Ausgabe 
9.1.1904
 
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Diese eine und nicht glückliche Jugendliebe war so machtvoll gewesen, daß sie jede erotische Empfindung gleich­sam aus mir herausgesogen hatte und ich mich aller Leiden­schaft des Herzens abgestorben fühlte. Tenn ich war ein Mensch der nur mit dem Herzen lieben konnte.

Auch ich gehörte zum Stamm der Afra, welchesterben, wenn sie lieben".

Ich fühlte also mein Herz tot.

War ich sicher, daß es für mein Herz so wenig ein Auf­erstehen gab, wie für tote Leiber? Wer kann für sich selbst einstehen? . . . Ich bildete mir ein, das zu können.

So fühlte ich mich, denn ganz beruhigt.

Auch das Unglück und die Hilflosigkeit der wunder­schönen Maria hatten für mich keine Gefahren mehr.

Und ich mietete die Billa Falconieri.

Der festliche Raum, darin die Besitzer durch so lange Zeiten für ihre Neuvermählten das Brautbett gerichtet hatten, wurde mein Wohnzimmer. Ich ließ den kalten Stein­boden mit einem kardinalroten Teppich bedecken, viele edle Geräte aufstellen und vor den Türen, die auf die offene Galerie hinausführen, Vorhänge aus rotem Sammet herab­hängen.

Die königliche Farbe wirkte vorzüglich zu dem dunklen Maugrün der Fresken.

In der Mitte des Zimmers, unter dem Teckenbilde der Frühlingsgöttin, ließ ich einen großen, ovalen Tisch niedersetzen. Der Fuß bestand aus weißem Marmor und stellte einen Baumstumpf dar, der eine mächtige Platte aus Verde antico trug. Tiefer Tisch mußte täglich mit frischen Blüten überschüttet werden, als wären die Blumen, welche die holde Göttin ausstreut, darauf herabgefallen.

(Fortsetzung folgt.)

Gießer oder Gießeners

Ter Herausgeber einer Zeitschrift, die dem Obstbau gewidmet ist, hat mir vor einiger Zeit geklagt, daß er bei der Benennung von Obstsorten nicht selten in Schwie­rigkeiten gerate, und hat mir die Frage vorgelegt, wie zu verfahren sei, wenn von Ortsnamen aus -en eine Ableitung mit -er gebildet werden soll. Sodann hat vor kurzem ein Einsender aus Kassel in der Frankfurter Zeitung die Behauptung aufgestellt, man dürfe von Gießen nicht die Ableitung Gießener bilden, sondern es müsse Gießer heißen. Gießener sei falsch, weil der Sprachregel zuwider zwei Endungen er und en an den Stamm Gieß- gehängt seien,während nur eine angehängt werden darf: Sieger­land, nicht Siegenerland, Erlanger) nicht Erlangener, .Solenhofer, nicht Solenhofener".

t Tiefe Aeußerringen sind ein Beleg dasür, daß immer weitere Kreise an der Gesundung unfere'S Sprachlebens warmen Anteil nehmen, die zweite aber auch ein Zeug­nis dafür, daß mit der Zahl der berufenen Aerzte auch die Zahl der Kurpfuscher beständig im Wachsen begriffen ist, bei denen nicht selten der Mangel an Sachkenntnis mit dem Mangel an Bescheidenheit in ergötzlicher Weise zu s amm en klin gt.

Es ist gewöhnlich ein sehr einfaches Rezept, nach dem diese Unberufenen arbeiten: man nimmt eine Handvoll Beispiele und macht daraus eine Regel; was mit dieser nicht stimmt, wird fiir falsch erklärt. So ist denn auch der Kasseler Gelehrte zu Werke gegangen.*) Gegenüber ferner Behauptung muß ich fragen: wo ist das ReichsstiN.fgesetz- buch, das eine solche Regel enthält? Wer hat das Recht, eine solche Regel aufzustellen, diejenigen, die sie nicht anerkennen, als Leute von weniger Sprachgefühl zu brand­marken? Warum soll nicht jemand kommen und umge­kehrt sagen: von München wird in der ganzen Welt nur Münchener . abgeleitet, von Pilsen Pilsener, von Baden Badener, also ist es falsch, Siegerland zu sagen, also muß von Erlangen Erlangener abgeleitet werden? Tie beiden Standpunkte find völlig gleichberechtigt; aber man sieht.

