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Sie sind niedergeschlagen und haben Heimweh, was fast noch schlimmer ist als die Seekrankheit. Ihnen sehlt eine teilnehmende, liebevolle Tante oder sonstige Verwandte. Nach meiner Ansicht tut aber einem bekümmerten Gemüte nichts so Wohl wie eine offene Aussprache. In Ermangelung einer Beschäftigung haben Sie sich allerlei törichten Gedanken und Hirngespinsten hingegeben, denn bei dem Wetter der letzten Tage konnten Sie ja weder lesen noch schreiben, ja kaum die Hand vor Augen sehen. Sagen Sie mir, was Ihnen widerfahren ist; Sie sahen so heiter und glücklich aus, als Sie an Bord kamen."
„Sie mögen wohl recht haben, daß meine Verstimmung eine Folge der untätig in einer dunklen Kabine verbrachten Tage ist", gab ich mit einem'Seufzer zu.
„So ziehen Sie also Beschäftigung dem Träumen vor? Ich für meinen Teil überlasse mich gern auch einmal ungestört, meinen Gedanken, und dazu gibt es keinen besseren Ort als die hohe See. Ein solcher Ozeandampfer ist gleichsam ein Ruhepunkt im Leben, wo es weder Briese, noch Telegramme, weder soziale Verpflichtungen, noch tägliche Berufsarbeiten gibt. Sie können so träge sein, wie Sie nur wollen, Sie brauchen nicht zu sprechen, nicht zu unterhalten. Sie können sogar Ihren Alltagscharakter ablegen und als ein ganz anderer Mensch erscheinen. Hier sind Sie zum Beispiel nichts weiter, als die Numiner 89! . . . Wie ich vorhin schon sagte, mein liebes Kind, Sie sehen vorwärts, ich rückwärts. Kommen Sie, wir wollen gegenseitig unsere Gedanken austauschen. Soll ich den Anfang machen?"
„Ach, ja, ich bitte", antwortete ich ziemlich kleinlaut.
„Run also. Wie Sie wohl wissen, ist mein Mann Forstbeamter und zwar in nicht allzu glänzenden Verhältnissen. Seit neunzehn Jahren sind wir verheiratet, glücklich verheiratet. Wir haben drei Kinder: Tick, Milly und Aubrey. Meine Milly, die sehr hübsch, lebhastig und tatkräftig ist, habe ich unter Fremden zurücklassen müssen. Tick ist ein prächtiger, wenn auch etwas übermütiger und unbesonnener Junge, und der siebenjährige Aubrey, mein Kleinster, der nie von meiner Seite gekommen war . . ." Sie hielt einen Augenblick inne, um ihrer Stimme wieder mehr Festigkeit zu geben, und ich sah, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Wenn ich bei den Kindern bin, sorge ich mich um meinen Gatten, und bin ich bei ihm, so verzehrt mich die Angst um die Kinder. So verfließen meine Tage. Auch meine Gesundheit ist schwach. Ein nicht ungefährliches Herzleiden kann mich jeden Augenblick den Meinigen entreißen. Ach, und wie werden sie die Mutter vermissen! Allein ich kämpfe weiter und bete und hoffe, daß Gott uns noch einmal alle zusammenführen möge."
„Tas hoffe und wünsche auch ich von ganzem Herzen." Ich war tief gerührt purch ihr Vertrauen und ihren Kummer.
„Ja, ja, zwei Jahre sind eben eine lange Zeit; dann aber will Robbie seinen Abschied nehmen, und wir kehren für immer nach Europa zurück. . . . Und nun, mein liebes Kind, erzählen auch Sie mir von Ihren Kümmernissen . . . Ihren eingebildeten Kümmernissen, sollte ich eigentlich sagen. Schütten Sie mir Ihr Herz aus, wie wenn Sie meine süße Milly wären; dann wollen wir sehen, ob ich Ihnen nicht irgendwie Helsen kann. Ich weiß. Sie haben keine Mutter mehr."
„Nein, sie starb, als ich noch ganz klein war. Nicht einmal eine Erinnerung an sie ist mir geblieben. Mein Onkel, Mr. Beverly, nahm mich an Kindesstatt an und -behandelte mich wie seine eigenen drei Kinder. Auch meine Tante war stets gut und freundlich gegen mich, und ich wuß zugeben, daß ich eine sehr glückliche Kindheit verbrachte. Linda und Julia sind älter, aber Tom und ich waren Altersgenossen und unzertrennliche Gefährten. Wir spielten Kricket und Hockey, wir fischten und sprangen mit den Hunden um die Wette. Bis zu meinem fünfzehnten Jahre genoß ich diese ungebundene Freiheit; da kam es meinem Onkel plötzlich! in den Sinn, mich in eine Anstalt zu schicken."
„Und das war auch hohe Zeit", warf meine Zuhörerin entschieden ein.
