mich über Euch ehrlich zu freuen. Ich habe Euch bisher für ausgemachte Dummkopse gehalten und auf Euer Wissen nicht viel gegeben, aber da auch mein Freund Stimme zugeben muß, daß Ihr die Aufgabe nicht nur gut, sondern geradezu einwandssrei abgeliefert habt — so soll Euch zum Lohne die restliche Strafe erlassen sein."
Die beiden taten einen Luftsprung, fielen dem Vater jubelnd um den Hals und schwuren hoch und heilig, von nun an gewiß keine Dummheiten mehr anzustellen.
„Na, wollen hoffen, daß Ihr Euer Versprechen auch haltet", meinte der Graf skeptisch „und nun fahrt ab und freut Euch Eurer Freiheit."
Ohne es sich ein zweites Mal sagen zu lassen, stürmten sie hinaus; aber noch waren sie nicht bis zur Treppe gelangt, als sie der Pfarrer schon wieder zurückrief.
,Hört mal", flüsterte er ihnen im Korridor drohend zu, „Ihr kommt morgen zu mir und werdet eine neue Aufgabe ausarbeiten. Wehe Euch, toetm sie nicht so gut tote die heutige ausfällt! Dann werde ich einmal genauer untersuchen, wieso gerade diese so vorzüglich gelungen ist."
Die beiden scharrten ganz verdonnert vor sich hin.
„Ihr werdet also jetzt Freiheit Freiheit sein lassen und sofort wieder aufs Zimmer gehen. Euch für morgen vorzubereiten. Und wenn Ihr nicht auf der Stelle folgt", setzte er energisch hinzu, „dann rede ich mit Eurem Vater ein Wörtchen im Vertrauen und werde ihm begreiflich machen, daß Ihr Euch mit fremden Federn geschmückt ImBt"
Beschämt schlichen die Seiden nach ihrem Zimmer und vermochten sich gar nicht zu erklären, wie und auf welche Weise der Pfarrer hinter die Wahrheit gekommen sein tonnte.
Dieser stand indes noch immer am selben Fleck und grübelte und grübelte.
„Na, ich werde schon auch für mich eine Strafe ausfindig machen", brummte er vor sich hin, „denn schließlich bin ich doch eigentlich noch schuldiger als sie!"
Dann kehrte er zu seinem Freunde Hinko zurück, setzte sich mit diesem hinter die Flasche und strafte sich einstweilen dadurch, daß er feinem Durst Zwang antat und irn gleichen Zeitraum, in welchem sein Gegenüber zivei Gläser leerte, immer nur eins trank — zu seinem regelrechten, nicht abstreitbaren Spitz kam er aber doch trotz dieser seiner Selbstbestrafung.
13.
Die Widerwärtigkeiten bei der Fertigstellung des Fabrikbaues häuften sich immer mehr und mehr.
Die aus der Fremde herangezogenen Maurer und Zimmerleute huldigten in nur allzu kurzer Zeit den Prinzipien der eingesessenen Bevölkerung und hatten es auch gar bald heraus, daß das Nichtstun viel bequemer und angenehmer sei, als sich im Schweiße seines Angesichts zu schinden und zu plagen.
Dem blauen Montag folgte in dieser weisen Erkenntnis alsbald ein blauer Dienstag und Mittwoch, und die voU Herrn von Höchstfeld in seiner Ratlosigkeit zugelegte Lohnaufbesserung zeitigte, der größeren Einnahme wegen, auch noch einen blauen Donnerstag. Am Freitag machte dann der Katzenjammer das Arbeiten unmöglich, und da der Samstag, als Zahltag, wie ein kleiner Feiertag durch Nichtstun gefeiert wurde, so verrann tatsächlich die ganze Woche in Müßiggang und Faulheit, und der Ban schritt daher nicht von der Stelle.
Herr von Höchstfeld tobte und raste, was indes nur seiner! Gesundheit, kekneswegs aber seinen Angestellten schadete, denen es auf ein bißchen mehr Fluchen und Schimpfes gar nicht aukam.
Diesem Aerger gefeilte sich zu allem Ueberflnß auch noch seine Sorge wegen der Maschinen zu, die noch immer an der Station lagen, wo sie, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, zu rosten anfingen.
Er hatte zwar in aller Eile auf Dolina einen genügend großen Schuppen herstellen lassen, wo sie provisorisch unter- gebracht werden sollten, da sich aber die Wirtschaftswagest für den Transport als viel zu klein und zu schwach erwiesen, so mußte er erst richtige Lastfuhrwerke anfertigen lassen.
Auch dies nahm viel mehr Zeit in Anspruch, als er gedacht hatte, mußten doch sämtliche Bestandteile, die in den benötigten Dimensionen von niemandem auf Lager gehalten wurden, teils erst angefertigt, teils erst aus den Fabriken bestellt werden. Und als dann endlich, nach fast zweimonatlichem Warten, der erste Wagen mit Schiss ist Marianee anlangte, da stand man vor einer neuen, gar nicht zu überwindenden Schwierigkeit.
Trotz allem vorhergegangenen Ueberlegen hatte matt doch auf eines Rücksicht zu nehmen vergessen und zwar auf die Spurweite der tiefausgefahrenen Geleise in den grundlosen Landwegen, zu Dereu Instandhaltung noch nie etwas geschehen war.
Wollte er nun seine Maschinen überhaupt je nach Dolina bringen, so blieb ihm Nichts anderes übrig, als gehörig in die Tasche zu greifen und die Straße ans eigenen Mitteln fahrbar zu machen.
Szabo riet dringend zu einer Beschotterung, und da im Komitat selbst keine Steine waren, so wollte er gleich am nächsten Tage nach Süd-Ustgarn fahren, um den Einkauf bei den dortigen Brüchen zu besorgen.
Es war dies das erste Mal, daß Herrn von Höchstfeld ein ernstliches Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit seines Inspektors beschlicht
„Ich fürchte, daß dies KU teuer wird", nwinte er deshaW widerstrebend, „vielleicht könntest wir es wie unsere Nachbarn machen und einen Wieg aus Knüppelholz Herstellers für welches wir ja ohnehin keine Verwendung haben."
,,Wie Sie wünschen", entgegnete Szabo ärgerlich, „nun dürfen Sie von dessen Haltbarkeit nicht zu viel verlangend
„Nun, wenn er nicht mehr hält, dann laden wir ehest noch hundert Fuhren ab und kommen dabei noch immer billiger weg", entschied Herr von Höchstfeld kurz und tvanhG sich brüsk um.


