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erinnert mich an zu viel — Jit viel — — AVer nimm Du ihn an."
Und kindlich, harmlos', impulsiv, ganz, wie sie sich in sein Herz gestohlen, fügte sie hinzu: „Sage ihm, daß er mir seine Freundschaft bewahren soll." Da hatten denn nun Hildegard und Dörrenda chzusammengesessen und sich gesorgt um die kleine Frau. Der Major hatte die bittere Pille hinuntergeschluckt und sein Gegenüber beschworen, Frau von Ur au zu melden, daß sie im Leben und Sterben auf ihn rechnen könne, was Hildegard dankbar entgegen» nahm . Als er jedoch beim Scheiden, der materiellen Ber- yältnisse gedenkend, eine nur ganz leise, ja nur den Hauch einer Anspielung wagte, ob sich nicht« der zarten, verwöhn- ten kleinen Frau die Sache etwas erleichtern ließe, da hatte! sie das sehr entschieden, fast streng und vorwurfsvoll gb gelehnt.
„Man tut dem Menschen durchaus nicht Wohl, Herr von Dörrenbach", hatte sie gesagt, „wenn man ihn in seiner Verwöhnung bestärkt, vielmehr, wenn mau ihn abhärtet und kräftigt auch für die rauhen Zeiten des Lebens. Ich bleibe bei meiner Verwandten, bis sie allem gewachsen ist, oder —" Hier brach Hildegard taktvoll ab, bann aber setzte sie leise und diskret hinzu: „Und darum wird e§' auch gut sein, Herr Major, wenn wir in jeder Weise Vorsicht üben." Der Major hatte verstanden und er neigte betrübt den Kopf. Nach wenigen Sekunden aber schon brach er fast freudig aus: „Wie klug Sie sind und gut, mein gnädiges Fräulein'! Schade, daß Sie fein Manu sind!" „Ich gebe Ihnen das Kompliment zurück. Schade, daß Sie keine Frau sind! Wer Freunde können auch wir sein, trotzdem." Damit hatte Hildegard Asmus von Dörrenbach die Hand geboten. Und „Auf mein Wort!" hatte er einge- schlagen. „Wenn Sie irgend eines Dienstes,, eines Rates bedürfen, ich bin da," Kaum, daß nun dem! wackeren Asmus Hildegards Brief jetzt zu Händen gekommen war, rüstete er sich denn auch für die Reise. Und am nächsten Tage traf erschau in Kaltenburg ein.
Zum ersten Male gerade saß Jutta mit ihrem Kinde, 6a§" sich mittlerweile aus einem kleinen Heidewölfchen in Klein-Hildegard umgewandelt hatte, am offenen Fenster. Die erste Frühlingsluft spielte mit des Frühlings erster Sonne um sie beide, als der Major seine Karte hiuein- schickte. „Willkommen, Willkommen!" hörte er die liebe Stimme sagen. „Willkommen, mehr als Willkommen!" So trat ihm herzlich unbefangen, wie immer, die junge Frau (entgegen. „Herr Gottz Herr Gott!" stöhnte der Major. „Sa viel Glück, so viel Glück", dachte er im stillen, während er si'chl darauf beschränkte, nur zu sagen: „Wie lange haben wir uns nicht (gesehen." Sofort wurden Jüttas heitere Mienen umwölkt. Ihre Lippen zuckten. „Nein, nicht toeinen, nicht daran denken", bat er schnell. Und Jutta bemühte sich um Fassung. „Nein", lächelte sie wehmütig, „ich denke nur daran noch, wie Sie immer gilt un£> treu zu nur gewesen sind. Und gelt. Sie bleiben mir auch immer gut?" „Meine gnädigste Frau" — nun traten dem wackeren Dörrenbach selbst die Tränen in die Augen. „Ich weiß, ich weiß." Jutta lächelte abermals und weich, wie er sie nie gekannt hatte. „Darum sollen Sie auch, der erste sein, der mein kleines Mädel sieht."
Tie junge Frau trat zu der Wiege, schlug den blauen Vorhang zurück und nahm das kleine Wesen auf. Und wie sie nun vor ihm stand, ihr Kindchen im Arm, da ward dem wackeren Dörrenbach zu Sinn, als sähe er einen lichten Schein weben um die liebe Gestalt, das liebe Gesicht. Mit heiligem Schauer fgin es über ihn, was die zierlichen Formen etwas voller, die weiche Haltung etwas fester, das zarte Gesichtchen noch etwas zarter, dafür aber die großen Augen um so tiefer leuchten gemacht und die kindlichen Züge vergeistigt hatte. Mit heiligem Schauer empfand er das Wunder der Mütterlichkeit, welche das Weib zur Madonna bestimmte, mit seligem Entzücken den Liebreiz, welcher der Madonna von dem Weibe geblieben. Und wie der Katholik vor seiner Madonna, wäre auch Dörrenbach .am liebsten anbetend vor der jungen Mutter in die Knie gesunken; in Wonne und Entzücken hätte er das liebreizende Weib in seine Arme geschlossen. „Herr Gott, Herr Gott", stöhnte er abermals, doch 'wieder nur im stillen, „welch ein Glück, welch 'ein Glück!" — Und dann in ganz natürlichem Jreundestone klang es: „Na, was. hat denn Harro dazu
Ein Zittern ging durch die weiche Gestalt. Das blasse
Gesichtchen wurde noch blasser, die blauen Augen blickten schwarz. Schnell legte Jutta ihr Kindchen in die Wiege zurück. „Er — er weiß — von nichts", sagte sie leise. — »Er soll auch nichts wissen." „Na — nein — Wie ist denn das möglich?" rief Dörrenbach erstaunt und erschrocken zugleich.
