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durch die durch historische Funde unzweifelhaft bewiesene Tatsache überholt, daß bereits die Kelten dem Orte Lorch, Lo- recho, Loricho Namen und Bewohner gegeben haben. (Richter, Ädes Rheingaukreises S. 7 ff.) Als Keltenwohnstätte war ündungsgelände der Wisper ein Treffpunkt wichtiger, wenn auch primitiver Straßen. Die Durchbruchsstelle des Rheines im Binger Loch bedingte als Notwendigkeit den Bau des später sogenannten „Kaufmannsweges" von der Wispermündung über den Kammerforst nach Rüdesheim. Schon zur Keltenzeit vermittelte dieser Weg den Verkehr von dem Unterland zum Oberland. Nicht Bacharach, sondern Lorch war auch später die große Umladestation. Gegenüber bei Diebach mündete ein Abzweigungsweg von der größeren Verbindungsstraße zwischen den altkeltischen Städten Trier und Bingen und fand rechtsrheinisch seine Fortsetzung in den Wegen von Lorecho nach verschiedenen Plätzen des Hinterlandes, so nach Weisel und Kemel. Wenn man von Koblenz nach Bingen geht und hinüberschaut nach den rechtsrheinischen Gebirgszügen, so sieht man auf der ganzen Strecke von der Lahn bis ins obere Rheingau keinen so tiefen und breiten Einschnitt, als der, welcher den Lauf der Wisper beschließt. Von Bacharach aus, welches nur eine halbe SLrmde rheinabwärts liegt, hatten die Römer genügend Gelegenheit, die günstige Uferstelle zu erspähen, die einerseits leicht von dem nahen linksrheinischen Stützpunkt erreicht und verteidigt werden konnte, anderseits den Zugang ins Hinterland erösfncte. In der Tat wurde das Wispertal und sein Hinterland die „Wisperstraße", die, 1856 bis 1870 bis über Gerolstein und später weitergebaut, Lorch mit Langenschwalbach verbindet und eine der besten Chausseen des Nassauer Landes und eine Freude der Radfahrer ist.
Ein finsterer, trotziger Wächter steht in der Gestalt eines 1567 errichteten Turmes „Strunk" hart neben dem Eisenbahndamm an der Mündung der Wisper. Er ist als Ueberbleibsel der bedeutenden mittelalterlichen Befestigungswerke zu erachten. Zeitweilig diente er später als Gefängnis und Schießturm und wird jetzt noch als Warnungswarte verwandt bei drohendem Eisgang. Ein dort gelöster Böller kündet den Bewohnern des Städtchens an, daß das Eis auf dem Rheine sich in Bewegung gesetzt hat. Wenige Schritte oberhalb des Strunkes wölbt sich eine steinerne Brücke (1556 erbaut) in zwei wuchtigen Bogen über den Wisperbach. Mitten darauf thront das steinerne Bildnis des heiligen Johannes Nepomuk. Quer gegenüber füllt die „Teufclsleiter", ein Schieferberg, fast senkrecht in das Tal. Auf seinen steilen Wänden ritt einst der „Ritter von Lorch" mit seinem Roß verwegen hinauf, um sich die oben thronende Liebste zu gewinnen. Vor noch nicht 200 Jahren wurde der Zaum des Wunderpfcrdes den gläubigen Fremden auf dem Lorcher Rathause gezeigt. Den Gipfel der Teuselslciter, die „Bootsemannsley", von der Seite zu besteigen und kühn sich gerade über dem Abgrunde aufzustellen, gilt als eine der ersten Heldentaten der Lorcher Kinder. Sie rufen laut über die zu ihren Füßen malerisch sich lagernden Häuser hinunter:
Bvotsemann,
Brech' Hals und Ban, Komm' ewig mit meh Ham.
Als 1666 die Pest die Hälfte der Lorcher Bevölkerung mit 434 Menschen dahinraffte, flohen manche Bewohner In die Berge. Von Zeit zu Zeit stieg ein Flüchtling auf die Bootsemannslay und fragte laut schallend hinunter in die Tiefe, ob der oder jener noch lebe. Ein Ruf hinaus gab Antwort. So ist's heute noch mündliche Ueberlieferung in Lorch.
