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dein, Körben, Kochgeschirren und sogar Lieblingshühnern itn Arme hin und her gestoßen. Es sah aus wie der Auszug eines ganzen Volkes. Ter eingeborene Indier hat nämlich eine besondere Vorliebe für das Eisenbahnfähren und genießt es mit geringem Kostenaufwand.
Bald sah ich auch Jenkins, der sich! durchs die Menge zu mir drängte. Er war älter als der andere Schaffner, ein freundlich ausfehender kleiner Mann mit leicht ergrautem Barte.
„Ich habe einen Wagen für Sie gemietet, der Sie zu Frau Rofario, Crundallstraße 16, in Vepery, bringen wird. Sie ist eine gute Seele, wenn sie auch trotz ihrer Ticke nicht viel gleich sieht. Bei ihr können Sie wenigstens ein Unterkommen finden, bis sich Ihnen etwas besseres bietet. Sie hat das Haus voll mit Verwandten . . . aber merken Sie es sich wohl: leihen Sie nur um alles in der Welt niemand dort (MM"
„Geld leihen?" wiederholte ich ganz verblüfft.
„Ja, halten Sie zusammen, was Sie haben, und sagen Sie Frau Rosario, daß Giles und Jenkins Sie schicken. Ich wünsche Ihnen Glück! Wenn Sie mich brauchen, wird ein Bries mit meinem Namen und der Eisenbahnlinie, bei der ich angestellt bin, mich stets finden. Leben Sie wohl!"
Damit half er mir in eine Art auf Rädern stehenden Kasten mit grünen, geschlossenen Läden. Ein dürrer Schimmel war davor gespannt, und ein Junge lenkte ihn, der unter seinem Turban und seinen bunten Fetzew fast verschwand. Mein Gepäck war bereits mit einem aus alten Lappen zusammengesetzten Strick festgebunden, und ehe ich es mich versah, fuhren wir, eine dichte Staubwolke auswirbelnd, in raschem Trabe davon.
Zuerst kamen wir an einem öffentlichen Park, an eurem Spital und dann an einem großen, stark besuchten Bazar vorbei. Bald jedoch bogen wir in eine breite Straße ein mit verwahrlosten, in verwilderten Gärten stehenden Häusern. An dem halbverfallenen Gittertor eines solchen Anwesens schwenkten wir plötzlich in einen, von Furchen zerrissenen Gartenweg ein und hielten dann vor der Tur eines langen, niedrigen Gebäudes, mit großer, säulengetragener Veranda und verblichenem^ gelbem Anstrich!. Auf der Veranda standen eine Anzahl halbdurchgesessener Bambus- oder Strohstühle, und einige halbvertrocknete Farnkräuter in Kübeln. Auch- eine Henne mit ihren Küchlem bemerkte ich dort, sowie eine große Menge wert herunterhängender Spinngewebe. .
Rings umher aber herrschte lautlose Stille. Ter Kutscher schrie und schrie, jedoch vergebens. Endliche stieg er wütend ab und lief nach den Hintergebäuden, von wo er nachwenigen Augenblicken in Begleitung eines Timers zuruck- kehrte, der sich im Gehen seinen Rock anzog und eme leichte Molke von Küchen- und Tabakduft mitbrachte. Er forderte mich in gutem Englisch! auf, einzutreten, schvb den schief heruntergelassenen Rollladen beiseite und führte mich in ein großes, dunkles Empfangszimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Plaudereien aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Auw ein Bankier. — Ein Opcretten-Durchfall am ersten Ostertag.— Kapellmeisterstreik. — Sonnenthals Abschied.
