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geschnittenen Einwohner von Gill und Sakuthen. Sie berichteten ihm, daß die Post aus Ußditten, die an den Vieruhrzug Anschluß gehabt hatte, als letzte übers Eis hinüber gekommen war. Vorsichtigerweise hatte man die Mitte des Stromes durch lauge Bretter gesichert. Gleich hinter ihr war dann der Durchbruch erfolgt.
„Und die Schlittenkutsche vom Posthalter?" fragte er erregt.
„Die erreichte die Insel noch knapp vor der Post", sagte der Fährmeister, der dazu gestoßen war, als er den Doktor bemerkte.
„Wie werden wir nun aber hinüberkommen?"
„Mit der Fähre, Herr Doktor. Die Fahrrinne muß bloß noch erst frei gelegt werden. Ich habe schon nach Ußditten telegraphiert, um Verstärkung gebeten. Sobald die Arbeiter da sind, geht die Sache fix. Morgen mittag, spätestens bis zum Abend ist die Ueberfahrt schon wieder flott im Gange."
„Und vor morgen ist keine Möglichkeit?"
„Keine, Herr Doktor. Die Decke bricht immer weiter ein — sehen Sie bloß, das Wasser hat ja eine solche Wucht — und wenn man sich jetzt auch nur um einen Schritt zu weit vorwagt, so gibt's sicher ein Unglück."
„Ich muß aber hinüber — ich muß!" rief Zupitza trotzig.
Er ging eine Strecke weit am Ufer hin. Das Bild war überall dasselbe. Zunächst die breite, sanft abfallende, schmutzig-graue Eisfläche, die stellenweise schon durchlässig war und auf der große Pfützen standen, weiterhin die rauschende Flut, in der sich die Eisschollen dicht zusammen- drängten, manchmal übereinanderschoben, sodaß krachend neue Stücke von deu Rändern mit fortgerissen wurden.
Seit Wochen sehnte und bangte er sich. Franze wiederzusehen — nun kehrte sie heim und er war abgeschnitten von ihr — er sollte ihr nicht sofort jubelnd entgegeneilen, ihre Hände erfassen und stürmisch küssen, ihre Augen sehen, ihre liebe, warme, zärtliche Stimme hören.
Klagend strich der laue Wind über ihn hin. Jetzt fing es auch sacht zu regnen an. Er hörte es zuerst aus die Planken der Fähre und aufs Eis rauschend niederprasseln, bevor er's im Gesicht und auf den Händen fühlte. Es war ein müder, warmer Regen; fast brachte es etwas Wohliges über ihn. Er atmete tief auf, sich voll dem Wind zuwendend, der ihn in den lauen Regen wie in weiche Schleier einhüllte.
Unversehens stand er bald mitten unter den Arbeitern auf der Fähre, die mit Texten das Eis bearbeiteten, um das schwerfällige Transportfahrzeug bloßzulegen. Noch immer bezeichneten die mit den Rändern übereinander gelegten Laufbretter die Bahn, auf der als letztes Verkehrsmittel die Post die Ueberfahrt gemacht hatte. Die Rinne mitten int Strome, in der die Flur die mächtigen Eisstücke zum Haff trieb, war nur wenige Meter breit.
Er wagte sich auf den Laufbrettern eine Strecke weit vorwärts. Darauf blieb er stehen, prüfte die Tragfähigkeit durch leichtes Wippen, wagte sich schließlich noch weiter, dann immer weiter.
Hinter ihm schrie der Fährmeister, auch die Arbeiter sandten ihm erschrockene Warnrufe nach.
Er achtete nicht darauf, trotzdem er am Schwanken der Bretter bemerkte, daß die Eisdecke, über die sie führten, schon vielfach geborsten war.
Sein Blick klammerte sich an das jenseitige Ufer. Bloß ein paar Meter in der Mitte des Flusses schiedert ihn davon. Es kam ihm lächerlich und feige vor, daß er sich dadurch vom Uebergang abhalten lassen sollte. Jetzt, wo er der Rinne näher gekommen war, erkannte er, daß die einzelnen Schollen, die vorbeitrieben, von mächtiger Dicke waren; verschiedene hatten einen Umfang von mehreren Quadratmetern. Wenn sie sich stauten, bildeten sie zuweilen für mehrere Minuten eine dichte Brücke, die erst wieder ein neuer Ansturm der schwärzlichen Flut in sich zusammenstürzen machte.
Den günstigeti Augenblick abwarten, sagte er sich, dann kaltes Blut — und flugs hinüber auf die nächste Scholle.
Die am Ufer hatten erkannt, wer der Waghalsige war, sie riefen entsetzt seinen Namen. Auch am Strand von Gill sah er nun die Lichter eilig hin und her huschen. Man schrie und pfiff auf beiden Seiten, man fit elfte ihn durch Schwenken der Laternen zu warnen.
