Ausgabe 
9.5.1904
 
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1904

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(Nachdruck verboten.)

Im Unfall der Yajaß.

Roman von B. M. Croker.

Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.

(Fortsetzung.)

Und bald mußt Du meine Befehle ausführen, denn Ibrahim fängt au ungeduldig zu werden, und droht mir, die Perlen wieder mit fortzunehmen. Sie haben großes Aufsehen an allen indischen Höfen erregt, und er be­hauptet, daß er noch andere Liebhaber dafür habe. Er ist eine gar schlaue Ratte... Du wirst also mit dem Regieruugsbevollmächtigten über die Sache reden, und wenn er sein Versprechen gegeben hat, so kann der Kauf sogleich abgeschlossen werden, die Makler find schon im Palast, und die Perlen gehören dann uns."

Ein Ausdruck der Verzückung huschte einen Augenblick über d-as eulenartige Gesicht, dann versank die Alte in tiefes Sinnen. Ohne Zweifel sonnte sie sich bereits in zukünftigen Triumphen.

Menn Mr. Thorold sich nun aber ein für allemal weigert?" unterbrach ich ihre Gedanken mit heiserer Stimme, denn Kehle und Lippen waren mir wie ausgedorrt.

Dann", sie wandte sich nach mir um, und schien mich mit einem langen, stechenden Blick durchbohren zu wollen, dann komme sein Blut über sein eigenes Haupt und ... . ja, und auch über Dich! Du kannst ihn warnen". sie hielt inne, und ihre Augen sahen aus, wie zwei von Pechfackeln beleuchtete Tintenklecksees gibt noch mehr Regierungsbevollmächtigte in England!"

Taumelnd erhob ich mich von den Kissen und lehnte mich, nach Atem ringend, an die Wand. Das war also ein Kampf auf Tod und Leben. Deutlich las ich es in diesen entsetzlichen Augen.

Eure Hoheit", stammelte ich,ich weise Ihr Ge­schenk zurück. . . und ich habe auch keine Macht, Mr. Thorold zu bewegen, daß er seine Worte zurücknimmt."

Nun, er kennt mich! Sagte er nicht neulich zu Dir, daß er meine Wege durchkreuzt habe, und daß uns beiden noch einmal ein heftiger Kampf bevorstehe? Ich habe schon manchen Kampf ausgefochten, und bin noch niemals erlegen. Sagte er nicht auch, ich hätte Krallen, und daß die Krallen einer alten Katze gefährlich seien? Bald wirst Du ihm gegenüberstehen, Miß Sahib, dann sage ihm alles, auch von Deinen Aengften; vor allem aber sage ihm, daß die Ktallen einer alten Frau den Tod bringen. Nun gehe!"

<Äe klatschte in die Hände, worauf Begur, die Spionin, lautlos eintrat, und mich mit großer Vorsicht in meine Wohnung zurückführte.

*

Mel Schlaf fand ich nicht in dieser Nacht. Während ich Mich unruhig von einer Seite auf die andere wälzte.

war es mir, als höre ich eine eintönige Stimme, gleich­mäßig wie das Ticktack einer Uhr, die Worte wiederholen: Die Perlen oder sein Leben! Die Perlen oder sein Leben!" Das dunkle Zimmer, die seltsamen Laute draußen, die ent­setzlichen Worte, die ich vernommen, und die mich verfolgten, und die wie Bienen in meinem Kopf herumsurrendeit schwarzen Gedanken und Vermutungen, verscheuchten den Schlummer. Es bestand kein Zweifel, die Rani Sundaram würde ihr Vorhaben um jeden Preis ausführen. Was galt ihr das Leben eines weißen Mannes? Nichts, gar nichts. Auch nicht an Wegen, Mitteln und Werkzeug fehlte es ihr. Mar Mr. Thorold erst einmal unschädlich gemacht, so lag immerhin die Möglichkeit vor, daß sein Nachfolger nachgiebiger sein, sich eher in Verhandlungen einlassen und zu einem Vergleich bereit erklären würde.

Sie wagt es nicht", redete mir dann wieder die Ver­nunft ein.Du siehst zu schwarz; die Einsamkeit und Ein­schließung hinter den hohen Mauern üben einen Druck auf Deine Nerven und Dein Gemüt aus. Du hast keinen Mut und kein Selbstvertrauen mehr."

Endlich dämmerte der Morgen. Ich erhob mich, ging im Zimmer umher und badete meinen glühenden Kopf in frischem Wasser. Denen betete ich zu Gott mit König David in den beiden letzten Versen des 140. Psalms:Behüte mich vor dem Strick, den sie mir legen, und vor den Fallstricken der Uebeltäter. Die Gottlosen werden in sein Netz fallen; ich bleibe allein, bis ich hinübergehe."

Wie konnte ich wohl den Schlingen dieser entsetzlichen Frau entgehen, die meine Hilfe zur Erreichung ihrer eitlen Stoecfe und zu weiterer Bedrückung der armen Steuer­zahler verlangte? Wenn sie sich nun in ihren Erwartungen getäuscht sah, wenn ich keinen Finger rührte und kein Wort zu ihren Gunsten sprach, was würde dann mein Los sein? Cholera- und Fiebergift und der Tod?

Ich weiß nicht, wie ich an jenem Tage meinen Ver­pflichtungen nachkam. Das Lesen, Schreiben und Sprechen .mit meinen kleinen Schülern wurde mir zur Qual, zudem war der kleine Rajah Kodappa ganz besonders lebhaft. Dann kamen die Klavier- und Guitarrestunden, und wenn die kleinen Mädchen auch ziemlich geschickte Fingerchen hatten, so ging ihnen doch jegliches musikalische Gehör abl Diese Mißtöne waren wahre Folterqualen für meine hoch­gespannten Nerven, sodaß ich mich mehr als einmal ver­sucht fühlte, laut aufzuschreien und meinen Kopf gegen die Wand zu stoßen nach der Art der Eingeborenen.

Endlich war alles überstanden, und die kleinen Quäl­geister zogen ab. In der Nachmittagskühle flüchtete ich mich dann in den Garten, und zwar in den abgelegensten Teil, wohin sich die Damen des Palastes nur selten wagten. Ich habe ihn bereits beschrieben, jenen Zauber­garten mit seinen Marmorwegen, seinen blühenden Bäu­men und Sträuchern und der Pracht der Rosen- und Granatbäume, jenen Garten, wo goldgelbe und purpur­rote Schmetterlinge umherflatterten und blaue Tauben und