Samstag den 9. Januar.
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(Nachdruck verboten.)
WLla Aafcsnieri.
Sott Richard Voß.
Erster Band. )'
(Fortsetzung.)
So nahmen Wir denn jeder das Seine: mein Freund fernen Koch, ich meine Frau, schüttelten. den Staub von Paris von unseren Schuhen, kamen nach Rom, wallfahrteten aber nicht zum Papst, sondern fuhren hinaus nach Frascati, tvo gerade der letzte der Falconieri zur rechten Zeit das Kaus seiner Väter verlassen mußte.
Tie Villa Falconieri, dicht unterhalb Ciceros Tuskulum, auf beit Trümmern der Billa Luculls — das war just der rechte Ort, um in Muße meine geliebte Aeneide zu lesen
Mein sachverständiger Freund'kostete mit einem einzigen Mtck alle die raffinierten Genüsse eines Landlebens in dtesem buon retivo, mietete sogleich den Palast mit allen dazu gehörigen Ländereien, wollte der alten klassischen Schönheit mit Hilfe seines Pariser Dekorateurs neue, höchst pikante Reize verleihen, verdarb sich den Magen an einer Pastete, bte sein Koch den Manen des Lucull zu Ehren bereitet hatte, legte sich hin, um — ewige Siesta zu halten.
Es war sehr epikuräisch von ihm, aber nicht gerade sonderlich freundschuftlich.
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Jetzt waren wir hier, und jetzt wollte ich hier bleiben.
. Denn — Herrgüt! — ist hier die Welt groß! Und wie wir auserwählte souveräne Naturen, die wir diese Größe empfinden, uns erhaben fühlen dürfen über das kriechende kleine Menschengesindel da unten!
Mso: wir blieben!
Allerdings nicht unten im „Appartamento nobile", nicht kn dem Brautgemach der Falconieri. Wir blieben ohne Pariser chef de cuisine, ohne Ananashäuser und Orchideenzucht und den ganzen Krimsgrams eines Luxus fin de siscle! Wir blieben als Heine, bescheidene, armselige Pächtersleute, die in Ruhe ihren Kohl pflanzen wollten.
Aber — was wollen Sie?
Wenn ich durch Bignolas pompöses Portal einreite; wenn mir durch die Steineichenwipfel Borrominis Palast entgegenstrahlt, so fühle ich meinen Durst nach Schönheit gestillt. Sie werden es kaum glauben; aber ich! sehe mich an der Grazie des Hauses so trunken, daß ich diese häßliche Wohnung, diese schäbigen Geräte, diesen widerwärtigen Ztegelsteinboden kaunt beachte.
Und wenn ich durch, meine Olivenhaine und Wein- 8arten trabe und vom Rücken meines Pferdes auf die ampagna herabschaue — Herr! Es hat etwas Stolzes, Königliches, Erdenbefreites. . . . Und wenn ich abends meinen Virgil lese und vom Buch in die Höhe blicke: über das Land der Aeneide hin, so begreife ich meine Pariser
Cchlemmerexistenz gar nicht mehr, und schlage das Kreuz über die geschminkten parfümierten eingeschnürten Hetären an der Seine mit den verglasten Augen und den lüsternen Lrppen, dem - abgenützten, erschöpften Leib und der feilen, faulen Seele.
Bleiben Sie bei uns, Graf Campana!
Ein Jahr in der Billa Falconieri und Sie verstehen mcht mehr, wie Sie in der engen dumpfen Welt da unten so lange Atem holen konnten.
Ein Jahr in der Billa Falconieri und Ihre arme wilde Poetenseele wird ruhig und friedlich wie ein schlafendes Kind!
Ein Jahr in der Billa Falconieri und Sie kommen nie wieder fort!
Das hatte ich beinahe vergessen: meine schöne, seltsamtz Frau.
In der Billa Falconieri wurde uns ein Kind geboren.
Sie sehen: die heiligen Falconieri da unten in der Kapelle tun heute noch Wunder. . .
Und er lachte. ‘ । j np
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Dieselbe Magd, die den Tisch gedeckt, brachte die Speisen. Nur zwei Kuverts waren aufgestellt. Das Tischt- tuch war aus harter grober Leinwand, das Porzellan ein wertvolles französisches Service, das Glas schönes Krystall, der Wein herrlicher Frascataner, das Essen wohlschmeckende, römische Bürgerküche.
Tas Weib aus den Marken bediente vortrefflich und' mein Wirt leitete die Unterhaltung in vollendetem Weltton. Er plauderte, wie nur ein Pariser zu plaudern versteht, von Gott und der Welt: von seinen Erinnerungen an Flaubert und Merrimse, von Sardous neuestem TranM und Taines letztem Essay, von den Skandalen berühmter Liebespaare und deut Genie des ersten Napoleon. Dazwischen citierte er Victor Hugo und ans „Rolla" von Müsset, den er bis zum letzten Wort auswendig kannte. Oder er schilderte mit Entzücken die wilden Reize der Tibermündung, Ivo Aeneas einst gelandet war, und die wir, vom Tische aufschauend, erblickten . . . Dann wiederum römische Politik: Qttirinal und Vatikan, Gesellschaft und Staat, Bebauung der Campagna und französische Reben- kultur, die er in seinen Bignen eingeführt hatte.
Dreimal hatte er die Alte nach seiner Frau geschickt. Jedesmal hatte sie sagen lassen: sie könne nicht kommen. Jedesmal wollte er anffahren wie ein gereizter Stier, bezwang sich und stürzte ein Glas des schweren Weines hinunter.
Jetzt erhob er sich hastig, bat um Entschttldigung und ging hinaus, um selbst seine Frau zu holen, meiner dringlichen Bitte: Frau Mariano bei ihrem Kinde zu lassen, nicht achtend. " '
Tke Magd — sie hieß Rosa, wurde jedoch einfach Ro gerufen — zeigte ein an Stumpfheit grenzendes Wesen.
Sie schlich umher, als hätte sie Malaria.


