L7Ä —
bleiben kam» hinter! der wegen ihrer üppige» Vegetation sprichwörtlich gewordenen Westküste zurück. Von der bellen, zarten Magnolie und der duftigen Zypresse biS zu der fast schwarz geaderten gelben Esche und der wundervoll satt vwletten roten Zeder fehlt auch nicht eine einzige Schattierung. Dieser fast erdrückende Reichtum hat natürlich auch die.Möbelindustrie beein- ?lußt, die häufig genug mit einer wahrhaft großzügigen Ber- chwendung arbeitet. .So ist hier ein wundervoller Palmenbaum ausgestellt, in den ein Bücherschrank ,,hineingehauen" ist. Der Stamin liegt auf zwei Böcken. Ein rechteckiges Viertel der Längs- ausdehnung ist herausgeschnitten und das übrig gebliebene hochstehende Viertel ist aüsgehölt worden. Dann ist aus dem fortge- nommenen Holze eine Tür gemacht, das Ganze sauber poliert worden, mit Ausnahme der äußeren Rundung, die noch die natürliche Rinde zeigt 5-*. und ein ebenso vornehmer wie origineller Schrank war fertig. Das Holz ist eben hier noch so wohlfeil, daß man sich derartige Experimente zu gestatten vermag. So konnte man z. B. auch beobachten, daß die Ausstellungsgegenstände der mittelamerikanischen Negerrepublik Haiti, die erst kürzlich durch die Beleidigung europäischer Gesandter hon sich reden machte, in großen Kisten hier ankamen, die aus schwereni, tadellosem Eichenholz bestanden, das dann glei ch 'einfach ins Feuer gesteckt luitrbe. Wieviel deutsche Tischlermeister würden frohlocken, 4venn sie Kapital genug hätten, sich eine solche Quantität Eichenholz, wie sie hier achtlos beiseite geworfen wird, für ihr Lager zu erwerben. . .
Bon einer ebenso großen Verschwendung zeugt auch die riesenhafte „Blumenuhr", die vor dem Eingänge zum Landtvirtschaft- gebäude gebaut ist. Sie wird ganz und gar aus lebenden Pfanzen gebildet, von deren Anzahl man sich eine Vorstellung machen kann, wenn man erwägt, daß allein für die Zahlen über dreizehntausend Gewächse nötig waren. Sie gleicht einem ungeheuren, kreisrunden Blumenbeet, und man braucht über fünf Minuten, um sie zu umschreiten. .Nicht weit von diesem „Clou" der Gartenbaukunst befindet sich die von der Regierung der Vereinigten Staaten eingerichtete „Lebensrettungsstation". Hier kann man jeden Nachmittag für 10 Cents zu sehen, wie Schiffsbrüchige gerettet werden. Einige Männer markieren ein Schiffsunglück, und sofort wird ihnen mittels einer herübergeschossenen Rakete Hilfe zu teil. .Tann fahren sie in einem kleinen Boot hinaus, das sie nmkippen. Auch hierbei funktionieren die Rettungseinrichtungen vorzüglich.
Es ist doch sehr merkwürdig, haß von diesen .Vorrichtungen nichts zu sehen war, als sich das schreckliche Unglück des Dampfers „General Slocum" in Rewhork ereignete. Warum renommiert man auf einer Weltausstellung mit Einrichtungen, die in der Wirklichkeit gar nicht existieren?! Selbst die hiesigen Regierungsblätter müssen zugeben, daß diese Katastrophe eine tiefe Schande für die hiesigen korrupten Zustände ist. Hat sich doch herausgestellt, daß die Rettungsgürtel des untergegangenen Dampfers statt mit Kork mit — Gras vollgestopft waren. Das ist billiger! Keine Revisionskommission des Staates Newhork hat das bemerkt. Offenbar haben sich die famosen Inspektoren mehr um das Geld der Tampfergesellschaft bekümmert als um die Sicherheits-Maßnahmen.
Bisher pflegte »mit von korrumpierten Ländern zu sagen, daß in ihnen alle kulturellen Einrichtungen „nur aus dem Papier ständen". .Man könnte dieses Wort jetzt vielleicht dahin ändern, daß sie xur auf den Weltausstellungen den Fremden gezeigt werden.
vermischtes.
