Ausgabe 
8.12.1904
 
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1904

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M

Jas Testament des Aankiers.

Kriminalroman von A. M. Barbour.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Im Gegensatz zu seinem gleichmütigen Wesen hatte sich der meisten der Anwesenden eine fast fieberhafte Er­regung bemächtigt. Die Bleistifte der Reporter hasteten über das Papier, seit sich die Vernehmung so interessant gestaltete und so ergiebige, würzige Enthüllungen in Aus­sicht stellte. Ralph Mainwarings Gesicht war dunkelrot vor Wut, Herr Thornton schien sich kaum mehr bemeistern zu können, stund Herr Whitney wurde vor Aufregung und Aerger bald rot und blaß. Nur Frau La Grange hatte ihre volle Gewalt über sich wiedergesunden und mit halb geschlossenen Augen und spöttischem Lächeln der Wieder­holung der eigenen Worte gelauscht.

Erwiderte Herr Mainwaring nichts?" fragte der Coroner weiter.

Jawohl, ich hörte aber, da ich mich nun von der Tür zurückzog,, nur noch seine Stimme, ohne etwas zu verstehen."

Wieviel Uhr war es, als Sie dann bei ihm eintraten?"

Einige Minuten nach zwölf."

Und da sahen Sie Herrn Mainwaring zum letztenmal lebend?"

Zum letztenmal."

Wissen Sie, ob noch irgend jemand bei ihm war, nach- bcnt Sie ihn verlassen hatten?"

Davon ist mir nichts bekannt,"

Nach Ihrer eigenen Erklärung müssen Sie etwa eine Stunde vor seinem Tode bei ihm gewesen sein, und des­halb ist es nötig, daß Sie jede Einzelheit Ihres Gespräches an geb en."

Ich bin durchaus bereit dazu, kann aber nur wenig sagen. Tie Zusammenkunft dauerte überhaupt kaum zehn Minuten. Herr Mainivaring ging, als ich eintrat, gewohn­heitsgemäß mit auf dem Rücken verschränkten Händen, tief in Gedanken versunken, in der Bibliothek auf und nieder. Tas Turmzimmer war, wie ich durch einen Ritz der zu­sammengezogenen Portieren erkennen konnte, matt er­leuchtet. Als er mich bemerkte, fetzte er sich, gab mir sichtlich ermüdet und abgespannt nur einige Anweisungen bezüglich eingehender Telegramme und Briefe, sowie einen Zettel mit Notizen für den nächsten Tag, und lud mich dann ein, an der Feier seines Geburtstages teilzunehmen und mich als seinen Gast zu betrachten.' Ich dankte ihm und entfernte mich. Tas war alles."

Hörten Sie irgend etwas Ungewöhnliches, nachdem Sie Ihr Zimmer erreicht hatten?"

Um diese Zeit nicht, aber später, gegen drei Uhr glaubte ich, an der Hinterseite des Hauses ein Geräusch, wie von heimlich schleichenden Schritten, zu vernehmen.

Es kann dies indessen auch eine Täuschung gewesen sein, denn obgleich ich angestrengt lauschte, vermochte ich nichts mehr zu hören."

Vorläufig danke ich Ihnen, Herr Skott, es ist jedoch sehr wahrscheinlich, daß ich bald noch Ihr weiteres Zeug­nis brauchen werde." Diese Worte begleitete der Coroner mit einem bedeutungsvollen Blick, indem er rief:Ich bitte jetzt Frau La Grange!"

Eine merkliche Bewegung lief durch den Saal, als die Aufgerufene mit uncmachahmlicher Grazie zu dem Tisch schritt, während der Geheimsekretär sich wieder auf seinen Platz neben Fräulein Carleton begab. Dieser entging der Blick nicht, den Frau La Grange Herrn Skott nachschleuderte, und mit jener den Frauen eigenen schnellen Beobachtung erkannte sie augenblicklich, daß die Gegnerschaft dieser beiden Persönlichkeiten der ganzen Gerichtsverhandlung den Haupt­reiz verleihen würde. Mehr noch als zuvor wurde ihr Interesse geweckt, und unverwandt hielt sie ihren Blick auf das Gesicht der Zeugin geheftet.

Auch bei der gesamten" anderen Zuhörerschaft wuchs die Aufregung. Viele drängten sich begierig näher an den Tisch, um von den weiteren Enthüllungen kein Wort zu verlieren. Niemand ahnte aber den Trumpf, den Fran La Grange in Bereitschaft hatte, als sie, von dem Coroner aufgefordert, ihren vollen Namen anzugeben, mit hoch­erhobenem Kopfe und fester Stünme antwortete:

-Eleanor Houghtou Mainwaring."

Einen Augenblick herrschte Grabesstille, selbst der Co­roner sah der Zeugin verblüfft ins Gesicht. Endlich hob er wieder an:

Wollen Sie Ihre Verwandtschaft mit dein Verstorbenen erklären."

Ich bin seine Witwe!"

Diese mit völliger Ruhe abgegebene Erklärung machte auf die Anwesenden einen noch mächtigeren Eindruck. Man blickte sich an und flüsterte miteinander; einzelne unter- drückte Ausrufe ließen -sich vernehmen. Gänzlich unberührt davon fuhr aber die Zeugin fort:

Wir wurden in London heimlich getraut."

Weshalb heimlich? Und wie lange ist das her?" Etwas über 23 Jahre. Ich war damals eine junge Witwe; besondere Verhältnisse bestimmten Herrn Main­waring zu der Forderung, unsere Verbindung vorderhand geheim zu halten. Ich fügte mich seinem Wunsche, und so wurden wir ganz int stillen getraut."

Welcher Art waren die Gründe, die Herrn Mainwaring zu seiner Forderung bewogen?"

Und diese Gründe für die Geheimhaltung Ihrer.Ehe mit Herrn Mainwaring sollten all die langen Jahre bis jetzt bestehen geblieben sein? Das hat doch etwas höchst Aufsälliges. Haben Sie denn niemals ernstlich darauf ge­drungen, die öffentliche Anerkennung Ihrer Stellung als Frau zu erlangen?"

oft genug. Mein Mann fand aber immer neue