Ausgabe 
9.3.1904
 
Einzelbild herunterladen

148

Frau sich freut ihnen ihr Heim zu zeigen. Wie sie sich freut, daß sie -vor ben erfahrenen Patinnen und mütter­lichen Freundinnen, was Reinlichkeit und Akkuratesse des Hauses betrifft, mit Ehren bestehen zu können. Tenn ihr Mann ist stets des Lobes voll. Aber sie kennt den Wandel nicht, der mit dem jungen Mädchen vor sich geht, sobald Gürtel und Schleier" es geschmückt haben.Mit einem Mädchen wirst Tn fertig. Resi?", fragt Paula, ihre ehe­mals beste Freundin ganz erstaunt.Nimm es mir nicht übel, aber da kann doch eine solche Wohnung nicht sauber fein, auch wenn Tu jede Woche eine Reinemachefrau nimmst".Aber ich helfe doch, auch mit, Paula", war die Antwort.Tas kennt man schon", bemerkte eine alte Tante.Tie Hilfe der jungen Frauen ist nicht weit her. Bei mir werden jeden Tag die Parkettböden mit dem großen Schrubber gebohnert, sonst sind sie nicht blank!" Und spähend ging ihr Blick über den braun gestrichenen Boden hin, an dem wirklich nichts zu tadeln war, an dem die Tante allem Anschein nack doch so viel zu rügen fand. Tie prächtigen Blumen dagegen bemerkte sie wohl kaum. Und Tu läßt das Mädchen kochen?" fragte eine andere ganz entsetzt.Solche Mädchen für alles können doch wirk­lich nicht kochen. Und was die verbrauchen! Tie werfen die Butter ohne Verstand nnd Sinn mit vollen Händen an das Essen. Tas Essen muß die Hausfrau, die sich keine Köchin halten kann, selber bereiten".Und wenn ich meinem Mann Briefe schreibe, wenn ich Klavier übe, damit ich ihm des Abends etwas Vorspielen kann?"Da muß er sich eben eine Stenographin nehmen, und des Abends müßte er aus das musikalische Vergnügen verzichten."

Rest meinte, daß es doch schade wäre um die vielen Unterrichtsstunden in der Mädchenzeit, ivenn man alles brach liegen ließe.Tas geht allen so!" bekam sie zu hören.Wozu heiratet man denn?" Na, und beim An­blick der Küche machten sie erst recht Gesichter! Tag für Tag, Jahr um Jahr mußte Rest solche Bemerkungen hören, bis sie erlag, bis auch sie die übertriebene Rein­machelust packte, bis auch sie selbst am Herde stand und nicht mehr Zeit hatte, Briese zu schreiben, Musik zu treiben und anderes zu lesen, als nur ein paar Zeitungen. Und der Mann ergab sich drein, sand aber an seiner Frau nichts mehr zu staunen. Und sobald der Mann aufhört zu staunen, ja bann . . .

Literarisches.

Hermann Kurz' sämtliche Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Prof. Dr. Herrn. Fischer (Tübingen). Mit drei Bildnissen und einem Gedicht nach der Handschrift. Brosch. Mk. 4. Hermann Kurz gehört zu jenen Dichtern, die bei Lebzeiten infolge mancherlei widriger Umstände zu wenig Beachtung gefunden haben; das deutsche Volk hat an ihm etwas gut zu machen. Paul Heyse nennt Kurzeine der edelsten, tapfersten und liebenswürdigsten Dichtergestalten, bereit Dentschlanb in biefem Jahrhundert sich zu rühmen hatte"; und über den RomanDer Sonnenwirt" schreibt derselbe: Unsere Literatur besitzt nur ein einziges Werk, das sich diesem erschütternden Lebensbild an die Seite stellen ließe: Heinrich von KleistsKohlhaas". Johannes Scherr bezeichnet den RomanSchillers Heimatjahre" alseinen der besten htstorischen Romane der deutschen Literatur, der als Volks­buchs weiteste Verbreitung verdiente". Otto von Leixner schreibt icher Kurz:In seinem inneren Wesen lebte das deutsche Gemüt in seiner ganzen schlichten Wahrheit, seine Erzählungen zeigen in Form und Inhalt die Reife einer echt poetischen Natur". Karl Weitbrecht schreibt in seiner deutschen Lit.-Gesch.: . . . .er fand in ben erzählenden Werken für bie Tragik des Menschengeschickes so gut den Ton, wie für beit ausgelassensten, humorvollen Schwank . . . Seine ganze Poesie wurzelt so fest unb sicher im schwäbischen ^?lch?^oben, wie Otto Ludwigs Erzählungskunst im thü- ervgtschen, Gottfrieb Kellers Poesie im Schweizerboden" . . . fnubolf Krauß nennt Kurzeinen Volksschiriftsteller im ebetfien Sinne bes Wortes". Die Romane von Kurz sind tm besten Sinne unterhaltend, ja geradezu fpaitnenb und bergen dabei in sich eine reiche Fülle kulturhistorischer Kenntnisse. Auch feine kleinen Erzählungen find durchweg wertvoll und häufig von sonnigem, köstlichem Humor durch­

leuchtet. Alles in allem ist Hermann Kurz ein trefflicher und echt volkstümlicher Dichter, den sicherlich jeder, der sich mit ihm beschäftigt, in feinen Werken lieb gewinnen muß.

