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nicht gleich wieder Herr werden, denen sie endlich, nach so langer Zeit, einmal Lauf gelassen hatte.
Unwillkürlich drang es über ihre Lippen: „O, Herr von Dörrenbach, es ist ja so furchtbar traurig, allein zu fein!" Unwillkürlich erhob sie sich und breitete die Arme aus: „Daß meine Maus, meine süße, arme, kleine Maus keinen Vater haben soll!" — Hier schwankte die junge Frau. Dörrenvach sprang hinzu und umschlang sie mit seinem Arm. Sie würde sonst unfehlbar hingefallen sein. So fühlte er Die weiche Gestalt beben nahe seinem Herzen.
Herr v. Dörrenbach sah den Weißen Nacken, darüber das Spiel der goldenen Locken — sein Entzücken — so dicht vor seinen Lippen. Er hielt sie fest in seinem Arm, die Frau, welcher er seine Hände hätte unter die Füße legen, die er hätte schützen mögen bis zu jedem Haar auf ihrem Haupt. Die Frau, die das Glück bedeutete, nach dem er sich gesehnt sein Lebenlang! Und mächtig stieg die Versuchung in Asmus auf. Er kannte Ellinor, er kannte Harro; sie würde kein Mittel scheuen, ihn zu umgarnen — und er, er würde ihren Schlingen verfallen. — Und dann — — Sollte es nicht möglich, ja müßte es nicht natürlich sein, bann die Frau, die er liebte, zu gewinnen? sie und ihr Kind? O, er wollte auch ihm ein treuer Vater sein. Er wollte sie hüten beide als sein höchstes Gut; wollte sie schützen vor jeder Unbill und Gefahr, überschütten mit dem Köstlichsten, das die Erde hat. Und er würde glücklich sein, glücklich, wie ein Gott, wenn sie sich das nur gefallen lassen wollten.
(Fortsetzung folgt.)
Hnm, der Meutemr.^)
Trim war wirklich ein allerliebster kleiner Teckel. Tas rehfarbene, kurze Haar glänzte in der Sonne wie Atlas, und weich und warm wie brauner Samt erschien der dunklere Streifen, der sich über den Rücken zog und in den Schwanz hinüberspielte. Ja, aber dieser Schwanz! Immer trug Trim ihn keck nach oben gebogen und bewies damit, daß er keinen reinen Stammbaum habe. „Schade", murmelte das alte Fräulein Minchen, Trims Herrin, „schade, das; er nicht ganz echt ist! Wer weiß, was für ein Durchgänger sein Vater gewesen ist! Vielleicht . . . doch nein, sicher war's der Vater gewesen, der sich einen Schritt von: Wege erlaubt hatte!"
Aber trotz dem fehlerhaften Schwänze war der kleine Teckel Murchens Liebling. Sie bewohnte ein sauberes Altjungfern- ftübchen, das Spuren von Trims Tatendrange aufzuweisen hatte. Der Teppich vor dem Sofa hatte gestopft, eine Base gekittet werden müssen, und ein Tischfuß war von Trim als Zahnring benutzt worden; aber nun war der Kleine ja über ein Jahr alt und also aus dem gröbsten heraus, nun würde er ihr ein treuer Wächter und Beschützer werden und sie auf ihren einsamen Spaziergängen im heimatlichen Walde begleiten. So dachte Fräulein Minchen.
Wenige Tage später stntzte Trim plötzlich auf dem Spaziergange, hob zitternd vor Aufregung den Kopf, als wittere er etwas, schnob und schnüffelte den Weg entlang, und jagte plötzlich wie ein Pfeil davon. Minchen rief und pfiff und pfiff und rief — aber vergeblich. Sie setzte noch ein Weilchen unter bitterbösen Empfindungen ihren Weg fort und entschloß sich dann zur Uui- kehr. Sie hatte aber noch nicht den Saum des Waldes erreicht, da raschelte und knackte es in den Büschen hoch obeil am Abhange, sie hörte lautes Schnaufen — und nach wenigen Augenblicken war Trim neben ihr, iimtanzte sie mit lautem Freudengeheul, als habe er sie lange, lange gesucht und endlich gcfnnden, -und zeigte nicht beit Schatten eines Schuldbewußtseins. Minchen war ganz überwältigt von seiner Freude. „Er hat inich doch sehr lieb", dachte sie und vergaß alle Bitterkeit. Trim stellte sein Freudengeheul ein, als er Minchens Sanftmnt fühlte, nub trottete mit lechzenber Zunge unb klopfenben Flanken neben ber Herriir heim.
