Ausgabe 
9.5.1904
 
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grüne Papageien sich auf den Zweigen wiegten. So schön dieser entzückende Zufluchtsort in seiner echt tropischen Pracht aber auch war, so hatte er doch einen großen Nachteil: er konnte bis in seine entfernteftei: Ecken vom Palaste aus übersehen iverden, und der Palast hatte tausend Augen.

Langsam schlenderte ich auf einen tveißen Pavillon zu, der, nach allen vier Seiten offen, ein Meisterwerk feiner Steinhauerarbeit war. Eine frische Prise wehte vor: den über der Stadt liegenden Hügeln hernieder, die schwertähnlichen Blätter der stolzen Palmen bewegten sich leise rasselnd und die Luft war vom Wohlgeruch der wächsernen Blüten des Korkbaumes getränkt, als ich mich niedersetzte und meinen Kopf an den kühlen Marmor lehnte.

Ich glaube, ich war nahe daran, einzuschlummern, denn mein Geist war erschöpft vom Denken und Suchen nach einem Auswege a/us all dem Wirrsal. So schlaftrunken aber war ich doch nicht, daß ich das Geräusch sich nähern­der Fußtritte überhört hätte. Als ich mich ausrichtete, stand Mr. Thorold vor mir, sie hatte ihn geschickt!

Guten Abend", sagte er, in den Pavillon eintretend. Mir wurde gesagt" er lächelte heiterdaß Sie mich' in einer dringenden Privatangelegenheit zu sprechen j wünschen. Sollte sich die Regierung am Ende gar auf eine Kündigung Ihrerseits gefaßt machen müssen? . . . Sprechen Sie rasch", fügte er in plötzlich verändertem Tone hinzu.Was gibt es? Sind Sie krank?"

Nein, ich bin nicht krank; ich bin überhaupt niemals krank, und ich schickte auch nicht nach Ihnen. Aber ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind, denn ich befinde mich in einer höchst schwierigen Lage."

Ans der ich Ihnen hoffentlich heraushelfen kann."

Ach nein, ich glaube es nicht."

Um was handelt es sich denn?"

Um Sie und die Perlen, die Jasra-Perlen."

Aber ich bitte Sie, meine liebe Miß Ferrars. .

Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:Was haben Sie mit diesen Hofgeschichten zu tun? Die Ra ui Sundaram brennt darauf, die Juwelen wegen der Hochzeit in ihren Besitz zu bringen, ich habe mich aber bestimmt und in aller Form gegen den Ankauf ausgesprochen, und gottlob, mein Wille ist, wenigstens was die Einkünfte des Landes anbelangt, Gesetz."

So sprechend, setzte er sich mir gegenüber auf das Geländer. Er sah hübsch und wohl aus in seinem kühlen weißen Anzug und hatte sich offenbar von der Malaria gänzlich erholt.

Wie kommt es denn, daß Sie in den Kampf um die Perlen hineingezogen werden?" wiederholte er.

Ich will es Ihnen sagen. Gestern abend ließ mich die Rani in ihre Privatgemächer kommen. O, es war ent­setzlich! Sie überschüttete mich mit Drohungen und sagte, ich solle Sie warnen, denn ihre Krallen seien gefährlich. Sie erinnern sich, daß sie unser Gespräch damals belauschte, als wir sie eine böse alte Katze nannten?"

Ja, aber was wollte sie denn von Ihnen?"

Die Perlen, die Jasra-Perlen."

Er brach in lautes Lachen aus.Das ist alles?"

O, lachen Sie nicht", sagte ich ungeduldig,es würde Ihnen wahrhaftig vergehen, wenn Sie sie gehört hätten. Sie ist ganz auf die Perlen erpicht, ihre Seele würde sie dafür verkaufen."

Er lachte.Darum würde niemand viel geben. Hat sie überhaupt eine Seele?"

Bitte, lassen Sie mich ausreden!" Aengstlich schaute ich mich um, aber es befand sich weit und breit kein Mensch.

Die Rani glaubt, ich könne Sie beeinflussen, aber ich weiß natürlich sehr gut, daß das Unsinn ist."

Nein, nein, darin hat sie vollständig recht", gestand er mit großem Ernst, sodaß das Blut mir ins Gesicht stieg.

Sie befahl mir. Sie zum Kauf der Perlen zu be­wegen. Ihre Familie, so behauptet sie, fange nun all­mählich an, sich von den Kämpfen mit den Fremden zu erholen; Geschütze, Ansehen, alles sei dank ihrer Bemühungen zurückerobert. Das einzige, was ihr zur gänzlichen Wieder­herstellung des früheren Glanzes noch fehle, sei der Besitz der Jasra-Perlen. Es könne Jahrhunderte ansteh en, bis sich der Familie wieder ein solcher Glückssall darbiete, und ich soll Ihnen sagen, daß, wenn Sie ihn vereiteln, Sie Ihren Lohn schon finden werden. Sie ist fest ent-

Sen, die Perlen zu erwerben; voll Ungeduld wartet im auf die Antwort der Rani und auf die Ihrige."