Vermischtes.

Wie erhält man schöne Hände? Aus Paris schreibt derN. Fr. Pr." eine Dame: Die langen, spitzigen Nägel, die vor Jähren modern waren und Herren wie Weiblein selbst friedfertigster Gattung mit Raubtierkrallen ausstatteten, konnten dem Ansturm des guten Geschmacks nicht widerstehen, sie wurden kurz und kürzer, sodaß man für durchlochte Handschuhfinger bald keinerlei Entschuldig­ung mehr hatte. Nachdem man sich eine Weile in normalen Grenzen bewegte, tauchte jüngst das Gerücht auf, daß die Mode Heuer ganz knapp geschnittene Nägel vorschreibe. Mchts ist für eitle Tarnen unangenehmer, wie wenn bange Toilettenzweifel ihre Brust durchwühlen; da gab es also nur ein Mittel, Gewißheit zu erlangen: man mußte bei einer berühmten Manicure um eine Audienz nachsuchen. Friseusen, Masseusen, Manicuren find bekannt­lich! nicht von dem Grundsätze durchdrungen, daßSchwei­gen Gold" sei; die stattliche Tarne lie'ß sich auch- ohne Schwierigkeit interviewen. Unsere Frage erweckte ihr tiefes Mitgefühl an der Naivetät, die sie augenscheinlich diktiert: Kurze oder längere Nägel, das muß der Fachmann entscheiden, das ist individuell und richtet sich nach der Form der Hand. Wer kurze Finger hat, muß längere. Nägel tragen, wem die Natur lange Finger verliehen, der soll kürzere Nägel wählen."Man sagt, daß man bie Nägel jetzt rund schneidet". Tie Manieure warf uns einen Blick zu, der ins Unendliche gesteigertes Bedauern ansdrückte und die Frage zu enthalten schien, aus welchem Urwald wir in ihr Laboratorium gelangt.Schneiden darf man einen Nagel überhaupt niemals, man feilt ihn. Ties ist übrigens die einzige Art, in der Metall mit ben Händen in Berührung kommen darf, sonst soll nur Holz ober Elfen­bein zur Dienstleistung herbeigezogen werben, unb auch diese Instrumente müssen geölt sein. Momentan bewundert man schmale Hände mit langen Fingern, wie sie die alt­italienischen Meister auf ihren Heiligenbildern malten, die sogenannten spindelartigen Finger. Es wäre Pflicht sorg­samer Mütter, ihre Kinder, Töchter wie Söhne, dieser Mode entgegenzuführen, indem sie denselben allzu breite Knöchel wegmassieren und die Kleinen lehren, nach jeder Waschung die Fingerenden zu pressen, damit sie spitzig werden. Tie Natur ist gutmütiger, als man glaubt, sie schafft gar nicht so viel häßliche Hände, die Menschen in ihrem Unverstand vernachlässigen sie nur, und zwar ist dies merkwürdigerweise ein Resultat unserer Zeit und der Zivilisation. Man konstatiere nur, welch schöngepflegte Nägel man in den Sarkophagen der ägyptischen Mumien findet (schöngepflegt nach ihren Begriffen) und mit welcher Sorgfalt die Frauen wildester Indianer- ober Negerstämme ihren Nägeln Farbe unb Form geben, bie sie geschmackvoll finben". Nachdem bie Tarne ihre historischen Daten er­schöpft, ging sie zur modernen Statistik über, aus der hervorgeht, daß die schönsten Pariser Hände momentan der Rangordnung nach einer Schauspielerin des Theakre Franyais, einem bekannten Arzte und einer pikanten Chan- fonettenfängerin gehören, unb alle brei verdanken den­selben, wie es scheint, einen großen Teil ihrer Erfolge.

Homonym.

(Nachdruck verboten.)

Vom Lehrer wird's dem Kind gesagt, Das schüchtern kaum zu lispeln wagt. Es ist das Gold, es sei's der Wein, Und auch dein Wesen soll es sein.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Homogramms in vor. Nr.r BBS

Berta Brief Stern a f

Redaktion: Du an st Göd. Rotationsdruck nnd ffrdofl der Erübl'schen Universitäts-Tuch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.