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Es machte daher starken Eindruck auf mich, als dieses erschöpfte apathische Geschöpf plötzlich in unheimlicher Weise sich belebte. Mit der Gebärde einer Rasenden, mit funkelnden Augen trat sie ganz nahe an mich heran und flüsterte
mrr zu:
„Jetzt schlägt er sie wieder. Er schlägt sie immer: Wend für Abend. Er schlägt sie noch einmal tot, der Schuft, der Mörder, die Bestie! Hört nur!"
Ich war aufgesprungen und lauschte.
Herr Mariano hatte die Tür hinter sich geschlossen. Er mußte mit seiner Frau tut Nebenzimmer sein; aber ich hörte nur ihn mit unterdrückter Stimme reden.
Es klang wie Troheri.
Plötzlich ein erstickter Wutschrei, dann ein Fall, dem Stille folgte.
Mein Impuls !var, zur Tür zu stürzerr und der Miß- handelten zu Hilfe zu eilen. Allein Rosa umklammerte meinen Arrn und hielt mich, zurück:
„Wenn Ihr dazu kommt, wie er sie mißhandelt, schlägt er , sie gewiß tot. Oder er tut dem Kind was zuleide. Mißhandeln läßt sie sich von ihm; aber wenn er das Kind anrührt — rasch setzt Euch wieder! Er kommt, der Henker, der Totschläger, die Bestie!"
Ich gehorchte unwillkürlich.
Tie Wagd sank gleichsam in sich zusammen und wurde wieder das welke, matte, fieberkranke Geschöpf.
Herr Mariano trat ein, das Gesicht gerötet, die Stirn adern geschwollen, aber lächelnden Mundes:
„Maria kommt gleich Sie gehört zu denjenigen Frauen, die ein wahres Genie haben, Mutter zu sein, und die für nichts anderes geboren werden, als einmal sogenannten Ebenbildern Gottes das Leben zu geben. Seitdem wir das Kind haben, ist auf der Welt nur das Kind da — was für den Gatten nicht gerade angenehm ist. Ich muß meiner Frau bisweilen in Erinnerung bringen, daß sie auch noch einen Mann besitzt."
Er sprach französisch und immerfort mit liebenswürdigstem Lächeln.
Während-ich auf deu Wohlklang dieser männlichen Stimme hörte, vernahm ich zugleich, immerfort die Worte der treuen Rosa: „Der Totschläger, der Henker, die Bestie!"
Ich vermochte kaum meine Erregung zu verbergen und Gleichgiltiges zu reden.
Nach einer Weile trat Frau Mariano ein. Auf Befehl ihres Mannes hatte sie einen Rest ihrer Pariser Herrlichkeit 'angelegt. Es war ein höchst unmodernes Kleid. Wer durch die Art, wie sie es trug, machte sie das Gewand über jede Mode erhaben.
Ueber die Schultern hatte sie nachlässig ein gesticktes weißes Mousselintuch geschlungen, das auch den Hals umhüllte, wodurch das blasse Gesicht mit den lichten Scheiteln etwas eigentümlich Feierliches, beinahe Geisterhaftes erhielt.
Sie brachte eine schöne silberne Schale voll schwarzer Kirschen, grüßte mich fremd und vornehm, stellte die Schale auf den Tisch und setzte sich schweigend in den Sessel, den ich für sie geholt hatte. Rosa trug in einer geschliffenen Flasche süßen Dessertwein auf und das Nationalgebäck: goldgelbe Ciambelli.
Ter Muskatwein war eigenes Gewächs; ich mußte trinken und loben. Tie Kuchen hatte Frau Mariano eigenhändig gebacken; ich aß und lobte. Tie mir schon vorher versprochenen Kirschen waren frisch gepflückt und schmeckten köstlich,
Herr Mariano trank seh« viel Muskat und erzählte lauter, als nötig gewesen wäre, daß es mit den Kirschen der Villa Falconieri eine eigene Bewandtnis hätte.
Tie Villa war, wie fast jedes Haus weit und breit, über antiken Ruinen aufgebaut, die von einigen Archäologen dem berühmten Tusculum des Lucull zugeschrieben wurden. Als der große Schlemmer aus dem asiatischen Feldzuge zuriickkeyrte, brachte er die ersten Kirschen nach Europa mit und pflanzte sie auf feinem tuskulanischeu Landsitz, von wo aus die herrliche Frucht den Weltteil eroberte.
Frau Mariano saß wie ein schönes Bildnis zwischen uns. Auch ich blieb stumm. Ich mußte immerfort auf ihren Hals schauen, wo das Weiße Tuch sich verschoben hatte. Er war mit einigen blutroten Flecken gezeichnet: den Spuren einer bestialischen Männerhand.
