Ausgabe 
9.3.1904
 
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sich so einsam und' verlassen; es ist ihre erste Seereise. Hoffentlich ist es Ihnen nicht unangenehm?"

Mir? Nicht im geringsten."

Nach dem Tee dürfen Sie aber nicht davonlaufen; wir setzen uns dann behaglich zusammen, und Sie er­zählen mir Ihre Erlebnisse von Anfang bis zu Ende. Wollen Sie mir das versprechen?"

Sie sah mich mit solch herzlicher, aufrichtiger Teil­nahme an, daß ich eine leise Zustimmung stammelte.

*

Es vergingen mehrere Tage, ehe ich das Mrs. Evans gegebene Versprechen einlöste, und wir unsere Unterhalt­ung wieder ausnahmen. Sie kannte viele der Passagiere und schien eine begehrte Persönlichkeit zu sein. Einmal war es die Gattin eines hohen Beamten, die vor vielen Jahren mit ihr in einer Stadt gewohnt hatte, dann wieder ein bärtiger Forstbeamter, oder ein junger Offizier, dessen sie sich als Kind erinnerte, oder sogar eine demütig bittende Ajah, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch, nahmen.

Schon begann ich zu hoffen, unsere Unterredung sei aufs Unbestimmte hinausgeschoben, denn seit wir unter sonnigen! Himmel durchs blaue Mittelmeer dampften, hatte mein Gast auch die trüben Gedanken und Stimmungen ab- geschüttelt. Ich fühlte mich nicht mehr als die heimat­lose, verlassene Waise, die dankbar war, ihren Kummer einem teilnehmenden Ohre anvertrauen zu können, sondern bereute jetzt meinen törichten Gefühlsausbruch, und glaubte zuversichtlich, daß meine Zuhörerin die ganze Sache ver­gessen habe. Bald aber wurde ich eines anderen belehrt. Eines Nachmittags, kurz vor Einbruch der Dämmerung, lauerte Mrs. Evans mir im Salon auf und sagte, mich beim Arm nehmend:

Ich habe ein reizendes Plaudereckchen entdeckt. Es ist zu kalt, um auf Teck zu gehen, und zu dunkel zum Lesen. Kommen Sie, bitte, mit mir, und erzählen Sie mir den Schluß Ihrer Verlobungsgeschichte. Sie wissen: Fortsetzung folgt, war neulich zwischen uns abgemacht."

Ach^ Mrs. Evans", stammelte ich,nach nochmaligem Ueberlegen finde ich wirklich, daß es nicht recht von mir ist. Sie mit meinen Angelegenheiten und törichten Sorgen zu belästigen. Sie haben so viele Freunde, die Ihnen näher stehen, während ich ja doch nur eine Fremde bin, und . . . und . . ."

Unsinn!" unterbrach sie mich.Erstens find Sie gar keine Fremde für mich, denn ich kannte Ihren Vater, Lan- celot Ferrars, und stand immer in gewissen gesellschaft­lichen Beziehungen zu Ihrer ganzen Familie. Ich, er­innere mich aus meiner Mädcheuzeit noch sehr gut, welches Aussehen die Heirat Ihres Vaters damals erregte."

Soviel ich weiß, waren seine Angehörigen sowohl als die meiner Mutter durchaus nicht erfreut über die Wahl. Allein, ich, konnte nie recht verstehen, warum, denn die Beverlys sind doch auch eine gute, alte Familie."

Tarum handelte es sich auch nicht, allein ihr Vater war mit einer Cousine, Ladh Elisabeth Tregar, verlobt, obwohl, wenigstens von seiner Seite, keine Neigung bestand. Sie war plump von Gestalt, mit hohen Schultern und einem unschönen Gesicht, ihre Zunge war so scharf wie ein Rasier­messer, zudem war sie auch noch älter als er. Aber sie hatte ihr Herz an den schönen Lancelot Ferrars gehängt, und so kam schließlich eine Verlobung der beiden zustande."

Wirkliche?"

Ja. Ihr Vater hatte keinen Beruf erlernt, er war der zweite Sohn und von ziemlich zarter Gesundheit; Lady Elisabeth aber besaß ein großes Vermögen."

Und was geschah dann?"

Er reiste im Winter zur Kur nach Madeira und machte dort die Bekanntschaft von Miß Beverly, einem hübschen Mädchen, das bei Bekannten zum Besuch, weilte. Sie war sehr musikalisch und sang entzückend, dabei war sie jung, liebenswürdig und . . . arm. Lancelot Ferrars verliebte sich: sterblich, in sie, löste seine Verlobung mit Lady Elisa­beth auf und ließ sich' mit Miß Beverly trauen... Ta erzähle ich: Ihnen nun eine Geschichte, anstatt die Ihrige anzuhören", fügte Mrs. Evans scherzhaft hinzu.

Ach, und wie interessant ist sie für mich. O bitte, weiter, weiter", drang ich: lebhaft in sie.

Tiefe Heirat versetzte seine Verwandten natürlich in großen Zorn. Wenn er ein Dieb oder sogar ein Mörder gewesen wäre, hätten sie nicht wütender sein können. Gr hatte fern Wort gebrochen, den Namen entehrt und anstatt

der reichen Erbin ein armes, hübsches Mädchen geheiratet, das genügte ihnen, ihre Hand gänzlich von ihm ab­zuziehen. Wenige Jahre später, als Sie noch ein kleines Kind waren, starb er."

