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klmierte. Wenn sie von' seiner Anwesenheit erfahren und ihn hätte sprechen wollen, dann wäre sie ihm sicherlich, ohne Rücksicht auf irgend jemanden, offen und ohne jede Scheu entgegengctreten.
Dies alles schoß ihm in Nu durch den Kopf und be- stikmnte ihn auch gleichzeitig, sie, entgegen feiner ursprüng- gichen Absicht, nun do chaufzusuchen, um sich! mit ihr über ihres Vaters Verbot auszusprechen. Nur einen kleinen Moment schwankte er noch;, dann sagte er sich- daß ihm ja der Graf ausdrücklich erlaubt hatte, mit ihr jederzeit im Hause zusammenzutreffen — und etwas anderes wollte er ja gar nicht.
Im Begriffe, umzukehren, hörte er wieder dasselbe gedämpfte „Pst, Pst" und entdeckte nun auch, in eine Türnische gedrückt, Dinko, der ihn mit den flehentlichsten Geberden zum Näherkommen bat.
Erst regte sich in ihm nur Unwillen, und in seinen Fingerspitzen krabbelte es, als ob er nach dem buschigen Haarschopf greifen müßte, diesen gehörig zu zersausen. Dann aber, als ep in -das de- und wehmütige Gesicht blickte, das ganz verlegen und verzweifelt zu ihm hinaufstarrte, beschlich ihn doch! ein klein wenig Mitleid, und fast freundlich fragte er:
„Nun, was soll es benn !i"
Wie von einer Last befreit, atmete Dinko erleichtert aus.
„Nicht wahr, Sie glauberr es doch, daß wir es nur gut gemeint haben", bat er im Flüsterton, „Ljubiza hat uns schon verziehen, und auch Sie werden —"
„Ein bischen gescheiter hättet Ihr für Euer Alter schv« sein dürfen", warf ihm Erich, in Erinnerung des ihnen gespielten Streiches, ungehalten vor. — „Wenn man sich aus die Erwachsenen ausspielt, dann muß man sich auch danach betragen, und tut man dies nicht, dann hat man es sich selbst zuzuschreiben, wenn man wie dumme Jungen behandelt wird."
Dinko schaute ganz beschämt vor sich, nieder.
„Wir wollen ja alles wieder in Ordnung bringen", stotterte er, „und werden fortan nur Mehr daran denken, unser Unrecht an Ihnen und Ljubiza gut zu machen."
Erich erschrak förmlich bei diesem Versprechen.
„Daß Ihr Euch nicht untersteht, uns noch einmal mit Eurer unerbetenen Hilfe zu beglücken", warnte er ihn eindringlichst, „sonst könnte es geschehen, daß Ihr auch von mir etwas ab bekommt!"
Unwillkürlich schirmte Dinko die erneuter Gefahr ausgesetzten Ohren mit den Händen, urtib einen halben Schritt zurückweichend, und dabei den Kopf zur Seite duckend, beteuerte er:
„Wir werden ja nur im stillen und verborgenen für Sie wirken, nur im engen Kreis und nie wieder vor der Oeffentlichkeit!"
„Auch dafür bedanken wir uns ganz energisch", lehnte .Erich jede Hilfe ab, „lernt lieber etwas, damit aus Euch etwas Tüchtiges wird und kümmert Errch nicht um Dinge, von denen Ihr noch gar nichts wissen dürstet."
Dinko fühlte sich durch diese Abweisung ihres Beistandes, noch mehr aber durchs die Behandlung als unreife Buben tief verletzt und wenn nicht das Mitleid mit Lju- biza seine Entrüstung überwogen hätte, so würde er ihm das auch deutlich zu verstehen gegeben haben.
„Es ist nicht edel von Ihnen", beklagte er sich! daher bitter, „daß Sie uns unser Alter vorwerfen und uns" noch obendrein an die uns angetane Schmach erinnern, die wir Loch nur deshalb erlitten, weil wir Ihnen und unserer! Schwester, die wir nach Mehr als Sie lieben, helfen wollten."
Erich schjmunzelte bei diesen Worten doch und war sogleich wieder freundlicher gestimmt.
„Run, darüber wollen wir nicht rechten", sagte er, Dinko ganz kameradschaftlich auf die Schulter klopfend- „und um dieser brüderlichen Liebe willen soll Ihnen und Mirko auch von mir bedingungslos verziehen sein,"
Diese herzlichen Worte ließen Dinko auf der Stelle feinen Groll vergessen, und nicht nur das, sie gaben ihm! sogar den Mut, mit einer Bitte herauszurücken.
„Herr von Höchstseld", fragte er zögernd, „können Sie Lateinisch?"
Erich schaute ihn.erstaunt an.
„Wie kommen Sie darauf?" ..
