470

Bei Ihnen, meine Herren" sagte er,füge ich mich mit Vergnügen Ihren Gebräuchen; in meinem Hause müssen Sie mir indes gestatten, Sie ans deutsche Art zu begrüßen, dazu genügt aber ein Gläschen, welches ich freilich bis zur Nagelprobe leeren will."

Es regnete hageldicht an Protesten, die jedoch Erich dadurch zum Schweigen brachte, indem er in das allge­meine Durcheinander hineinries:

Meine Herren, Sie kennen vielleicht das schöne Lied: Und die alten Deutschen, sie tranken immer noch eins!" Wie soll man das aber bewahrheiten, wenn man gleich mit solch einem Riesenhumpen anfängt! Lassen Sie uns also Bet unserem deutschen Modus bleiben, und seien Sie versichert, daß wir, trotz des kleineren Schluckes, auch nicht weniger trinken und die Gastsreundschast ebenso schätzen wie Sie!"

Bravo, Bravo!" applaudierte man ihm, und Herr von Höchstseld benutzte rasch diese Gelegenheit zu einem kurzen Spruch aus feilte Gäste, worauf er ihnen zutrank. Die mitgekommenen Tamburaschen setzten auf Vladojs Wink mit einem Tusch ein, und auf dessen mit Begeisterung aufge­nommenen Vorschlag begab sich nun die ganze Gesellschaft in den Park, um sich die Zeit bis zum Frühstück mit Tanz und Spiel zu verkürzen.

Scheu sich beiseite drückend, ließ Frau von Höchstfeld alle ziehen, dann, als sie sich unbeachtet wußte, sank sie erschöpft in einen Sessel und starrte regungslos vor sich hin. Sie fühlte sich nicht im stände, in ihre Gedanken Ordnung zu bringen; zu vieles, zu ungeheuerliches war heute in jäher Reihenfolge auf sie eingestürmt. Wenn sie urplötzlich unter eine wilde Zigeunerhorde geraten wäre, würde sie auch nicht mehr Entsetzen und Furcht empfunden haben.

Jawohl, Furcht, das war der richtige Ausdruck dafür. Dieses wüste, jedweder Gesittung spottende Treiben kam ihr wie ein Hexensabbat vor, und voll banger, mütter­licher Angst dachte sie daran, wie leicht ihre Kinder speziell aber Erna durch dieses böse Beispiel Schaden an ihrem Seelenheil nehmen konnten.

Erschrocken fuhr sie zusammen, als sich ihr plötzlich eine Hand leicht auf die Schulter legte.

Bleiben S' nur sitzen", nötigte sie die Gräfin auf ihren Platz zurück,i hab mir gedacht, daß Sie hier sind, und da bin t kommen, um Ihnen a bisserl Gesellschaft z' leisten und Ihnen die Käferchen auszutreiben" und als Frau von Höchstseld, nicht recht verstehend, verwundert aufschaute, sagte sie:Na, ja, da/ß Ihnen das alles nit g'sallen kann, ist ja begreiflich, aber glauben S' mir, Sie werden sich daran akkurat so g'wöhnen wie ich. Und dann noch eines: Schütteln S' das Mißtrauen gegen unfern Vater Adame von sich, i sag Ihnen, das ist ein Mensch ein Mensch, wie's einen besseren auf dieser Welt gar nit geben kann."

Frau von Höchstseld seufzte recht schwer.

Es ist ja möglich,, daß Sie recht haben, und vielleicht denke ich wirklich auch einmal so", meinte sie skeptisch, einstweilen ist es mir aber noch unbegreiflich, wie eit Geistlicher nach Mitternacht in ein ehrbares Haus ein­dringen kann!"

Haben wir andern denn das nit auch 'tcm?" warf die Gräfin lächelnd ein.Seh'n S', wenn er so etwas mitmacht, dann tut er's doch nur in der guten Absicht, die Jugend *ai kleins bisserl im Zaum z'halten."

Frau von Höchstfeld stand rasch auf.

Dann will ich doch lieber Erna hereinrufen", sagte sie besorgt,unter meiner Aussicht ist sie jedenfalls sicherer geborgen."

Die Gräfin wurde beinahe ernstlich böse.

Wenn meine Kleine keinen Schaden nimmt, wird Ihrer auch nix g'schehen", sagte sie pikiert, dann siegte aber sofort wieder ihre unverwüstlich gute Laune, und mit nachsich­tiger Beredsamkeit setzte sie hinzu :Sie machen sich über­haupt von uns ein ganz falsches Bild. Natürlich, so zimperlich wie bei Ihnen z' Haus, sind wir ja gerad' nit, aber z' wegen dem wird ein Herr doch nie etwas Unschickliches erlauben nein, nein, da dürfen S' ge­trost sein."