Ich habe nur selten von meinem Vater sprechen hören. Bitte sagen Sie mir, wie er aussah, was für eine Art Mann er war?" fragte ich ungestüm.

Er war groß und blond mit träumerifchen blauen Augen und konnte mit dem ernsthaftesten Gesicht die drolligsten Tinge erzählen. Er galt für sehr gescheit, und hatte mit ausgezeichnetem Erfolg studiert . . . Jetzt werden Sie mir wohl zugeben müssen, daß ich keine Fremde für Sie bin, ,nicht wahr? Lange bevor Sie meiner Obhut übergeben wurden, wußte ich von Ihrem Tasein und war ich mit Ihren Familienverhältnissen vertraut."

Allerdings, mehr als ich selbst."

Und was nun Ihre Verlobungsgeschichte anbelangt, so dürfen Sie mir glauben, daß man sich an Bord eines Schiffes die persönlichen Angelegenheiten gegenseitig mit einer Offenherzigkeit mitzuteilen pflegt, die uns im ge­wöhnlichen Leben unmöglich erfcheinen würde. Rückhaltlos plaudert man von seinen Verwandtschaften, von feinen Freunden und Bekannten, von seinen Wünschen und Sor­gen, und erleichtert sieb damit das Herz und verkürzt andern die Zeit. Man weiß eben, daß man sich wohl selten wiedersieht, und daß Reisebekanntschaften gar rasch und leicht vergessen werden. . . Mit uns beiden, mein liebes Kind, ist es aber etwas anderes", fügte sie, ihre Hand auf die meinige legend, hinzu.Sie sind die Tochter eines alten Nachbars von mir; wollte ich sagen, eines Verehrers, so würden Sie mir altem Wrack, das ich jetzt bin, ja doch nicht glauben. Erzählen Sie mir also jetzt weiter. Mir ist schon manche Geschichte anvertraut worden, und hin und wieder bin ich auch schon von Nutzen gewesen. Welche Freude wäre es für mich, wenn ich Ihnen helfen könnte!"

(Fortsetzung folgt.) '

Are junge Arau

Mit emsiger Hand hat die junge Hausfrau die Zügel ihrer Wirtschaft in die Hand genommen. Sie ist erfüllt von der neuzeitigen Idee, ihrem jungen Ehemanne eine Kameradin, eine geistige Gefährtin zu sein. Merkwürdiger­weise besitzt sie Kenntnisse, .die heutzutage zumeist einer jungen Frau fehlen. Wohl vermag sie Klavier zu spielen, schön Stillleben zu malen, und über Kunstgeschichte zu reden. Tas ist bei einer modernen jungen Dame ja selbstver­ständlich. Aber sie kann nocb mehr, sie kann kochen, nähen, ja sie kann sogar Strümpfe stopfen. Strümpfe stopfen! Tas ist eine Wundersrau. Und noch etwas kann sie, etwas, was sehr wichtig ist. Sie besitzt Organisationstalent. Und sie hat Prinzipien; zwei, von denen sie sich nicht abbringen lassen wird. Erstens: Sie will keinen Krieg mit dem Tienstmüdchen führen; aber auch nicht alle Lasten der Wirtschaftsführung selbst tragen. Tarum erzieht sie ihr Mädchen zum Tenken und zur Selbständigkeit. Sie hat es sich klar gemacht, daß der Mann in seinem Bureau mit einer ganzen Anzahl männlichen und auch vielleicht ein paar weiblichen Angestellten ohne große Schwierigkeit aus­kommt. Wohl gibt es einmal einen Aerger; aber er bildet dort nicht die Tagesordnung. Mit Scharfblick und Nachsicht will sie auch ihrem Mädchen Herrin sein. Und zweitens: Sie will nicht alle Torheiten der Hausfrauen mitmachen, sondern ihrem Hause einen modernen indi­viduellen Anstrich geben. Von Kupferkesseln, die oben auf den Küchenbrettern blinken und blitzen müssen, hat sie bei der Einrichtung Abstand genommen. Tas Putzen nimmt so viel Zeit fort, die die Hausgehilfin durch kleine Dienst­leistungen für den Mann und fich besser verwerten kann. Auch gibt es keine Schleppgardinen in der Küche.

Zu einer Küche im modernen Sinne mit Kachel- und Glasplatten hat es nicht ausgereicht. Aber sie ist zweck­mäßig, hell und sauber. Tie ganze Wohnung ist licht und warm und farbig. Wohin man schaut, leuchten einem Blumen entgegen. Und wenn der Mann heimkommt, um­fängt ihn Wärme und Behaglichkeit, ein fauberer, mit einer Blume gedeckter Tifch, ein gut bereitetes Mittagessen vor allem aber eine Frau, mit einem geschmackvollen Hauskleide, die nicht abgearbeitet ist, sondern Zeit hat, aus seine Interessen einzugehen. Und nach und nach kommen Bekannte und Verwandte zu Besuch. Me die