Ausgabe 
9.5.1904
 
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den allerhöchsten Befehlen. Und freundlich sagt der Erzherzog zum Meister der Wiener Straßen:Nichts von Bedeutung. Aber genau so sicht immer Se. Majestät aus, wenn er nach Lainz kommt." Daniit war die Audienz zu Ende. ($d), wenn doch auch anderswo eine solche Einladung erginge! D. Red. desGieß. Anz.")

* Eine Götterspeise nannte einst Nero den Cham­pignon, und seine Hofleute nahmen keinen Anstand, sich dies Gericht mit allereigensten Händen selber zu bereiten. Die römischen Legionen teilten den Geschmack an dem ebenso nahrhaften wie billigen Gerichte den Galliern mit und diese verliebten sich dermaßen in den Champignon, daß sie sich bei Annahme des Christentums zwar dazu bequemten, die heidnische Götterspeise in ein christliches Teufelsbrot umzu­taufen, im übrigen aber bei ihrer Pilzschüssel verharrten. Als Nationalspeise ging daher der Champignon auch aus die Tafel Ludwig XVI. und damit in die europäische Küche über. Ihre größte Ausdehnung erlangte die Champignon­zucht in den Jahren 18401845 durch den Baron Hoog­vorst, der nächtlicherweile sogar in den Stiefeln guter Freunde Pilzkulturen anlegte. Das Hoogvorstsche Verfahren wurde später nachgeahmt und seine Ausführung ist wohl heute noch mit weniger Abänderung dieselbe, wie es unsere Spezialzüchter anwenden. Die Kultur dieses so beliebten Edelpilzes hat sich, besonders in den letzten Jahren, weite Kreise erobert. Nicht nur Gärtner und Gartenbesitzer zählen zu den Interessenten, sondern in vielen anderen Ständen finden sich Liebhaber, welche mit Erfolg die Anzucht Von Champignons betreiben. Der Grund hierfür ist wohl ganz besonders in der Külturart des Pilzes zu suchen. Der Champignon ist eines der eigenartigsten Kulturgewächse, seine Anzucht ist an keine Jahreszeit und au fast kein Klima gebunden, denn in unserer gemäßigten Zone läßt er sich in geeigneten Räumlichkeiten zu jeder Jahreszeit mit Er­folg züchten.

* Im Fremdenbuch d e rK r o n e" zu Aßmannshausen hat ein vergnügter Sanitätsrat die folgenden hübschen Verse verzeichnet:

Hier pfeif' ach auf Brom und auf Antipirin, Auf Pulver, auf Pillen, auf Jod und Chinin, Hier endlich war ich ein Weiser Und reiche als köstliche Medizin Den rotenAßmannshauser".

Darunter aber dichtete aber ein anderer: Du alter Herr, Du weiser Rat, Dein Rat, der kam etwas zu spat: Gerettet wär' manch' Menschenleben, Wenn Du immer nur Aßmannshäuser gegeben.

Der weinfrohe Sanitätsrat scheint über die Veröffentlichung seiner Verse ein. wenig verschnupft zu sein und Besorgnisse zu hegen, daß seine Kollegen ihn ketzerischer Ansichten bezichtigen könnten. So schickt er denn, um diese Gefahren zu beschwören, einem Berliner Blatte und seiner mecklenburgischen Heimat folgende poetische Entschuldigung seiner medizinischen Entgleisung:

Na, schönen Dank, Herr Redakteur!

Gottsdunner, dat is grote Ehr', Dat mien Rezept von Rotwienschlucken Sei gar in bei Papieren drucken.

Äs groten Kierl stah' ick nu da Bon 'n Nurdpol bet na Afrika! Man gaud', mien Nam' steiht nich dabie, Süns kämen bei Süpers all' na mie Wat seggt denn unser Magistrat? Un legen duhn hier up bei ©trat Ne, up ben Wien-Vers kümmi 'n Klex, In Mecklenborg gelt anber Lex!

Wat, Körling, Du hast Koppweihbag?

O, Liesch, Dien Diern hett in be Maag? Denn Eriggt hei fixing Aspirin, Un sör bei Lütt' biss' Mebizin.

Na, rohr man nich. Du fällst mal seihn, De Diern kümmt Webber in be Bein. Un morgen hol Di nochmal Pillen Un helpen bei nich, bann lat stillen!"*) H So, Herr, bat is 'n annern Snack;

Dat mit ben Wien, bas is son Saak.

Ne Dokterstuw, bat is kein Kraug, Un be Apteiker stähnt all naug.

An 'n Rhein kann mant mal anners Hollen, In Mecklenborg bliwwt allens bin ollen!

R. Sanitätsrat Dr. I.

*) stillen besprechen.

KesundHettspflege.

