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nervösen Zeitalter, ja man will die Blüte der Menschheit, die Phantasie, das Spiel, die ästhetischen Regungen als krankhaft, als pathologisch hinstellen. Mit Unrecht! Denn sonst wäre der trockene Philister das Ideal des Menschen, und wir hätten nur die traurige Aufgabe, Philister en mässe zu züchten. Jede Individualität müßte da im Keime erstickt werden, was ein großes Unglück für die Gesellschaft wäre. Im Gegenteil! Das Gemüt, die Phantasie, die „Reizsamkeit" des Kindes müssen gefördert iverden. Es gebe eine „normale Nervosität", ein entwickelteres Nervenleben, und diese kostbare Eigenschaft sollen die Eltern pflegen, aber nicht abtöten. Professor Pick gab schließlich der Hoffnung Ausdruck, daß durch die heutige Entwickelung der Psychologie, durch die moderne Pädagogik und durch die Erfahrungen der medizinischen Wissenschaft das „Zeitalter der Nervosität" bald am Ende seiner Herrschaft angelangt sein werde. Der Vortrag fand den lebhaftesten Beifall der Zuhörer.
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Eine historisch-psychologische Betrachtung für die „nassen Tage,, Ernst H. Nickel, Berlin.
Wir müssen um mehr denn fünfzig Jahre zurückgreifen, wenn wir uns die Zeiten vergegenwärtigen ivollen, in denen man in Europa schüchtern" und zaghaft begann, sich für die Gummischuhe in ihre Eigenrschaft als schützende und wärmende Ueberschuhe zu interessieren. Eine spezielle Gummischuh-Industrie gab es damals indessen noch nicht, was einmal durch deu Mangel an geeigneten Maschinen und zum zweiten durch den geringen Konsum zu erklären war, denn der heutige Gebrauchs-Gummischuh ist eben nur ein Produkt der modernen, verkehrsreichen Zeit. Bevor der Gummischuh sich in breiteren und kaufkräftigen Volksschichten einzubürgern begann, pflegte man, besonders das zarte Geschlecht der wohlhabenderen Klassen, als eine Art derberen Neber- und Schutzschuhes hohe farbige Leder-, ja sogar Sammetschuhe über den feineren Saffian- und Atlas- schuhen zu tragen, welche Vorsichtsmaßregel namentlich im Hinblick auf die damalige Mode der halbhohen mit kreuzweise verschlungenen Bändern befestigten Halbschuhe dringend geboten war. Das Straßenlebeu spielte sich infolge der fehlenden Verkehrsmittel damals eben in weit einfacheren Formen ab, moderne Riesenbazare mit den lockenden, prächtigen Auslagen gab es nicht, also blieben die schönen Frauen und Mädchen in der Regel hübsch zu Hause, wenn es gerade nicht galt, die notwendigsten Einkäufe oder Besuche bei befreundeten Familien zu machen, wozu man sich natürlich nickt die regnerischen Tage aussuchte, in denen die Straßen vor einem halben Jahrhundert sich wahrscheinlich in einem lieblichen Zustande befunden haben müssen.
Tie allmählich besser werdenden Kommunikationen, die mit dem Aufschwung und dem Siegeszug der Technik rapid sich entwickelnden Verkehrsmittel modernsten und allermodernsten Stiles verhalfen auch den anfangs vielfach mit Mißtrauen betrachteten Gummischuhen zur generellen Einführung in alle Volksschichten, deren Einkommens- Verhältnisse sich diesen vermeintlichen „Luxus" gestatten konnten.