* H at Napoleon Furcht gekannt? Napoleon I, vor dem ganz Europa sich fürchtete, hat seinerzeit auch einmal aus Furcht gezittert und gebebt. Ter Oberst Niell Campbell, der Napoleon I. nach Elba (eigentlich Frsjus) begleitete, erzählt davon in seinem 1827 in London Magazine veröffentlichten Tagebuch. Campbell war kein Feind des Gefangenen; er spricht vielmehr mit Hochachtung und Bewunderung von ihm. Die ersten Tage- "ejsen, Montargis.Briare, Nevers, Moulins, Roanne waren nicht beunruhig.nd für Napoleon. Die Kummiss we Englands, Oesterreichs, Preußens und Rußlands, deren Obhut er anvcrtraut war, bezeigten ihm große Ehrerbietung. Auf mehreren Haltestellen ertönte Bive l'impereur. In Moulins hatte der Posthalter, um Napoleon nicht zu verletzen, die weiße Kokarde von seinem Hut abgenommen. .Jenseits Lyon war die Bevölkerung außer sich. Je weiter, man kam, desto ungehaltener wurde sie und schließlich sehr feindselig. Zu Touzeri hörte Campbell „A bas le tyran", „a bas Nicolas" schreien. Tie Royalisten hatten den Spott- namen Nicolas erfunden. Aus Vorsicht ging der Zug während der Nacht durch Avignon. Trotzdem ward er von einer erbosten JJcenge empfangen, welche Campbell nur mit Mühe zu beruhigen vermochte. Es war scyou Tag, als die Posthalterei zu Orgon errem.-t wurde. Dort wußte man bie traurigen Einzelheiten der Reese: Napoleon hatte seine Uniform mit dem durch den The- reslenorden geschmückten Rock des österreichischen Kommissars,
Baron Koller, .den Hut des Grafen Stalburg und den Mantel des Grafen Schuwalow vertauscht. .(Einmal trug er auch den Hut, dann den Rock des preußisch«» Kommissars). Man wußte von dem Austritt bei der Wirtm zu La Collade, bei der Napoleon eingetreten war. Die Frau kannte ihn nicht, stieß ununterbrochen Schimpfworts gegen „den Corsen" aus und drohte ihn umzubringen, wenn er ihr begegne. Napoleon wurde dadurch sehr erregt. Man hatte von den Kniffen und Verkleidungen gehört, die gebraucht wurden, um Berttand oder den Adjutanten Schuwalows als Kaiser hinzustellen. .In Orgon wurde die Sache fürchterlich für ihn. Trotz seiner Verkleidung vermochte Napoleon, zu Pferd, den auf ihn wartenden Feinden nicht zu entgehen. Er wurde mit Steinen beworfen, von der Menge umringt und von seinen Reisegefährten getrennt. Man reißt ihm Knöpfe und Fetzen vom Rock, spuckt ihm ins Gestcht. Napoleon wird leichenblaß, diese Beschimpfungen übermannen ihn, er vergießt Tränen, wehrt sich .nicht, läßt alles über sich ergeben. Er stößt Worte ohne Zusammenhang aus, ist ganz verstört durch die Schmach und Schändlichkeit der ihm lviderfahrenden Beschimpfungen. Er, der unzählige Male dem Tod in die Augen gesehen, wird plötzlich von unaussprechlichem Schrecken befallen. Er hat keine jener gebietenden Bewegungen und Worte mehr, mit denen er die Geister bezwingt, und die er heute wiederfand, als er nach Frankreich zurückkam. Er läßt alles geschehen, schützt nur unwillkürlich sein Gesicht. ES ist nichts kaiserliches mehr an ihm: er hat Furcht. Ein langer Mensch Bauer, ist entschlossener als die übrigen, drängt sich vor, faßt den Kaiser am Kragen und gibt ihm den Befehl: „Rufe: Hoch der König." Napoleon, ganz gebrochen, gehorcht, er fühlt die ZerruM am Hals: „Vive le toi." „Lauter, nochmals" heult die Menge. Und Napoleon, der der Gebieter Europas gewesen, strengt sich an, um starker „Vive le rot" zu rufen. Tie Kommissare versuchen vergeblich, den Wildgewordenen zuzureden. (Sine Frau befestigt mit einer Nadel die weiße Kokarde an den Hut Napoleons. Ter General Bertrand, der im Wagen geblieben, vermag nichts mehr. Nur durch kräftiges Eingreifen eines früheren St. Ludwig-Ritters, Herrn de Lambert, wird der wütenden Menge Halt geboten. .Napoleon zittert krampfhaft, gibt seinem Pferde die Sporen, leitet voraus. Er setzt die ihm eben aufgezwungene Kokavde zurecht, offenbar als Schutz gegen weitere Angriffe. Die Ablösung der französischen Bedeckung durch österreichische Husaren flößt ihm Sicherheit ein. Aber erst auf dem Schloß Bouillidon, bei der Fürstin Borghese (seiner Schwester) kommt er wieder ganz zu sich. Zwei Tage darauf blendet er alle durch Ruhe, Selbstbeherrschung, sogar eine gewisse Fröhlichkeit. — Heute leugnen die meisten Franzosen solche Erzählungen; sie erklären dergleichen für unmöglich, so sehr ist die Bewunderung Napoleon I. allen in Fleisch und Blut übergegangen. In meiner Jugend habe ich noch eine große Zahl früherer Krieger Napoleon I. gekannt. Inmitten der Napoleon-Begeisterung, die das jüngere Geschlecht beherrschte, urteilten sie sehr ruhig, fast gleichgiltig über den gefallenen Kaiser. .Durch Bühne, Romane, besonders aber die Napoleon verherrlichenden Geschichtsschreiber, Thiers an der Spitze, wurde ein wahrer Napoleon-Kultus eingeführt, der unter Ludwig Philipp seinen Gipfel erreichte. Er ermöglichte die Gründung .des zweiten Kaiserreiches, unter deut wiederum in Wort und Schrift für die Republik (siehe Erckmann-Chatrian) und auch das Königtum gearbeitet wurde. Seit zwei Jahrzehnten etwa ist wiederum viel, (besonders durch Veröffentlichung von Denkwürdigkeiten und Perfonen-Kuttus (siehe vierzig oder mehr Bände, welche der dafür in die Akademie gewählte Frederic über Napoleon und dessen Umgebung geschrieben^ zur Verherrlichung des ersten Kaiserreiches geschehen.
Bilderrätsel.
(Nachdruck verboten.)
Auflösung in nächster Nummer.
w„»»6ral>
Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.:
Bart, Bach, Gas, Stern, Bau, Kanne, Heer, Meer, Gabe. Automobil.
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


