sondern werteren Kreisen, mit denen sich zu verständigen die Mundart nicht genügt, die vielmehr verlangen dürfen, daß man mit ihnen in der Weise verkehrt, tote es in der Sprache der Gebildeten heute Sitte und Brauch geworden ist.
Um ein zuverlässiges Bild davon zu gewinnen, wie im allgemeinen der heutige Sprachgebrauch solche Fälle be- händelt, habe ich in Kürschners Handbuch der deutschen Presse die Buchstaben a—f durchmustert und alle Benennungen zusammengestellt, die mit Hilfe der Silbe er von Ortsnamen auf en abgeleitet sind. Da hat sich denn folgendes ergeben. Von den mehr als zweisilbigen Namen werfen "die auf -ingen und -Hausen regelmäßig das -en ab: „Andelfinger, Döblinger, Vvpfinger, Büdinger, Deiß- linger, Tonaueschinger, Eppinger, Eßlinger, Finstinger; Dabenbauser, Burghanser, Tabringhauser, Tahlhauser, Er- mershäuser, Eschershäuser, Frankenhäuser". Einzige Aus- nahme „Jischhausener". Tagegen behalten das -en die Ableitungen von -Hafen und -kirchen: Cuxhavener, Friedrichshafener; Altenkirchener, Euskirchener, Fünfkirchener. Im übrigen steht auf der einen Seite: „Tarkehmer, Ebeleber, Eisleber, Erlanger, Furttoanger", auf der anderen: „Berchtesgadener, Bevensener, Edenkobener". Also im ganzen drei mit »eiter. Vollständig anders liegt die Sache bei den bloß zweisilbigen. Hier erscheint das -en abgeworfen nur in „Barmer, Binger, Bremer, Emder". Es hat Bestand in „Aachener, Ahlener, Akener, Annener, Badener, Bautzener, Bentschener, Beuthener, Bolch;ener, Borkener, Bozner, Brettener, Briesener, Brixener, Bürener, Camener, Cöthe- ner, Cvofsener, Dahlener, Deubener, Diessener, Dorfener, Dorstener, Dresdener, Driesener, Dübener, Tülkener, Dülmener, Dürener, Essener, Eupener, Frech,euer, Frerener, tüfsener". Also 4 -er gegen 34 -ener. Also liegen auf eiben Seiten die beiden Wldungstoeisen nebeneinander, die ältere auf -er, die im ganzen*) jüngere auf »ener. Tie ältere hat sich bei den mehrsilbigen ziemlich rein erhalten, wen sie hier wenig Schaden stiften konnte; aber sie ist auch hier bei -kirchen beseitigt, weil es auch Orte auf -kirch gibt; -Hafener ist durchgedrungen, weil daneben schon außerhalb des Namens das Hauptwort Hafen liegt, das ausgleichend wirkte. Bei den zweisilbigen Ortsnamen dagegen "ist die alte Bildung bis auf wenige Reste untergegangen.
Bitt diesen Darlegungen soll der Form Gießer die Da- seinsberechtigung nicht völlig abgesvvochen werden. Wenn Der Mensch sich in Pantoffeln und int Haus rock bewegt oder auf der Bierbank sitzt und ihn niemand zu verstehen braucht als die Hausgenossen oder der runde Tisch beim Andrees, dann mag er auch fernerhin nach Urväterbrauch von Gießern reden und die Form Gießener als lästigen Zwang empfinden.
Gießen. O. B e h a g h e l.
(In der „Zeitschr. d. Allg. Disch. Sprachvereins".)
*) Ich sage im ganzen: denn bei Bildungen, die von Wörtern wie Kempten ausgehen, ist natürlich die Ableitung guf -euere das ganz ursprüngliche.
Literarisches.