Herr Mariano trank und schwatzte — schwatzte und trank. Ich fühlte, daß ich diesen Mann, der mir nichts Mleid getan hatte, und der in der Schönheit eines griechi-/
schon Halbgottes vor mir saß, haßte, daß ich an seinem eigenen Tische sein Feind geworden war.
Er erzählte von den Zeiten der Kommune, die seine Frau mutterseelenallein in dem belagerten Paris miterlebt hatte. Eines Morgens — so war ihrem Manne später erzählt worden — war Frau Mariano ausgegangen, um zu versuchen, sich Lebensrnittel zu verschaffen. In der Nacht hatte ein blutiger Straßenkampf stattgefunden, und die Leichen lagen noch auf dem Pflaster. Frau Mariano mußte diese Straße passieren. Als ginge sie über eine taufeuchte Wiese, so gelassen und gleichgiltig schritt sie über die Toten hinweg, kaum ihr Kleid aufhebend, damit es von den Blutlachen nicht befckMutzt werde. . . . Und! Herr Mariano lachte.
Mich überlief's.
Was mußte in dem Leben dieser Frau vorgegaugen sein, daß sie, mit solchem Madonnenantlitz, in solche Empfindungslosigkeit versenkt werden konnte?
Von den blutroten Flecken an ihrem Halse zwang ich meinen Blick fort und sah in ihr Gesicht . . . Sie hörte die Erzählung ihres Mannes mit an, als wäre von einer Sache die Rede, die sie gar nichts anginge. Plötzlich bemerkte sie, daß das Tuch um ihren Hals sich verschoben hatte. Sie errötete wie ein junges Mädchen, das über einem Liebesbrief ertappt wird. In diesem Augenblick besaß sie imeber die jungfräuliche Lieblichkeit, die ich bei ihr beobachtet hatte,< als sie ihrem Kinde die Brnst gab.
Zum Glück für ihre Verlegenheit ließ sich in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die Stimme des erwachten Säuglings vernehmen.
„Wohin willst Tu?"
„Tas Kind ist erwacht."
„Rosa kann hineingehen."
„Tas Kind verlangt nach! mir."
„Tu sollst bleiben!"
Sie war bereits bei der Tür.
„Maria!"
Sie hörte nicht auf ihn
Herr Mariano taumelte in die Höhe, stieß eine Verwünschung aus, ergriff die schwere Silberschüssel und schleuderte sie seiner Frau nach, bevor ich dem Wütenden und Halbberauschten hatte in die Arme fallen können.
*
Ich, mietete die Villa Falconieri.
Zunächst mietete ich das verlassene Haus nur für ein Jahr. Und ich mietete nur nach langer, ernsthafter Selbst- prüfung.
. . . Besaß ich ein Recht, meinen nervösen Einbildungen zu folgen und auch nur diesen ersten gefährlichen Anfang einer 'Weltentfremdung zu machen? Gefährlich durch die Komplikationen meiner phantastischen unb schwermütigen Natur sowohl wie burch bie berückenbe Schönheit, in der die Einsamkeit vor mir trat: so recht als Versucherin, die mir in der Wüste des Lebens ein Paradies zeigte:
„Ergib dich mir und ich gebe dir Frieden!"
Schon damals erforschte ich mich:
Besteht bie Krankheit, bie du in beiner Seele keimen! wähnst, nicht lebiglich in deiner fieberhaften Einbildung? Hast du nicht etwa den Willen, krank zu fein? . . . Und flößte ich! dem Uebel, das zu kommen drohte, nicht geradezu das Mittel ein, sich zu entwickeln und zu einem Todesübel zu reisen?
Aber — nur ein Jähr der Zurückgezogenheit, des Aus- ruhens, des Friedens!
Nur ein einziges Jahr!
Meine ermüdeten Organe lechzten danach wie ein Ermatteter nach einem Trünke.
Jedoch: Fran Mariano?
War ich meiner sichrer, ganz sicher? Würde ich! diese Frau nicht lieben, nicht lieben müssen? Sie war gar so- wunderschön! Darin lag für mich keine Gefahr. Wer sie war unglücklich. Sie war seh« stolz und sehr unglücklich. Und sie war ganz hilflos; beim sie hatte bas Kinb!
IN ihrem hrlflosen Unglück bestand für mich die Gefahr. Und die Gefahr war sogar groß.
Also prüfte ich mich
Ich- suchte in meiner Seele, ich durchdvühlte fie, spürte bis in ihre verborgensten Tiefen nach einem geheimsten begehrlichen häßlichen Gedanken.
Ich! fand nichts, gar nichts!
Ich hatte in meinem Leben einfnah MiehH^


