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daß et ein Interesse gewonnen hätte, das sich zum Verlangen und zum Kauf steigert.
Gesetzt nun, das richtige Maß zur Füllung des Schaufensters ist gefunden, so erwartet eine andere Aufgabe ihre Lösung. Das Schausenste r soll und muß einen Mittelpunkt haben. Es gibt wohl kaum eine Branche, welche nicht größere und kleinere Gegenstände zur Ausstellung bringt, da ergibt es sich von selbst, daß um ein oder auch mehrere große Stücke sich "die kleineren gruppieren. Tas gibt dem Ganzen einen geschlossenen Charakter. Von dem Hauptstück schweift das Auge auch gerne zu den anderen Gegenständen der Auslage, um dann wieder zum MittelMnkt zurückzukehren, und das Gedächtnis nimmt die Erscheinung eines auf solche Weise dekorierten Fensters willig auf. Dagegen wird sich ein Arrangement, welches viele gleichgroße Stücke nebeneinander oder durcheinander gelegt, oder gehenkt zeigt, nicht einprägen und an sich schon einen langweiligen Eindruck machen. Manche Ladeninhaber machen auch den Fehler, große Stücke in den Hintergrund zu stellen, in der Meinung, sie wirken dort ja, vermöge ihrer Größe, immer noch. Tas ist falsch, denn, je weiter ein Gegenstand voui Beschauer entfernt ist, desto kleiner wird er, der Kontrast, als eines der wirksamsten Mittel der Dekoration, ist also aufgehoben statt benutzt. Bei denr Bestreben, die Schaufenster möglichst tief zu gestalten, wie es heute vielfach zu tage tritt, ist auf diesen Umstand besonders Rücksicht zu nehmen. Eine andere Folge des Strebens, möglichst viel Raum für das Schaufenster zu gewinnen, ist das Herunterführen desselben fast bis auf das Straßenniveau. Dieser Umstand führt zur Besprechung der Aufstellung der Gegenstände in Bezug auf Höhe und Tiefe in vcrftkaler Richtung.
Man kann insbesondere bei Buchhandlungen, welche zugleich Kunsthandlungen sind, den Fehler beobachten, daß Werke der Plastik viel zu tief stehen. Es ist bequem für das Auge, auf eine in drei oder vier Reihen hintereinander arrangierte Auslage von Büchern, Stahlstichen usw. herabzublicken, toenn sich aber dazwischen kleine plastische Figürchen befinden, so müßte der Beschauer knieen, um sie zu genießen. Man sieht manchmal Kinder in ihrem naiven Drang diese Stellung einnehmen. Noch unschöner ist es, wenn lebensgroße Büsten in solcher Weise Aufstellung finden, sodaß der Beschauer direkt auf den Scheitel sieht. Es ist unbedingtes Erfordernis, plastische Erzeugnisse möglichst in Gesichtshöhe aufzustellen, d. h., der ungeschulte Aussteller ist dann wenigstens vor groben Fehlern geschützt, es gibt aber außerdem noch Werke, bei welchen der Künstler eine Aufstellung über Gesichtshöhe gewollt hat.