Etwa einen Steiuwurf weit von der Wisper entfernt, erhebt sich auf der linken Seite aus einer Terrasse die zweischiffige gotische Pfarrkirche St. Martin, der Stolz Lorchs und die Verkörperung seiner glanzvollen Geschichte. Der Hochaltar (von 1483), das Sakramentshäuschen, das Chorgcstühlc, der Taufstein, ein überlebensgroßer frühgotischer Kruzificus, sowie zahlreiche Grabsteine und Wappen berühmter Lorcher reichsbekannter Adelsgeschlechter sind Prunk- und Zierstücke der Kunst. Das Geläute ist das schönste im glockenreichen Rheingau. Das „vinum bonum" der großen St. Martinsglocke macht keine andere im Gau so volltönig nach. Von den Profanbauten Lorchs ist hervorragend das 1564—1548 von dem kaiserlichen Feldmarschall Johann Hilchen errichtete und nach ihm benannte Hilchenhaus, ein sechsstöckiger Renaissancebau, dessen Giebelfassade mit ihrer wuchtig-monumentalen Form noch unversehrt erhalten ist. Das Burghaus ist timt seinem neuen Besitzer, dem Grafen von Walder- dorff, restauriert worden. Ein Hilchen war es auch, der im dreißigjährigen Krieg nach der Sage von dem „Totenkampf zu Lorch" die noch übriggebliebenen Treuen auf dem mauerumwehr- ten Kirchplatz sammelte und so lange mit den schwedischen Horden kämpfte, bis fast alle die Seinen gefallen waren. Da in bitterer Not warf sich der Ritter tioi' dem Kruzifix auf dem Friedhöfe (Südseite der Kirche) nieder, umklammerte den Kreuzesbalken und rief aus : „Wir Lebende können uns nicht mehr helfen. So kommt denn ihr Toten, uns zu retten!" Und die alten Lorcher Geschlechter standen auf und schlugen die Schweden zurück und retteten die Kirche samt ihren tapferen Verteidigern. Die Greuel- taten der Schweden leben heute noch in der Ueberlieferung der alten Familien fort. „Ueber den Bach" im Distrikt „Rahm" sollen die dort wohnenden Wollweber in den Schornsteinen ihrer Häuser aufgchängt und zu Tyde geräuchert worden sein. Dann
wurden all ihre Wohnstätten zerstört. Es ist Tatsache, daß die ganze Bevölkerung Lorchs nach Verwüstung ihres Heimatortes von Ostern bis August 1635 in den Schluchten und Wäldern des Wispertales sich verborgen hielt. Für jeden Lorcher hat darum das Wispertal als letzte Zufluchtsstätte der Altvordern in harten Kriegszeiten etwas Ehrwürdiges, Tragisch-Heiliges an sich.
Sowohl dem Rheine als auch der Wisper zugewandt, erhebt sich auf einem Felsenvorsprung des Weiselberges gerade über Lorch die Ruine Nollich, auch Nollig oder Nollingen genannt. Sie war entweder ein Außenbollwerk der Lorcher Stadtbefestigung, oder, wie das Volk glaubt, ein Warte- und Spähturm der etwa eine Stunde landeinwärts über dem Tiefental ragenden Burgen Waldeck und Sauerburg. Letztere Meinung stützt sich auf die Sage, daß Nollich mit den genannten Burgen durch einen unterirdischen im tiefen Brunnen mündenden Laufgang verbunden gewesen sei. Die Ruine Nollich hat auch bereits ihre neueste romantische Geschichte. Bald nach dem Kriege 1870/71 kam ein fremder Graf mit Gemahlin, Sohn und Tochter nach Lorch, kaufte die Ruine mit dem umliegenden Gelände an und ließ gerade daneben aus schweren Länge- und Querbalken ein einfach gefügtes, räumliches Blockhaus zimmern und zu seiner Wohnung einrichten. Er begann auch das alte Gemäuer der Ruine zu restaurieren. Bald aber scheint sich Geldmangel eingestellt zu haben. Unter dürftigen Verhältnissen lebte die Frau Gräfin mit ihrer Tochter zuletzt noch allein im Blockhaus, bis sie eines Tages verschwunden waren. Nach geraumer Zeit ging das interessante Blockhaus in Flammen auf, wahrscheinlich angesteckt von einem ortsbekannten, zeitweilig irrsinnigen Manne.
