Ausgabe 
9.7.1904
 
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1904.

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(Nachdruck verboten.)

Ire Jerichoposaune.

Aus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes. Von E. v. Trojanowsky.

(Fortsetzung.)

4. Kapitel.

Der alte Prokofji war von seiner Ueberzeugung, daß Iwan infolge einer Mißhandlung gestorben, nicht abzu- brinaen. Nachträglich spürte er jetzt nach allen, selbst den unbeoeutendsten Vorkommnissen im Leben und Treiben seines Sohnes, namentlich während seiner letzten Lebens­tage. Er ließ sich von den verschiedensten Leuten über alle Vorgänge am Abend des 15. August, und über die Teil­nahme Iwans an dem Festtrubel, in allen Einzelheiten aufklären. Als er bei diesen Nachforschungen nun gar er­fuhr, daß Iwan in! letzter Zeit gleichzeitig zwei Lieb­schaften gehabt, die eine mit der Tochter, die andere mit der Frau seines Todfeindes, da stand es bei ihm un­erschütterlich fest, daß der junge Mensch an jenem Abend bei seinen doppelten Liebesabenteuern vom alten Wassilji Kusmitsch und dessen Sohn Pawel ertappt und gründ­lich mißhandelt worden sei, natürlich aber in so schlau- berechneter Weise, daß äußerlich sichtbare Spuren auf der Haut dabei gänzlich fehlen mußten, ihm aber um so ge­fährlichere innere Verletzungen beigebracht wurden. Und infolge dieser inneren Verletzungen sei dann der Arme noch in derselben Nacht gestorben. Daß Iwan von diesen Mißhandlungen, da sie durch seine Liebesabenteuer ver­anlaßt totiren, seiner Mutter damals nichts gesagt, sand er ganz natürlich. Er hätte, an seines Sohnes Stelle, sich über solche Dinge ebenfalls ausgeschwiegen. Von sich auf andere schließend, war er außerdem völlig überzeugt, daß der alte Wassilji Kusmitsch wohl nicht versäumt haben würde, die ganze Landpolizei bis hinauf zum Stanowoi durch allerlei klingende Mittelchen sich günstig zu stimmen, für den Fall, daß die schwere Mißhandlung seines Sohnes doch noch einmal an den Tag kommen sollte.

Aufs eifrigste suchte er nun seine Verwandten' und sonstigen zahlreichen Anhänger dahin zu beeinflussen, daß auch sie seinen Voraussetzungen Glauben schenken möchten. Bei vielen derselben gelang ihm das auch zur Genüge. Ja, er konnte zuletzt sogar auf eigens dazu präparierte Zeugen rächen, die jene Mißhandlung mit angesehen haben wollten, und nur aus Furcht vor der Rache des alten Wassilji bis jetzt geschwiegen hätten. Die lockende Aus­sicht, seinem Todfeinde und dessen Sohne jetzt ein für allemal einen gründlichen Denkzettel geben zu können, oder vielleicht gar ihre Verschickung nach Sibirien zu er­leben, diese Aussicht erfüllte ihn mit so unheimlicher Freude, ja verjüngte den Alten dermaßen, daß er zuletzt den plötzlichen Tod seines einzigen Kindes fast wie einen

besonderen Glücksfall zu betrachten anfing. In weiterer Verfolgung dieses Zieles reiste er zuletzt sogar in die Gouvernementsstadt und wandte sich an die Staatsanwalt­schaft. Dort jammerte er in so lebhafter und glaubwürdiger Weise über das an seinem Sohne verübte Verbrechen und über die ohne vorherige gerichtsärztliche Untersuchung Beerdigung des Verstorbenen, und bat so nachdrücklich unk Wiederausgrabung und Sektion der Leiche, daß die Ex­humation der Leichs tatsächlich verfügt und der örtliche Untersuchungsrichter von oieser Verftigung in Kenntnis ge­setzt wurde.

Nach des alten Prokofji Rückkehr aus der Gouverne­mentsstadt und nachdem es bekannt geworden, daß binnen kurzem die Wiederausgrabung und ärztliche Untersuchung der Leiche stattfinden werde, hatte sich die Stimmung der örtlichen Bevölkerung, die schon vorher in geschickter Weise bearbeitet worden war, erst recht zu guusten des seines' einzigen Sohnes beraubten Vaters entschieden. Mau schien eine große Genugtuung zu empfinden, ja sich ordentlich zu freuen darüber, daß der Tod des jungen, bei aller Welt beliebt gewesenen Menschen nicht ungerächt bleibenj sollte. Man sah in dem alten Wassilji Kusmitsch und seinem! Sohne fast schon überführte Verbrecher. Nur wenige Dors­insassen wagten es, offen für den alten Wassilji, der ja! seit langen Jahren schon vom alten Prokofji angefeindet wurde, einzutreten. Nur wenige glaubten nach, den Ver­sicherungen der beiden Verdächtigten, daß die schwere gegen sie erhobene Anschuldigung ganz aus der Luft gegriffen wäre. Auch die örtlichen Polizerbeamten, namentlich den Stanowoi beschuldigte man jetzt gauz offen grober Pflicht­verletzung, weil die Beerdigung des plötzlich Verstorbenen ohne vorherige ärztliche Besichtigung von ihnen zugelassen worden war. Dabei nahm man es als ganz selbstverständlich, an, daß der Untersuchungsrichter und Arzt den durch Miß­handlung erfolgten Tod desselben, nach der Wiederaus­grabung der Leiche, mit leichter Mühe sofort konstatieren würden. Die Herren würden sich überhaupt, so folgerte man, angesichts der jetzigen Lage wohlweislich hüten, die Todesursache als natürliche, durch irgend welchen inner­lichen Fehler hervorgerufene zu bezeichnen. Denn in solchem Fall würden sie sich bei dem bekannten Reichtum des Wassilji Kusmitsch in ein eben solch schlechtes Licht setzen, wie es der Stanowoi getan. Nun, man werde ja schon beim Beginn dex UntersuchMg der ausgegrabenen Leiche sofort merken, wessen man sich von den Herren zu ver­sehen habe! Man werde nötigenfalls vor keinem Mittel, vor keinerlei Selbsthilfe, ja selbst vor Gewalttätigkeiten nicht zurückschrecken, um die Wahrheit an den Tag zu bringen!

Passiert war die Sache im Amtsbezirk des Unter­suchungsrichters, den wir schon zu Beginn dieser Aufzeich­nungen kennen gelernt haben.

Nach Empfang der Verfügung des Staatsanwalts hatte der Untersuchungsrichter den Stanowoi, die örtliche Ge-