Nächst bett Größenverhältnissen ist die Farbe einer der Hauptsaktoren, welche bestimmend wirken aus die Menge und die Art der Aufstellung. Hier kommen besonders in Betracht: Stossgeschäfte, Tamenhutmagazine, Blumenläden und ähnliches. Wenn wir bei letzteren ankirüpsen, so wissen wir, daß. vor wenigen Jahren noch eine Zusammenstellung von Veilchen, Maiglöckchen, Vergißmeinnicht und Rosen, oder ein Feldbouquet aus Mohn, Kornblumen, Aehren und Winden durchaus nichts Ungewöhnliches war. Heute hüten wir uns vor dem Vielerlei, wir ziehen es vor, den Mohn für sich, die Veilchen für sich, zusammen mit einem passenden Grün zu genießen oder wir stellen doch wenigstens verwandte Töne zusammen, z. B. Alpenveilchen, Heidekraut und violette Orchis. Endlich aber suchen wir auch die ästhetischen Genüsse einfacher Kontrastwirkungen auf, z. B. gelbe Chrisan- themen mit Blutbuchenlaub. Tie Verfeinerung unseres Farbensinnes, welche sich in dieser Geschmackswandlung ausdrückt, gibt uns nun Winke für unser Thema. Schaufensterdekorationen in verschiedenen Nüancen einer Farbe, oder aus der Zusammenstellung zweier Farben, etwa Grau mit Blau, oder Violett mit Schwarz, finden sich in der Tat schon vereinzelt in unseren Straßen. Mit Geschmack angewendet, ist dies ein vorzügliches Mittel, besonders intensive Wirkung zu erzielen. Jnrmer läßt sich dies aber nicht durchführen, da wäre dann wenigstens in den Fällen, in welchen sich mehrere oder viele Farben miteinander vertragen müssen, mit Vorteil der Grundsatz zu befolgen, daß die Vielheit durch eine passende Einheit als gemeinsame Unterlage zusammen- gesaßt wird. Zu einem solchen zusammenfassenden Fonds ist dann immer eine neutrale dezente Farbe zu wählen. Je stärker die farbige Wirkung der auszustellenden Gegenstände ist, desto notwendiger ist ein ruhiger Fonds. Weiter ist es dann unbedingt notwendig, die Masse der starr hervortretenden Farben genau abzuwägen zu der Masse der schwach wirkenden, d. h. je intensiver eine Farbe ist, um so weniger davon darf in der Auslage, umsomehr Anwendung muß die ruhige Farbe finden, die ihr das Gegengewicht halten soll.
Tritt an die Stelle der Farbe der Glanz, bei Metallgegenständen, so ist natürlich noch mehr auf eine ruhige und satte Unterlage_ zu sehen. Gold- und Silberwaren wurden früher fast ausschließlich auf roten Sammt gestellt, dann ging man allgemein zu weiß über, und erst seit neuerer Zeit finden sich feine graue Töne als Passendster Fond.
Znm Schluß mag noch auf zweierlei hingewiesen sein. Alles, was nicht direkt als Ware zu betrachten ist, soll aus dem Schaufenster verbannt fein, vor allem Tinge, welche an Panoptikumskunst erinnern, welche auf bloße Neugier spekulieren, um die Aus- merfiamkeit bann nebenbei auch auf die Verkaufsgegenstände zu lenken. Dagegen ist es sehr vorteilhaft, dem Schaufenster einen
festen abschließenden Rahmen zu geben, welcher nicht aus den im Geschäft zu verkaufenden Artikeln besteht. Als Beispiel sieht man in manchen Juwelierläden geschmackvolle Applikationsstickerei verwendet.
Das Resiims der vorstehenden Ausführungen kann dahin zusammengefaßt werden, daß eine Schaufensterdekoration, je mehr sie sich einer künstlerischen Vollendung nähert, desto vorteilhafter für den Ladeninhaber ist. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Erkenntnis dieser Wahrheit allmählich weiteren Boden fände.
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Anschließend an diese Ausführung mal folgendes Geschichtchen, das uns aus unserem Leserkreis geschrieben wird, beweisen, daß beispielsweise in Gießen die Schaufensterausstellungen nicht sämtlich nach künstlerischen Gesichtspunkten eingerichtet sind.
Promenadenidyll.
Eine sehr traurige Sonntagsgeschichte.
12 Uhr! Promenadenmusik! Tie schönen Anlagen des lieblichen Städtchens füllen sich. Ein herrlicher Sonntagmorgen! Zn Ende die Erdarbeiten, die einige Zeit hindurch ben gewohnten Spaziergang unmöglich machen, nun wieder die alte Ordnung, die peinliche Sauberkeit.
Wie es promeniert und flirtet, plaudert und flüstert, das junge Völkchen!