Aber es muß auch heute konstatiert werden, daß es noch eine überaus große Anzahl von Personen gibt, welche finanziell wohl in der Lage wären, sich ein oder mehrere Paar Gummischuhe anzuschaffen, die aber eine eigenartige, ganz grundlose Animosität gegen dieselben haben, von der sie sich nicht zu befreien vermögen. Namentlich trifft man sehr zahlreiche jugendliche Leute beiderlei Geschlechts an, welche sich absolut nicht an das Tragen von Gummischuhen gewöhnen wollen, sei es aus Eitelkeits- oder Bequemlichkeitsgründen. In der Provinz, wo noch nicht alles so auf Schein aufgebaut ist, wie in den leichtlebigeren Millionen-Städten, hat sich der Gummischuh weit mehr die Gunst weiter Bevölkerungsschichten erworben und man wird selten einen Provinzler antreffen, der die Gummischuhe mitzunehmen vergißt, wenn er sich auf Reisen begibt. Im allgemeinen kann man die Beobachtung machen, daß in den besseren Bürgerkreisen Deutschlands in den letzten Jahren, was im besonderen für die Herrenwelt gilt, das Vorurteil gegen das Tragen von Gummischuhen stark im Schweinden begriffen ist und man hat Gelegenheit, na
mentlich auf Reisen wahrzunehmen, wie sehr bei dieser Frage die Macht der Gewohnheit eine Rolle spielt. Wer sich einmal an das Tragen von Gummischuhen gewöhnt hat, empfindet bald die großen Annehmlichkeiten und Vorzüge derselben und legt sie sobald nicht wieder ab. Sowohl vom ästhetischen, hygienischen, wie vom wirtschaftlichen Standpunkte rst das Ttagen von Gummi-Ueber- schuhen durchaus anzuraten und zu empfehlen und dank eines immer rationeller iverdenden Produktionsverfahrens werden die Gummischuhe nickt nur ständig besser, sondern auch haltbarer bei mäßigen Preisen, sodaß auch die minder Begüterten sich nicht mehr zu scheuen brauchen, diesen vermeintlichen „Luxusartikel" sich anzuschaffen. Man lernt die Gummischuhe tatsächlich immer mehr schätzen. Es steht somit zu erwarten, daß binnen wenigen Jahren der Gummischuh nicht mehr ein „Luxus-Artikel" ist, sondern ein allgemeiner Gebrauchsgegenstand geworden sein wird, was er auch tatsächlich ist. Gummischuhe schützen vor Erkältungen und nassen Füßen, sie verhindern das Einträgen von Schmutz in die Wohnung, sie sehen immer sauber und elegant aus. Darum, sei es bei kaltem oder nassem Wetter, bei Schnee oder Regen, es ist Alt und Jung nur anzuraten: tragt Gummischuhe!
LLterarischss.
— ueber die Hy giene der Milchversorguug veröffentlicht das Februarheft der Süddeutschen Monatshefte einen Vortrag des Direktors der landwirtschaftlichen Versuchsstation für Bayern, Professor Tr. von Soxhlet. Für utopistisch erklärt der Verfasser diejenigen Bestrebungen, die alle zum Verkauf gelangende Milch einer strengen Ueberwachung unterwerfen wollen. Erreichbar sei die Ueberwachung der für Säuglinge bestimmten Milch, und hier sei ein Eingreifen der städtischen Behörde dringend erforderlich, die Kindersterblichkeit, die in erster Linie von der Beschaffenheit der Milch abhängt, ist in Deutschland größer als in allen anderen europäischen Staaten mit Ausnahme Rußlands; es sterben bei uns von zwei Millionen Neugeborenen über 400 000 im ersten Lebensjahr. Was kann hiergegen geschehen? Nach Ansicht Soxhlets zunächst dieses, daß die städtischen Verwaltungen die ganze Strenge der Lebensmittelaufsicht auf die Kindermilch anwenden, welche nur etwa 5 Prozent der gesamten Milcherzeugung umfaßt; ferner könnte bei uns, wie das in andern Ländern (Frankreich, England, Schweden) bereits geschieht, den Minderbemittelten sterilisierte Kindermilch in verschlossenen Flaschen und abgeteilt in Trinkportionen geliefert werden; denn die beste Milch wird in unfern unteren Bevölkerungsklassen verdorben durch unreinliche, und vor allem durch zu lange Aufbewahrung, wodurch die Milch insbesondere int Sommer zu warm wird und dann die verheerenden Sommerdiarrhöen verursacht. Vom Ammenweseu verspricht sich Soxhlet für die allgemeine Volksgesundheit gar nichts; denn das Kind des Reichen würde anch ohne Amme am Leben erhalten werden, und das eigene Kind der Amme ist fast mit Sicherheit dem Tode verfallen. Das Allerbeste bleibt aber nach den Darlegungen Soxhlets nicht etwa der „Soxhlet", sondern die Mutterbrust; der Vortragende schloß mit den Worten: „Tie Mutterbrust liefert allezeit in richtiger Zusammensetzung, in richtiger Konzentration, in richtiger Menge und von richtiger Temveratnr dem Säuglinge die. Nahrung, frisch, unzersetzt und nicht verunreinigt und, was die Hauptsache ist, nichts kann an dieser Ernährungsart = der menschliche Aberwitz verschlechtern!"
Pyramide.
(Nachdruck verboten.)
3
3 5
6 3 5
5 3 3 6
2 4 3 5 6
Vokal.
Flur.
Tier.
Gilt in Rußland.
Deutscher Maler.
1 2 3 4 5 6 Gestalt der griechischen Sage. (Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Marmorsäule.
Siebaftion: Anaust Gvb. — Rotationsdruck und Verleg der Drühl'sck.cu lluivcrfltäts.Buck:» und Ctcindrnckerei. R. Lange, Gießen.