Mr. Thorold lachte nicht mehr. Hoch aufgerichtet starrte er mich an.

Und was versprach Sie Ihnen für den Fall, daß Sie mir eine günstige' Antwort abschmeicheln?"

Zehntausend Pfund."

Natürlich lachten Sie ihr ins Gesicht?"

Nein", antwortete ich nachdrücklich.Mir war es gar nicht lächerlich zu Mute; ich zitterte am ganzen Körper."

Aber warum denn? Das begreife ich nicht. Was haben Sie zu befürchten?"

Ibrahim sagte mir, daß die Rani Sundaram imstande sei, jedermann aus dem Wege zu schaffen, der sich ihr so wie Sie hindernd entgegenstelle. Sie kenne Gifte, deren Wirkung so geheim sei, daß derjenige, dem sie beigebracht werden, anscheinend eines ganz natürlichen Todes an Fieber oder Cholera sterbe und kein Mensch Verdacht schöpfen könne. Ihr Verfahren mißglücke nie. Manchen Gläubiger habe sie auf diese Weise schon zum Schweigen gebracht, mancher Feind sei im Palast verschwunden, und keine Nach­frage habe danach verlautet."

Wenn Sie oder ich verschwinden würden, ginge es nicht ohne ernste Nachfragen ab, das dürfen Sie mir glauben!" rief er mit großer Entschiedenheit.

Jedermann fürchtet sie."

Nur ich nicht!" ®r sprang plötzlich auf.Obschoü ich sehr gut weiß, daß ihr Leben eine einzige Kette von Bosheiten war, sie soll die Perlen doch niemals bekom­men, selbst nicht über meinen Leichnam. Ibrahim ist ein Spitzbube, ein Ärzschurke, der so wenig ein Perser ist wie ich, sondern halb Portugiese, halb Singhalese, daher auch feilte Vorliebe für Edelsteine. Gr geht von einem vor­nehmen Hause zum andern, hängt närrischen Weibern seine Schmucksachen aus, bringt dadurch die verarmten Staaten vollends an den Bettelstab und vertut dann seinen Ge­winn in gemeiner Verschlvendung und in Luxus. Ich glaube obwohl man ihm sonst nichts glauben darf daß er seine Erziehung zum Teil in England genossen; hat, dann aber mit Schimpf und Schande das Land hat verlasset: müssen. Er soll irgendwo zum Christentum über­getreten sein, gehört aber nach wie vor zu jener schlimmsten Gattung schlauer Betrüger, die, klug, reich und gewissen­los, vor keiner Schlechtigkeit zurückschrecken. Mit seinem englischen Firnis, dem hübschen Gesicht und grenzenloser Frechheit hat er schon viel erreicht."

So verhält es sich also mit diesem Ibrahim!" rief ichUnd die königlich persische Abstammung, ist nur eine Fabel?"

Natürlich, die sogar auf recht schwachen Fußen steht. Schon seit einiger Zeit habe ich ein wachsames Auge auf diesen Herrn. Alles, was er Ihnen über die Rani vor­schwatzte, hatte nur den einen Zweck, die Wege für den Ankauf zu ebnen. Das hübsche Paar arbeitet nämlich unter einer Decke. Sie wünscht vie Perlen zu haben, er, sie zu verkaufen. Wenn ich also nicht wäre, könnte die Sache recht glatt verlaufen; ich bin der den beiden im Wege, stehende dräuende Löwe."

Ja, das sind Sie allerdings", stimmte ich ihm mit trübem Ernste bei.

Die Rani Sundaram hat also diese Unterredung ins Werk gesetzt, und da Sie nun einmal ihre Gesandtin sind, so sage ich Ihnen, daß meine Antwortnein" heißt, nein, jetzt und immer."

Ich wußte natürlich wohl, daß sie so lauten würde, und sagte es ihr auch, aber sie wollte mir nicht glauben."

Es ist einfach Ehrensache, so zu handeln, wie ich es. tue. Mein Posten ist alles eher, als nach meinem Geschmack. Nachdem aber die Regierung diesen Jungen nun einmal meiner Obhut anvertraut hat, so muß ich seine Rechte auch nach besten Krüftei: wahrnehmeit. Wir Staatsbeamten haben hier in Indien ebenso gut unsere Schlachten zu schlagen wie die Soldatetk, und ich glaube, ich darf saget:, daß wir stets mutig der Gefahr die Stirne geboten und allen Bestechungsversuchen, so verlockend sie auch sein mochten, stolz und nachdrücklich widerstanden haben. Ich bleibe unerschütterlich fest auf der Seite meines Schütz­lings und werde ihn mit aller Macht, die mir zu Gebote teht, beschützen: seine Person, sein Land und sein armes, chwer bedrücktes Volk. Es ist meine Pflicht, dem jetzigen lnheil der Steuern Einhalt zu tun, Gerechtigkeit zu üben