Am Abend dieses ereignisreichen Tages kam eine kleine Gefährtin für Trim zu Fräulein Minchen, ein zottiges, schneeweißes, kleines Hündchen, namens Leda, das reiselustige Hausgenossen in Minchens Obhut zurückließen. Leda und Triin kannten einander bis _ jetzt nur vom Ansehen, da Leda mit weiblicher Be- scheidenhert jeder Annäherung des kühnen Trim bei gelegent- nchen Begegnungen ans der Treppe oder im Hofe ansgewichcn war. Minchen gab sich der Hoffnung hin, daß Trim in LedaS Gesell- schafr sich Wohler daheim fühlen und seine Zerstreuung ilicht "ssber dem Hause auf unerlaubtem Wege suchen würde. Wie ge- W1™! diese Wege seien, das wurde Miuchen durch einen Brief des pwrsters zu Gemüt geführt, der ihr kurz und bündig mitteilte, . *> Mit Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung G. A. v. Halem
m Bremen entnehmen wir das obige Märchen dem soeben erschienenen Buche: „Goldene Früchte aus Märchenland", Märchen für inng rind alt von Elisabeth Gnauck-Kühne.
daß er ihren Hund erschießen würde, wenn er ihn noch einmal tagend im Walde träfe.
Fräulein Minchen nahm sich vor, Trim acht Tage lang an der Leme zu führen und ihm die Ungebühr seines Betragens tunlichst vorzustellen. Trim hörte ihr aufmerksam zu, heulte zustimnleud, wedelte bittend mit dem plebejischen Schwänze, spang endlich mit einem Satze auf Minchens Schoß und bestürmte sie mit Liebkosungen. Minchen verstand ihn und nnr's zufrieden.
Eine Woche lang wanderten die drei nun friedlich durch Wald und Flur. Minchen führte Trim an einem blauen Bande, das ihm gut stand, und Leda trottete gesittet nebenher. Sie fragte nichts nach Unabhängigkeit und kannte keine Freiheitsgelüste, dafür hielt sie aber auf ihr Aeußeres und liebte gute Verpflegung. Wenn ihr Milch mit Wasser gereicht wurde, dankte sie, und wenn sie an eine aufgeweichte Stelle im Wege kam, machte sie lieber einen Umweg, als daß sie ihre niedlichen weißen Zottelpfötchen beschmutzte. „Sieh nur, Trim, wie fein und zierlich Leda sich hält", rief dann Minchen bewundernd, „ich hoffe, sie wird dir ein Vorbild". Trim nickte und leckte Leda im Weiter- gehcn flüchtig über das Haar, ohne daß diese durch solche Lobeserhebungen und Huldigungen irgendwie beeinflußt zu werden schien. Sie war immer bewundert worden und verdiente es voll- konnnen auch in ihren eigenen Augen. Sie war immer zierlich, immer manierlich; über ihren Lebenswandel ließ sich im Ernst nichts sagen — mit einem Worte: sie war korrekt. Und wer würde das nicht bewundern?
