Areltag den 10. S«ni.
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(Nachdruck verboten.)
Arühtingskürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
7. Kapitel.
Nun ging Fränzes Abwesenheit in die fünfte Woche. Man fing schon an, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß sie auch das Osterfest noch nicht auf Sa- kuthen verleben werde — da traf endlich die frohe Botschaft aus Insterburg ein, daß der Arzt in Anbetracht der milder gewordenen Witterung die lleberführung des kleinen Rekonvalezenten gestattete.
Mittags gedachte sie von dort abzufahren, sie war dann um vier Uhr in Ußditten und konnte noch vor Dunkelheit das Delta erreichen. Die letzten Nachrichten über den Kleinen hatten durchaus günstig gelautet; nicht so befriedigend klangen die über Franze selbst. Pratje hatte sie kürzlich, ausgesucht. Er schilderte sie recht blaß und angegriffen. Der letzte Bericht stammte von Herrn von Gamering. Seine schwerenöterischen Absichten schienen nicht zur Ausführung gekommen zu sein. Im „Mikado" war er jedenfalls allein gewesen. Er sand, Frau Franze habe „riesig eingelegt, aber riesig!"
In zitternder Ungeduld harrte Zupitza des ersten Wiedersehens nach, der langen Trennung.
Pratje wollte das Paar abholen, er hatte beim Post- Halter auch schon die geschlossene Schlittenkutsche bestellt.
„Wenn es meine Tour erlaubt", warf der Doktor hin, >,stelle ich mich gleichfalls auf der Bahn ein."
„Es war sein fester Plan, das Tempo auf der Fahrt durchs Kaguller Moor, wo man ihn mittags erwartete, so zu beschleunigen, daß er Punkt vier Uhr in Ußditten sein konnte. Er geizte heute mit jeder Minute.
Mitten auf der Tour gab's aber eine Störung, die eine harte Prüfung für ihn bedeuteter man rief ihn in einer dringlichen Angelegenheit nach Akischken und er mußte wenden.
Akischken bildete den südwestlichen Zipfel der königlichen Moorvogtei. Der Wieg dahin war so schlammig, der Schnee so weich, daß man mit dem Schlitten nur im Schritt vorwärts kam. Das Wasser lief von den Kufen nach beiden Seiten in die Gräben, die Pferde strauchelten immer öfter auf dem nassen, glitschigen Grund, ihre schweißbedeckten Leiber dampften.
Der plötzliche Umschlag der Witterung machte das Blut hitziger. Zupitza entledigte sich bald des Pelzes. Die Sonne stach, die Lust war fast schwül. Er hielt es schließlich nicht mehr im Schlitten aus, stieg ab und stampfte ein Stück Weges durch den Schnee. Mer das Gehen in den schweren Winterkleidern war lästig. Die ungewohnt schwüle Luft legte sich ihm auf die Lungen. Es war etwas
seltsam Nervenerregendes in den warmen, feuchten Wind- wellen, die ihm entgegenstrichen.
Als es vier Uhr ward, begleitete er in Gedanken! Fränze und ihren kleinen Schützling von der Bahn heim. Er wußte sich Fränze dabei so deutlich vorzustellen —■ er fühlte ihre Nähe fast — es war ihm, als höre er auf Schritt und Tritt ihre volle, warme Altstimme.
Es ging schon auf sieben Uhr, als er sich, endlich wieder auf der Chaussee befand, die von Ußditten nach Gill sührte.
In Akischken herrschte Typhus. In zwei Hütten lagen sämtliche Kinder im Fieber, in einer dritten waren auch die Erwachsenen infiziert. Das Elend war unsagbar. Er hatte seine liebe Not mit den Aermsten.
Man hatte einen farbenschönen Sonnenuntergang gehabt. In langen schmalen Bändern, die der Wrnd vielfach zerrissen hatte, zogen sich rotglühende Federwolken nach dem Westen hin, wo ein matter, dunstiger Lichtschein die Stelle der entschwundenen Sonne bezeichnete. Der ganze übrige Horizont war gelblichgrau, die Wolken hingen, niedrig in schwerer, drohender Masse über dem Land.
„Es wird noch Regen geben", meinte der Kutscher.
Zupitza drängte zu größerer Eile, aber die Pferde, die bei jedem Schritt knietief in die weiche Schneeschmelz« eintauchten, waren von der schweren Arbeit fast erschöpft.
Streckenweise stand schon das Wasser mitten aus dem Wege in den Schneegeleisen. Je tiefer man zur Niederung vorschritt, desto unwegsamer und mühsamer war die Bahn. Sie verließen das Gefährt schließlich beide, um den Tieren das Ziehen zu erleichtern.
Als sie den großen Deich erreichten, hörten sie plötzlich ein seltsames Rauschen, das zu dem klagenden hohlen! Wind, der über .die weichen, durchsiebten Schneeselder von Westen her psiff, einen unheimlichen Grundton bildete. Das Rauschen ward mächtiger, je näher sie dem Karpaßstrome kamen. Bald mischte sich auch em Klirren, als ob Glas zerschellte, darein.
Am Fährhaus standen ein paar Dutzend Menschen in unruhigen Gruppen beisammen. Einzelne Leute gingen! suchend mit Laternen hüben und drüben am Ufer des! Stromes hin und her. Man hörte Rufen und Schreien,, dazwischen deutsch und litauisch fluchen.
Plötzlich, hielt Zupitza mitten auf der Straße inne.
„Es ist ja Eisgang!" entfuhr es ihm voller Schreck.
Der Kutscher blieb gleichfalls stehen und starrte vev-i blüfft aus den Strom.
Trotz der Finsternis konnte man feststellen, daß in der Mitte des monatelang starr gewesenen Flußbettes eine reißende Bewegung stattfand. Die Eisdecke hatte sich von beiden Seiten nach der Mitte gesenkt, in der schmalen, osfenen Rinne brausten trübe Fluten, die mächtige Eisschollen mit sich wälzten, dem Haff zu.
Zupitza erkannte in den gleich ihm vom Delta ab!«.