Und nun schluchzte die arme kleine Frau doch bitterlich. „Ach, Herr von Dörrenbach, das ist eine traurige Geschichte." — „Nicht — nicht weinen", tröstete er schnell, obwohl er selber in heller Verzweiflung war. „Sie haben recht/" Jutta schüttelte das Köpfchen. „Ich darf mich nicht aufregen, das schadet meinem Kinde." Ernst blickte sie auf Klein-Hildegard hirnieder: „Das ist jetzt meine Erzieherin.. Aber. ist sie nicht auch reizend?" Das klang wieder ganz nur in holdem Mutterglück. Dörrenbach verstand durchaus!' nichts von Kindern; er sah auch eben von dem kleinen Geschöpf nichts, als das Gesichtchen, das gleich einem Rosenblatt ans den Spitzenhüllen der Kissen heraussah, und das blonde Haar, das ihm bereits lang und glänzend in die Stirn fiel, und meinte glücklich: „Ja, sie wird wie Sie werden, gnädige Frau. Und das ist gut!" Und nun lachte Jutta doch heiter, wie lange nicht. Im selben Augenblick jedoch unterbrach sie sich schon wieder, Tränen im Blick: „Nein, nein, Herr von Dörrenbach, das wäre nicht gut, denn! ich war gar nicht gut. Und darum wird meine süße Maus keinen Water haben." „Mer meine gnädige Frau. Dann in einer Erregung, die nur zu sehr an die Jütta der früheren Tage erinnerte, sprudelte sie es heraus: „Ich bin sehr töricht gewesen und sehr böse auch. Ich — ach, erlassen Sie mir mein Sündenregister. Aber glauben Sie nur gleich das.' schlimmste von mir, Herr von Dörrenbach.
®ri *t blickte er drein, dann aber lächelte er doch und' ward ungläubig ganz und gar. „Doch, doch"", behauptete aber -Jutta aufs neue. „Ich weiß, ich hätte mich nicht so Yinreißen lassen dürfen, nicht tun, was — nein, es läHt sich ja nicht sagen. Aber ich war auch so sehr gereizt — und Ihnen darf ich es doch sagen, Sie mären unser beider Freund — Harro war nicht immer — nicht immer gerade gut zu mir", endete sie hier ,in einem! Tone, dessen rührende Ergebung dem Worte in ihrem Munde jeden Stachel nahm. „Sie wissen alles. Sie wissen ja auch, wer die Schuld daran trug." Und Dörrenbach nickte verständnisvoll, „So habe ich es ihm denn auch gesagt", fuhr die junge Frau fort, wie erleichtert, daß sie sich nun endlich doch einmal, jetzt aber auch über ihr Unrecht, aussprechen konnte. „Wir sind geschieden auf immer — ich bin fortgegangen." — So ernst hatte sich Dörrenbach die Sache nicht gedacht. Er schwieg. „Nun aber", klang es jetzt schluchzend neben ihm —, »nun aber — ich hätte so gern für’ mein Kind feinen Water gehabt. Ich wollte es ihn auch wissen lassen, ihn! bitten — vielleicht, daß er, um der Kleinen willen, vergessen hätte, was uns getrennt — daß wir, um unseres Kindes willen, wieder gufammengetommen wären — doch —" Jutta brach -a.b und zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, »Ich trage es bei mir", erklärte sie, „um fest zu bleiben in mir selbst und meinem Entschluß." Damit reichte sie dem Major das Blatt, und er las die Todesanzeige des Rittmeisters von Greditz.
Wieder war es eine Weile still zwischen ihnen beiden. „Vielleicht, gewiß"", begann darin Jutta zu erläirtern, da Dörrenbach sie zum ersten Male nicht zu verstehen schien und immer noch recht bitter betroffen dreinblickte, „xewiß, er wäre Wohl — vielleicht — zurückgekommen, zu mir und dem Kinde, von dem er keine Alhuung hat. Aber er liebt diese Frau, sie liebt ihn. Nun (ist sie frei — sie ist reich. Und ich — ich bin arm. Und er liebt mich auch längst nicht mehr. Nein, ich will uns ihm nicht 'aufdrängen. Ich und mein Kind, wir wollen ihm' nicht hinderlich 'werden bei dem Glück."" Hier barg die arme kleine Frau aber doch das Gesicht in heu Händen und weinte bitterlich. Immer noch 'stand Dörrenbach in heller Ver> zweiflung da. Er wußte nicht, was tun. Endlich führte er Jutta sanft zu einem Sessel und setzte sich neben sie, „Nun, nun", bat er, und zuletzt: „Sie dürfen sich nicht so aufregelt, meine liebe gnädige Frau, dürfen wirklich nicht sich nufregen — jetzt " Und sofort wischte Jutta auch die Tränen wieder aus den Augen. Doch die arme kleine Frau war immer noch ein Anfänger in der Kunst des! Lebens, der Selbstbeherrschung. Wie der Zauberlehrling! die einmal" wachgerufeuen Geister seines Meisters noch nicht zu bändigen versteht, so konnte auch sie der Empfindungen


