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„Das ist ja sehr freundlichst — ich lachte auf — „allein ich bin gar nicht. . ."
„Still, still! Sie werden mir doch nicht Weismachen wollen, daß Sie die Absicht haben, eine alte Jungfer zu werden. Sicherlich haben Sie jetzt aber auch noch manches für sich zu packen, und vergessen Sie nicht, daß tote morgen früh um sechs Uhr hier wegfahren."
Bon den Nordwest- und Zentralprovinzen und auch von Tekhan hatte ich bereits einen flüchtiben Eindruck gewonnen, und nun stand icy im Begriff, mich nach dem ältesten Sitz der Regierung, in die echten, palmenreichen Tropen zu begeben. Ich reiste mit einem späteren Zuge ab, als Mrs. de Villars, nachdem wir uns auf dem Bahnsteig in Punah, wo ich sie zuerst gesehen, auch wieder verabschiedet hatten. Sie führte nur wenig Gepäck mit sich und reiste hi Begleitung eines portugiesischen Dieners, selbstverständlich erster Klasse, wogegen ich mir eine Fahrkarte zweiter Klasse gelöst und als Gepäckträger den alten Ahmed bei mir hatte, einen Indier, in den Mrs. de Villars großes Vertrauen setzte, der mir selbst aber von Anfang an im höchsten Grade unangenehm gewesen war. Immerhin aber nahm er sich diensteifrig meines Gepäckes an, legte eigenhändig die kleineren Stücke in einen leeren Wagen und ertvies sich in jeder Hinsicht aufmerksam und äußerst gewandt, sodaß ich wohl begreifen konnte, daß Mrs. de Villars ihn trotz seines glatten, fetten Gesichts und seiner schlauen Augen zu schätzen wußte.
Ich war die einzige Reisende in meiner Abteilung und setzte mich ans Fenster, von wo aus ich Ahmeds tiefe Abschiedsverbeugung erwiderte. Stundenlang schaute ich! dann von diesem Platze aus hinaus auf die vor mir sich entrollenden Bilder des alten Indiens. Zuerst kam ich an Kirkee und verschiedenen, mir bekannten Orten vorbei, dann folgten bewaldete Berge, befestigte Städte, zerklüftete rötliche Gebirgsketten, grüne Weideplätze und breite Flüsse.
Endlich erhob ich mich um mein Gepäck in Ordnung zu bringen und mir einen Mantel zu holen, denn der Abend war kühl. Als ich meine Reisetasche beiseite stellen wollte, kam sie mir eigentümlich verändert vor, und Lei näherer Untersuchung entdeckte ich, daß die innere Tasche, worin ich mein Geld, meine Papiere und Zeugnisse aufbewahrt hatte, mit einer Scheere herausgeschnitten war! Ahmed hatte diese Reisetasche in seine ganz besondere Obhut genommen, und nun siel mir auch wieder das eigentümliche Lächeln ein, womit er meine fünf Rupien Trinkgeld in Empfang genommen hatte und seine tiefe, höhnische Verbeugung bei meiner Abfahrt. Nichts blieb mir mehr, als die fünfundsechzig Rupien, die man mir beim Lösen der Fahrkarte herausgegeben und die ich glücklicherweise in meine Kleidertasche gesteckt hatte.
Was sollte nun aus mir werden? So entmutigt, so namenlos unglücklich fühlte ich. mich, daß ich in krampfhaftes, verzweifeltes Weinen ausbvach. Schien es nicht, als habe sich alles gegen mich verschworen?
Wie lange ich so tröst- und hoffnungslos weinte, weiß ich nicht, ich« merkte nur mit einem Mal, daß wir in eine große Station einfuhren. Ich unterdrückte mein Schluchzen und trocknete mir hasttg die Augen — trotzdem mußte ich von einem vorübergehenden jungen Schaffner bemerkt worden sein, denn er blieb stehen und sah zum Fenster herein.
„Ra, was giebt's? Wollen Sie nicht aussteigen und etwas zu Wend essen?"
Märe ich ein Reifender der ersten Klasse gewesen, so hätte er-mich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres anzureden gewagt, Armut aber verhilft einem manchmal zu eigentümlichen Freunden.
„Nein, ich will lieber hier bleiben. "■
„Warum? Sind sie krank?" fragte er teilnehmend.
„Nein, nicht gerade, aber ich habe soeben die Entdeckung gemacht, daß ich all meines Geldes beraubt worden bin. Sehen Sie nur, was man getan hat!" Und "ich zeigte ihm meine zerstörte Reisetasche.
„Tas ist ein sauberer Streicht"
Rasch öffnete er die Türe, setzte sich mir gegenüber und betrachtete den Schaden genauer.
„Wie viel war es?" fragte er dann, ^mich mit seinen großen blauen Augen ansehend.
Unter einem neu hervorstürzenden Dränenstrom sagte ich es ihm.