Am Ausgang ist das Wispertal eigentlich weder idyllisch, noch romantisch. Der dürre und kahle Weiselberg fällt zu viel auf. Fünfzehn Minuten von Lorch entfernt liegt die H ü t - tenmühle, jetzt eine Mahlmühle nebst Wirtshaus, früher ein Eisenhüttenwerk. Fünf Minuten weiter winkt die Kreuzkapelle, das Lieblingsheiligtum im unteren Gau. Dort ntiinbet der Tiefenbach in die Wisper. Wenn dieser^in früheren Zeiten anschwoll, so lagerte er im Mündungsgebiet Schlamm und Schutt auf den Wisperweg ab. Schweres Fuhrwerk konnte dann die Stelle nur mit Mühe passieren. Einst blieb ein Bauer mit seinem holzbeladenen Ochsenwagen hier stecken. Er schlug auf die Zugtiere und wetterte und fluchte. Und da er genug geflucht hatte, sing er an zu beten. Denn die Abenddämmerung war herein- gebrochen und der Fuhrmann fürchtete, die Raubritter des Wisper- oder Tiefentalcs könnten heraneilen und ihm seine Ochsen entführen. Zuletzt machte er das Gelübde, falls er loskomme, wolle er an dieser Stelle ein Heiligenhäuschen errichten. Aus dem Bildstock wurde eine kleine und später die jetzige große Kapelle. Der Ochs ist in einer Scheibe des unteren Fensters auf der Nordseite dargestellt. Wohl zehntausend Menschen wallfahren am ersten Sonntag im Mai an das Heiligtum. Von Wiesbaden geht ein Extrawallfahrtszug in der Frühe nach Lorch und nimmt unterwegs im ganzen Rheingau viele Gläubige auf, während andere aus altgewohnten Pfaden über die Waldhöhen zu Fuß uach der Kapelle pilgern. Unter großen Feierlichkeiten bewegt sich von Lorch eine glauzgeschmückte Prozession mit dem Allerheiligsten hierher.
In dem hier ausgehenden Seitental der Wisper, das von dem forellenreichen Tiefenbach durchrauscht wird, liegen die früher schon erwähnten zerstörten Burgen Waldeck (bie schon 1315 bewohnte Stammburg betet: von Walbeck), unb bie S a u e r b u r g. In letzterer sollen sich bie grunblegenben Begebenheiten von Schillers „Räuber" abgespielt haben. Sie fiel 1670 an die Familie Sickingen. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts starb hier im Elend der Reichsgraf Franz von Sickingen, der „Letzte seines Stammes", wie der moosüberzogene Grabstein auf dem ärmlichen Torskirchhofe meldet. Diese Angabe wird jedoch bestritten.
Eine Viertelstunde von der Kreuzkapelle aufwärts im Wispertale ragen die Schornsteine und die ungeheuren Holzschichten einer chemischen Fabrik, die hauptsächlich in Holz- und Kohlen- produkten arbeitet. .Bald dahinter am Pfaffental verengt sich das Tal mehr und mehr, die Wälder reichen auf beiden Seiten bis an die Wisper und treten nur hier und da zurück, um einer Wiesenfläche oder vorspringendem Ackerland Platz zu machen. Die Wisper rauscht über glatte Felsbänke, zackige Klippen und tiefgeschnittene enge Schluchten. Der brüchige Hunsrückschiefer, der, weil hier am meisten vertreten, von der.Wissenschaft anfänglich auch Wisperschiefer genannt wurde, hat dem Wildbach das Fortkommen nicht allzu schwer gemacht. Die steilen Gehänge haben 20 bis 40 Grad Neigung und stürzen teilweise fast senkrecht in den Talkessel. Grate, Zacken und nackte Felswände treten zerstreut aus den 200 bis 300 Meter hohen Bergen hervor. Man glaubt, sagt A. v. Stoltersoth, Ruisdael und Everdingen seien hier herumgewandert, um Studien zu ihren schönen aber melancholischen Landschaften zu sammeln. Die Nebenbüche des Wispertales tragen durchweg dasselbe Gepräge der waldeinsamen Romantik. Rechts nimmt die Wisper neben anderen unbedeutenden Bächen auf: den schon berührten Trimbach mit 8,5 Kilometer, den Ranselbach mit 3,5 Kilometer, den Werk rbach mit dem Dolsit- bach mit 10 Kilometer Laus, links den Grohlochbach mit 5,5 Kilometer, den Hüttentaler Bach mit 2,5 Kilometer, den Ellmach- bach mit 3,5 Kilometer Länge, dann den Ernkt- oder Ernsbach,