Gertru d Franke-Schievelbein: „Die S ehrsüchtige n". — Roman. — Verlag von Egon Flei- ichel u. Co., Berlin. — Preis 5 Mk. — Ter Roman behandelt das sehnsüchtige Ringen und Suchen unserer Zeit nach einer, dem ganzen Menschen volles Genügen bietenden Weltanschauung. Gräfin Faustine, „die letzte, feinste Blüte eines uralten Geschlechts", sucht einen Inhalt für ihr Leben, eilt Glück, das die tiefe, immer wache Sehnsucht ihrer Seele stillt. Allerlei Menschen begegnen ihr, und jeder glaubt das Rezept zur Glückseligkeit gefunden zu haben. Ter brave Landdoktor weiß sich kein höheres Ideal, als eine Zukunft, in der „alle Leute gesund, satt und sauber sind." Tas vornehm-frivole Weltkind tritt lachend Sitte und Treue mit Füßen. Genuß und rücksichtsloses Sichaus- leben sind ihr Ziel und Zweck des Tasetns. ■ Der berühmte moderne Künstler vergißt über dem „schönen Schein" alle Abgründe, Bitternisse und Widersprüche des Lebens: „Ter Schein erlöst von der Wirklichkeit." Von seiner Kraft berauscht, glaubt Faustine eine Zeitlang, in einer Sinnen- liebe Befriedigung finden zu können. Aber der Traum
verfliegt. Ihr Herz ergreift eine edle Neigung zu einem! jungen Geistlichen, deren Hoffnungslosigkeit sie allmählich dem Pessimismus Tvktor Hammers in die Arme treibt. Hammer, „der wunderlickie Heilige", den die Reue über eine verbrecherisch-leichtfertige Vergangenheit zum Asketen und Lebensverächter gemacht, hat „sich selber zum Leben verurteilt". Mit trotzigem Menschenstolz erträgt er, der Materialist, das Tas ein, das ihm ein sinnloses Spiel blinder Naturkräfte ist, indem er seinen Mitbrüdern die Last erleichtern hilft. Mas er ersehnt, ist die Erlösung vom Leben, das Untertauchen in nichts. Faustine glaubt ihren Treubruch gegen ihren Verlobten nur gut machen zu können, indem sie — auf jedes eigene Glück verzichtend — als Hammers Gefährtin sich den Aermsten und Elendesten aufopfert. Aber in der heiligen Selbstüberwindung ihres Samariterberufs wachsen ihrer Seele die Schwingen. Tie starke, lebenbejahende Ueberzeugung des jungen Sarrers, der ihr näher tritt, gewinnt immer mehr Macht er sie. Turch ihn geleitet, sieht sie den göttlichen Kern der ewigen Wahrheit hindurchleuchten durch die zerbröckelnde, ehrwürdige Form des alten Glaubens und begreift, daß jie, mit dem zu eng gewordenen Gefäß auch dessen köstlichen Inhalt verwerfend, sich um ihr bestes Teil gebracht hat. In einer geläuterten und vergeistigten Gotteserkenntnis findet endlich ihre Sehnsucht den heißerkämpften Frieden. — Ein Bucb des Kampfes, aber auch des Sieges, ein Buch der Schmerzen, aber auch des Trostes, ein Buch der Sehnsucht, aber auch der Erfüllung^.
Bilderrätsel.
Nachdruck verboten.
(Auflösung in nächster Nummer.)
PJIi
Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.:
Guadalquivir, Ostern, Tanne, Tamarinde, Federbusch, Rosalie, Irene, Eidechse, Dattel, Korbmacher, Eisen, Leibeigenschaft Leierkasten, Eberesche, Rechtsanwalt. — Die Anfangsbuchstaben e rgeben: Gottfried Keller.
Auslösung des Preisrätsels in Nr. 193, Ohne Mähe kein Preis.
Die Gewinner sind:
1. Preis: Kapitän Sverdrups epochemachendes Werk „Neues Land", zwei starke Bände ■ in bochelegantem Einband mit zahlreichen Illustrationen: Gustav Stammler, Gießen, 91 mich baue 22. — 2. Preis: Wilhelm Raabe's berühmter Roman „D er La r", eleg. geb.: Elis a b e th Ho tz in Nidda.— 3. P r e i s: Das dickleibige, vorzügliche Kochbuch von Mathilde Ehrhardt: Frau E. B i e r a u in B u tz b a ch. — 4. Preis: Des Billardmeisters Woerz schönes, elegant gebundenes „B i l l a r d b u ch": Leutnant JebenS, Gießen, Ostanlage 4. — b. Preis: Die fem gebundene Jngendschrist „M i t B ü ch s e, Spaten u n d O ch s e n st r i ck i n Südwestafrika" von Oskar K l a u s m a n n: Walther Nanz, Gymnasiast in S t e i n b a ch. — 6. P r e i s: Lieder für eine Singstimme mit Klavierbegleitung von Rudolf G r ü h n e r, elegant gebunden: Slnni Dornseifs, Gießen, Moltkestraße 30.
Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen.
Die richtige Lösung haben diesmal nicht weniger als 384 Personen gesunden und zur Bewerbung eingesandt. Von diesen Bewerbern entsallen aus Gießen 270, nämlich 149 männliche und 121 weibliche. Von auswärts bewarben sich 114 Personen, 76,männliche und 38 weibliche. Manche „9!ußknackcr" begleiteten die Einsendungen mi; mehr oder minder gelmigenen Versen.
RcdaktivN! August Götz. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'sck.cn UnirersitötS-Bnch- und Ctcindrnckcrei. R. Lange, Gießen.


