Ausgabe 
10.2.1904
 
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Lernen eine

£ %<?§ Kind mit der lebhaften Phantasie wie oft drucken manche Eltern ihre Freude darüber aus, daß ihre Kinder mit dieser Eigenschaft ausgestattet sind, allein sie taten gut daran, aus diese Phantasie ein klein wenig acht zu geben. Denn es könnte sehr leicht vorkommen, daß diese Phantasie zu einer pathologischen Träumerei wird; das Kmd ver­liert dann den Zusammenhang mit dem wirftichen Leben und bildet sich etwa ein, ein Dornröschen zu fem, und zwar in einem Alter, wo eine lebhafte Verkittung mrt den außer- natürlichen Dingen entschieden krankhaft ist. L,raumerischss Kinder verfallen sehr ost in Melancholie und kehren nur falten wieder in das normale Leben zuruck. Es ser daher sehr anzuraten, den sogenanntenaufgeweckten" Kindern nicht allzu phantastische MärchM zu erzählen, sondern ihren träu­merischen Hang durch Handarbeiterl und andere praktische Betätigungen auszurotten. r m..

Seinen Vortrag resümierend, bemerkte Professor Pick, daß nicht so sehr die Ueberbürdung in der Schule, als gerade das vorschulpslichtige Alter das nervöse Krnd her­vorruft. In diesem Alter sei Vorsicht und Wachsamkeit geboten, aber man dürfe darunter nicht das totale Av- töten des Seelenlebens verstehen. Das krankhafte rrau- men besteht darin, daß der Trauminhalt das UebergewiG , über das wahre Seelenleben gewinnt. Man spricht- -bom

tagelang gierig zuschauten, wie Bestien Bestien und Men­schen Menschen zerfleischten. , .

Jetzt kam er aus mich zu: langsam, wie durch Magie zu mir hingezogen. Seine visionären Augen schauten jetzt an mir vorüber ins Leere, um seine vertrockneten und doch so lechzenden Lippen zuckte es.

Ich beobachtete alles und war neugierig, was er sagen und 'tun würde. ,

Es kam anders, als ich glaubte, als ich heimlich ge­hofft hatte.

Er bezwang sich uiid gewann wieder seine große Halt­ung, quälte sogar seinem armen blassen Munde ein irrendes Lächeln ab. Nur war er iiicht im stände, seinen Blick aus dem Leeren auf mich zurück zu richten. Trotzdem fühlte ich mich enttäuscht und verletzt.

Was, um Gottes willen, hatte meine tolle Eitelkeit eigentlich erwartet?

Eine Frau erträgt nichts weniger, als wenn ihr ange­deutet wird, daß sie sich verrechnet hat; und wenn es auch nur um die niedrigste Zahl ist. Wir Frauen, die wir die menschgewordene Unkonsequenz sind, wollen stets aus allem die letzten Konsequenzen ziehen. Die kleinste Niederlage, die unsere wunderliche Logik erduldet, reizt uns. Und, einmal gereizt, beginnen wir ernstlich gefährlich zu werden- (Fortsetzung folgt.)

und Erziehern gelingen, die Momente zu entdecken, die das Entstehen von trüben Gedanken im kindlichen Gemüte ver­schulden. Sie zu beseitigen, wird dann nicht mehr schwer fallen. Wenn man bedenkt, daß der Wandertrieb zu einer gewohnten Vagabondage führen kann, daß die anfänglich noch leicht zu behandelnden Kinder schließlich zu Verbrechern werden, wird es jedermann einleuchten, daß es sich Wohl verlohnt, in die Seele eines solchen Kindes einzudringen, statt sofort mit dem spanischen Rohre eine Radikalkur zu

Kus den Geheimnissen der Kindersele.

In der Wiener Gesellschaft für Psychiatrie und Neu­rologie sprach vorgestern Professor Arnold Pick aus Prag und sein überaus interessanter Vortrag, den wir nachf- stehend im wesentlichen nach dem Bericht desNeuen Wiener Tagblatt" wiedergeben, fand bei einem großen Auditorium von Professoren und Aerzten lebhaften Bei­fall. Der berühmte Gelehrte hatte mit dem Thema, das er seinem Vortrage zu gründe legte, das Gebiet engumschrie- bener Schulmedizin verlassen und sich auf ein Terrain be­geben, aus das ihm jeder gern folgte. Er sprach von Kin­dern, von dem Gemüte und Seelenleben der Kinder, von kranken Kindern, die man für gesunde hält, und prügelt, statt sie zu heilen. Professor Pick hob vor allem die Bedeutung des Hausarztes für das Studium und die Behandlung des Kindesalters hervor; der Hausarzt könne prophylaktisch, mit Rat und Tat in der Familie mehr leisten, als der beste Spezialarzt, der ja erst geholt werde, wenn eine bestimmt zu charakterisierende Krankheit aufgetreten sei. So mancher Leser dieser Zeilen wird sich seiner eigenen Jugendzeit erinnern, als er noch, die Schule schwänzte, vielleicht aus Angst vor einer Strafe, oder weil er ein Ballspiel der Schule vorzog. Erfuhren es dann die Eltern, so bekam man die angemessene Strafe uyd man hatte auf einige Zeit vom Schulschwänzen genug.