Zwei lösen sich von dem Korso, von der dahinflutenden Menge.
„Mein gnädiges Fräulein, bitte kommen Sie aus dem Gewühl; gehen wir ein Endchen weiter. Ich habe — ich muß Sie etwas —"
Gerade intoniert die taktvolle Kapelle das herrliche Lied „Heimliche Liebe". Zwei schöne Angenpaare tauchen sekundenlang ineinander.
In seiner sonoren Stimme hat es wie leises Beben geklungen Ihr junges Herzchen klopft zum Zerspringen in ungekannter Seligkeit bei diesen verheißungsvollen Worten.
„Ach ja", flüstern ihre schönen Lippen, „es ist heute so voll hier, und tapfer trippelt das reizende Mädchen in den hellen Sonn-- tagsstiefelchen über den Fahrdamm znm jenseitigen Trottoir.
Er: „Sehen Sie, der neue Laden dort scheint auch endlich eingerichtet. Ich bin begierig —"
„Ach ja", seufzt sie. „Schade, schade! Hier ein Laden! Der tut der Poesie dieser schönen Gegend gewiß riesig Eintrag."
„Nun", lächelt er, „Schuhwaren oder Kochtöpfe wird man kaum darin feilbieten. Vielleicht ein (Safe, eine Auslage mit appetitlichen Süßigkeiten, Bonbonnisren oder dergleichen."
„Ober Blumen", meint sie, „ja Blumen — das wäre das einzige Mögliche."
Damit ist unser Pärchen hinüber, heraus aus der Menschenmenge und —
Doch „Angewurzelt stand es da. Als es nach dem Laden sah."
Meine Feder sträubt sich errötend, ben Graus weiter anszu- malen: Halbmast die farbenfreudigen hellgrünen Jalousien, während alle anderen Magazine, Luxusgeschäfte und sonstige über die Sonntagsruhe hinaus ihre verlockenden Auslagen neidis ä*den Blicken des Publikums entziehen.
Sie stürzt davon — nach Hause!. Mit dem Ausruf: „Ach Mutter, Mutter — wie furchtbar! Alles ist aus!" sinkt die Unglückliche zusammen. Achtlos rollt das neue Winterhütchen am Boden.
Er, finster vor sich hinstarrend, die Faust geballt in ohnmächtiger Wut, geht mit unheimlich hastigen Schritten seiner Behausung zu.
Tas war wie ein Peitschenhieb ins Gesicht; — ihm das! ihm, dem idealen, poetischen Aesthetiker! — Wer weiß! Dem Überwältigenden Anblick sind vielleicht zwei junge Menschenherzen ztim Opfer gefallen. —
Was nun tun, um für die Zukunft derlei hochtragischen Momenten vorzubeugen?
Solch' gefährliche Ladenauslageii sind ja nicht aus der Welt zu schaffen. Tas sieht man ein. Aber könnte man nicht mit dem Nützlichen das Schöne verbinden? Ich appelliere an den Verschönerungsverein: er beordere einen künstlerisch ausgebildeten Dekorateur, der schafft's. Z. B.: Man berge den charakteristischen weniger hübschen Teil der in Frage stehenden Vasen unter einer Guirlande blühender Blumen, führe aufwärts deckanstrebende breite Bänder a la Ampel uno
„Füllt's an mit duftenden Reseden,
Tie letzten roten Astern bringt herbei,
Tann kann man wieder von der Liebe reden. Auch Sier vorbei." I.
Werynachtsöücher.
— Ter Unionstierlag (Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart. Berlin, Leipzig) legte ein älteres Buch von Karl May, „Der S ch a tz im Silbersee", neu auf, eine Erzählung aus dem amerikanischen Westen. Hier macht sich das bekannte Uebermenschentum aller Jndianergeschichteu breit. Ja, wenn diese Heldenhaftigkeit den Jungens nicht so unsagbar imponierte! Und spannend ist diese Mordgeschichte geschrieben.