„Ich kann ein Mädcben niM weinen sehen. Wer freilich
solch ein Pech, und wenn Sie keine Freunde, keine Zeugnisse und kein Geld haben . . ."
„Fünfundsechzig Rupien sind mir noch geblieben."
„Nun, damit können Sie sich schon ein Weilchen übev Wasser halten.
„Aber nicht in einem Hotel in Madras."
„Nein, aber ich will Ihnen mal einen Rat geben. In den Vorstädten Vepery und Blacktown gießt es eine Menge billiger Kosthäuser, wo man um achtzig Anna bis eine Rupie tägliche ausgenommen wird-. Ich kenne zum Beispiel eine Frau Rosario, die in der Crundallstraße Nummer 16 in Vepery wohnt, bei der beträgt der Preis für Kost und Logis täglich eine Rupie. Sie ist eine sehr anständige alte Frau, wenn auch fast so schwarz wie ein Mohr, und tveun Sie ihr sagen, daß Glles — das bin ich — sie schicke, so wird sie gewiß gut für Sie sorgen."
„Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Freundlichkeit."
„Es herrscht zwar ein bischen arges Durcheinander in dem Haus, aber Sie werden sich schon darein finden. Jedenfalls ist es billig und anständig, und von dort können Sie sich nach einer Stelle umsehen oder nach! Hause schreiben."
„Ja, das werde ich wohl können", stimmte ich mit einem Seufzer bei.
„Sie haben die gleiche Haarfarbe wie meine Schwester; das fiel mir zuerst auf. Ach, wie herzbrechend Sie geweint haben! Aber was nüt-t das? Kommen Sie jetzt und essen Sie mit mir."
„Ach nein, ich danke, ich brauche nichts zu essen", antwortete ich kläglich.
„Aber ich . . . und Sie ebenfalls! Tas Weinen hat Sie angegriffen. Ich gehörte nämlich auch einmal zu den gebildeten Kreisen; Sie werden mir es kaum glauben. Allein nichts wollte mir in der Heimat glücken, und so kam ich nach Indien, um mich wenigstens auf eigene Füße zu stellen. Vielleicht fchchinge auch ich mich noch einmal wieder in die Höhe, und inzwischen ist es besser, ich bin hier, als ich lungere zu Hause herum und lasse mich von meinem Alten unterhalten. Meine Arbeit ist zwar recht schwer, aber daraus mache ich mir nichts ... Ta Sie mir aber die Ehre Ihrer Gesellschaft nicht erweisen wollen, so muß ich eben allein gehen."
So sprechend, sprang er hinaus und schloß die Tür. Allein schon nach kurzer Zeit kam ein Kellner in einem roten Turban und brachte mir einige Stückchen kaltes Geflügel, Brot und eine Flasche eisgekühlter Limonade. Giles Sahib, so sagte der Kellner, schjcke mir dies; alles sei bezahlt. Tankbar nahm ich dieses kleine Mahl an und fühlte mich daraufhin ordentlich gestärkt. Tiefe Erfrischung und die Adresse des billigen Kosthauses hatte ich also der Farbe meiner Haare zu verdanken!
Kürz vor Abgang des Zuges erschien mein freundlicher Beschützer wieder, um sich! von mir zu verabschieden, und mir noch eilig zuzurufen:
„Ich habe Sie meinem Kameraden Jenkins anem- psohlen; er wird in Madras nach Ihrem Gepäck sehen imb; Ihnen für einen Wägen sorgen. Ich fahre jetzt nach Metta- pollum. Also leben Sie wohl!" Tamit reichte er mir die Hand und drückte die meinige herzlich, „Leben Sie wohl, und verlieren Sie den Mut nicht. Ich wünsche Ihnen Glück!"
9.
Das Herz schlug mir etwas rascher, als ich bemerkte, daß die grünen Reisfelder und Dattelpalmen allmählich einer kahlen, sandigen Ebene wichen. Tie feuchtwarme Luft, die zum Wagensenster hereindrang, führte einen salzigen Beigeschmack vom Meere mit sich und bald fuhren wir zwischen zerstreut liegenden Dörfern hin, den sicheren Vorboten einer großen Stadt.
Ich näherte mich Madras und damit dem Ende eines behaglich-sorglosen Lebensabschnittes! Eine Barschaft von wenig mehr als fünf Pfund trennte mich von dem Hungertods. Nun hieß es: Kopf hoch! und handeln. Ein Rechnungsüberschlag war bald gemacht- Bet der äußersten Sparsamkeit konnte ich mit sechzig Rupien zwei Monate lang leben, und während dieser Zeit mußte es mir ja doch gelingen, eine Stellung zu finden. Mine augenblickliche Aufgabe war also, sparsam und vorsichtig zu sein.
Nach wenigen Minuten schön befand ich mich mitten im Gewühl und Härm eines großen indischen Bahnhofes und tvnrde von gastztzp Harden von Reifenden mit ihren Bstn-


