1904
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(Nachdruck verboten.)
Im Jatak der Aajah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.
Erster Teil.
1.
Der Sturm hatte sich gelegt. Der Golf von Biscaya mochte wohl schon zweihundert Meilen weit hinter uns liegen, als ich mit einer meiner Reisegefährtinnen aus unserer engen Behausung trat, um frische Luft zu schöpfen.
Fröstelnd, in Tücher eingehüllt, setzten wir uns an diesem kalten Neujahrstage in eine Ecke der großen Salonkajüte, von wo wir drei schmale Tische und einige hin und her schwankende Lampen übersehen konnten. Draußen brauste immer noch beutegierig die See, die sich vergeblich bemüht hatte, uns zu verschlingen. Weder ein Segel, noch ein Felsenriff, oder auch nur eine Turmschwalbe war zu sehen.
Prüfend schaute ich meine Gefährtin an. Obwohl wir schon mehrere Tage zusammen die gleiche Kammer bewohnt hatten, war es doch das erstemal, daß ich Gelegenheit bekam, sie näher ins Auge zu fassen. Sie mochte etwa vierzig Jahre alt sein — in den Augen einer Einund- zwanzigjährigen ein ansehnliches Alter. Auch schien sie ihre Jahre durchaus nicht verbergen zu wollen; wenigstens verrieten ihr zwar neues, aber schlecht gearbeitetes blaues Wollkleid und ein häßlicher, rotgelber Shawl deutlich, wie wenig Mert sie auf ihre Kleidung legte. Ihr reiches, dunkles Haar war nachlässig aus der breiten, niedrigen Stirne gekämmt, unter welcher tiefliegende, kluge Augen funkelten. Allein gerade diese Augen verliehen dem wenig hübschen, aber entschlossenen Gesichte mit der geradezu häßlichen Nase und dem großen Munde einen eigenen Reiz, und bald kam ich zu dem Schlüsse, daß meine Beschützerin eine Frau sei, der ich leicht Zuneigung und Vertrauen würde schenken können. Wir hatten uns am Abend, als die Smyrna den Hasen von Tilbury mit dem Endziel Bombay verließ, zum erstenmale gesehen, und infolge des seither herrschenden stürmischen Wetters war unsere Bekanntschaft nicht weiter gediehen. Eine Kammer mit vier Betten und blinden Lukenfenstern ist wenig dazu geeignet, gesellschaftlichen Verkehr anzuknüpfen.
Meine Verwandten hatten mich der Obhut von Mrs. Evans übergeben. Sie war die Cousine der Freundin einer unserer Bekannten — in der Tat eine sehr weitläufige Beziehung — allein meine Tante hatte eben keinerlei Verbindung mit dem, fernen Osten, und anderseits sind die die schon in Indien gelebt haben, daran gewöhnt, sewst völlig Fremden ihren Beistand zu leihen. Natür- llch mußten, wir nun aber allmählich herauszufinden suchen, ob wir wohl uns gegenseitig verstehen und züsam- menvassen würden oder nicht.
Mit starrem, abwesendem Blick schaute meine „Garde- daine" auf das hinter uns her brausende und schäumende Meer- ihre Gedanken schienen in der Ferne zu weilen. Plötzlich stieß sie einen Seufzer aus, schüttelte leise den Kopf und sah mich fragend an.
„Ja, ja", gestand sie lächelnd, „ich war in Gedanken versunken. Ich sagte mir, wie rasch doch die Jahre dahineilen, wenn nian einmal die Dreißig überschritten hat. Schon wieder haben wir den ersten Januar, und doch ist mir, als sei seit dem letzten Neujahrstage kaum ein Monat verflossen."
„Ta muß die Zeit Ihnen allerdings sehr rasch entflogen sein. Für mich sind die letzten zwölf Monate wie mit Bleigewichten beschwert dahingeschlichen."
„Nichts vergeht eben rascher als die Giltigkeitsdauer eines Rückfahrscheines Bombay-London. Jchi war bei meinen Küchlein in der Heimat, nun kehre ich zu meinem guten Manne zurück. Ach, dieses getrennte Familienleben ist der Fluch Indiens! . . . Haben Sie auch zurückgedacht am heutigen Neujahrstage?"
Lächelnd schüttelte ich den Kopf.
„Aha, nun vers ehe ich!" rief sie bedeutungsvoll. „Ich war mit der Vergangenheit, Sie mit der Zukunft beschäftigt. Bei mir liegen eben die schönsten Tage hinter mir, während die Ihrigen erst kommen werden... Mein liebes Kind", fügte sie plötzlich hinzu, indem sie sich vorbeugte und meine Hand ergriff, „ich wünsche Ihnen ein recht glückliches neues Jahr!"
„Tanke sehr. Ich erwidere Ihre Wünsche aufs wärmste."
„Es ist ein wichtiges Jahr, das heute für Sie an- briclit. Ich bin natürlich in alles eingeweiht. Uebrigens sehen Sie eher ernst und traurig aus, mein Kind, anstatt vor Glückseligkeit zu strahlen, wie es doch sein sollte. Sie sind einundzwanzig, hübsch neigen nicht zur Seekrankheit und sind im Begriff, den Mann zu bekommen, den Sie lieben."
„Tas ift’S ja eben, daß ich nicht sicher bin, ob ich ihn wirklich liebe!" antwortete ich mit einer mir selbst unerklärlichen Aufrichtigkeit.
Fast wider meinen Willen waren diese Worte meinen Lippen entfahren. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, Und während der letzten vier Tage, die ich, dem Rat der mütterlich besorgten Stewardeß folgend, auf dem Bett verbracht hatte, hatte ich reichlich Zeit, meine Gefühle zu erforschen, über meine Lage nachzudenken und meine Handlungen zu prüfen.
„Und doch", fuhr ich fort, „ist er mein Notanker, der einzige Mensch auf der ganzen weiten Welt, auf den ich meine Hoffnung setzen kann . . . Allein, warum Sie mit meinen Angelegenheiten belästigen?"
„Und warum nicht?" Sie richtete sich auf und sah mich mit ihren klugen dunkeln Augen fest an. „Mn ich nicht Ihre Beschützerin, Ihre Vizemama während der Reife?