JSSir haben nämlich", fuhr Dinko verlegen' fort, „von
Papa Strafarbeiten aNfvekommen. Die Rechenexempel arbeitet uns Ljubiza aus — aber voM Lateinischen versteht sie ebenso wenig wie wir."
„Und ich werde davon wohl auch nicht viel behalten haben", gestand 'Erich ehrlich und gab ihm den Rat, die Arbeit, so gut es eben gehe, fertig zu Machen und sie dem Baier vorzulegen, der sie wohl nicht erst lange prüfen würde.
„Um Papas Urteil ist uns auch gar nicht weiter bange", erklärte ihm Dinko pfiffig, „denn daß er uns darin nicht weit über ist, haben wir längst heraus! Er hat uns aber in Aussicht gestellt, die Arbeiten dem Herrn Pfarrer zur Prüfung zu übergeben, und wenn der uns eine schlechte Note gibt — au weh — dann setzt es was!"
In Erinnerung der schweren Stunden, die ihm. selbst Latein und Griechisch bereitet haften, empfand Erich wirkliches Mitleid mit den in so raffiniert grausamer Weise Gequälten, und so sagte er denn:
„Ich will sie mir daraufhin wenigstens einmal anschauen, vielleicht kann nch> doch Noch etwas mehr als Ihr."
Dinko machte ein verschmitztes Gesicht, öffnete rasch die Tür, winfte seinem Bruder, herauszukoMmen, schob Erich sachte hinein und, jede Neugierde verleugnend, schlichen die beiden Missetäter zur Hintertreppe, wo es dann im tollen Lauf nach dem Walde ging.
Erich hafte noch kaum recht begriffen, was geschehen sei, als er sich Ljubiza gegenüber befand, die über den Rechen-Exempeln brütete.
IM ersten Moment schauten sie einander ganz verwundert an, dann, als die erste Erklärung erfolgt war, singen sie beide gleich herzlich zu lachen an.
„Das ist wahrscheinlich die neue Methode ihrer Hilfe — und dg soll man den Jungen noch böse sein!" — meinte Ljubiza gutmütig.
„Eine nette Suppe haben sie uns aber doch eingebrockt", sagte Erich und berichtete ihr von seiner eben mit dem Grafen stattgehabten Unterredung.
Ihre Heiterkeit wich einer sehr ernsten SftmNrung und mit in ein an d ergef ch lag en en Händen saßen sie noch lange da, sich gegenfeittg ermunternd und mit heißen Küssen die Unvergänglichkeit ihrer durch nichts zu erschütternden Liebe besiegelnd.
Eine ©thronte aus dem Nebenzimmer ließ sie plötzlich erschrocken auseinander fahren.
„Es ist Mama", beruhigte ihn Ljubiza, „ihr Zuruf gilt Dinko und Mirko, die ja hier ihre Strafarbeiten machen sollen."
Nach einer Weile hatten sie der Gräfin Nähe wieder vergessen und schwelgten, die Gegenwiart dabei nicht ungenützt lastend, in süßen ZukuNststräumen.
° „Ihr Malesizbuben", scholl es von drüben wieder herüber, „arbeiten sollt Ihr und nft tratschen! Noch ein' Laut und t ruf sten Baier — der wird Euch dann schon lehren- was Strafe ist!"
„Pst, wollen kein Wlori Mehr reden", tuschelte Ljubiza dem Geliebten zu — „sonst —"
„Nein, kein Wort", stimmte er ihr bei und verschloß ihr der Vorsicht halber mit einem langen Küsse den Mund.
„Nun muß ich aber doch gehen", meinte er dann, sich zögernd erhebend, „sonst kommt noch der Vaftr dahinter, und ich cglaube kaum, daß er diese Zusammenkünfte im Hause stellschweigend billigen würde."
„Und was soll mit dem lateinischen Extemporale geschehen ff' fragte Ljubiza, schelmisch lächelnd.
„Ja, das werde ich wohl mitnehmen müssen", erklärte Erich, „hier käme ich ja doch nicht zum Ausarbeiten. AM Abend bringe ich es Dir- und sie Knuten es dann abschreiben."
„Und wo treffen wir uns ff'
^Ja so", seufzte er, „das geht ja nicht Mehr. Das' Deinem Vater gegebene Versprechen muß auf jeden Fall gehalten werden. Ich komme aber von nün an um so öfter herüber, und hoffentlich finden wir auch 'hier fe legenheft zum ungestörten Meiusein."
„Das wird sich schon machen lassen", versprach ihm Ljubiza, „wenn es nicht anders geht, vertraue ich! Mich der Aiama an sie wird uns sicher nicht im Sttch lassen- dazu ist sie zu lieb und gut."
Aus dem Nebenzimmer wirrden jetzt zlvei Sümmen vernehmbar


