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meindeverwaktung und den Priester des Pogosts darüber benachrichtigt, an welchem Tage die Wiederausgrabung der Leiche stattfinden werde. Bei dem großen Interesse, das die Sache erregt hatte, war dieser Termin überall in der Gegend bekannt geworden.

Ein ungewöhnlich warmer, fast schwüler Tag in der zweiten Woche des September. Schon in den ersten Morgen­stunden hat sich in der Nähe der Gemeindeverwaltung, im Pogost und beim Kirchhof eine merkwürdig große Menschen­menge, die noch, in stetem Zunehmen begriffen ist, ver- sammelt. Die beiden Schenken der Gegend machen brillante Geschäfte, der Konsum von Branntwein und Mer ist ein ungewöhnlich großer. Schon am frühen Vomittag sieht man viele mehr oder weniger Angetrunkene, unter ihnen auch notorische Vagabunden und Bettler, die sonst keinen Groschen übrig haben, heute aber zum Erstaunen vieler ihre Zeche am Schenktisch in klingender Münze bezahlen. Neberall in der Menge wird lebhaft diskuriert, hier laut und mit lebhaften Gestikulationen, dort mit gedämpfter Stimme oder scheu flüsternd. Ueberall bilden sich Gruppen, zerstreuen sich indes bald, um sich an anderen Stellen wieder zu sammeln. Auch zahlreiche Weiber und Mädchen siebt man, alle in Sonutagsneidern, als ob sie zu einem Feste gekommen seien. Und zwischen den Erwachsenen treiben ihr Wesen auch Kinder verschiedenen Alters. Zahl­reiche Dorfpolizisten streifen durch die Menge, an der Kirch- hofspforte hallen Kwei Urädniks*) zu Pferde, ein dritter Üt postiert unweit des Eingangs zur Gemeiudevverwaltung. Die Vertreter der Polizei, sonst bei dem Landvolk eigent­lich ziemlich populär, werden heute mit sehr unfreundlichen, ja drohenden Blicken betrachtet.

Im Hauptzimmer der Gemeindeverwaltung befinden sich, außer dem Stanowoi und Gemeindeältesten, noch einige Glieder des Gemeindegerichts und zwei Gemeindeschreiber. Auf einem Seitentisch brodelt der Ssamowar, gefüllte Tee- Ser sind soeben den Anwesenden angeboten worden. Der scheint aber niemanden zu schmecken. Kein Scherzwort, keine Neckerei, kein behäbiges Auflachen. Es ist ihnen das sonderbare Verhalten der teilweise nicht mehr nüchternen, offenbar aufgewiegelten Massen da draußen nicht ent­gangen. Der Stonowoi spricht geradezu die Befürchtung aus, daß es heute zu mancherlei Exzessen kommen könnte, daß der Untersuchungsrichter und Arzt von trunkenen Schreiern an der Durchführung der Sektion und Pro­tokollierung des Sektionsergebnisses gehindert werden könnten, falls der Arzt an der Leiche tatsächlich keinerlei äußere oder innere Zeichen eines gewaltsamen Todes finden sollte. Der Gemeindeälteste muh zugeben, daß der Zu­tritt der aufgeregten Volksmassen zum Kirchhof und in die nächste Nähe des Untersuchungsrichters und Arztes mit den wenigen, jetzt hier am Ort zur Verfügung stehenden Polizeikräften auf keinerlei Weise zu verhindern sei. Die Glieder des Gemeindegerichts bedauern es lebhaft, daß der heutige Termin zu allseitiger Kenntnis der hiesigen Bevölkerung gelangt sei. In Anbetracht der schon be­trächtlich vorgerückten Tageszeit meint der ältere Schreiber, daß der Untersuchungsrichter und Arzt, vielleicht noch im letzten Moment, durch irgend etwas verhindert worden wären, heute herauszukommen, und daß man, wenn dem so wäre, eigentlich von Glück sagen könne. . . Da, helle Postglocken, Schellengobimmel, ein Dreigespann fährt vor, da sind sie!

Die uns schon bekannten Herren treten ins Zimmer, hinter ihnen dex Kreisfeldscher mit den Jnstrumenten- kasten.

*) Berittener Landgendarm.

(Fortsetzung folgt.)

Maudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Karlsbad in Berlin. Nähnadelruh. Berlin, das Philister darf.Adlige Damen."

Daß es in Berlin eine Straße gibt, die den Namen des böh­mischen Entfettungsbades ' führt, aber nicht etwaKarlsbader Straße", sondern einfachKarlsbad" heißt, weiß mancher. Und Wer's nicht weiß, dem passieren mitunter unliebsame Verwechs­lungen, wie seinerzeit dem Schreiber dieser Plauderei, der als Neuling in Berlin den Reuterforscher Karl Theodor Gädertz auf- suchen wollte, und auch der Königl. Bibliothek, wo Gädertz damals sein Amt .hatte, erfuhr, .er sei nickt anwesend: er