Diesem, man könnte sagen, normalen Schulschwänzen gegenüber steht das pathologische, das krankhafte Schul­schwänzen, und das Davonlaufen der Kinder, vorzugs­weise männlichen Geschlechts. Abgesehen von den hysterisch oder epileptisch veranlagten Knaben gibt es solche, die gar keine äußeren Merkmale einer Krankheit an sich tragen, obwohl ihr Seelenleben getrübt ist. Sie sind psychiasthe- nisch; ihre Seele ist schwächer, als die der gesunden Kinder. Trotzdem besuchen sie die Schule ganz regelmäßig, kommen ihren Pflichten nach, bis sie auf einmal infolge einer Ver­stimmung oder Mißstimmung vom Wandertriebe Dro- momanie lautet der wissenschaftliche Name gepackt wer­den. Sie müssen fort, und keine Gewalt kann sie mehr zurückhalten. Sie irren tagelang unrher, werden sehr oft in halbverhungertem Zustande aufgefunden und in das Eltern­haus zurückgebracht, und dann versprechen sie, nie mehr davvnzulaufen. Doch sie sind nicht im stände, ihr Ver­sprechen zu halten sie laufen wieder davon, wenn sie der Wandertrieb packt.

Eine solche Wanderung ist eine rein automatische und die Kinder empfinden nachher ein Gefühl der Erleichter­ung. An Wandertrieb erkrankte Kinder zu prügeln, wäre Nicht nur zwecklos, sondern auch gefährliche, da hierdurch die -Erkrankung nur gefördert würde. Durch die Schläge wird eine neuerliche Verstimmung hervorgerufen, und das Kind läuft abermals davon. Was hier nottut, ist: auf die Seele des Kindes zu wirken. Seine Stimmung soll gleichmäßig sein, mit einem Worte, kindlich bleiben. Auch; der nicht allzu großer Anstrengung dürfte es den Eltern

versuchen.

Eine zweite Erkrankung der kindlichen Seele sind die Zwangsvorstellungen. Während diese plötzlich und un­motiviert den normalen Gedankengang durchkreisenden Wahnvorstellungen den erwachsenen, intelligenten Men­schen durchaus nicht irritieren, da er ganz gut weiß, daß diese Vorstellungen absurd sind, so werden die Kinder völlig davon beherrscht. So gibt es Kinder, die glauben, beim Lernen eine gewisse Stellung einnehmen zu müssen, um Erfolg zu haben. Zwangsvorstellungen sind im Kindes­alter überhaupt recht häufig; sie heben mit Skrupelsucht und peinlicher Pedanterie, zum Beispiel beim Ordnen der Bücher, der Kopfkissen an. Mn ^jähriges Kind beschimpft zum Beispiel seine Mutter, trotzdem es zärtlich an ihr hängt; flucht dem Himmel, trotzdem es ihn fürchtet. Es habe den Kopf voll von Schimpfreden, esmüsse" schimpfen. Ein anderes Kind ist wie gehemmt, wenn es eine Aufgabe schreiben, wenn es sich an- oder ausziehen soll. Auch diese Kinder dürfen nicht gezüchtigt werden, man muß sie zu Bewegungsspielen, zur realen Tätigkeit anleiten, ihren Träumereien und Grübeleien in freundlicher Form Tätig­keit gegenüberstellen. Der Vortragende führte auch als Beispiel ein zwölfjähriges Mädchen an, welches in seiner Behandlung stand und infolge einer Zwangsvorstellung zu der leichtesten Aufgabe drei bis vier Stunden be­nötigte. Sie litt anErinnerungszwang"; es schwebte ihr immer vor, daß ihr einmal etwas Unangenehmes zustoßen werde und dergleichen mehr. Diese sonst ganz gesunden Kinder müssen auch individuell behandelt werden. Wenn man sie an ein selbständiges Denken zu gewöhnen und im allgemeinen ihren Mut zu heben trachtet, so könne der Erfolg nicht ausbleiben.

Dann kam der Vortragende auf die Tiks ßet den Kin­dern zu sprechen. Darunter versteht man die mit den verschiedenen Körperteilen vollführten blitzartigen Zuck­ungen, wie das Blinzeln, das Mundspitzen, Beißen m die Lippen, Schulterzuckungen und Drehbewegungen mit dem Kopfe. Die Eigenschaften der Kinder, die man gewöhnlich nur als Unarten betrachtet, sind in Wahrheit krankhaste Erscheinungen. Interessant ist oft die Entstehung dev Blinzelns. Gelangt zum Beispiel in das Auge eines Kin­des ein Fremdkörper, so blinzelt das Kind instinktiv so lebhaft, daß der Fremdkörper dadurch entfernt wird, das Blinzeln aber gewöhnt fich das Kind nicht mehr ab. So verhält es sich auch mit den Zuckungen ariderer Körper­teile. Ein schlecht sitzender Kragen hat schon sehr oft den Ttk, mit dem Kopse immerfort Drehbewegungen zu machen,