*) In einer Beziehung allerdings muß ich ihn in Schutz nehmen. Ein Einsender hat in derFranks. Ztg." das Bei­spiel Siegerland als nicht hierher gehörig zurückgewiesen, gemeint, die Benennung sei unmittelbar von der Sieg ab­geleitet. Das ist schwerlich richtig; wenigstens ist mir kein Fall bekannt, wo eine Bildung aus -er unmittelbar Von einem Flußnamen abgeleitet wäre.

daß sie sich gegenseitig aufheben. Ich weiß wohl, was man geltend macht, wenn man Bildungen wie Gießener be­kämpft. Man sagt: die Ortsnamen auf -en sind alle Ta- tive des Plurals; wenn also eine Ableitung gebildet wer- den soll, dann muß die Endung -en erst weichen. Ich gebe die Berechtigung diesesalso" durchaus nicht ohne weiteres zu, aber ich brauche darauf nicht weiter einzugehen, denn der Satz selber, aus dem die Folgerung gezogen wird, ist in dieser Allgemeinheit nicht richtig. Allerdings sind sehr viele unserer Ortsnamen auf -en alte Dative des Plurals; aber es gibt auch eine ganze Anzahl von solchen, die anderer Herkunft sind. Z. B. die badischen Städtchen Buchen und Renchen haben vor alters Buocherm, Reinicheim geheißen. Berchtesgaden war der gab em, das Gemach eines Berchtold. Kempten ist das alte Campodunum, Wimpfen ehemals Wimpina, Finthen bei Mainz ehemals Fontana.

Aus der anderen Seite gibt es zahlreiche Namen, bei denen der Unkundige gewiß nicht vermuten würde, daß die Endung des Dativs des Plurals vorliegt:-das find die schweizerischen Namen auf -ikon: Mythikon, Uetikon, Zetzikon Usw., die aus Mythichoven, Zetziehoven usw. ent­standen find. Was soll der Laie nun tim? sollen wir für ihn die Regel alufstellen, daß -en (n) da wegfällt, wo es die Endung des Dativs ist, in allen anderen Fällen aber bleibt? und sollen wir die Mythikoner, von denen C. F. Meyer imSchuß von der Kanzel" spricht, in die My- thikoer verbessern? Es liegt aus der Hand, daß eine solche Sprachregel ganz unmöglich, für den Ungelehrten gänzlich unbrauchbar ist. Ter Sprachgebrauch entfaltet sich ganz unbekümmert um das, was einstmals gewesen ist. Und es bleibt nichts übrige als auch hier diesem gelegentlich recht launischen Herrn die Entscheidung zu überlassen. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß, wer nicht in Gießen und Umgegend ausgewachsen oder heimisch geworden ist, ausschließlich von Gießenern, niemals von Gießern spricht. Und auch in Gießen selbst wird niemand, der sich in schriftsprachlichem Gewände bewegt, die Bewohner Gießens als Gießer benennen, kein Beamter, der einen Bericht an die Regierung abfaßt oder an andere Universi­täten schreibt, kein Geschäftsmann, der von auswärts Be-, stellungen macht oder Waren in die Fremde sendet, und unsere Gießener Zeitungen heißen sich Gießener Anzeiger und Gießener Neueste Nachrichten.

Aber der Sprachgebrauch ist nicht immer so launisch, wie der oberflächliche Beobachter wohl meint, In unserm besonderen Fall vermögen wir deutlich zu erkennen, ba& die Sprache daraus hinarbeitet, den Ortsnamen und die davon gebildete Ableitung mehr und mehr in Ueberein- stimmung zu bringen, und das hat nicht wie der Kasseler Weife gemeint hat mit der Übeln fprachver- derbenden Logik etwas zu tun, sondern ist ganz einfach eine Sache der. Zweckmäßigkeit, d .h. der Deutlichkeit, der leichten Verständlichkeit. Je größer die Uebereinstimmung zwischen dem Grundwort und der Ableitung ist, desto leichter wird die Zusammengehörigkeit erkannt. Das zeigt sich ganz klar noch in einer toeiteren Neigung des Sprach­gebrauchs. Niemand wird es einfallen, den Abgeordneten von Hagen als den Hager Abgeordneten zu bezeichnen, während man unbedenklich von Pümpelhäger Feldern sprechen würde. Man redet nur von den Badener Quellen, aber'vom Wiesbader Theater. In der Nähe von Gießen liegt ein Ort Hausen: man spricht nur vom Häusener Kirch­turm, dagegen vom Mühlhäuser Fabrikanten. Der Grund liegt aus der Hand; bei den langen Wörtern ist auch nach Wegfall des -en noch reichlicher Sprachstoff vorhanden, der dem Grundwort und der Slbleitung gemeinsam bleibt, während das bei den kürzeren Bildungen nicht der Fall ist. Tie Form Gießener entspricht also durchaus den Ge­setzen der neueren Sprachentwicklung.

Wenn die alte Mundart in und um Gießen von Gießern (eigentlich von Gäißern) spricht, so hat das für die Schrift­sprache keine Beweiskraft. Denkt doch fein Mensch daran, von Mannemern statt von Mannheimern schriftlich zu be­richten. In unseren Anschauungen über die Mundart hat sich! ein merkwürdiger Umschwung vollzogen. No»ll vor kurzem hatte man für ihreiUrsprünglichlke-it innd ihr Recht zu kämpfen. Heute will man sie beinahe zum Gesetz für die Schriftsprache machen, und es tut not, daraus hinzu- weisen, daß auch diese ein selbständiges Dasein lebt, ihre eigenen Rechte und Gesetze hat. Ter Gießener Bahnhof, die Gießener Universität dienen nicht bloß dem Oberhessen,