Ausgabe 
8.12.1904
 
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Vorwände, diese Anerkennung hinanszuschieLen. Drei Mo­nate nach unserer Verheiratung verließ er mich sogar heim­lich, um meinem Drängen zu entgehen. Er fürchtete wohl, durch die Veröffentlichung der mit mir geschlossenen Ehe feinem stolzen Namen einen Makel anzuheften. Vier Jahre wußte ich nicht, wohin er sich gewandt, und während dieser Zeit erfuhr ich, daß er, der sich scheute, mir den gebühren­den Platz an seiner Seite einzuräumen, vor dem Gesetze ein gemeiner Verbrecher war. Endlich fiihrten mich meine Nachforschungen hierher. Ich schleuderte ihm ins Gesicht, was inzwischen zu meiner Kenntnis gekommen war, er aber Wohl um mein Schweigen zu erkaufen gab mir leidenschaftliche Versicherungen seiner neu erwachten Liebe und Versprechungen, mir nun bald die Stellung zu geben, die ich als seine rechtmäßige Frau zu fordern hatte. Er fügte, daß er das allerdings noch nicht gleich tim könnte. Weil er hier nur als unverheiratet bekannt sei, er wolle aber alles vorbereiten, um sich in einiger Zeit noch einmal öffentlich mit mir trauen zu lassen, damit ich endlich den mir gebührenden Platz einnehmen könne. Ich Närrin ließ mich betören und wartete und wartete. Inzwischen wurde ein Kind geboren, und dies gab ihm neuen Anlaß zu einer weiteren Verschiebung der Sache. Ich glaube, wenn ich ihn nicht in meiner Hand gehabt, wenn er nicht gefürchtet hätte, durch mich entlarvt zu werden, würde er mich mit dem Kinde einfach aus die Straße gesetzt haben, so aber wagte er das nicht. Er erfand den Ausweg, mich in Witwenkleidung mit dem Knaben hierher nach Schöneiche kommen zu lassen, und sprengte aus, ich wäre eine ent­fernte Verwandte, die ihm den Haushalt führen sollte. So habe ich ans Liebe für mein Kind den Vater nicht, wie ich dies hätte tun können, in eine Verbrecherzelle gebracht, und in der Hoffnung, unfern Sohn doch endlich noch in seine Rechte eingesetzt zu sehen, ein doppeltes Leben geführt, das heißt, als Dienerin gegolten, wo ich die recht­mäßige Herrin war."

Mit atemloser Spannung folgten die Versammelten diesen Enthüllungen.

Können Sie die Papiere über Ihren mit Herrn Main- Waring geschlossenen Ehebund vorlegep?" fragte nun der Eoroner.

Die Augen der Zeugin sprühten plötzlich Haß und Wrimm.

Das vermag ich leider nicht, da mein Mann den Trau­schein verwahrte und mir bei meinen Vorstellungen öfter drohte, ihn zu vernichten. Wenn er diese Drohung nicht wirklich ausgeführt hat, wird sich der Schein im Geld- fchrank befinden. Indessen kann ich für alle Fälle einen Zeugen stellen, der der Trauung beiwohnte und den Schein Mterfchrieb."

Wer war der Zeuge?" .

Richard Hobsou aus Loudon." .

Der Coroner machte sich eine flüchtige Notiz.

So sind Sie also mit dem Manne bekannt?" Natürlich, er war ja eine Zeitlang der Anwalt meines Mannes."

Er soll gestern hier gewesen fein. Ist Ihnen das bekannt?"

Ja; er war bei mir."

Galt der Besuch Ihnen, oder wollte Herr Hobson durch Ihre Vermittlung eine Unterredung mit Herrn Main- Warin g erlangen ?"

Sein Besuch galt nur mir. Ich hatte in eigenen Ge- fchästsangelegenheiten mit ihm zu tun. Von der Absicht, Steinen Mann zu sprechen, erwähnte er nichts."

Sahen Sie ihn in letzter Zeit öfter bei sich?"

Nur gestern vormittag, und dann nodf einmal am Abend, als er seinen Schreiber mitbrachte."

Zwischen elf und zwölf Uhr nachts, Frau La Grange, sind Sie noch bei Herrn Mainwaring in der Bibliothek ge­wesen. Wie lange blieben Sie bei ihm?"

Zomesröte stieg ihr ins Gesicht bei der auch jetzt noch beibehaltenen Anrede mit dem bisher von ihr geführten; Namen, und ziemlich spitz erwiderte sie:

Ich dürfte mich ungefähr eine halbe Stunde bei meinem Manne aufgehalten haben."

Sie hörten, was Herr Skott darüber aussagte. Hat er Ihre Worte richtig .wiedergegeben?"

Ich, zweifle durchaus nicht daran und bewundere fein Gedächtnis, da ich mich nicht mehr so genau wie er all Meiner Worte erinnere."

Welche Bedeutung also hafte Ihre gegen Herrn Main- Waring ausgestoßene Drohung, er und seine Verwandtschaft sollten ihr Werk bereuen?"

Sie sollte bedeuten und mein Mann verstand das sehr gut, ich würde gegen das Testament Einspruch erheben und ihn auf die Anklagebank bringen."