Er war jetzt auf das letzte Brett gelangt und bückte
sich, um dasjenige- das er eben verlassen hatte, zu sich vorzuziehen.
In diesem Augenblick aber geriet er ins Schwanken, und gleichzeitig rauschte das Wasser über seine Stiefel hin.
Von den Ufern aus erklang ein einziger Aufschrei: mau hatte bemerkt, daß die dunkle Gestalt auf dem Eise plötzlich mitsamt der Scholle, auf der sie stand, ins Treiben geraten war: wie ein schwankendes Floß ward sie von der Strömung mit fortgerissen.
Zupitza hatte sich mutwillig in die kritische Lage begeben, ohne weitere Ueberlegung. Auch jetzt im erste» Schreck war das einzige, woran er dachte: er wollte hinüber, er mußte hinüber — er wollte und mußte zu Frünze, die drüben auf ihn wartete!
Menn das Volk an beiden Ufern nur nicht so schrecklich schreien und kreischen wollte! — ging's ihm dabei durch den Sinn.
Gleich darauf verlor er den Boden unter den Füßen, er strauchelte und tastete um sich, um das Gleichgewicht wieder zu finden. Aufrecht konnte er sich indessen nicht halten. Er war aufs rechte Knie gesunken — er suchte mit beiden Händen nach einem Halt. Das Wasser rauschte in kurzen Stößen übers Eis und machte rasch seine Finger erstarren.
Knirschend und klirrend stießen andere Eisstücke gegen die ungleich beladene schwankende Scholle, die inmitten der Strömung zum Haff trieb.
Hüben und drüben zogen die Laternen mit — Zupitza hörte das Schreien des Volkes.
Es begann ihm zu schwindeln. Jetzt endlich übersah er die Gefahr. Es war möglich- daß die Scholle, auf der er sich befand, ins Haff trieb, auf die dunkle, vom Wind gepeitschte Flut, wo mächtige Eisblöcke schwammen, von den Strömungen regellos hin und her geworfen. Das war dann sein gewisses Ende.
Für ein paar Sekunden kam ihn Todesfurcht an.
Weshalb hatte er sich so waghalsig in Gefahr begeben? War's denn mehr als eine tolle Laune? Er dachte an Fränze — greifbar deutlich sah er ihre Gestalt vor sich.
Eine jähe Erschütterung machte da das Floß kentern — es war bei einer Biegung links gegen den Rand der Strömung gestoßen — und die Last glitt der Länge nach auf die berstende Eisdecke.
Sofort wollte er sich aufrasfen, aber er fühlte den Boden immer wieder unter seinen Füßen schwinden. Angstvoll tastete er um sich, klammerte er sich an ein großes Stück Treibeis,, eine Welle jagte ihm über den Kopf, klirrend zerbrach die Fläche, auf die die Flut ihn geworfen hatte, und er sank von neuem.
Es rauschte und brauste in seinen Ohren. Er sah feurige Ringe in der Dunkelheit.
Endlich hörte er wieder Stimmen — kreischende Stimmen. Kaum fünfzig Meter von ihm tauchte eine Laterne auf, die int Kreise geschwenkt wurde.
„Hierher! Hierher!" schrie man ihm zu.
Er wagte es, sich zur Hälfte aufzurichten. Erst langsam, dann schneller, immer schneller lief und glitt er dem Ufer zu.
Ein Par atemlose, schreckhaft erregte Leute empfingen ihn.
„Der Herr Doktor!" riefen sie überrascht; alle zugleich drangen sie mit Fragen in ihn.
(Fortsetzung folgt.)
I s W special.
Der Rheinstrom ist als eine der ersten Touristenstraßen der Welt zur Sommerzeit zwar sehr belebt, allein Bahn und Schiff entführen die Reisenden so schnell, wie sie sie gebracht. In einem Tage fährt man mit dem großen Salonboot die große Völkerstraße Mainz—Köln hinunter oder hinauf. Der nevge- gründete Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs am Rhein bestrebt sich, die Zugvögel wenigstens für einige Zeit festzubinden, damit sie nicht bloß den Saum des gepriesenen Rheingebietes berühren, sondern inmitten seiner Herrlichkeit etwas länger sich niederlassen. Vor allem sind die stillen und naturschönen Nebentäler nicht bloß eines Besuches, sondern auch einer näheren Betrachtung und Würdigung wert. Es sei mir heute gestattet, dem Wisper tu le, seiner Beschaffenheit und seiner Geschichte einige Worte zu widmen.
Nach dem einstimmigen Urteil aller mittelrheinischen Altertumsforscher gehört die Stelle der Wispermündung zu den ältesten Ansiedelungen im Rheingau. Der Streit, ob Lorch von den Römern oder erst von den Karolingern gegründet worden fei, ist