Frau von Höchstfeld, die mittlerweile an die Parktür getreten war, ließ plötzlich ein entrüstetesAh, das ist stark!" hören, und als die Gräfin neugierig hinzutrat, wies

sie ihm mit der Hand hinaus und fragte in voller Em­pörung :

Halten Sie das vielleicht auch nicht für unschicklich?"

Ueber der Gräfin Gesicht huschte ein gutmütiges, alles begreifendes und alles verzeihendes Lächeln:

Na, was ist denn da weiter dabei", sagte sie voller Seelenruhe,warum sollte denn der junge Wirowaz die flehte Berlow nit küssen? Du guter Gott, wenn sie sich nit dabei z'ungeschickt anstellt, daun verliebt er sich vielleicht noch ernstlich in sie, und glauben S' mir, die Eltern werden ihnen mit Freuden ihren Segen geben."

Fran von Höchstseld war total verblüfft und brauchte eine geraume Weile, sich so weit zu fassen, um ihrer liefert Empörung lauten Ausdruck zu geben. Ganz zu unter­drücken vermochte sie dieselbe jedoch nicht, das wäre ihr als eine Charakterlosigkeit erschienen, und so fragte sie mit nicht mißzuverstehender Schärfe:

Ja, halten Sie denn solch einen hm, hm, unge­nierten Verkehr nicht für eine Gefahr?!"

Aber ganz und gar nit", entgegnete die Gräfin prompt und ohne sich im geringsten verletzt zu fühlen.I bitt' Sie, wie sollen sich denn sonst die Kinder kennen lernen? 's ist doch besser, sie wissen's vor der Hochzeit, ob's zu einander passen, als bis z' spät ist."

Ja, wenn er sie aber dann doch nicht heiratet?"i fragte Frau von Höchstfeld entsetzt.

Na, dann gibt's eben eine unglückliche Heirat weniger, und das kann den Eltern doch nur lieb sein."

Da Frau von Höchstseld nichts mehr erwiderte, so glaubte die Gräfin sie überzeugt zu haben und fuhr des­halb vertraulich fort:

Sehen S', i denk in diesen Dingen a so: Man soll ein junges Mädl auch austoben lassen grab' so wie einen jungen Burschen daß s' nit z'weit geht, davor wird sie schon ihr weiblicher Instinkt und die Lehren, die man ihr so gelegentlich gibt, warnen."

Und wenn sie auf den Unrechten stößt?!"

Oho! Denn ist schon durch unsere Osfenheit durch meinen zweiten Grundsatz, vvrgebeugt. Jawohl, Offenheit in allem sag i, und daher weiß es auch das ganze Komitat, daß unser Mädl zweimalhunderttansend Gulden mitkriegt wer auf so ein Mitgift kein' Anspruch hat, traut sich also gar nit an sie heran, und das erspart spätere Kopf­schmerzen."

Das hat schon eher etwas für sich", meinte Frau von Höchstfeld nickend und froh, endlich einmal nicht wider­sprechen zu müssen.

Na, und wieviel geben Sie denn Ihrer Kleinen mit?" fragte darauf die Gräfin harmlos.

Frau von Höchstfeld war wieder einmal ganz perplex, es kam doch immer wieder etwas Unerwartetes!

Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf er­widern soll", wich sie verlegen aus.

Die Wahrheit, meine Beste", ermunterte sie die Gräfin, i sorg schon für Verbreitung, darauf dürfen S' sich ver­lassen."

Sie haben mich mißverstanden, Fran Gräfin", raffte sich endlich Frau von Höchstfeld zu einer entschiedenen Vertretung ihrer Meinung auf,denn erstens pflegen wir Bei uns dergleichen Dinge nicht puBlik zu machen, und zweitens haBe ich mit meinem Gatten über dieses heikle Thema noch nie gesprochen, da ja Erna noch ein halbes Kind ist."

Gräfin Stepenaz gab endlich das Vernunftpredigen auf. Nun, wie Sie wollen", sagte sie mit etwas kühlerem Ton, i hab's auf jeden Fall gut gmeint, ob S' sich darnach richten wollen, ist natürlich Ihre Sach'. So, jetzt geh i wieder hinunter, kommen S' nit auch ein bisserl mit?"

Frau von Höchstfeld, die sich kaum noch auf den Füßen zu halten vermochte, entsetzte sich förmlich Bei diesem Ge­danken, und wenn sich alle Gott weiß wie beleidigt gefühlt hätten, so wäre sie jetzt doch nicht im stände gewesen, ihren Haussrauenpflichten nachzukommen wenigstens ein kleines Stündchen mußte sie sich erholen. Dies einzugestehen, genierte sie sich indes, und so entschuldigte sie sich damit, noch nachsehen zu müssen, ob auch die Kutscher richtig versorgt seien, worauf die Gräfin sie allein ließ.

Diese war noch kaum draußen, als Erna im wilden Lauf zur linken Seitentür hereinstürzte und sich, sofort aus vollen Leibeskräften gegen diese stemmte.

In Wer Aufregung bemerkte sie gar nicht die MamH