Wie ein kleiner Aprilscherz mutet der Fall an, der sich unlängst vor dem Schiedsgericht der Berliner Börse abgespielt hat. Es handelte sich um einen bankerott gewordenen Bankier, der eine Schuldsumme von insgesamt 1200 Mark nicht löschen zu können erklärte und feine Gläubiger mit 25 Prozent ab sind en wollte. _ Bei oer Verhandlung dieses im Gegensatz zu den sonstigen Millionenpleiten so wohltuend berührenden Krachs erklärte der Kapitän des jungen, schon nach wenigen Wochen wegen eingetretener Ebbe gestrandeten Börsenschiffleins, daß er sein Bankgeschäft mit einem Kapital von vollen 1500 Mark errichtet habe, wovon allerdings durch die leidige Gewohnheit der Hauswirte, die Quartalsmiete prä- numerando zu verlangen und andere mißtrauische Gesellen gleich- 1200 Mark beim Teufel gewesen seien. Tana ch war also das Bankgeschäft aus der nicht gerade den größten Kassenschrank beanspruchenden Basis von ganzen 300 Mark gegründet worden. Angesichts der Möglichkeit solcher Gründungen, die von der anständigen Presse gründlich
genug erörtert werden, wird einem Menschen, der vorläufig noch keine Depots zu vergeben hat, ganz merkwürdig zu Mute. Man kommt aus' dem Erstaunen über die Vertrauensseligkeit gewisser Leute nicht heraus, die einem Menschen auf sein ehrliches Gesicht nicht 10 Mark borgen mögen, aber einem flott auftretenden Spekulanten, der ohne Austern und Pommery nicht mehr leben kann, ihr ganzes Vermögen gegen einen Depotschein anvertrauen. Aber wer weiß/ ob man in der Wonne des Besitzes nicht vielleicht selbst so — unklug wäre. Und man darf womöglich stolz darauf sein, keine Depots vergeben zu können! Scherz bei Seite: wenn Bankherren mit ursprünglich großen Mitteln durch den Strudel der Ereignisse in die Tiefe gerissen werden und fallieren müssen, so wirkt das für den Stand des Bankiers schon schlimm genug; wohin aber soll Sicherheit und Vertrauen schwinden, wenn sich solche Vabanque-Geschäfte auftun dürfen? —
Eine „Pleite" auf künstlerischem Gebiete hatte am ersten Osteriage unser Operetten-Theater in der Alten Jakobstraße zu verzeichnen. Es gab dort ein Stück, das unter dem Titel „Fayon Pamola" die zwitterliche Bezeichnung „Vaudeville-Schwank trug. Unser erstes Festtagspublikum erfreut sich- bei sämtlichen Tirektoren einer geradezu fabelhaften Beliebtheit. Kritische Leute gehn an diesen Menden nur in irgend einen Kunsttempel, wenn sie durchaus müssen. Gute, bescheidene, lachlustige Lämmer aus alle Plätze. Ter Komiker braucht nur mit den Augen zu zwinkern und ein wohliges Grunzen mit ein paar offenen Äachtönen wird sogleich vernehmbar; Eigentlich kann diesem ebenso braven wie geduldigen Publikum gegenüber gar kein Stück durchfallen. Auf den schnell erzeugten Wogen seiner fröhlichen Begeisterung kommt auch der zweifelhafteste Schmarren zu einem Erfolg. Und trotzdem hat es diese „Fayon Pamola" fertig gebracht, in aller Form abgelehnt zu werden. Nicht etwa, weil sie zu stark gepfeffert gewesen wäre. Nein, es war langweilig wie eine Schneiderrechnung oder eine Tonleiterübung. Tie Hutfayon, die ein verliebter Putzmacherchef seiner Flamme vom Brettl zu Ehren „Pamola" taust, hatte Wasserkopfweite und paßte dem Berliner daher ganz und gar nicht. Aller Liebe Mühe war umsonst, so gute Kräfte auch im Treffen waren. Tas „Zentraltheater" hätte einen schwarzen Tag, tote er an dieser Stätte kurzweiligster Lustigkeit eigentlich zu den Naturwundern zählt; aber die lachende Muse Strauß' und Millöckers wird den Schaden bald wieder wett machen.
In einer tristen Lage befanden sich während d r Festtage eine Reihe jener an und für sich schon nicht beneidenswerten Jünger der Musik«, die in den Vergnügungs-Etablissements in und um Berlin den Taktstock schwingen und neben den Weisen der alten, keine Ansprüche mehr erhebenden Meister, auch die Schaffenden vsn heute zu Gehör kommen lassen möchten. Aber ein Berliner Saal- und Gartenwirt kennt keine Täxe für geistige Genüsse. Nur was sich; kauen, schlürfen oder verqualmen läßt, hat einen münzbaren Wert für ihn und daher will er auch nichts von den bescheidenen Tantiemen wissen, die die Genossenschast deutscher Tonsetzer für die Aufführung der Kompositionen ihrer Mitglieder erhebt. So kam es schließlich zu einer Art von Kapellmeister-Streik, da etliche sich nicht dazu hergeben wollten, nur sogenannte „abgabefreie" Musik auf das Programm zu setzen. Und skrupellosere Kollegen nahmen ihnen schnell den Taktstock aus der Hand/ Auf die Tauer werden unsere Wirte sich jedoch der Ansicht nicht verschließen können, daß auch die Arbeit eines Tonsetzers ihres Lohnes wert ist, wenn sie auch zeitlebens vor der eines Braumeisters die größere Hochachtung behalten. „Nur immer langsam voran!" Man hat es einstmals als Spottvers für die östreichische Landwehr gesungen, aber wir haben innerhalb der deutschen Grenzpsähle Gelegenheit genug, uns an diesem alten Philister-Tempo zu ergötzen! Ein alter Oesterreicher, der nun gar zum Landsturm de. Kunst übertreten will, feierte am Tienstag abend in Berlin auf der Bühne des Residenz- Theaters Abschtedstriumphe. Adolf Sonnenthal, der sich die Bühne seinerzeit sreilich in einem anderen Tempo als dem der östreichischen Landwehr erobert hat, ist entschlossen, den Brettern Valet zu sagen. Tie Berliner durften ihn in einer seiner Glanzrollen, im Lessing'schen „Nathan" noch einmal in voller Kraft und Größe bewundern. Es war ejn Wend Poll Weihe, der den Beweis