Wohne inKarlsbad". Ich hielt das natürlich für das Weltbad und wunderte mich. Wo der Gesuchte so schnell zu so bedenk­lichem Umfange gekommen sei, daß er mitten in der Arbeitszeit zum Sprudel abgeordnet werden müsse, bis sich später die Ge­schichte aufklürte. Aber es gibt noch ein anderes Karlsbad in Berlin, ein wirkliches, mit Sprudel, Kurmusik und dem nötigen dicken Kumpanen mit angemästeten Ränzlein und angeschoppten Lebern. Tas liegt an der Nordseite des Tiergartens, bei den Zelten. .Aber nur in aller Herrgottsfrühe. Am Nachmittag und Abend wimmelt dort wieder das altgewohnte, sich amüsierende Zelten-Berlin; von den Ticken ist nichts mehr zu erblicken, und statt d.r Sprudclbecher blinken die schäumenden Bierkelche. Man muß sich Berlin eben einmal um die Bäcker- und Zeit- ungsjungen-Stuude ansehn, dann bekommt man sonderbare Bil­der vors Auge! In den Zugängen zuKisteumacher", dem größten derZelte", findet man allmorgendlich eine richtige Heine Völkerwanderung von Falstaffen und solchen, die es nicht werden möchten. Tort ist nämlich ein Ausschank von allerlei Mineralwässern, und die Ticken frequentieren ihn am meisten, einmal, weil sie es am nötigsten haben, außerdem, weil sie durchaus dabei lausen sollen! Ter Zuspruch dieser Herrschaften, denen ein Aufenthalt im wirklichen Karlsbad durch des Schick­sals Ungunst versagt ist, hat sich derart gesteigert, daß der Wirt allmorgendlich eine Musikkapelle konzertieren läßt, um den Braven den salzigen Trank und die sauren Dauermärsche durch ein bischen Musik zu versüßen. Und wenn es aus der Orchesterhalle in die grünen schattigen Gänge hmabschallt Schäumt der süße Wen» im Becher" oderTrinke Liebchen, trinke schnell", so rutscht dasverdammte Zeich" noch einmal so gut. Diese Karlsbader Idylle spielt sich wie gesagt im dicksten Berlin bei Kistenmacher ab, dessen Etablissement den spöttischen NamenNähnadelruh" noch immer nicht losgeworden ist, wenn auch die große Menge sich sonderbarer Weise die triviale Er­klärung ausgedacht hat, es hieße so, weil so viele Schneider dort verkehrten. In Wirklichkeit hatte sich ein reich gewordener Hofschneidermeister diesen schönen Platz zwischen Tiergarten und Spree zu seinemBuen retiro" hergerichtet und Friedrich Wilhelm IV., der bekanntlich eine satirische Ader besaß, gab der Villa daraufhin zu des gekränkten Stichelhelden großen Aerger den ominösen NamenNähnadelruh". Unter den hier andächtig das gräßliche Sprudelwasser schlürfenden Ticken findet mau auch ab und zu Vertreterinnen des schwächeren Ge­schlechts, wenn man bei dem erstaunlichen Umfang jener holden Weiblichkeiten diese klägliche Bezeichnung noch anwenden darf. Gewichtige Persönlichkeiten, die keines männlichen Schutzes be­dürfen, um ihr Recht auf das edle Naß geltend zu machen! So hat das große, hochherzige Berlin wenigstens einen Hafen für diealleinstehenden Damen", die trotz aller Sprechsaal­artikel und Vereins- und Kongreßbeschlüsse sich durch btc brutale Engherzigkeit gewisser überprüder Elemente in anständigen öffent­lichen Wirtschaften noch immer behandeln lassen müssen, als wären sie Abenteuerinnen, weil sie nicht gleich einen Vater, Bruder oder Gatten aufweisen können, .während die offenkundigste Temimondaine, wenn sie nur ihren Galan an der Seite hat, tadellos alsgnädige Frau" respektiert wird. Alle Tage kann man dergleichen erleben, .wenn man gerade Unglück hat. Und erst jetzt wieder ist im Äusstellungspark, dem Restaurant der Großen Berliner Kunstausstellung, die doch von Tausenden allein­stehender Damen besucht wird, ein haarsträubend taktloser Fall dieses Genres passiert. Und dieses Berlin nennt sich Weltstadt! Und die Herren Gastwirte find die ersten, die Anspruch auf diesen Titel für ihr stolzes Berlin erheben! Solange jedoch derartige Tinge immer wieder geschehen und der Berliner Dickschädel, der sich für höllisch intelligent hält, nicht endlich damit aufräumt, solange bleibt dieWeltstadt" in mancher Hinsicht das schöne, alte seelentrockene Philisterweißbierdorf an der Spree. Amüsant ist cs wenigstens, Ivie dieselben Tugendhüter sich verschiedent­lich von jenen weiblichen Elementen düpieren lassen, die sie durch ihre törichten Verordnungen zu treffen glauben. Tie Liste der Hochstaplerinnen, die sich unter hochtönenden Namen in Hotels einmieten, .dort als Gräfinnen die Höchsten Ansprüche stellen und durch ihre hochfahrendes und unnahbares Wesen leben Zweifel an ihrer Echtheit im Keime ersticken, ist nicht gering. Und immer von neuem tauchen dergleichen Existenzen auf, die ihre Karriere als Kammerkätzchen begonnen haben, und über die Bretter, so die Welt bedeuten, mit graziöser Frechheit in die feineren Gesellschaftskreise dringen. Ter Fall der Frau von Herway, vorher Baronin von Lützow, noch früher Fräulein Bellach mit all seinen Menteuerlichkeiten, hat viele Parallelen. Tas Aergste ist, daß heruntergekommene Edelleute ihren Namen diesen Schmarotzerpflänzchen auf dem Standesamte mit allen Rechten ausliefern und ihnen dadurch'nachher die tollsten Schwin­deleien erleichtern. Wie manche der Baroninnen, die einem aus einem Jourfix zweiter oder dritter Güte begegnet, und durch kleine Auffälligkeiten sonderbar vorkommt, hat sich auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege, in den waschechtesten Adel hineingefunden und versteht es nun bei pseudovornehmen Leuten mit ihren Talmiefsekten eine Rolle zu spielen. Das ist übrigens die Sorte, .die auch der charaktervollste Wirt mit den strengsten Grundsätzen nicht zu belästigen wagt! Auf sie fällt er immer wieder herein bis Berlin wirklich Weltstadt wird! A. R-