Endlich holte Minchen zum achten und letzten Male das blaue Leitband und knüpfte es an Trims Vatermörderhalsband. Heute schlug man Minchens Lieblingsweg ein, denselben, auf dem Trim einst das Weite gesucht hatte. Als er in die Nähe der gefährlichen Stelle kam, faßte ihn eine heftige Unruhe. — „Was hast du plötzlich?" fragte Leda. „Tu zitterst ja am ganzen Leibe! Friert dich etwa?" — „Unsinn!" rief Trim mit einem vernichtenden ZorNesblicke. „Ich... ich rieche. . . riechst du nichts?" — „Nein!" bekannte Leda und hob gleichmütig das ichwarze Stumpfnäschen ein bißchen aus dem Lockengewirr heraus. — „Wilde Kaninchen müssen in der Nähe sein", schnob Trim, „nein . . . warte mal" ... — er schnupperte noch heftiger — „ich glaube ... ich lieche ... ja wirklich, es ist ein Dachs. Tachs! Dachs!" meldete er laut und schnob so heftig, daß der Staub von der Fährte flog und Minchen die Leine fester faßte. — „Rege dich doch nicht so unnötig auf, Trim!" mahnte Leda. „Was geht dich denn dieser Tachs an? Und zerre nicht so unmanierlich an der Leine! Geht Fräulein Minchen die Geduld aus, so bekommen wir verdünnte Milch bei der Heimkehr."
„ Trim stand seufzend still. Leda wußte nicht, ob er Atem schöpfte oder sich besann. „So ist's recht", lobte Fräulein Minchen, „du bist ein artiger Hund!" und sie wollte sich bücken, um ihn zu streicheln, aber in demselben Augenblick flog er davon wie der Pfeil von der Sehne und war verschwunden und mit ihm das blaue Band, das er der führenden Hand entrissen hatte.
Minchen stand wie erstarrt. Leda setzte sich hin und heulte; ob sie die Unzuverlässigkeit des stärkeren Geschlechts im allgemeinen oder Trims Treulosigkeit im besonderen beklagte, verstand Fräulein Minchen nicht, aber sie würdigte Ledas Schmerz, und beide traten gleich enttäuscht, gleich moralisch entrüstet, zusammen den Heimweg au.
Gegen Abend stellte Tim sich geräuschlos ein. Fräulein Minchen würdigte ihn keines Blickes, sondern sagte nur verächtlich: „Abenteurer!" Aber Leda rümpfte die Nase und knurrte empört: „Wie, siehst du aus? Pfui! Komm mir nicht nah, bis du dich gesäubert hast!" Trim wälzte sich auf allen Matten in, her kleinen Wohnung und kroch dann kleinlaut in seinen Korb. Leda thronte tugendstolz in dem ihrigen und legte den Kopf auf die andere Seite, um ihn nicht zu sehen. Trim tröstete sich mit einem Knochen, den er in seinem Korbe fand, und mit der Kräftigung kam auch neuer Mut über ihn. Er lugte über den Rand seines Korbes und flüsterte freundlich: „Leda, bist du mir böse?" — „Gewiß", gab Leda zurück, „und nicht ohne Grund. Konntest du nicht bei Minchen und mir bleiben? Mußt du immer verbotene Wege gehen?" ■— „Aber Leda", rief Trim vorwurfsvoll, „ich sagte dir doch, ich hätte eine Tachsspur gefunden ! Denke dir doch: eine Tachsspur! Unb so frisch war sie, sage ich dir, sie roch so scharf, baß 'ich den geschmeidigen Feind vor mir sah. Ein Dachsbau mußte ganz in der Nähe sein; und ich habe ihn, gesunden, Leda, ich bin darin gewesen und habe den Tachs hinausgetrieben! Erst setzte er sich zur Wehr, aber ich faßte ihn, siehst du, so" — und Trim sprang erregt auf und wollte Leda fassen; diese aber bereitete der Vorstellung ein jähes Ende, indem sie gähnte: „Sei so gut und verschone mich mit solchen rüden Jagdgeschichten. Ich verstehe nickt, iuic man sich um eines Dachsbaues willen so zurichten kann. Dn siehst aus wie ein Landstreicher, dein linkes Ohr ist zerfetzt und blutig und —' nimm es mir nicht übel — du riechst schlecht." „Was tut, denn das", rief Tim mannhaft, „es war doch herrlich! 3tein, wie konntest du nur sitzen bleiben, als ich 'auf und davon ging! Natürlich dachte ich, du kämest mir nach. O Jagen! Jagen! Die Spannung, ob man den Feind stellt, die Wonne, wenn man ihn hat, der Rausch, wenn man siegt! Was machen denn da ein paar Blutstropfen oder zerfetzte Ohrlappen aus! Glaubst du, man dächte nur daran?"