(Hw) Die Pflege zahnenber Kinber. Die Vorstellung vieler Mütter, welche bas Zahnen ber Kinber als Ursache aller möglichen Krankheiten beschulbigen, ist ein fchier unausrottbarer Bestandteil medizinischen Ä b e r g l a u b e n s. Der Arzt muß dieses Vorurteil immer wieder zurückweisen; immerhin verdient es Beachtung, daß das Zahnen des Kindes eine ein­greifende Veränderung in seinem ganzen Dasein hervorruft. Denn in derselben Zeit, in welcher das Kind zahnt, beginnt das Kind herumzukriechen, es beschmutzt sich seine Finger und steckt diese in den Mund, teils aus Gewohnheit, teils um den Zahnschmerz zu betäuben. Auch die Mütter sündigen in dieser Hinsicht; um das Kind zu beruhigen, schieben sie ihm alle möglichen Dinge in ben Mund: Lutschbeutel, Zahuringe usw. Dabei muß man sich erinnern, daß das Zahnfleisch während der Zahnperiode aufgelockert und die Mundhöhle entzündet ist, so daß immerhin dem Wuchern ansteckender Keime sich Tür und Tor öffnen. Sehr verkehrt ist es daher, wenn die Mütter die Milchflasche probieren, das Brot im Munde vorkauen, ehe sie es ihrem Liebling reichen. Sicherlich kann dadurch Schwindsucht übertragen werden, wenn man auch hierbei nicht so weit zu gehen braucht, wie es Dr. Westenhöser jüngst in derBerliner Med. Gesellschaft" tat, als er seine Ansicht verteidigte, baß die Hauptüber tragungs- guelle der Schwindsucht der Mund des Kindes b e i m Z a h n e n sei. Immerhin verdient die Mahnung Beachtung, daß man die Milch nicht auf derselben Stelle auf ihre Warme probieren soll, die man nachher dem Kinde in den Mund gibt. Man soll den Kindern möglich st häufig die Hände waschen; Dinge, die auf den Boden gefallen sind, soll man ihnen gar nicht mehr geben oder erst nach gründlicher Reinigung. Gegenstände den Kindern in den Mund stecken, die das Zahnen erleichtern sollen, ist zwecklos.

Literarisches.

Die Germanisierung der Frauenkleidung be­titelt sich eine im Verlag der Frauen-Ruudschau zu Berlin SW. erschienene Broschüre (50 Pf.) von Josephine Gratz. Diese Dame berichtet über eine Unterredung mit dem leider so früh dahingeschicdenen Künstler, Professor Dr. Otto Eckmann, dessen Ansicht dahin ging, daß wir erst bann eine vollkommene künstlerische Frauentracht haben werben, wenn sich ber Künstler einen geistigen Ueberblick sowohl über bie Technik unb Bearbeit­ung ber Frauenkleidung, als auch über das reiche Material, aus dem sich diese zusammensetzt, verschafft hat. Sie fordert, daß sich die neue Frauentracht durch edle und vornehme Einfachheit auszeichnet und weist aus die Wiener Toiletten hin, welche sich von der Ueppigkeit der französischen Mode frei gemacht haben. Schon Michel Angelo, sagt sie, hat unter wahrer Schönheitdie Reinigung von allem Ueberflüssigen" verstanden. Die lesens­werte Broschüre klingt in den beherzigenden Worten aus: Edle Einfachheit ist wahre Schönheit!

Richard Voß, der bekannte Dichter und Verfasser des RomansVilla Falconicri", der bei den Lesern derGieß. Fa- milienbl." ungewöhnlich starken Anklang gefunden hat, veröffent­lichte kürzlich einen neuen Roman aus einem deutschen Herrscher­haus unter dem TitelEin Köuigsdr ama" (1. Bd. 183 S., 2. Bd. 164 S. Engelhorn Allgem. Romanbibliothek, 20. Jahrg. Bd. 1 u. 2). Der Dichter versucht hier in der Seele eines wahn­sinnigen Königs zu lesen. So ist der Roman die Geschichte.von dem Unheil und Leib geworden, das auch durch Königspaläste schleicht, von dem Marasmus, an dem ein ganzes Geschlecht krankt, und von der Selbstverblendung des Wahnsinnes, der sich allein über ihn erhaben glaubt.

Zahlenphramide.

(Nachdruck verboten).

1

Vokal.

2 1

Nahrungsmittel.

2 13

Naturprodukt.

2 4 1

3

Altgriechische Landschäft.

2 4 18

2

Weiblicher Vorname.

3 114

2 5

Handwerker.

Auflösung in

nächster Nummer.

Auflösung des Rösselsprungs in vor, Nr. r Wir schmähn auf unser Glück, Weil wir stets mehr begehren, Des Andern Weinstock ist's Der gute Trauben trägt. Das Unglück aber, das Den Nachbar niederschlägt, Ist nichts, ist gar nicht wert, Sich drüber zu beschweren.

Redaktion: Anaust ®6b. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scken Uinrersttätk-Vuck- und Cteindruckerei. R. Lauae, Gießen.