„Ich kam nach München, wo ich fünf Jahre blieb, und zwar nicht, weil Tante Lucy mich los sein wollte, sondern weil mein Onkel starb. Dies war mein erster Kummer. Seine Vermögensverhältnisse befanden sich in zerrüttetem Zustande. Er hatte für jemand Bürgschaft geleistet und
mußte, als der Betreffende ins Unglück kam, eine große Summe bares Geld schaffen. Da er nie auch nur einen Pfennig zurückgelegt hatte, war das sein Untergang."
„Ja, ja, ich erinnere mich, davon gehört zu haben. All die kostbaren Erbstücke der Beverly mußten verkauft werden, um die Schuld zu tilgen."
„Des Geldmangels wegen konnte ich auch nicht nach Hause zurückkehren, und so gab ich als Gegenleistung für meine Erziehung und meinen Aufenthalt in der Schule englischen Unterricht. Endlich vor einem Jahre ließ Tante Lucy mich nach Beverley zurückholen."
„Wie glücklich müssen Sie da gewesen sein!"
„Allerdings, allein meine Freude wurde bald gedämpft, da ich alles traurig verändert fand in dem lieben, alten Hause, das man seiner Bilder, Bücher und Kostbarkeiten, ja sogar der meisten Möbel beraubt hatte. Ach!, es sah so öde und leer und ärmlich aus!"
Teilnehmend nickte Mrs. Evans.
„Tante Lucy war eine verblühte, gramgebeugte alte Frau geworden, und Linda ein unermüdlich und geräuschvoll arbeitendes Mädchen. Julia hatte für nichts anderes mehr Sinn als für ihre Malerei, und alle drei kämpften vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, um mit ihren geringen Mitteln' auszukommen und dabei den äußeren Schein zu wahren."
„Eine ebenso schmerzliche als schwierige Aufgabe."
„Sie versagten sich Feuer, Licht, ja selbst das Essen, und da mögen Sie sich wohl denken, wie überflüssig ich mich als erwachsenes, gesundes und dabei untätiges Mädchen in einem solchen Haushalt fühlte ..."
„Jedenfalls waren Sie nicht untätig, davon bin ich überzeugt."
„Nun, ich konnte natürlich abstauben, Strümpfe stopfen, im Garten arbeiten und Gänge machen, aber eben kein Geld verdienen. Meine Musik- und Sprachkenntnisse lagen brach, da Tante Lucy nicht erlaubte, daß ich in der Nachbarschaft Stunden erteilte."
„Ein falscher Stolz!" rief meine Gefährtin.
„Ja, ihr Stolz war unbeugsam. Wir gaben wie früher unsere Beisteuer für Wohltätigkeitsanstalten, hatten unseren Empfangstag, erwiderten pünktlich die Besuche, trugen die Köpfe hoch und . . . hungerten. Linda, die den Haushalt führte, wünschte sehnlichst, ihre Mutter möchte das Schloß verkaufen und in London eine Wohnung nehmen, wo fie hätte ihre Kunststickereien und Julia ihre Malereien leichter verwerten können. Das Schloß war ein schönes Gebäude, das aus der Zeit der Königin Anna stammte, und der Stil war gerade sehr in der Mode. Ach wie gern wären sie es los gewesen . . . Und mich dazu; ich wußte sehr gut, obgleich es nie in dürren Worten ausgesprochen wurde, daß ich ihnen eine schwere Last war. Da kam plötzlich ganz unerwartet meine Verlobung dazwischen."
„Ci, ei, nun wird die Sache interessant". Airs. Evans rückte etwas näher zu mir heran. „Erzählen Sie mir, bitte, genau, wie alles kam. Mir darf man getrost ein Geheimnis anvertrauen."
„Ich fürchte, Sie werden schmerzlich enttäuscht sein, denn meine Geschichte ist durchaus nicht spannend oder romantisch."
„Wollen Sie mir nicht ein eigenes Urteil darüber erlauben?" sagte sie mit freundlicher Zudringlichkeit.
„So sei es denn", stimmte ich mit einem Seufzer bei. „Sie müssen wissen, daß wir in früherer Zeit in sehr freundschaftlichen Beziehungen zu einer Familie namens Thorold gestanden haben. Sie wohnten jenseits des Dorfes Beverly, etwa eine Meile von uns entfernt. Es war eine Witwe Mrs. Thorold, mit mehreren Töchtern und Söhnen. Mit den kleinen Jungen pflegte ich mich tüchtig herumzubalgen, während der einige Jahre ältere Walter mein und Toms unzertrennlicher Freund und Spielgenosse war. Nock) hatte ich- das fünfzehnte Jahr nicht erreicht, als Watty nach Indien ging. Seither habe ich! ihn nicht wiedergesehen, und doch bin ich im Begriff, ihn zu heiraten."
Ich hielt inne und fügte dann halblaut hinzu: „Ist das nicht tollkühn?"
„Tas kann ich erst beurteilen, wenn ich die Einzelheiten kenne. Vorläufig klingt es allerdings etwas unternehmend . . . Ach, da kommt der Steward mit dem Fünfuhrtee, und hier sind auch die beiden Missionsschwestern, die ich zum Tee eingeladen habe! Sie fühlen