Wie verhielt er sich dazu?"

Er antwortete mir, wie gewöhnlich, mit Hohn und' Spott, konnte aber dabei doch nicht seine heimliche Furcht verbergen. Um zu einem Ende zu kommen, schlug ich ihm einen Ausgleich vor. Die Antwort darauf wollte ich mir. bald holen. Darauf verließ ich ihn."

Als ich nach .Verlauf einer halben Stunde zurück­kehrte, hörte ich durch die Tür, daß mein Mann nicht allein war. Ganz deutlich vernahm ich, wie er jemand anfuhr: ,Sie sind ein Lügner und Betrüger!' worauf eine vor Wut bebende (Stimme erwiderte: ,Nein, du bist das und ein Dieb dazu. Wenn deine Schandtaten ans Licht gekommen wären, säßest du heute hinter Schloß und Riegel oder in der Berbrecherkolonie in Australien.' Darauf drangen nur noch nmtende, zischende Laute zu mir; Worte konnte ich nicht mehr verstehen, trotzdem ich noch eine Weile horchend stehen blieb. Endlich gab ich das Warten aus und kehrte in mein Zimmer zurück."

Wie ein Alp hatte es sich während dieser Aussage ans die Zuhörerschaft gelegt, und fast keiner wagte zu atmen, als der Coroner die Stille unterbrach:

Erschien Ihnen die Stimme des mit Herrn Main- toaring Streitenden bekannt?"

Ein boshaftes, fast grausames Lächeln umspielte die Lippen der Zeugin, als sie mit einer gewissen Genug­tuung fest und bestimmt antwortete:

Die Stimme war etwas verstellt, doch unverkennbar die des Herrn Geheimsekretärs Skott!"

(Fortsetzung folgt.)

Hleßer SchimfLKstetdekoraiirm.

Von Hans Dietrich Leipheimer, Darmstadt.

(Nachdruck verboten.)

Das immer rascher werdende Tempo, der Produktion, das unablässige auf den Markt werfen neuer Artikel, drängt die meisten Geschäfte unwiderstehlich zur Massenanhäufting in ihren Schau­fenstern. Dagegen ist in allererster Linie Front zu machen. Gewiß darf das Schaufester nicht leer aussehen, aber eine Ueberfüllung trägt keineswegs den Nutzen, den sich der Ladeninhaber verspricht. Jeder Gegenstand beansprucht einen gewissen Raum, um voll zur Wirkung zu kommen, geben wir ihm denselben nicht, so verliert er eben sein Bestes. Viele Artikel derselben Gattung eng neben­einander ausgelegt, beeinträchtigen sich gegenseitig und verwirrens den Blick des Beschauers. Natürlich gilt das aber auch wieder nicht für alle Konsumartikel. So kann z. B. in einem Obst- und Gemüseladen oder in einer Kolonialwarenhandlung das Anfhäufen von Aepfeln oder Orangen en mässe einen sehr reizenden Anblick in des Wortes doppelter Bedeutung gewähren, während von 20 Uhren­handlungen 19 geradezu unerträglich sind durch bas wirre Turch- einander von großen und kleinen Standuhren. Auch bei Gold- nnd Silberwaren, Schmuckwaren usw. ist die Wassenwirknng fast durchweg zum Schaden für den Totaleindruck angestrebt; nur selten sieht man ein Schaufenster, in welchem jedes einzelne Stück zu voller Wirkung kommen kann. Die Schaufenster der Möbel- branche bieten besonders eklatante Belege für zwei ganz von einander verschiedene Auffassungen unseres Themas. Tie feineren Geschäfte lassen eine geschlossene Zimmereinrichtung ganz für sich wirken, höchstens eine Vase, eine Schale ober dgl. belebt Tisch oder Buffet: haben sie zugleich 'Lager in Teppichen, Vorhängen, Dekorationsstoffen oder sonstigen kunstgewerblichen Gegenständen, so wird ein besonderes Schaufenster dafür reserviert. Bei anderen Geschäften derselben Branche dagegen überwuchert das. Kleingeräte vollständig die ausgestellten Möbel, sehr zum Nachteil des Ganzen.

Am tollsten ist die Massenanhäufung naturgemäß bei den Galanterie- mnd Luxusartikelgeschüsten. Hier ist es schon die Menge verschiedenster Artikel, welche zur Schau gestellt werden sollen, die eine Ueberfüllung der Schaufenster hervorruft, aber auch hier bleibt es nicht beim Auslegen von 3 oder 4 Exem­plaren eines Artikels, die Täschchen, Briefbeschwerer, Photo­graphierahmen und was noch alles, werden gleich zu Dutzenden ins Schaufenster gepropft. Es kostet den Beschauer eine Anstreng­ung, mit dem Blick ein solches Schaufenster zu verarbeiten, und wenn er eine Straße passiert, so wird er nach zwei oder drei solcher Anstrengungen abgestumpft fein, er ist nicht mehr im stände, eine Einzelerscheinung voll zu erfassen, er sieht nur ein wirres Durcheinander. Biel eher wird er in solcher Stimmung ein Granen davor empfinden, in einen Laden u treten, weil er weiß, daß ihn dort noch ein umfangreicheres Vielerlei erwartet, als